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Von Pechvögeln und Glückspilzen: Was steckt wirklich hinter unserem Aberglauben?

Aktualisiert: 2. Mai

Quadratisches Wissenschaftswelle-Cover mit einer ausgestreckten Hand, die einen kleinen Glücksbringer hält, vor dunklem Hintergrund mit Leiter-Schatten, Scherben und einer unscharfen schwarzen Katze; oben die gelbe Headline „Warum wir glauben“, darunter ein rotes Banner mit „Wenn Zufall Bedeutung bekommt“.

Wer einer schwarzen Katze ausweicht, vor der Prüfung denselben Stift benutzt oder bei Freitag, dem 13., kurz stutzt, lebt nicht in einem finsteren Mittelalter. Er lebt im 21. Jahrhundert und macht trotzdem etwas sehr Altes: Er versucht, Zufall in Bedeutung zu verwandeln.


Aberglaube wirkt auf den ersten Blick wie ein Restbestand vormoderner Weltsicht. Ein paar schräge Gewohnheiten, ein paar harmlose Omen, vielleicht ein paar alte Sprichwörter. Doch damit macht man es sich zu einfach. Denn Aberglaube hält sich nicht bloß deshalb, weil Menschen schlecht informiert wären. Er hält sich, weil er an etwas andockt, das in uns tief eingebaut ist: unser Hunger nach Mustern, unser Unbehagen an Unsicherheit und unser Wunsch, auf eine chaotische Welt irgendwie antworten zu können.


Die spannende Frage lautet also nicht nur, warum Menschen heute noch abergläubisch sind. Die spannendere Frage ist: Warum wäre es fast überraschend, wenn sie es nicht wären?


Unser Gehirn ist eine Mustermaschine und genau darin liegt das Problem


Menschen sind außergewöhnlich gut darin, Zusammenhänge zu erkennen. Ohne diese Fähigkeit gäbe es keine Sprache, keine Technik, keine Wissenschaft und vermutlich keine stabile Zivilisation. Wer in einem Busch ein Rascheln hört und lieber einmal zu viel als einmal zu wenig Gefahr vermutet, hat evolutionär oft einen Vorteil. Genau diese Logik beschreiben Kevin Foster und Hanna Kokko in ihrer evolutionsbiologischen Analyse The evolution of superstitious and superstition-like behaviour: Für Organismen kann es günstiger sein, gelegentlich einen falschen Zusammenhang anzunehmen, als einen echten Zusammenhang zu übersehen.


Das ist der Kern des Problems. Unser Wahrnehmungsapparat ist nicht darauf optimiert, philosophisch sauber zwischen Zufall und Kausalität zu unterscheiden. Er ist darauf optimiert, schnell handlungsfähig zu sein. Wenn zweimal hintereinander etwas Gutes passiert, nachdem wir ein bestimmtes Ritual vollzogen haben, drängt sich eine Erzählung auf: Vielleicht lag es daran. Vielleicht war der Ring doch mein Glücksbringer. Vielleicht war es falsch, die Leiter zu ignorieren.


Kernidee: Aberglaube ist oft keine Abwesenheit von Denken.


Er ist überaktives Denken unter schlechten Bedingungen: zu wenig Kontrolle, zu viele Zufälle, zu viel Bedeutungshunger.


Falsche Kausalität fühlt sich erstaunlich überzeugend an


Wie schnell Menschen aus Zufall einen vermeintlichen Wirkmechanismus machen, zeigen Laborstudien zu sogenannten kausalen Illusionen. In einer PLOS-ONE-Studie von Fernando Blanco, Helena Matute und Kolleg:innen entwickelten Personen mit stärkeren paranormalen Überzeugungen im Labor eher Scheinkausalitäten. Das bedeutet nicht, dass diese Personen „unlogisch“ im simplen Sinn wären. Es bedeutet, dass sie mehrdeutige Situationen eher so lesen, als stecke dahinter eine wirksame Ursache.


Genau so funktioniert Alltagsaberglaube. Man erinnert sich an die Treffer, vergisst die Nieten und erzählt sich aus Koinzidenzen eine kleine private Regel. Der Glückspullover wird nicht deshalb mächtig, weil er objektiv etwas verändert, sondern weil wir die Fälle übergewichten, in denen er „funktioniert“ hat. Was nicht passt, verschwindet oft aus der Bilanz.


Auch eine systematische Übersicht in PLOS ONE kommt zu einem ähnlichen Punkt: In Paranormal beliefs and cognitive function zeigen sich über viele Studien hinweg konsistent eher Verzerrungen bei Muster- und Agentenerkennung sowie bei bestätigungssuchender Informationsverarbeitung. Wichtig ist dabei die Nuance: Die Forschung stützt kein grobes Vorurteil, wonach abergläubische Menschen einfach „dümmer“ wären. Sie zeigt eher, dass bestimmte kognitive Abkürzungen und Wahrnehmungsstile eine Rolle spielen.


Unsicherheit macht Aberglaube attraktiv


Der zweite große Motor ist nicht Erkenntnisschwäche, sondern Stress. Unsicherheit ist für Menschen schwer auszuhalten. Sie bindet Aufmerksamkeit, steigert Anspannung und lädt die Zukunft mit Bedrohung auf. Genau deshalb ist sie ein idealer Nährboden für Rituale. Die neuropsychologische Übersichtsarbeit Uncertainty and anticipation in anxiety beschreibt sehr klar, wie belastend unklare Bedrohungslagen für unser Erleben sind. Wenn etwas wichtig ist, wir das Ergebnis aber nicht kontrollieren können, steigt das Bedürfnis nach psychologischen Haltegriffen.


Deshalb wuchert Aberglaube gerade dort, wo viel auf dem Spiel steht und wenig sicher ist: im Sport, vor Prüfungen, beim Fliegen, in Kriegszeiten, auf Finanzmärkten, in der Medizin und selbstverständlich im Glücksspiel. Wo Menschen wenig Kontrolle haben, aber hohe emotionale Kosten für Misserfolg tragen, wird jede symbolische Handlung plötzlich attraktiv.


Anthropologisch ist das kein exotischer Sonderfall, sondern ein wiederkehrendes Muster. Rituale entstehen bevorzugt in Zonen der Unsicherheit. Sie ordnen Übergänge, dämpfen Angst und schaffen das Gefühl, nicht völlig ausgeliefert zu sein. Das ist keine Magie. Das ist Stressregulation in kultureller Form.


Rituale können helfen, auch wenn ihre magische Erklärung falsch ist


Das ist der vielleicht wichtigste Punkt des ganzen Themas: Ein Aberglaube kann sachlich falsch sein und sich subjektiv trotzdem nützlich anfühlen.


Ein berühmtes Beispiel lieferte die Psychologin Lysann Damisch mit Kolleg:innen in der Studie Keep Your Fingers Crossed!. Dort schnitten Versuchspersonen in einigen Aufgaben besser ab, wenn Glücksvorstellungen aktiviert wurden oder sie ihren persönlichen Glücksbringer bei sich hatten. Der plausible Mechanismus war nicht Magie, sondern gesteigerte Selbstwirksamkeit: Wer sich glücklicher fühlt, geht oft zuversichtlicher, ausdauernder und fokussierter an Aufgaben heran.


Die Literatur ist hier nicht völlig einheitlich; direkte Replikationen fielen teils schwächer aus. Aber die Grundidee bleibt überzeugend: Rituale können Leistung indirekt beeinflussen, weil sie innere Zustände beeinflussen.


Noch klarer wird das in experimenteller Ritualforschung. In der Studie Rituals decrease the neural response to performance failure zeigte sich, dass ritualisierte Abläufe die Reaktion auf Fehler dämpfen können. Das ist hochinteressant. Denn es erklärt, warum Menschen an symbolischen Handlungen festhalten, selbst wenn sie intellektuell wissen, dass diese die Außenwelt nicht kausal steuern. Die Wirkung sitzt nicht in der Welt. Sie sitzt im Nervensystem.


Merksatz: Das Ritual verändert oft nicht den Zufall.


Es verändert die Person, die dem Zufall begegnen muss.


Kultur macht aus einzelnen Gewohnheiten soziale Wirklichkeit


Aberglaube ist aber nicht nur Psychologie. Er ist auch Kultur. Schwarze Katzen, zerbrochene Spiegel, Glückszahlen, böse Blicke, Schutzamulette, Hochzeitsrituale oder Verbote rund um Geburt und Tod funktionieren nur, weil sie in Geschichten, Symbolen und sozialen Erwartungen eingebettet sind.


Das Entscheidende daran: Kultur speichert Bedeutung effizient. Niemand muss jedes Zeichen neu erfinden. Man übernimmt Deutungen, weil sie in Familie, Sprache, Medien und Alltagspraktiken bereits verfügbar sind. Ein Kind lernt sehr früh, dass bestimmte Dinge „Unglück bringen“ oder „man eben so macht“. Oft ist das halb ironisch, halb ernst. Aber genau diese Schwebe macht Aberglauben so widerstandsfähig. Er muss nicht dogmatisch geglaubt werden, um Verhalten zu beeinflussen. Es reicht, wenn man sich denkt: Sicher ist sicher.


Aberglaube ist deshalb häufig auch ein soziales Schmiermittel. Gemeinsame Rituale erzeugen Wiedererkennbarkeit, Zugehörigkeit und emotionale Synchronisation. Im Stadion, im Operationssaal, im Backstage-Bereich oder am Familientisch kann ein Ritual Gemeinschaft stiften, selbst wenn niemand seine übernatürliche Wirkung vollständig ernst nimmt.


Die Grenze zum Problem verläuft nicht bei der schwarzen Katze


Nicht jeder Aberglaube ist gleich gefährlich. Wer vor einer Prüfung ein „Glückshemd“ trägt, schadet meist niemandem. Wer aber medizinische Behandlungen meidet, weil ein Heiler, eine Zahl oder ein Omen als glaubwürdiger erscheinen als Evidenz, betritt eine andere Zone. Dort wird aus symbolischer Selbstberuhigung eine reale Fehlsteuerung.


Besonders heikel ist das, wenn Erwartungen körperliche Erfahrungen mitformen. Die moderne Forschung zum Nocebo-Effekt zeigt, dass negative Erwartungen Beschwerden, Nebenwirkungswahrnehmungen und Therapieabbrüche verstärken können. Auch das ist keine Magie. Aber es zeigt, wie mächtig Deutungen werden, wenn Angst, Aufmerksamkeit und Körperwahrnehmung sich gegenseitig hochschaukeln.


Hier liegt eine unangenehme Wahrheit: Menschen sind nicht nur für hoffnungsvolle Placebos empfänglich, sondern auch für düstere Bedeutungen. Wer fest überzeugt ist, dass ein Zeichen, eine Diagnoseformulierung oder ein „böses Omen“ Schaden ankündigt, kann reale Belastung erzeugen. Aberglaube ist also nicht deshalb harmlos, weil er „nur im Kopf“ stattfindet. Vieles, was im Kopf stattfindet, hat Folgen in Verhalten, Körper und Gesellschaft.


Warum Aufklärung allein den Aberglauben nicht beseitigt


Viele glauben, mehr Wissen werde Aberglaube automatisch austrocknen. Das passiert aber nur teilweise. Denn Aberglaube erfüllt oft Funktionen, die Fakten allein nicht ersetzen: Er reduziert gefühlte Unsicherheit, strukturiert Entscheidungen, verleiht Zufällen eine Erzählung und macht Ohnmacht handhabbar.


Darum verschwindet Aberglaube auch nicht einfach in modernen Gesellschaften. Er wandelt nur seine Formen. Neben klassischen Omen treten Börsenmythen, Biohacking-Heilsversprechen, Algorithmus-Aberglauben, virale Gesundheitsängste oder seltsame Performanceroutinen in digitalen Milieus. Die Oberfläche ändert sich. Die Grundmechanik bleibt.


Aufklärung muss deshalb mehr leisten als bloß Spott oder Widerlegung. Sie muss zeigen, welche Bedürfnisse hinter dem Glauben stehen: Kontrolle, Orientierung, Sicherheit, Zugehörigkeit. Wer diese Ebene ignoriert, versteht vielleicht die Falschheit des Aberglaubens, aber nicht seine Widerstandskraft.


Was bleibt also vom Aberglauben?


Aberglaube ist weder bloß lächerlicher Restmüll der Geschichte noch heimliche Weisheit des Volkes. Meist ist er etwas Prosaischeres: ein menschlicher Versuch, mit Unsicherheit zu leben, ohne sie aushalten zu müssen.


Das erklärt, warum er so verführerisch ist. Er bietet kleine Ursache-Wirkungs-Geschichten in einer Welt, die uns sehr oft keine liefert. Er gibt dem Zufall eine Maske. Und manchmal gibt er Menschen genug Ruhe, um wirklich besser zu funktionieren.


Aber genau deshalb muss man sauber unterscheiden. Als privates Ritual kann Aberglaube entlasten. Als Deutungssystem kann er unsere Wahrnehmung verzerren. Als soziale Praxis kann er Gemeinschaft stiften. Als Ersatz für Evidenz kann er gefährlich werden.


Vielleicht ist das die nüchternste Antwort auf die eingangs gestellte Frage. Hinter unserem Aberglauben steckt nicht eine fremde, vormoderne Denkweise. Dahinter steckt etwas sehr Modernes und sehr Altes zugleich: das menschliche Gehirn, das unter Unsicherheit lieber eine falsche Geschichte erzählt, als gar keine.


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