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Rituale in Extremsituationen: Von Luftschutzkellern bis Kerzenmeeren – eine Spurensuche

Kontrastreiches, vereinfachtes Cartoon-Thumbnail: Drei Personen mit großen, runden Augen stehen eng zusammen und halten je eine brennende Kerze. Um sie herum liegen Trümmer, Wasser und brennende Gebäude; Musiksymbole schweben in der Luft, rechts kippt ein Schild mit Uhr. Oben im Bild steht in großer Schrift „Warum Rituale im Chaos helfen“, unten als Branding „Wissenschaftswelle.de“.

Rituale in Extremsituationen: Warum Menschen im Chaos Struktur schaffen


Sirenen. Rauch. Ein Handynetz, das plötzlich weg ist. Und dann: Jemand stimmt ein Lied an. Nicht laut. Eher so, als würde man die eigene Stimme testen, ob sie noch da ist. Andere fallen ein. Irgendwo steht eine Kerze auf einer Mauer, die gestern noch ein Wohnzimmer war.


Warum greifen Menschen ausgerechnet dann zu Ritualen, wenn „rational“ eigentlich alles in Richtung Flucht, Hilfe, Überleben zieht?


Vielleicht, weil Rituale genau dort anfangen, wo reine Logik aufhört: beim Nervensystem. Beim sozialen Klebstoff. Bei der Frage, wie man das Unfassbare überhaupt in den Kopf bekommt, ohne daran zu zerbrechen.


Miniatur 1: London im Blitz – Tee, Komitees, Tanz im Untergrund


Im Herbst 1940 wird London Nacht für Nacht bombardiert. Tausende schlafen in U-Bahn-Stationen, dicht an dicht. Es ist laut, stickig, angespannt – und trotzdem entsteht etwas, das man auf den ersten Blick für „Alltag“ halten könnte: Menschen organisieren sich, bilden Komitees, arrangieren Unterhaltung, manchmal sogar Tanz und Musik. Nicht, weil die Lage harmlos wäre, sondern weil der Körper irgendwann etwas braucht, das nach „Plan“ riecht.


Man darf das nicht romantisieren: Die „Blitz-Spirit“-Erzählung war auch Propaganda, und die Not war real. Aber als psychologisches Phänomen ist es faszinierend. Sobald genügend Menschen an einem Ort zusammengepresst werden, entsteht nicht nur Panik – es entstehen Regeln, Rhythmen, wiederholbare Abläufe. Kurz: provisorische Rituale.


Was daran ritualhaft ist, erkennt man an drei Zutaten:


  • Wiederholung (immer derselbe Platz, dieselbe Uhrzeit, dieselbe Abfolge)

  • Symbolik (Tee, Musik, „wir machen weiter“)

  • Öffentlichkeit (nicht nur privat beruhigen, sondern gemeinsam)


Miniatur 2: Leningrad 1942 – Eine Symphonie als Lautsprecher-Mauer


Es ist der 9. August 1942, mitten in der Belagerung Leningrads: Schostakowitschs 7. Sinfonie wird unter extremen Bedingungen aufgeführt – und per Lautsprecher durch die Stadt übertragen. Die Aufführung wird zum Symbol: Wir leben noch. Wir sind noch wir.


Man kann das „Kultur“ nennen. Man kann es auch „Ritualtechnik“ nennen. Denn hier passiert etwas, das Ritualforscher*innen immer wieder sehen: In maximaler Unsicherheit wird ein Ereignis geschaffen, das einen klaren Anfang und ein klares Ende hat. Einen Rahmen. Eine Dramaturgie. Und damit etwas, woran das Gehirn sich festhaken kann.


Eine Sinfonie ist in diesem Sinn nicht nur Musik. Sie ist ein zeitlicher Tunnel mit Geländer: 75 Minuten, in denen klar ist, was als Nächstes kommt. Im Chaos ist das Gold.


Miniatur 3: Sarajevo – Kultur als leiser Widerstand gegen das Durchdrehen


Belagerung von Sarajevo in den 1990ern: Es gibt Kunst, Theater, Konzerte, sogar ein Festival. Menschen gehen zu Aufführungen, obwohl Sniper und Granaten real sind. Manche Zeitzeug*innen beschreiben Kultur sinngemäß als „Beruhigungsmittel“, als Schutz vor dem geistigen Zerfall.


Hier wird Ritual zur zivilen Form von Widerstand: nicht heroisch, nicht laut, sondern stur. Sich anziehen. Hingehen. Klatschen. Wieder nach Hause. Ein Ablauf, der sagt: „Ihr könnt uns bedrohen – aber ihr schreibt nicht unsere komplette Innenwelt um.“


Und noch etwas passiert: Wer gemeinsam lacht, singt oder zuhört, synchronisiert sich. Nicht esoterisch, sondern messbar in der Art, wie Gruppen in einen gemeinsamen Takt finden (Bewegung, Stimme, Atem, Aufmerksamkeit). Das ist soziale Biologie in Aktion.


Miniatur 4: Nach dem Feuer – Grenfell und die Sprache der Blumen


Nach dem Grenfell-Tower-Brand in London (2017) entstehen Gedenkorte: Blumen, Kerzen, Botschaften, Fotos – eine Landschaft aus Trauer, die man betreten kann. Über Jahre bleibt das Thema im Stadtbild sichtbar, organisiert und zugleich „von unten“ getragen.


Spontane Memoriale sind dabei fast eine eigene Gattung moderner Rituale: Sie tauchen schnell auf, sind materiell (man kann etwas hinlegen), und sie übersetzen diffuse Gefühle in eine Handlung. Forschende beschreiben sie als „grassroots mourning practices“, also als gemeinschaftliche Trauerpraktiken, die nach Tragödien auftauchen.


Vielleicht wirkt das kitschig. Aber psychologisch ist es ziemlich clever: Wenn der Kopf keine Worte findet, findet der Körper eine Geste.


Miniatur 5: Tōhoku 2011 – Wenn Feste zu Trauerarbeit werden


Nach Erdbeben und Tsunami in Japan 2011 passiert etwas, das erst paradox klingt: Traditionelle Feste und Umzüge werden (wieder)belebt oder neu gerahmt – teils ausdrücklich als Requiem, als Bitte um Schutz, als Zeichen des Wiederaufbaus. Ein Beispiel ist das Töhoku Rokkonsai, das nach 2011 als ein gemeinsames Ritual der Region beschrieben wird: für die Verstorbenen und für die Erholung der Gemeinschaft.


Das zeigt: Rituale sind nicht nur „Trauer nach dem Ereignis“. Sie sind auch eine Brücke zurück in die Zukunft. Wer wieder feiert, sagt nicht: „Alles ist gut.“ Sondern: „Wir üben Zukunft – trotz allem.“


Was all diese Miniaturen verbindet


Ob Luftschutzkeller, belagerte Stadt oder Brandruine: Die Details unterscheiden sich, die Logik wiederholt sich.


Rituale in Krisen haben oft denselben Bauplan:


  • Sie machen Zeit handhabbar (Anfang/Ende, Abfolge, Rhythmus)

  • Sie machen Gefühle teilbar (öffentlich, gemeinsam, sichtbar)

  • Sie machen Ohnmacht in Handlung übersetzbar (ich kann etwas tun)

  • Sie machen Identität stabil („Wir“ bleibt erkennbar)


Das klingt weich. Ist aber knallharte Psychophysiologie.


Rituale in Extremsituationen: Das Gehirn will Muster


Das Nervensystem ist ein Vorhersageapparat. Wenn Vorhersagen scheitern, geht der Alarm an: Stressachsen, Aufmerksamkeit auf Gefahr, Körper in Bereitschaft. Rituale sind dann wie ein „künstlicher Rhythmus“, den man der Welt kurz aufdrückt – weil die Welt selbst keinen mehr liefert.


Spannend: Selbst neu erfundene Rituale können helfen. Experimente zeigen, dass ritualisierte Handlungen nach Verlust Trauer reduzieren können – unter anderem, weil sie subjektives Kontrollgefühl erhöhen.


Und auch bei Angst ist die Richtung ähnlich: Ritualisiertes Verhalten kann anxiolytische Effekte haben, also Angst dämpfen – gerade, weil es strukturierter und wiederholbarer ist als „einfach irgendwas tun“.


Wenn man es zugespitzt sagen will: Wenn du das Ereignis nicht kontrollieren kannst, kontrollierst du die Choreografie.


Gemeinschaft ist nicht nur Gefühl: Synchronie, Endorphine, Bindung


Warum wird in Katastrophen so oft gesungen? Warum entstehen Schweigeminuten, gemeinsame Wege, kollektives Klatschen, Kerzenmeere?

Weil Synchronität sozialer Klebstoff ist. Studien zu gemeinsamem Singen zeigen, dass es Bonding schnell fördern kann – schneller als viele andere Gruppenaktivitäten.


Ein wichtiger Mechanismus dahinter ist nicht „Magie“, sondern Körperchemie: Rhythmische, gemeinsame Aktivität hängt mit Endorphin-Systemen zusammen, die wiederum mit sozialer Bindung assoziiert sind.


Und ja: Bei Oxytocin wird es komplizierter (nicht jedes Setting zeigt denselben Effekt, und nicht jedes „mehr“ ist automatisch besser). Aber das Grundprinzip bleibt: Gemeinsames Tun ist ein Shortcut zu „Wir sind nicht allein“.


Bedeutung bauen: Warum Trauer ohne Rahmen zersplittert


Extremsituationen sind nicht nur gefährlich – sie sind erzählerisch brutal. Sie reißen jede normale Kausalität auseinander. „Warum gerade hier? Warum jetzt? Warum sie?“ Das Gehirn hasst solche offenen Enden.


Rituale liefern eine Art narrative Prothese: Eine Beerdigung macht aus „plötzlichem Tod“ einen „Abschied“. Ein Gedenkort macht aus „diffuser Betroffenheit“ eine „Adresse“. Forschungen zu spontanen Memorialen diskutieren genau diese Funktion: Emotionen werden gebündelt, sichtbar, verarbeitbar – nicht unbedingt „gelöst“, aber gehalten.


Vielleicht ist das die unterschätzte Stärke von Ritualen: Sie sind nicht die Antwort. Sie sind die Satzzeichen, damit man überhaupt weiterreden kann.


Ritual oder Aberglaube? Eine faire Unterscheidung


Nicht jedes Ritual ist klug. Und nicht jedes Ritual ist harmlos. Aber „irrational“ ist oft ein vorschnelles Urteil.


Ein gutes Kriterium ist nicht: „Glaubst du daran?“ sondern: „Was macht es mit dir und anderen?“


  • Angst runter → klarere Entscheidungen

  • Ohnmacht runter → mehr Handlungsfähigkeit

  • Isolation runter → mehr soziale Unterstützung

  • Chaos runter → mehr Orientierung


Rituale ersetzen keine Sicherheit. Aber sie sind ein psychologisches Sicherheitsnetz – manchmal das einzige, das gerade verfügbar ist.


Wo Rituale kippen können


Weil Rituale so wirksam sind, können sie auch missbraucht werden. Synchronie kann verbinden – und gleichzeitig Grenzen härter ziehen: „Wir“ gegen „die“. Forschung zu Synchronie diskutiert genau diese doppelte Kante: prosozial nach innen, potenziell konfliktschürend nach außen.


Warnzeichen, dass ein Ritual eher schadet als hilft:


  • Es wird erzwungen statt angeboten

  • Es produziert Scham statt Halt

  • Es schließt Betroffene aus („Du trauerst falsch“)

  • Es wird zur politischen Waffe, die Menschen entmenschlicht


Das heißt nicht: Rituale abschaffen. Sondern: Rituale bewusst gestalten.


Was wir daraus lernen können – und was du tun kannst


Wenn du das nächste Mal Kerzen siehst, Blumen, Namen auf Papier, gemeinsames Singen nach einer Katastrophe: Lies es nicht als „Kitsch“. Lies es als menschliche Notfall-Architektur.


Und wenn du selbst in einer Krise steckst (privat oder gesellschaftlich), können kleine, freiwillige Rituale helfen – nicht als Lösung, sondern als Halteseil:


  • eine feste Uhrzeit für Kontakt („jeden Abend eine Nachricht“)

  • ein wiederkehrender Ort fürs Erinnern (digital oder real)

  • ein gemeinsamer Rhythmus (Spaziergang, Lied, kurze Stille)

  • eine symbolische Handlung, die machbar ist (nicht perfekt, nur wiederholbar)


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Und wenn du bis hierhin gelesen hast: Lass ein Like da und schreib in die Kommentare, welches Ritual dir in Krisen (oder im Alltag) schon einmal geholfen hat – oder welches dich eher irritiert.


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Quellenliste:


  1. Rituals alleviate grieving for loved ones, lovers, and lotteries (PubMed) – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23398180/ 

  2. Rituals Alleviate Grieving for Loved Ones, Lovers, and Lotteries (PDF) – https://www.hbs.edu/ris/Publication%20Files/norton%20gino%202014_e44eb177-f8f4-4f0d-a458-625c1268b391.pdf 

  3. The role of ritual behaviour in anxiety reduction (Phil. Trans. R. Soc. B) – https://royalsocietypublishing.org/rstb/article/375/1805/20190431/42555 

  4. The ice-breaker effect: singing mediates fast social bonding (R. Soc. Open Science) – https://royalsocietypublishing.org/rsos/article/2/10/150221/1242/The-ice-breaker-effect-singing-mediates-fast 

  5. Singing and social bonding (Hormones and Behavior, Abstract) – https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1090513815001051 

  6. Music and social bonding: “self-other” merging & endorphins (Review, PMC) – https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4179700/ 

  7. Museums and Spontaneous Memorials: A Museology of Trauma (University of Manchester) – https://research.manchester.ac.uk/en/projects/museums-and-spontaneous-memorials-a-museology-of-trauma/ 

  8. Spontaneous Shrines: A Modern Response to Tragedy and Disaster (ResearchGate entry) – https://www.researchgate.net/publication/44024334_Spontaneous_Shrines_A_Modern_Response_to_Tragedy_and_Disaster 

  9. In remembrance: post-disaster rituals and symbols (AJEM, PDF) – https://knowledge.aidr.org.au/media/3836/ajem-14-03-07.pdf 

  10. Psychological impact of spontaneous memorials (PubMed) – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32191057/ 

  11. London’s Blitz: A city at war (London Museum) – https://www.londonmuseum.org.uk/collections/london-stories/londons-blitz-a-city-at-war/ 

  12. Nights Underground in Darkest London: The Blitz, 1940–… (PDF) – https://library.fes.de/libalt/journals/swetsfulltext/14900359.pdf 

  13. Symphony No. 7 (Shostakovich) – https://en.wikipedia.org/wiki/Symphony_No._7_%28Shostakovich%29 

  14. Symphony No. 7 “Leningrad” (LA Phil Program Note) – https://www.laphil.com/musicdb/pieces/4045/symphony-no-7-leningrad 

  15. Cultural resistance during the siege of Sarajevo (Sarajevo 1425) – https://sarajevo1425.ba/en/cultural-resistance/ 

  16. Sarajevo String Quartet & cultural lifeline (Balkan Diskurs) – https://balkandiskurs.com/en/2023/05/22/sarajevo-will-endure-everything-else-will-pass/ 

  17. Grenfell tributes and memorials (Londonist) – https://londonist.com/london/grenfell-tributes 

  18. Grenfell anniversary remembrance (ABC News) – https://abcnews.com/International/year-grenfell-tower-fire-victims-remembered-forever-hearts/story?id=55888433 

  19. Tōhoku Rokkonsai as requiem/prayer (UC eScholarship PDF) – https://escholarship.org/content/qt9jm4z24b/qt9jm4z24b.pdf 

  20. Efforts of post-disaster revitalisation of ICH in Tohoku (IRCI PDF) – https://www.irci.jp/wp_files/wp-content/uploads/2019/03/e5768ee6f828ab8a056811dcd2d7475b.pdf

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