Jenseits des Patriarchats: Wie moderne Matriarchatsforschung unser Bild von Macht verändert
- Benjamin Metzig
- 2. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Mai

Wenn wir über Macht nachdenken, sehen wir fast automatisch eine Pyramide. Ganz oben entscheidet jemand, darunter wird gehorcht, verwaltet, vererbt und abgesichert. Genau deshalb wirkt das Wort "Matriarchat" so elektrisierend: Viele stellen sich sofort dieselbe Pyramide vor, nur mit vertauschten Geschlechtern. Frauen oben, Männer unten. Fertig.
Doch gerade an diesem Punkt wird moderne Matriarchatsforschung interessant. Denn ihr wichtigster Beitrag besteht nicht darin, eine weibliche Gegenherrschaft auszurufen. Ihr eigentlicher Erkenntniswert liegt darin, dass sie unsere Gewohnheit stört, Macht nur als Spitze einer Hierarchie zu denken. Sie lenkt den Blick auf etwas Tieferes: Wer gehört zu wem? Wer erbt was? Wer bleibt nach einer Trennung abgesichert? Wer kümmert sich um Kinder? Und wessen Beziehungen gelten überhaupt als gesellschaftliches Zentrum?
Die provokante Pointe lautet: Patriarchat ist nicht nur ein Problem von Männern in Führungspositionen. Patriarchat ist eine soziale Infrastruktur. Und genau diese Infrastruktur lässt sich anders bauen.
Das Missverständnis beginnt beim Wort
In der klassischen Anthropologie war "Matriarchat" lange ein vermintes Gelände. Viele Forschende lehnten den Begriff ab, weil er nahelegt, Frauen würden in einer Gesellschaft dieselbe Form umfassender Dominanz ausüben, die patriarchale Systeme historisch Männern eingeräumt haben. Entsprechend sprechen viele lieber von Matrilinearität, also von Abstammung und Zugehörigkeit über die mütterliche Linie, oder von matrifokalen und matrilokalen Strukturen.
Definition: Worum es hier geht
Matrilinearität bedeutet nicht automatisch Frauenherrschaft. Sie beschreibt zuerst, über welche Linie Verwandtschaft, Erbe, Zugehörigkeit und oft auch Verantwortung organisiert werden.
Die Anthropologin Jessica Johnson zeigt in ihrem Überblick zur Matriliny, wie stark ältere Debatten von einem westlichen Vorurteil geprägt waren: der Vorstellung, die eheliche Kleinfamilie mit Vater, Mutter und Kindern sei die natürliche Grundzelle jeder Gesellschaft. Alles, was davon abwich, erschien schnell als Rätsel, Sonderfall oder instabile Zwischenstufe.
Genau hier setzt moderne Matriarchatsforschung an. Autorinnen wie Heide Goettner-Abendroth versuchen, den Begriff "Matriarchat" neu zu besetzen: nicht als weibliche Spiegelversion der Patriarchie, sondern als Beschreibung nicht-patriarchaler, oft konsensorientierter und stärker relationell organisierter Gesellschaften. Ob man diesen Begriff überzeugend findet oder nicht, ist umstritten. Aber die Verschiebung ist entscheidend. Plötzlich geht es nicht mehr nur um die Frage, wer oben sitzt, sondern darum, welche Beziehungen im Zentrum stehen.
Was sich in matrilinearen Gesellschaften tatsächlich verschiebt
Das lässt sich besonders gut an Gesellschaften sehen, die in dieser Debatte immer wieder auftauchen: den Khasi in Meghalaya, den Mosuo in Südwestchina und den Minangkabau in Westsumatra.
Bei den Khasi läuft die Abstammung über die mütterliche Linie, Eigentum und Zugehörigkeit sind eng daran geknüpft, und Frauen haben dadurch eine vergleichsweise starke soziale Absicherung. Aber genau das ist der Punkt: Absicherung ist nicht dasselbe wie totale Herrschaft. Die Soziologin Tiplut Nongbri beschreibt, dass Frauen in dieser Ordnung zwar mehr Schutz und Sichtbarkeit haben, politische und prestigehaltige Strukturen aber weiterhin stark von Männern geprägt sein können. Wer nur fragt, ob "Frauen dort das Sagen haben", verfehlt also das eigentliche Phänomen.
Bei den Mosuo wird noch deutlicher, wie tief eine andere Verwandtschaftslogik in den Alltag eingreifen kann. Dort ist nicht der Vater automatisch die unangefochtene Schaltstelle von Autorität und Fürsorge. Die Forschung zeigt vielmehr, dass der mütterliche Onkel für Kinder sozial oft wichtiger ist als in patriarchal geprägten Familienformen, während romantische Beziehungen und Elternschaft anders organisiert sind als im Modell der abgeschlossenen Kernfamilie.
Und die Minangkabau sind der vielleicht berühmteste Fall dafür, dass eine Gesellschaft Frauen ins Zentrum der sozialen Reproduktion stellen kann, ohne deswegen einfach "von Frauen regiert" zu sein. Die Anthropologin Peggy Reeves Sanday hat diesen Fall zugespitzt als "life in a modern matriarchy" beschrieben. Ob man den Begriff übernimmt oder nicht: Der analytische Gewinn bleibt. Land, Haus, Zugehörigkeit und Alltagskontinuität laufen stark über Frauen, während andere politische oder religiöse Rollen gemischt oder männlich besetzt bleiben können.
Der eigentliche Denkfehler: Wir verwechseln Herrschaft mit Ordnung
Unser übliches Machtbild ist so stark vom Staat, vom Chefposten und vom Eigentumstitel geprägt, dass wir übersehen, wie viele Gesellschaften Stabilität viel tiefer unten organisieren. Nicht der Thron ist zuerst entscheidend, sondern die Frage, wer die sozialen Lebensadern kontrolliert: Boden, Nahrung, Kinder, Pflege, Abstammung, Heimatrechte, Rückkehrmöglichkeiten nach Trennung oder Scheidung.
Kernidee: Die entscheidende Verschiebung
Moderne Matriarchatsforschung fragt nicht nur, wer entscheidet. Sie fragt, auf welcher sozialen Grammatik Entscheidungen überhaupt aufbauen.
Gerade deshalb ist der Vergleich mit patriarchalen Gesellschaften aufschlussreich. In patriarchalen Ordnungen konzentriert sich Macht oft an der Achse Vater, Ehemann, Name, Besitz und Linie. In matrilinearen Ordnungen kann sich diese Achse verschieben: hin zu Schwester-Beziehungen, Mutterlinien, Onkel-Nichte- oder Onkel-Neffe-Verantwortung, gemeinschaftlich gesichertem Eigentum und einer anderen Bewertung von Trennung, Zugehörigkeit und Versorgung.
Das verändert den Alltag stärker, als ein bloßer Blick auf "Frauen in Führungspositionen" erkennen lässt. Denn gesellschaftliche Freiheit hängt nicht nur daran, wer Gesetze erlässt, sondern auch daran, ob Menschen ökonomisch und sozial abstürzen, wenn eine Ehe endet, ein Vater ausfällt oder ein Haushalt zerbricht.
Keine Utopie, aber auch kein exotischer Sonderfall
Wer matrilineare Gesellschaften romantisiert, macht einen Fehler. Wer sie als Folklore abtut, macht denselben Fehler in die andere Richtung.
Die Forschung zu den Khasi zeigt klar, dass symbolische Zentralität von Frauen nicht automatisch politische Gleichheit garantiert. Die Debatte um moderne Matriarchatsforschung ist deshalb auch intern umkämpft. Kritikerinnen und Kritiker warnen vor begrifflicher Überdehnung, Befürworterinnen sehen gerade im Begriff "Matriarchat" eine notwendige Provokation gegen eine Wissenschaft, die weiblich zentrierte Ordnungen lange nur durch patriarchale Raster gelesen hat.
Die neuere vergleichende Forschung stützt zumindest einen nüchternen Mittelweg. Eine aktuelle Studie im World Bank Economic Review zeigt für matrilineare Gesellschaften in Subsahara-Afrika, dass solche Institutionen auch heute noch mit anderen Eigentums-, Familien- und Autonomiemustern zusammenhängen. Frauen verfügen dort im Schnitt eher über eigenes unbewegliches Vermögen wie Land oder Häuser. Zugleich entstehen daraus keine paradiesischen Zustände, sondern neue Trade-offs: stärkere Bindung an Land und Herkunft, andere Mobilitätsmuster, andere Bildungswege.
Mit anderen Worten: Matrilinearität ist kein Gegenzauber gegen Ungleichheit. Aber sie ist ein Beweis dafür, dass soziale Ordnung nicht zwangsläufig an die patriarchale Verknüpfung von Vaterschaft, Besitz und Autorität gebunden ist.
Warum das unser Bild von Macht verändert
Die vielleicht wichtigste Lehre moderner Matriarchatsforschung ist deshalb nicht, dass irgendwo "eigentlich die Frauen regieren". Die wichtigere Lehre ist viel unbequemer: Unsere Standardvorstellung von Macht ist historisch enger, männlicher und familientechnisch spezifischer, als wir meistens zugeben.
Patriarchat erscheint in westlichen Debatten oft als moralischer Oberbegriff für Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern. Das stimmt, aber es greift zu kurz. Patriarchat ist auch eine bestimmte technische Lösung für soziale Reproduktion: Wer vererbt? Wer bleibt? Wer zählt? Wer sichert Kinder ab? Wer trägt den Familiennamen? Wer bekommt Land? Wer darf Autorität beanspruchen?
Sobald man diese Fragen ernst nimmt, wird klar, warum Matriarchatsforschung mehr ist als eine Randdebatte über ferne Ethnografien. Sie zeigt, dass Macht nicht nur auf Ämtern sitzt. Macht steckt in Erbfolgen, Wohnmustern, Verwandtschaftsregeln, Trennungsfolgen und alltäglicher Versorgung. Und genau dort kann sie anders verteilt werden.
Jenseits des Spiegelbilds
Vielleicht ist das die reifste Form, den Titel dieses Beitrags zu lesen. "Jenseits des Patriarchats" bedeutet nicht: hinein in eine umgekehrte Herrschaft. Es bedeutet: hinaus aus der Vorstellung, jede Gesellschaft müsse Macht nach demselben Familienplan organisieren.
Moderne Matriarchatsforschung ist dann am stärksten, wenn sie weder Sehnsuchtsbild noch Kampfbegriff sein will. Ihr Wert liegt darin, politische Fantasie zu schärfen. Sie erinnert uns daran, dass Institutionen, die heute selbstverständlich wirken, gemacht sind. Und was gemacht ist, kann anders gemacht werden.
Nicht jede Gesellschaft ohne Patriarchat wäre ein Matriarchat. Aber jede ernsthafte Auseinandersetzung mit Matriarchatsforschung macht sichtbar, wie viel von dem, was wir für "natürlich" halten, in Wahrheit nur historisch eingeübte Machtarchitektur ist.

















































































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