Parteienforschung: Warum Volksparteien erodieren und was an ihrer Stelle entsteht
- Benjamin Metzig
- vor 5 Stunden
- 6 Min. Lesezeit

Wer verstehen will, warum Volksparteien erodieren, sollte nicht zuerst auf Umfragen, Schlagzeilen oder einzelne Spitzenkandidaten schauen. Der eigentliche Umbruch liegt tiefer. Das Modell der Volkspartei war ein Produkt einer Gesellschaft, die sozial dichter, organisatorisch stabiler und kulturell homogener war als die Gegenwart. Genau diese Voraussetzungen zerfallen. Darum verlieren klassische Volksparteien nicht nur Stimmen. Sie verlieren ihre alte Funktion als politische Sammelbecken.
Was eine Volkspartei einmal war
In der Parteienforschung ist eine Volkspartei mehr als nur eine große Partei. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt sie als Kraft, die klassen- und schichtenübergreifend mobilisieren kann, über eine stabile Stammwählerschaft verfügt, dauerhaft hohe Wahlergebnisse erzielt und regierungsfähig ist. Volksparteien waren also keine bloßen Wahlvereine. Sie waren Integrationsmaschinen.
Das galt in Deutschland vor allem für CDU/CSU und SPD. Sie bündelten gesellschaftliche Lager, die über Jahrzehnte relativ stabil waren: konfessionelle Milieus, gewerkschaftlich geprägte Arbeitermilieus, Verbände, Ortsvereine, Jugendorganisationen, kommunale Netzwerke. Wer in so einer Partei war, stimmte nicht nur bei Wahlen ab. Man traf Menschen, verteilte Aufgaben, stritt über Programme, rekrutierte Kandidaten und band Politik an den Alltag zurück.
Definition: Volkspartei heißt nicht nur "viele Stimmen"
Eine Volkspartei verbindet hohe Wahlergebnisse, breite soziale Verankerung, viele Mitglieder und die Fähigkeit, gesellschaftliche Konflikte in regierungsfähige Politik zu übersetzen.
Diese Parteien waren erfolgreich, weil sie eine Gesellschaft bedienten, in der viele Menschen länger an denselben Orten lebten, in denselben Betrieben arbeiteten, denselben Vereinen angehörten und über Jahre ähnliche politische Loyalitäten entwickelten. Das war politisch nie harmonisch, aber es war strukturell berechenbarer als heute.
Warum Volksparteien erodieren
Die einfachste Antwort lautet: weil die Milieus erodieren, aus denen sie ihre alte Stärke bezogen haben. Die kompliziertere Antwort lautet: weil fast alles, worauf dieses Parteimodell beruhte, unter Druck geraten ist.
Die aktuelle Parteienforschung beschreibt diesen Prozess ziemlich klar. In einem APuZ-Beitrag von 2025 nennt Uwe Jun als Kernfaktoren die Erosion traditioneller Stammwählergruppen, die sinkende Parteibindung und eine wachsende Volatilität des Wahlverhaltens. Das klingt technisch, meint aber etwas sehr Konkretes: Weniger Menschen wählen aus dauerhafter Zugehörigkeit. Mehr Menschen entscheiden situativ, vergleichend, sprunghaft.
Auch die nackten Zahlen zeigen den Bruch. Laut der amtlichen Übersicht der Bundeswahlleiterin zu früheren Bundestagswahlen kamen SPD und Union bei der Bundestagswahl 1976 zusammen noch auf 91,2 Prozent der Zweitstimmen. Bei der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025 lagen SPD, CDU und CSU zusammen nur noch bei 45,0 Prozent. Das ist nicht einfach ein schlechter Zyklus. Das ist ein Strukturwandel.
Parallel schrumpfen die Organisationen selbst. Die SPD überschritt 1976 noch einmal die Marke von einer Million Mitgliedern; Ende 2024 lag sie laut bpb nur noch bei 357.100. Die CDU kam 2024 laut bpb-Europawahlprofil auf 363.100 Mitglieder. Beide Zahlen sind politisch folgenreich. Parteien verlieren damit nicht nur Beitragszahler, sondern lokale Präsenz, ehrenamtliche Energie, Rekrutierungsfähigkeit und Gesprächsräume.
Der tiefere Grund: Die Gesellschaft passt nicht mehr zum alten Parteienmodell
Volksparteien lebten davon, dass soziale Zugehörigkeit politisch gut lesbar war. Wer katholisch, ländlich und mittelständisch war, wählte mit hoher Wahrscheinlichkeit anders als jemand, der in einem industriellen Milieu, im Gewerkschaftsumfeld und im sozialdemokratischen Vereinsleben sozialisiert wurde. Diese Kopplungen haben sich gelockert.
Die bpb zum Wählerverhalten beschreibt seit den 1970er-Jahren einen Rückgang der Parteiidentifikation um rund 20 Prozentpunkte. Zugleich stieg der Anteil der Wechselwähler von ungefähr 15 Prozent in den 1970ern auf etwa ein Drittel seit 2005. Politik ist damit für viele Menschen weniger Lagerbindung als Vergleichsentscheidung geworden.
Das hat mehrere Ursachen zugleich:
Die Industriegesellschaft hat an sozialer Homogenität verloren.
Konfessionelle Bindungen sind schwächer geworden.
Berufsbiografien sind brüchiger, urbaner und individueller.
Bildungsexpansion und kulturelle Liberalisierung haben neue Wertkonflikte erzeugt.
Digitale Öffentlichkeit belohnt Zuspitzung, Personalisierung und Dauerreaktion mehr als langfristige Bindung.
Genau hier beginnt ein häufiger Denkfehler. Viele deuten die Krise der Volksparteien so, als hätten die Menschen einfach "das Vertrauen in Politik verloren". Das stimmt nur halb. Richtig ist eher: Die Menschen vertrauen alten Vermittlungsformen weniger, weil ihre Lebensrealitäten pluraler und konflikthafter geworden sind als die alten Sammelparteien sie abbilden konnten.
Die neue Konfliktachse verläuft nicht mehr nur zwischen links und rechts
Die klassische Volkspartei funktionierte in einem politischen Raum, der stark von Verteilungsfragen geprägt war: Arbeit gegen Kapital, Sozialstaat gegen Markt, Kirche gegen Säkularisierung, Zentrum gegen Peripherie. Diese Achsen sind nicht verschwunden. Aber sie reichen nicht mehr aus.
Neue Forschung zeigt, dass heute eine zusätzliche Konfliktlinie prägend geworden ist: die Auseinandersetzung zwischen eher kosmopolitischen, offenen, liberalen Positionen und eher kommunitaristischen, national orientierten, ordnungsbezogenen Positionen. Eine aktuelle Studie im European Journal of Political Research spricht davon, dass die transnationale Konfliktlinie die Wahrnehmung von Parteienwettbewerb in Westeuropa zunehmend formt (Cambridge 2024).
Im Alltag heißt das: Migration, Europa, kulturelle Vielfalt, Klimapolitik, nationale Souveränität und urbane Lebensstile schneiden quer durch alte Klassenlager. Der Industriearbeiter ist eben nicht automatisch links, der Akademiker nicht automatisch liberal, der ländliche Raum nicht automatisch konservativ, die Großstadt nicht automatisch progressiv. Parteien müssen heute mehr Konflikte gleichzeitig ordnen als früher. Genau dabei zerbricht das alte Einzugsgebiet der Volksparteien.
Die Folge ist nicht nur Fragmentierung, sondern auch Segmentierung. Wähler suchen sich Angebote, die präziser zu ihrer Weltsicht passen. Das begünstigt kleinere, klarer profilierte Parteien. Es begünstigt auch populistische Akteure, die versprechen, den vermeintlich "wahren Volkswillen" gegen institutionelle Vermittlung zu verkörpern.
Was an die Stelle der Volkspartei tritt
Die schlechte Nachricht für Nostalgiker lautet: Es gibt keinen einfachen Nachfolger. Die gute Nachricht für Demokratien lautet: Pluralisierung muss nicht automatisch Verfall heißen.
An die Stelle der Volkspartei tritt ein neues Parteienökosystem mit mehreren Typen gleichzeitig:
Erstens: die professionalisierte Wahlkampfpartei. Sie hat weniger Verwurzelung vor Ort, dafür mehr Daten, Kommunikation, Strategie und Medienmanagement. Sie funktioniert stärker als Kampagnenapparat.
Zweitens: die Profilpartei. Sie gewinnt nicht, weil sie alle integrieren will, sondern weil sie zu einzelnen Konflikten schärfer, glaubwürdiger oder radikaler wirkt als die Konkurrenz.
Drittens: die Bewegungs- oder Empörungspartei. Sie zieht Energie aus Polarisierung, Anti-Establishment-Rhetorik oder dem Gefühl, dass etablierte Kräfte zentrale Konflikte weichzeichnen.
Viertens: die Koalitionspartei. In fragmentierten Mehrparteiensystemen gewinnt oft nicht die Kraft mit dem breitesten Milieu, sondern jene, die in mehreren Richtungen koalitionsfähig bleibt.
Das ist übrigens kein rein deutsches Muster. In vielen europäischen Demokratien ist die alte Dominanz großer Integrationsparteien geschrumpft, während kleinere Parteien, neue Konfliktlinien und volatilere Wählerwanderungen zunehmen. Die Volkspartei verschwindet also nicht, weil ihre Führungen plötzlich unfähig geworden wären, sondern weil sie auf eine Gesellschaft trifft, die sich nicht mehr so leicht unter einer politischen Dachmarke einsammeln lässt.
Ist das eine demokratische Krise?
Teilweise ja. Aber nicht in dem simplen Sinn, dass "mehr Parteien" automatisch schlecht wären.
Demokratietheoretisch leisten Parteien mehr als Stimmenaggregation. Sie übersetzen Konflikte, rekrutieren Personal, strukturieren Verantwortlichkeit und geben Bürgern das Gefühl, dass ihre Interessen in einem verlässlichen politischen Raum vorkommen. Wenn diese Mittler schwächer werden, steigt die Gefahr von Misstrauen, Affektpolitik und Repräsentationslücken.
Die OECD liefert dafür ein warnendes Signal. In Deutschland berichteten laut der OECD-Erhebung zu Vertrauen in öffentliche Institutionen im Jahr 2023 nur 36 Prozent hohes oder moderates Vertrauen in die Bundesregierung. Noch auffälliger: Politische Parteien waren mit 26 Prozent die am wenigsten vertraute Institution. Zugleich war der Vertrauensabstand zwischen Menschen mit und ohne das Gefühl politischer Wirksamkeit besonders groß.
Kernidee: Das Problem ist nicht nur Fragmentierung
Demokratien geraten dann unter Druck, wenn Parteien gleichzeitig an Bindekraft, Vertrauen und lokaler Übersetzungsleistung verlieren. Dann entsteht das Gefühl, dass Politik zwar dauernd sendet, aber immer seltener ankommt.
Trotzdem wäre es falsch, die alte Volksparteienordnung einfach als goldenes Zeitalter zu verklären. Sie war integrativ, aber auch exkludierend. Viele Konflikte, Perspektiven und Lebensformen hatten darin wenig Platz. Dass neue Parteien und neue Konfliktachsen aufgetaucht sind, ist auch ein Ausdruck gesellschaftlicher Öffnung.
Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob wir zur alten Volkspartei zurückkehren können. Wahrscheinlicher ist, dass wir lernen müssen, Demokratie ohne ihre alte Standardmaschine stabil zu halten.
Was jetzt politisch fehlt
Wenn Volksparteien schwächer werden, fehlen vor allem vier Dinge:
Erstens lokale Einbettung. Politik braucht Orte, an denen sie nicht nur gesendet, sondern zurückübersetzt wird.
Zweitens personelle Rekrutierung. Wer weniger Mitglieder und schwächere Ortsstrukturen hat, findet schwerer glaubwürdiges Personal jenseits des Berufspolitikerzirkels.
Drittens Konfliktintegration. Viele neue Parteien können Zuspitzung gut, aber Vermittlung schlechter. Demokratie braucht beides.
Viertens Verlässlichkeit. In hochvolatilen Systemen wächst die Versuchung, jede Woche auf neue Stimmungen zu reagieren. Langfristige Glaubwürdigkeit leidet darunter.
Gerade deshalb könnte die Zukunft erfolgreicher Parteien paradoxerweise weder in nostalgischer Volkspartei-Rhetorik noch in rein digitaler Kampagnenpolitik liegen. Erfolgreich werden eher jene Kräfte sein, die zwei Dinge gleichzeitig schaffen: gesellschaftliche Pluralität ernst nehmen und trotzdem wieder belastbare politische Bindungen erzeugen.
Die eigentliche Lehre aus der Erosion der Volksparteien
Die Volkspartei stirbt nicht an einem Kommunikationsfehler. Sie stirbt an einem Passungsproblem zwischen altem Organisationsmodell und neuer Gesellschaft.
Das macht die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos. Demokratien müssen nicht daran scheitern, dass ihre Parteiensysteme vielfältiger werden. Sie scheitern eher dann, wenn keine politische Form mehr übrig bleibt, die Vielfalt in handlungsfähige Kompromisse übersetzt.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe der nächsten Phase: nicht die Rückkehr zur alten Volkspartei, sondern die Erfindung neuer demokratischer Vermittlungsformen, die wieder Nähe, Konfliktfähigkeit und Vertrauen herstellen. Wer das schafft, gewinnt nicht nur Wahlen. Er baut politische Gesellschaft unter veränderten Bedingungen neu.
Wenn du tiefer in angrenzende Macht- und Demokratiethemen einsteigen willst, lies auch Streitbare Demokratie unter Druck: Die Gefahr politischer Ränder im Jahr 2025, Wahlkreise: Wie Karten demokratische Macht messbar verschieben können und America First 2.0: Eine Analyse der Logik hinter Trumps neuer Politik.
















































































