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Streitbare Demokratie unter Druck: Die Gefahr politischer Ränder im Jahr 2025

Aktualisiert: 14. Mai

Quadratisches Cover mit der Reichstagskuppel und dem Bundestagsplenum, flankiert von dunklen Rissen und Megafon-Silhouetten. Darüber stehen die Texte „Deutschland 2025“, „Demokratie unter Druck“ und auf einem roten Banner „Wie politische Ränder die Mitte unter Stress setzen“, unten klein „Wissenschaftswelle.de“.

Die Szene, an der man das Jahr 2025 festmachen kann, ist kein Straßenschlachtfoto und auch kein düsterer Verfassungskommentar. Es ist ein Wahlabend. Die Beteiligung an der Bundestagswahl 2025 lag laut Bundeswahlleiterin bei 82,5 Prozent. Das ist die gute Nachricht. Die weniger beruhigende Nachricht steckt in derselben Tabelle: Parteien an den politischen Rändern gewannen enorme Aufmerksamkeit, und vor allem die AfD erreichte 20,8 Prozent der Zweitstimmen. Wer nur auf die hohe Beteiligung schaut, kann das als demokratische Vitalität lesen. Wer nur auf die Kräfteverschiebung schaut, hält das Ganze schnell für einen Vorboten des Systemkollapses. Beides greift zu kurz.


2025 war für die deutsche Demokratie vor allem ein Stresstest. Man konnte in Echtzeit beobachten, wie robust das institutionelle Gerüst des Grundgesetzes ist und wie verletzlich die politische Kultur darüber geworden ist. Genau in dieser Spannung liegt der Sinn des deutschen Begriffs der streitbaren Demokratie.


Was mit streitbarer Demokratie überhaupt gemeint ist


Der Ausdruck klingt kämpferischer, als er juristisch gemeint ist. Eine streitbare oder wehrhafte Demokratie ist kein Staat, der abweichende Meinungen bekämpft. Sie ist ein Staat, der sich nicht neutral verhält, wenn politische Akteure die Regeln zerstören wollen, die freie Konkurrenz, Opposition und Grundrechte überhaupt erst möglich machen. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt das Prinzip als Lehre aus Weimar: Demokratie soll ihren Feinden nicht noch einmal naiv die Werkzeuge für ihre eigene Abschaffung überlassen.


Rechtlich geht es dabei um den Kern der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Dazu gehören nicht beliebige politische Vorlieben, sondern die Dinge, ohne die ein demokratischer Rechtsstaat nicht mehr erkennbar wäre: Menschenwürde, demokratische Selbstregierung, Rechtsstaatlichkeit, Opposition, gleiche politische Teilhabe. Die bpb fasst diesen Schutzkern des Grundgesetzes entsprechend als Sicherung der Bedingungen zusammen, unter denen Freiheit und politische Konkurrenz überhaupt real bleiben.


Kernidee: Streitbar heißt nicht intolerant


Eine wehrhafte Demokratie verteidigt nicht die jeweilige Regierung, sondern die Spielregeln, durch die Regierungen friedlich kritisiert, abgewählt und ersetzt werden können.


Warum ausgerechnet 2025 so viel über den Zustand der Republik verrät


2025 bündelte mehrere Spannungen, die schon länger in der Luft lagen. Migration, Krieg in Europa, wirtschaftliche Unsicherheit, Vertrauenskrisen, digitale Erregungsmaschinen und ein harter Ton in öffentlichen Debatten hatten sich schon vorher aufgebaut. Der Wahlkampf machte daraus eine einzige Großbühne. Ränder profitieren in solchen Lagen, weil sie drei Dinge besser können als etablierte Parteien: Komplexität vereinfachen, Schuldige benennen und Frust in Identität verwandeln.


Dabei ist der Begriff der politischen Ränder analytisch nützlich, aber moralisch oft zu grob. Nicht jede radikale Kritik ist demokratiefeindlich. Und die Gefahren, die 2025 sichtbar wurden, sind nicht sauber spiegelbildlich verteilt. Wer in Deutschland heute von anti-pluralistischem Druck spricht, kommt an der Dynamik des rechten Lagers nicht vorbei. Das zeigen nicht nur Wahlergebnisse, sondern auch Sicherheitsdaten. Der Verfassungsschutzbericht 2024 beziffert das rechtsextremistische Personenpotenzial auf 50.250 Menschen, darunter 15.300 gewaltorientierte Rechtsextremisten. Das BKA meldete für 2024 insgesamt 84.172 politisch motivierte Straftaten, davon 42.788 im Bereich PMK-rechts.


Das ist der Punkt, an dem der politische Streit die Ebene normaler demokratischer Konkurrenz verlässt. Wer nicht nur andere Politik fordert, sondern Minderheiten entwertet, Gewalt andeutet, Institutionen systematisch delegitimiert oder die Idee gleicher Rechte nach Herkunft, Religion oder Lebensweise sortieren will, bewegt sich nicht mehr bloß an einem “Rand”. Er arbeitet am Umbau des Spielfelds.


Das eigentliche Problem sitzt nicht nur im Rand, sondern in der Lücke dazwischen


Die beruhigende Nachricht lautet: Die große Mehrheit in Deutschland hat sich nicht von der Demokratie verabschiedet. Die Leipziger Autoritarismus Studie 2024 zeigt sogar, dass 90,4 Prozent der Befragten der Demokratie als Idee zustimmen. Das klingt stabil. Gleichzeitig wird die zweite Zahl gefährlich: Die Zufriedenheit mit der Demokratie, wie sie im Alltag erlebt wird, ist deutlich schwächer ausgeprägt; in Ostdeutschland lag sie laut Leipziger Studie nur noch bei 30 Prozent.


Diese Lücke zwischen normativer Zustimmung und praktischer Enttäuschung ist der eigentliche Resonanzraum der Ränder. Menschen müssen keine Verfassungsgegner sein, um anfällig für autoritäre Erzählungen zu werden. Es reicht oft, wenn sie Institutionen als fern, langsam, unfair oder unaufrichtig erleben. Die FES-Mitte-Studie 2024/25 beschreibt genau diese Zone: Unter denjenigen, die Demokratie als unfair und schlecht funktionierend wahrnehmen, stimmen 62 Prozent der Aussage zu, die regierenden Parteien betrügen das Volk. 54 Prozent fordern mehr Widerstand gegen die aktuelle Politik.


Man muss diese Sätze ernst nehmen, ohne sie vorschnell als Extremismus zu etikettieren. Sie beschreiben zunächst ein Vertrauensproblem. Aber genau dieses Problem wird politisch explosiv, wenn antidemokratische Akteure es mit Feindbildern, Falschinformationen und identitären Erlösungsversprechen besetzen.


Warum die streitbare Demokratie nicht mit Alarmismus verwechselt werden darf


Es ist verführerisch, auf autoritäre Zumutungen mit maximaler Härte zu reagieren. Parteiverbote, Überwachungsforderungen, Abkürzungen im Verfahren, symbolische Ausnahmegesten: All das klingt in aufgeheizten Momenten nach Entschlossenheit. Aber die streitbare Demokratie des Grundgesetzes ist gerade deshalb stark, weil sie rechtsstaatlich gebunden bleibt. Das Bundesverfassungsgericht hat im NPD-Verbotsverfahren 2017 sehr deutlich gemacht, dass Verfassungsfeindlichkeit allein für ein Parteiverbot nicht genügt. Es braucht konkrete Anhaltspunkte von Gewicht dafür, dass ein solcher Angriff auf die freiheitliche demokratische Grundordnung überhaupt Erfolg haben könnte.


Das ist keine Schwäche, sondern Absicht. Ein liberaler Staat verteidigt sich nicht, indem er selbst illiberal wird. Wehrhaftigkeit heißt deshalb nicht, jeden schrillen Akteur reflexhaft zu verbieten, sondern Gefährdungen präzise zu benennen und verhältnismäßig zu beantworten. Wer diese Schwelle senken will, um schneller durchzugreifen, beschädigt genau jenen Rechtsstaat, den er retten möchte.


Faktencheck: Eine Demokratie geht selten nur an Wahlen zugrunde


Autokratisierung beginnt oft früher: mit Angriffen auf Medien, Gerichte, Wissenschaft, Minderheiten und die Legitimität fairer Verfahren. Der V-Dem Democracy Report 2025 zählt weltweit 45 laufende Autokratisierungsprozesse und beschreibt Zensur, Druck auf Zivilgesellschaft und die Entwertung fairer Wahlen als typische Muster.


Was demokratische Selbstverteidigung in der Praxis bedeutet


Die wirksamsten Antworten auf politische Ränder sind oft unglamouröser als ihre Gegner. Sie beginnen nicht mit Pathos, sondern mit Funktionsfähigkeit. Eine Kommune, die Unterbringung, Schule, Verwaltung und Sicherheit sichtbar organisiert, stärkt die Demokratie oft mehr als zehn Sonntagsreden. Ein Rechtsstaat, der Hassdelikte, Einschüchterung und politische Gewalt konsequent verfolgt, nimmt anti-pluralistischen Milieus ihren Nimbus der Straflosigkeit. Eine Öffentlichkeit, die Desinformation nicht bloß empört kommentiert, sondern systematisch widerlegt, macht Propaganda teurer.


Hinzu kommt etwas, das lange unterschätzt wurde: demokratische Kompetenzen bei Erwachsenen. Politische Bildung endet nicht mit dem Schulabschluss. Gerade in Phasen, in denen sich Menschen von Institutionen abgekoppelt fühlen, braucht eine offene Gesellschaft Orte, an denen Konflikte bearbeitet werden können, ohne sofort in Lagerlogik zu kippen. Wer das vertiefen will, findet im Beitrag Demokratie endet nicht am Zeugnis: Warum politische Bildung für Erwachsene zur Infrastruktur einer offenen Gesellschaft gehört eine direkte Anschlussstelle.


Ebenso wichtig ist die sprachliche Ebene. Populistische Kommunikation lebt davon, jedes Problem in eine Geschichte aus Verrat, Schweigen und “eigentlich offensichtlicher Wahrheit” zu übersetzen. Das macht sie anschlussfähig, gerade weil sie komplizierte Ursachenlagen in moralische Fronten verwandelt. Der Mechanismus dahinter wird im Wissenschaftswelle-Text Populismus als Kommunikationsstil: Warum die Sprache erfolgreicher Populisten so wirksam ist genauer sichtbar.


Die hoffnungsvollste Zahl kommt nicht aus dem Wahlrecht, sondern aus der Zivilgesellschaft


So leicht man 2025 als Jahr der Überhitzung lesen kann, so falsch wäre ein fatalistischer Schluss. Die FES-Mitte-Studie enthält auch eine andere Zahl: 51 Prozent der Befragten sagen, sie seien bereit, selbst aktiv zu werden, um die Demokratie zu schützen; weitere 25 Prozent teilweise. Das ist keine Garantie. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass die gesellschaftliche Mitte nicht einfach verschwunden ist. Sie ist eher erschöpft, nervös und oft schlecht organisiert.


Die Gefahr politischer Ränder besteht deshalb nicht nur darin, dass sie Stimmen gewinnen. Gefährlich wird es, wenn die demokratische Mehrheit sich selbst als passives Publikum begreift, während entschlossene Minderheiten die politische Bühne besetzen. Streitbare Demokratie heißt in diesem Sinn nicht, dass der Staat ständig härter zuschlägt. Es heißt, dass eine Gesellschaft ihre offenen Verfahren, ihre Institutionen und ihre Würdeordnung aktiv verteidigt, bevor aus Vertrauensverschleiß eine neue Normalität der Verachtung wird.


2025 hat gezeigt, dass die Bundesrepublik dafür noch Ressourcen besitzt. Aber ebenso, dass diese Ressourcen nicht automatisch wirken. Demokratie hält nicht, weil sie auf Papier steht. Sie hält, wenn genug Menschen und Institutionen sich weigern, ihre Regeln kampflos an jene abzutreten, die Freiheit nur für die jeweils eigenen Leute meinen.


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