Wissenschaftliche Meldungen
Fast alle Schülerinnen und Schüler in Seoul nutzen KI – Lehrkräfte warnen vor Abhängigkeit
11.1.26, 16:11
Bildung, Künstliche Intelligenz, Gesellschaft, Technologie

Künstliche Intelligenz wird zum alltäglichen Lernwerkzeug
In Südkoreas Hauptstadt Seoul ist der Einsatz generativer Künstlicher Intelligenz unter Schülerinnen und Schülern nahezu allgegenwärtig. Nach aktuellen Erhebungen nutzen fast alle Jugendlichen regelmäßig KI-gestützte Anwendungen – etwa zum Verfassen von Texten, zur Zusammenfassung von Lernstoff oder zur Vorbereitung von Hausaufgaben und Prüfungen. Was für viele Lernende ein hilfreiches Werkzeug darstellt, sorgt bei Lehrkräften zunehmend für Unbehagen.
Denn die rasante Verbreitung der Technologie vollzieht sich schneller, als Schulen pädagogische Leitlinien entwickeln können. KI ist nicht mehr Ausnahme oder Experiment, sondern fester Bestandteil des schulischen Alltags.
Effizienzgewinne – aber zu welchem Preis?
Viele Schülerinnen und Schüler berichten, dass ihnen KI Zeit spare und komplexe Inhalte leichter verständlich mache. Gerade bei sprachlichen Aufgaben, etwa beim Schreiben von Aufsätzen oder beim Übersetzen, greifen sie routinemäßig auf generative Systeme zurück. Auch bei naturwissenschaftlichen Fächern wird KI genutzt, um Rechenwege erklären oder Zusammenfassungen erstellen zu lassen.
Lehrkräfte erkennen diese Vorteile durchaus an. Gleichzeitig beobachten sie jedoch, dass immer mehr Lernende Schwierigkeiten haben, eigenständig zu formulieren, Argumente aufzubauen oder Lösungswege selbst zu entwickeln. Die Sorge: Wenn KI zu oft Denkprozesse übernimmt, könnten grundlegende Kompetenzen langfristig geschwächt werden.
Warnung vor Überabhängigkeit
Im Zentrum der Kritik steht weniger die Technologie selbst als ihre unreflektierte Nutzung. Lehrkräfte berichten, dass manche Schülerinnen und Schüler Aufgaben vollständig an KI delegieren, ohne die Ergebnisse kritisch zu prüfen. Fehler, Vereinfachungen oder inhaltliche Ungenauigkeiten werden dann ungefiltert übernommen.
Besonders problematisch erscheint dies in Fächern, die auf kreatives Denken, Sprachgefühl oder eigenständige Analyse angewiesen sind. Pädagoginnen und Pädagogen warnen davor, dass sich eine Abhängigkeit entwickeln könnte, bei der Lernende zwar schnelle Ergebnisse erzielen, aber den eigentlichen Lernprozess umgehen.
Schulen zwischen Förderung und Kontrolle
Das südkoreanische Bildungssystem gilt als technologisch fortschrittlich und leistungsorientiert. Digitale Werkzeuge sind seit Jahren fest im Unterricht verankert. Generative KI stellt jedoch eine neue Herausforderung dar, weil sie nicht nur Informationen bereitstellt, sondern aktiv Inhalte produziert.
Viele Schulen stehen nun vor der Frage, wie sie mit dieser Entwicklung umgehen sollen. Ein vollständiges Verbot gilt als unrealistisch, da KI außerhalb des Klassenzimmers jederzeit verfügbar ist. Stattdessen diskutieren Bildungsexperten über klare Regeln, Transparenzpflichten und neue Bewertungsformen, die eigenständige Leistungen stärker berücksichtigen.
Pädagogische Neuorientierung notwendig
Die Debatte in Seoul zeigt exemplarisch, wie Bildungssysteme weltweit unter Anpassungsdruck geraten. Generative KI verändert nicht nur Werkzeuge, sondern auch die Frage, was Lernen künftig bedeuten soll. Wenn Informationen und Texte jederzeit automatisch erzeugt werden können, rückt die Fähigkeit zur kritischen Bewertung, zur kreativen Anwendung und zur ethischen Reflexion stärker in den Vordergrund.
Einige Lehrkräfte sehen darin auch eine Chance. Richtig eingesetzt, könne KI helfen, individuelle Lernlücken zu erkennen oder Unterricht stärker zu personalisieren. Voraussetzung sei jedoch, dass Schülerinnen und Schüler lernen, KI als Hilfsmittel zu nutzen – nicht als Ersatz für eigenes Denken.
Ein Balanceakt mit offenem Ausgang
Der nahezu flächendeckende Einsatz generativer KI unter Seouls Schülerinnen und Schülern macht deutlich, wie tiefgreifend die Technologie bereits in den Alltag eingedrungen ist. Die Warnungen der Lehrkräfte zielen weniger auf Alarmismus als auf ein Bewusstsein für langfristige Folgen.
Ob es gelingt, eine Balance zwischen technologischem Fortschritt und nachhaltigem Lernen zu finden, wird entscheidend dafür sein, welche Rolle Künstliche Intelligenz künftig im Bildungssystem spielt – in Südkorea und weit darüber hinaus.
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