Wissenschaftliche Meldungen
Wenn der Lieblingsverein enttäuscht: Studie zeigt, wie Wut und Scham Fan-Treue nach Skandalen prägen
11.1.26, 11:36
Psychologie, Kultur, Medien, Gesellschaft

Was passiert im Kopf von Fans, wenn der Lieblingsverein in einen Skandal gerät?
Ein Wettskandal, Gewaltvorwürfe, Betrug oder ein anderer Regelbruch: Wenn ein Team negativ in die Schlagzeilen gerät, trifft das nicht nur den Club, sondern auch seine Anhängerinnen und Anhänger. Viele Fans erleben solche Ereignisse als eine Art moralischen Vertrauensbruch. Die Studie beschreibt diesen Konflikt als Verletzung eines „psychologischen Vertrags“ – also unausgesprochener Erwartungen darüber, wofür ein Team steht und wie es sich verhalten sollte.
Solche Brüche erzeugen häufig kognitive Dissonanz. Gemeint ist das unangenehme Gefühl, dass eigene Überzeugungen und die Realität nicht zusammenpassen. Ein Fan kann sein Team leidenschaftlich unterstützen und sich zugleich fragen, ob diese Unterstützung noch mit den eigenen moralischen Maßstäben vereinbar ist. Genau diese innere Spannung steht im Zentrum der Untersuchung.
Drei Experimente mit über tausend Teilnehmenden
Die Autorinnen und Autoren stützen ihre Analyse auf drei Experimente mit insgesamt 1.179 Teilnehmenden. Der zentrale Befund: Wird ein Skandal als Vertragsverletzung wahrgenommen, steigt die kognitive Dissonanz deutlich an. Gleichzeitig nehmen zwei moralische Emotionen zu – Wut und Scham.
Entscheidend ist, dass diese Emotionen unterschiedlich auf die Loyalität wirken. Wut erweist sich als der stabilere und stärkere Faktor für sinkende Fan-Treue. Je ausgeprägter die Wut, desto geringer ist die Bereitschaft, dem Team weiterhin loyal zu bleiben oder die Beziehung aktiv zu reparieren.
Scham zeigt dagegen ein komplexeres Bild. Zwar tritt sie ebenfalls häufiger auf, wenn Fans ihr Team als moralisch fehlgehend erleben. Die Studie findet jedoch keinen klaren, statistisch belastbaren Zusammenhang, der zeigt, dass Scham allein die Loyalität wiederherstellt. Vielmehr interpretieren die Forschenden Scham als möglichen, aber unsicheren Reparaturmechanismus, der nicht automatisch zu erneuter Bindung führt.
Warum besonders treue Fans anders reagieren
Ein weiterer Schwerpunkt der Studie liegt auf der Fan-Identifikation. Gemeint ist, wie stark Menschen ihr Team als Teil ihrer eigenen Identität begreifen. Stark identifizierte Fans reagieren auf Skandale im Durchschnitt mit weniger Wut, dafür aber mit relativ mehr Scham als Fans mit geringerer emotionaler Bindung.
Dieser Befund lässt sich psychologisch erklären. Wer sein Team als Teil des eigenen Selbst versteht, erlebt dessen Fehlverhalten nicht nur als äußeres Ereignis, sondern als Bedrohung des eigenen Selbstbildes. Offene Wut und Abkehr würden diese Identität infrage stellen. Scham erlaubt dagegen, die Nähe zum Team aufrechtzuerhalten, ohne das Fehlverhalten gutzuheißen. Allerdings schwächt diese Identifikation den negativen Einfluss von Wut auf die Loyalität nur teilweise ab – sie hebt ihn nicht auf.
Konsequenzen für Vereine und Krisenkommunikation
Die Ergebnisse legen nahe, dass Skandale für Vereine mehr sind als kurzfristige Imageschäden. Wenn Wut der verlässlichste Treiber für Loyalitätsverlust ist, reicht es nicht aus, formale Entschuldigungen oder beschwichtigende Botschaften zu senden. Entscheidend ist, ob Fans das Gefühl haben, dass grundlegende Erwartungen ernsthaft verletzt wurden.
Gleichzeitig zeigt die Studie, dass Scham kein einfacher Hebel zur Wiederherstellung von Loyalität ist. In manchen Fällen kann sie eher zu Rückzug oder stiller Distanz führen. Für eine nachhaltige Vertrauensreparatur braucht es daher nachvollziehbare Verantwortung, transparente Konsequenzen und glaubwürdige Veränderungen, die zeigen, wofür ein Verein künftig stehen will.
Einordnung und Grenzen der Ergebnisse
Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass es sich um eine früh veröffentlichte Manuskriptversion handelt, die vor der finalen redaktionellen Bearbeitung steht. Änderungen im Detail sind daher möglich. Zudem lassen sich aus der veröffentlichten Beschreibung nicht alle Aspekte der Studiendesigns beurteilen, etwa die konkrete Ausgestaltung der Skandalszenarien oder die Übertragbarkeit auf unterschiedliche Sportarten und Fanmilieus.
Trotz dieser Einschränkungen fügt sich die Studie gut in den sozialpsychologischen Forschungsstand ein. Sie zeigt, dass Skandale nicht nur als Informationsereignisse wirken, sondern als moralische Konflikte, die über Emotionen die Beziehung zwischen Fans und Teams neu ordnen – und dass insbesondere Wut dabei als besonders wirksamer Brandbeschleuniger für den Verlust von Loyalität fungiert.
Weitere aktuelle Meldungen findest du hier:
- 2Seite 2




























