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Wissenschaftliche Meldungen

Astrochemie: Größtes Schwefel-Ringmolekül im All entdeckt – neue Hinweise auf die chemischen Vorstufen des Lebens

24.1.26, 17:18

Astronomie, Chemie

Facebook-Titelbild im Quadratformat: Vor einem farbintensiven galaktischen Hintergrund schwebt ein sechsgliedriges, ringförmiges Schwefelmolekül mit gelbem Schwefelatom im Zentrum. Daneben ist ein großes Radioteleskop zu sehen, das auf den Weltraum gerichtet ist. Darüber steht der Text „Neuer Ring im All entdeckt!“, darunter der Teaser „Baustein für die Chemie des Lebens?“ sowie der Hinweis „Wissenschaftswelle.de“.

Ein neuer Ring im All: Warum ein Schwefelmolekül plötzlich nach „Chemie des Lebens“ klingt


Im Zentrum unserer Milchstraße haben Forschende ein Molekül nachgewiesen, das in der Astrochemie lange als „missing piece“ galt: ein vergleichsweise großes, ringförmiges organisches Schwefelmolekül. Konkret geht es um 2,5-Cyclohexadien-1-thion mit der Summenformel C₆H₆S. Das Besondere ist nicht nur, dass hier überhaupt Schwefel vorkommt, sondern auch wie: als Bestandteil eines stabilen sechsgliedrigen Rings. Damit gehört die Verbindung zu einer Molekülklasse, die man in Meteoriten und Kometenchemie schon kennt, im interstellaren Gas aber bisher kaum „sauber“ greifen konnte.


Was genau wurde gefunden – und wo?


Der Fund stammt aus der Molekülwolke G+0.693–0.027, einer chemisch sehr aktiven Region nahe dem Galaktischen Zentrum in rund 27.000 Lichtjahren Entfernung. Solche Wolken sind kalt, dunkel und sternlos oder nahezu sternlos – also eher „Vorstufe“ von Sternentstehung als fertiges Planetensystem. Und genau das macht die Entdeckung so spannend: Wenn komplexere organische Schwefelchemie schon vor der Stern- und Planetenbildung stattfindet, dann beginnt die „Vorbereitung“ auf präbiotische Chemie kosmisch gesehen sehr früh.


Warum Schwefel in der Lebenschemie eine große Sache ist


Schwefel ist in irdischer Biologie ein Schwergewicht, obwohl er mengenmäßig nicht zu den Top-Elementen gehört. Er steckt unter anderem in den Aminosäuren Cystein und Methionin, stabilisiert Proteine über Disulfidbrücken und spielt in Enzymen oft eine Schlüsselrolle, weil er chemisch vielseitig ist: Er kann Elektronen relativ leicht aufnehmen oder abgeben, Bindungen in mehreren Oxidationsstufen eingehen und so Reaktionswege öffnen, die ohne Schwefel viel schwerer wären.


Genau deshalb stört in der Astrochemie seit Jahrzehnten ein Problem: In vielen interstellaren Regionen findet man deutlich weniger gasförmigen Schwefel als erwartet. Das bedeutet nicht, dass Schwefel „weg“ ist – eher, dass er in Formen steckt, die schwer nachzuweisen sind, etwa in Staub, Eiskrusten oder komplexeren Molekülen. Ein größerer, ringförmiger organischer Schwefelträger ist deshalb automatisch auch ein Puzzleteil im „Wo-ist-der-Schwefel“-Thema.


Wie man ein Molekül im All überhaupt „identifiziert“


Das Entscheidende an der Arbeit ist die Kombination aus Laborchemie und Radioastronomie. Moleküle senden und absorbieren elektromagnetische Strahlung bei sehr charakteristischen Frequenzen, weil sie rotieren und schwingen – man kann sich das wie einen hochkomplexen Barcode vorstellen. Bei großen Molekülen wird dieser Barcode allerdings schnell unübersichtlich, und ohne präzise Laborreferenzen bleibt vieles mehrdeutig.


Das Team hat deshalb zunächst im Labor ausgehend von Thiophenol (C₆H₅SH) in einer elektrischen Entladung Produkte erzeugt und dann mit hochpräziser Mikrowellenspektroskopie die Rotationssignaturen vermessen. Erst mit dieser Referenz lässt sich in astronomischen Spektren zuverlässig nach genau denselben Linien suchen. Anschließend wurden Daten aus einer großen Beobachtungskampagne herangezogen, aufgenommen mit den Radioteleskopen IRAM 30-m und Yebes 40-m in Spanien. Wenn genug Linien mit den erwarteten relativen Intensitäten an den richtigen Stellen auftauchen, wird aus „könnte sein“ ein belastbarer Nachweis.


Ein Detail, das nach Nerdkram klingt, aber entscheidend ist: Isomere


Spannend ist, dass C₆H₆S als Molekülformel mehrere Strukturen erlaubt. Die nachgewiesene Struktur ist ein Isomer von Thiophenol. Genau diese strukturelle Variante ist für Astronomie attraktiv, weil sie im Vergleich zu Thiophenol Eigenschaften besitzt, die eine Detektion wahrscheinlicher machen können – etwa eine günstigere Verteilung der Spektrallinien oder stärkere „Radiotauglichkeit“ durch ein ausgeprägteres elektrisches Dipolmoment. Übersetzt: Manche Moleküle sind im Radiobereich schlicht besser „hörbar“ als andere, selbst wenn sie chemisch nah verwandt sind.


Warum diese Entdeckung mehr ist als nur ein Rekord


Ja, das Molekül gilt als größtes bisher eindeutig nachgewiesenes interstellares Schwefelmolekül – aber der eigentliche Punkt ist der mögliche chemische Übergang. In Meteoriten findet man eine Reihe größerer organischer Schwefelverbindungen, die im interstellaren Medium bisher kaum auftauchten. Das ließ zwei Deutungen zu: Entweder entstehen diese Stoffe erst später bei der Planetenbildung, oder wir haben sie im interstellaren Gas schlicht noch nicht gut genug gesucht bzw. nicht gut genug erkannt. Ein sauber identifiziertes ringförmiges C₆H₆S spricht dafür, dass zumindest ein Teil dieser Chemie schon im interstellaren Medium möglich ist.


Das ist keine direkte Aussage wie „Damit ist Leben im All erklärt“. Es ist eher ein Schritt auf der chemischen Landkarte: Man sieht eine Route, wie aus eher kleinen Schwefelmolekülen eine Familie komplexerer Verbindungen werden könnte, die später in Kometen, Asteroiden und vielleicht auf frühen Planeten als Reaktionsstarter dienen.


Einordnung: Was sicher ist – und was noch offen bleibt


Sicher ist: Die Studie zeigt einen methodisch starken Weg, komplexe Moleküle im All nachzuweisen, indem Labor-„Fingerabdrücke“ und astronomische Surveys verzahnt werden. Auch der Fundort ist plausibel, weil G+0.693–0.027 als außergewöhnlich molekülreich gilt.


Offen bleibt: Wie verbreitet solche ringförmigen Schwefelmoleküle wirklich sind, ob sie in kälteren, „ruhigeren“ Wolken genauso vorkommen, und über welche Reaktionswege sie entstehen. Außerdem ist ein einzelnes Molekül noch kein Reservoir für den fehlenden Schwefel – aber es zeigt, dass die Klasse der Kandidaten real ist und vermutlich unterschätzt wurde. Die wahrscheinlich wichtigste Folge der Arbeit ist deshalb weniger die eine Verbindung, sondern der Hinweis: Da draußen wartet vermutlich eine ganze Familie ähnlicher Schwefelringe darauf, identifiziert zu werden.

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Tramadol: Beliebtes Schmerzmittel mit unterschätzten Risiken?

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Rasanter Anstieg bei Artbeschreibungen – Vielfalt des Lebens größer als gedacht

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