Wissenschaftliche Meldungen
Evolutionäre Funktion gleichgeschlechtlichen Verhaltens bei Primaten: Soziale Bindungen statt reiner Fortpflanzung
12.1.26, 17:58
Biologie, Zoologie

Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten bei Primaten ist weit verbreitet und evolutionär relevant
Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten ist bei nicht-menschlichen Primaten deutlich häufiger und systematischer verbreitet als lange angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue vergleichende Analyse aus der Primatologie, die Verhaltensdaten zahlreicher Arten auswertet. Die Studie legt nahe, dass solche Interaktionen keine zufälligen oder funktionslosen Ausnahmen sind, sondern in vielen Fällen eine soziale Funktion erfüllen, die zur Stabilisierung von Gruppen beiträgt.
Ausgewertet wurden Beobachtungen aus 59 Primatenarten, darunter verschiedene Affen- und Menschenaffenarten. Dokumentiert wurden unterschiedliche Formen sexueller Interaktion zwischen gleichgeschlechtlichen Individuen, etwa Aufreiten, genitaler Kontakt oder gegenseitige Stimulation. Diese Verhaltensweisen treten unabhängig von Fortpflanzungsmöglichkeiten auf und lassen sich daher nicht allein durch reproduktive Mechanismen erklären.
Sozialer Nutzen unter Stressbedingungen
Besonders häufig wurde gleichgeschlechtliches Sexualverhalten in Populationen beobachtet, die unter ökologischen oder sozialen Belastungen stehen. Dazu zählen Lebensräume mit begrenzten Nahrungsressourcen, hoher Konkurrenz innerhalb der Gruppe oder erhöhtem Feinddruck. Auch in Arten mit komplexen Dominanzhierarchien und ausgeprägten Rangordnungen tritt das Verhalten vermehrt auf.
Die Autoren interpretieren dies als Hinweis darauf, dass sexuelle Interaktionen zwischen gleichgeschlechtlichen Gruppenmitgliedern helfen können, Spannungen abzubauen, Konflikte zu entschärfen und soziale Bindungen zu festigen. Auf diese Weise könnten sie zur Kohäsion der Gruppe beitragen – ein Vorteil, der sich indirekt auch auf Überlebenschancen und Fortpflanzungserfolg auswirken kann.
Sexualität als soziales Instrument
Die Ergebnisse unterstützen ein erweitertes Verständnis von Sexualverhalten in der Evolution. Demnach dient Sexualität bei sozialen Tierarten nicht ausschließlich der Fortpflanzung, sondern kann auch als flexibles Mittel sozialer Kommunikation fungieren. Ähnliche Mechanismen sind aus früheren Studien etwa bei Bonobos bekannt, bei denen sexuelle Interaktionen eine wichtige Rolle bei der Konfliktvermeidung spielen.
Die Forschenden betonen jedoch, dass aus den Befunden keine direkten Rückschlüsse auf menschliche Sexualität gezogen werden sollten. Menschliches Sexualverhalten ist stark von kulturellen, psychologischen und individuellen Faktoren geprägt. Die Studie liefert vielmehr einen evolutionsbiologischen Rahmen, der zeigt, dass nicht-reproduktive Sexualität im Tierreich weit verbreitet und funktional sein kann.
Einordnung in den Forschungsstand
Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten ist inzwischen bei weit über tausend Tierarten dokumentiert. Die neue Analyse fügt diesem Forschungsfeld eine wichtige systematische Perspektive hinzu, indem sie ökologische und soziale Rahmenbedingungen berücksichtigt. Gleichzeitig bleibt offen, in welchem Ausmaß Beobachtungsdaten Verzerrungen enthalten, etwa weil bestimmte Verhaltensweisen leichter erkennbar sind als andere.
Die Studie trägt damit zu einer sachlichen, entideologisierten Betrachtung von Sexualverhalten in der Evolution bei. Sie zeigt, dass Vielfalt sexueller Ausdrucksformen ein stabiler Bestandteil sozialer Systeme sein kann – ohne dabei auf einfache Erklärungen oder spektakuläre Schlussfolgerungen zurückzugreifen.
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