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Leonardo da Vinci: DNA-Spuren auf Renaissance-Zeichnung entdeckt – Was die Forschung wirklich weiß
12.1.26, 15:22
Geschichte, Archäologie, Biologie

Wissenschaft trifft Kunstgeschichte
Seit mehr als 500 Jahren faszinieren die Zeichnungen, Gemälde und naturwissenschaftlichen Studien von Leonardo da Vinci die Welt. Nun berichten Forschende von einem Befund, der Kunstgeschichte und Molekularbiologie auf ungewöhnliche Weise verbindet: Auf einer Renaissance-Zeichnung, die Leonardo zugeschrieben wird, könnten sich Spuren menschlicher DNA befinden. Die Ergebnisse stammen aus einer neu veröffentlichten Studie, die bislang nicht peer-reviewt ist und daher mit wissenschaftlicher Vorsicht zu betrachten bleibt.
DNA-Fragmente auf historischem Papier
Untersucht wurde eine Rötelzeichnung, die den Kopf eines Kindes zeigt und traditionell Leonardo da Vinci zugeschrieben wird. Mithilfe besonders schonender Abstrichtechniken entnahm das Forschungsteam winzige Proben von der Oberfläche des historischen Papiers. Moderne Sequenzierverfahren machten es anschließend möglich, unterschiedliche genetische Fragmente zu identifizieren. Neben mikrobieller DNA fanden sich auch menschliche Sequenzen, darunter Fragmente, die dem Y-Chromosom zugeordnet werden können und somit auf eine männliche Herkunft hindeuten.
Vergleich mit Dokumenten aus dem Umfeld Leonardos
Um die Herkunft dieser DNA einzugrenzen, verglichen die Forschenden die Sequenzdaten mit genetischen Spuren aus historischen Dokumenten, die dem familiären Umfeld Leonardos zugerechnet werden. Dabei zeigten sich Übereinstimmungen in einer Y-Chromosomen-Gruppe, die heute vor allem im Mittelmeerraum und in der Toskana verbreitet ist – jener Region, aus der Leonardo stammte. Diese Übereinstimmung wird als indirekter Hinweis gewertet, dass die DNA aus seinem persönlichen Umfeld stammen könnte.
Warum der Befund kein Beweis ist
Trotz der medialen Aufmerksamkeit betonen die Autorinnen und Autoren der Studie ausdrücklich die methodischen Grenzen ihrer Arbeit. Historische Kunstwerke wurden über Jahrhunderte hinweg von Sammlern, Restauratoren und Forschenden berührt. Entsprechend groß ist das Risiko von Kontaminationen, die genetische Spuren späterer Personen auf das Objekt gebracht haben könnten. Auch Umweltfaktoren wie Staub, Schimmel oder Mikroorganismen tragen zur genetischen Vielfalt auf dem Papier bei.
Hinzu kommt eine kunsthistorische Unsicherheit: Die Urheberschaft der untersuchten Zeichnung ist nicht unumstritten. Sollte sie nicht von Leonardo selbst stammen, sondern etwa von einem Schüler oder Zeitgenossen, wären auch die genetischen Spuren entsprechend anders zu interpretieren.
Ein neues Forschungsfeld zwischen Genetik und Kunst
Ungeachtet dieser Einschränkungen gilt der Ansatz als innovativ. Die Kombination aus molekularbiologischer Analyse, Archäogenetik und Kunstgeschichte eröffnet neue Möglichkeiten, historische Objekte zu untersuchen, ohne sie sichtbar zu beschädigen. Langfristig könnte eine belastbare genetische Signatur dazu beitragen, die Zuschreibung umstrittener Werke zu präzisieren oder historische Überreste bestimmten Personen oder Familien zuzuordnen.
Die Forschenden selbst mahnen jedoch zur Zurückhaltung: Erst unabhängige Replikationen, zusätzliche Vergleichsobjekte und eine Begutachtung durch Fachkollegen können klären, wie belastbar die bisherigen Ergebnisse tatsächlich sind.
Einordnung
Die möglichen DNA-Spuren auf einer Renaissance-Zeichnung sind weniger eine Sensation als ein früher Machbarkeitsnachweis. Sie zeigen, wie weit sich die naturwissenschaftlichen Methoden inzwischen entwickelt haben – und wie wichtig es bleibt, zwischen Hinweisen, Wahrscheinlichkeiten und gesicherten Belegen zu unterscheiden.





