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Die kurze Geschichte explodierender Wale

Ein quadratisches, comicartiges Thumbnail im überzeichneten Adult-Animationsstil: Im Zentrum explodiert ein riesiger Wal in einer dramatischen Szene, wobei Fleischstücke und Trümmer durch die Luft fliegen. Im Vordergrund stehen schockierte Figuren – ein Bauarbeiter mit Helm, eine Wissenschaftlerin und weitere Personen – mit übertriebenen, panischen Gesichtsausdrücken. Im Hintergrund sind Fahrzeuge, Gebäude und Möwen zu sehen, die ebenfalls von der Explosion überrascht werden.

Oben steht in großer, gelber, dreidimensional wirkender Schrift mit schwarzer Kontur die Headline: „WENN WALE IN DIE LUFT FLIEGEN“. Direkt darunter verläuft ein rotes, gezacktes Banner mit weißer, stark konturierter Schrift: „DIE WAHREN FÄLLE HINTER DEN BERÜHMTESTEN WAL-EXPLOSIONEN“.

Am unteren Bildrand befindet sich ein schwarzer Balken mit kleiner, weißer Schrift: „Wissenschaftswelle.de“.

Es gibt Sätze, die klingen wie aus einem schlechten Drehbuch. "Eine halbe Tonne Dynamit, und das Problem ist gelöst." Gesagt hat ihn sinngemäß ein Straßenbau-Ingenieur in Oregon, vor einem toten Pottwal, an einem Novembertag 1970. Was danach passierte, ist zum Internet-Mythos geworden, zum Lehrbuchfall, zum jährlichen Gedenktag einer Kleinstadt. Und es ist erstaunlicherweise nicht das einzige Mal, dass ein Wal am Strand zur Schlagzeile wurde, weil er buchstäblich in die Luft flog.


Diese Timeline folgt den bekanntesten Fällen, von der berüchtigten Küstensprengung in den USA bis zur spontanen Detonation mitten in einer asiatischen Großstadt. Dahinter steht mehr als Kuriositätenkabinett. Die Frage, wie man mit gestrandeten Walkadavern umgeht, ist ein kleines, sehr stark riechendes Fenster in die Schnittmenge aus Biologie, Verwaltungshandeln und Medienlogik.


Warum explodiert ein Wal überhaupt?


Fangen wir mit der Physik des Stinkenden an, dann machen die späteren Szenen mehr Sinn.


Stirbt ein Wal, hört sein Herz auf, aber die Bakterien in seinem Darm arbeiten weiter. Sie zersetzen Gewebe und produzieren dabei Gase, vor allem Methan, außerdem Schwefelwasserstoff und Ammoniak. In einem normalen Tierkadaver entweicht das allmählich durch die Haut, durch Körperöffnungen, durch die Wirkung von Aasfressern. Bei einem Wal funktioniert diese Entlüftung schlecht. Die Speckschicht ist zentimeter- bis dezimeterdick, die Haut zäh und reißfest, das Volumen gewaltig. Die Gase stauen sich an, der Innendruck steigt.


Ein Pottwal oder Blauwal ist damit so etwas wie ein biologischer Druckbehälter auf Zeit. Zwei Dinge können ihn entschärfen:


  1. Jemand lässt den Druck kontrolliert ab, durch gezielte Einschnitte, Absauganlagen oder Versenkung in tiefem Wasser.

  2. Niemand tut etwas, und der Kadaver entgast selbst, über Wochen, meist undramatisch.


Gefährlich wird es dazwischen. Bei Stößen, bei Manipulation, bei unbedachten Schnitten in den Bauchraum. Oder wenn Menschen entscheiden, man könne den Prozess mit Sprengstoff beschleunigen.


November 1970, Florence, Oregon: die Mutter aller Walexplosionen


Der Fall, der alle anderen überschattet, begann harmlos. Am 9. November 1970 strandete ein knapp 14 Meter langer, geschätzt acht Tonnen schwerer Pottwal bei Florence an der zentralen Oregon-Küste. Zuständig war damals nicht etwa eine Meeresbehörde, sondern die staatliche Highway Division, weil ihr die Strände gehörten. Nach Rücksprache mit der US-Marine entschied man, den Wal mit Dynamit zu entfernen, in der Annahme, die entstehenden Stücke seien klein genug, damit Aasfresser sie verwerten könnten.


Die entscheidenden Sätze zur Menge stammen vom leitenden Ingenieur George Thornton. Er sagte in einem Interview, er wisse nicht genau, wie viel Dynamit nötig sei, und er sei für die Aufgabe ausgewählt worden, weil sein Vorgesetzter gerade auf der Jagd war. Die Wahl fiel auf eine halbe Short Ton, also etwa 450 Kilogramm. Ein zufällig anwesender Militärveteran mit Sprengstoffausbildung warnte, zwanzig Kisten Dynamit seien viel zu viel, zwanzig Stangen hätten genügt, doch sein Hinweis blieb ungehört.


Am 12. November um 15:45 Uhr wurde gezündet.


Die Explosion schleuderte Walgewebe rund 240 Meter weit. Große Fleischbrocken landeten in der Nähe von Gebäuden und auf Parkplätzen in einiger Entfernung vom Strand. Nur ein Teil des Wals zerfiel; der Rest blieb liegen und musste von den Arbeitern der Highway Division weggeräumt werden. Die erhofften Aasvögel, die den Rest fressen sollten, erschienen nicht, vermutlich vom Lärm vertrieben. Und, fast zu gut, um wahr zu sein: Wenige Tage vor der Sprengung hatte ein örtlicher Sprengstoffexperte in einer "Get a Whale of a Deal"-Aktion ein neues Auto erworben. Es wurde durch einen herabstürzenden Speckbrocken beschädigt.


Das Material blieb jahrelang im Regionalfernsehen-Archiv, bevor es durch den Kolumnisten Dave Barry 1990 ein nationales Publikum fand. Heute ist die Aufnahme eines der meistgesehenen News-Videos der Welt.


Lernpunkt 1: Wenn niemand im Raum die richtige Frage stellt, weil alle die gleiche Ausbildung haben, wird Unwissen zur Entscheidung.


1979, erneut Oregon: der stille Gegenbeweis


Kaum bekannt, aber wichtig für die Chronologie. 1979 strandeten 41 Pottwale an einem Strand südlich von Florence. Die Möglichkeit, die Kadaver mit Dynamit in Stücke zu sprengen, wurde rasch verworfen, und die Behörden begruben sie stattdessen. Oregons heutige offizielle Linie lautet, tote gestrandete Wale dort im Sand zu vergraben, wo sie liegen.


Zwischen 1970 und 1979 hatte der Staat also gelernt. Der Lernprozess fand ohne viele Kameras statt, weshalb ihn kaum jemand kennt.


Lernpunkt 2: Neun Jahre reichen, um eine Behörde dazu zu bringen, eine schlechte Routine aufzugeben, wenn sie öffentlich genug gescheitert ist.


Januar 2004, Tainan, Taiwan: die Stadt, in der der Wal sich selbst sprengte


Was in Oregon auf einem einsamen Strand passierte, passierte 2004 mitten im Verkehr.


Am 17. Januar strandete an der Südwestküste Taiwans ein Pottwal. Es dauerte 13 Stunden, drei große Kräne und 50 Arbeiter, um ihn auf die Ladefläche eines Lastwagens zu hieven. Mit 17 Metern Länge und rund 50 Tonnen Gewicht war er der größte jemals in Taiwan registrierte Wal. Der Kadaver sollte in ein Naturschutzgebiet gebracht werden, weil eine Obduktion an der Universität abgelehnt worden war.


Am 26. Januar fuhr der Tieflader durch die Innenstadt von Tainan. Und dann, mitten auf einer belebten Straße, geschah, was niemand geplant hatte. Gase aus der inneren Verwesung ließen die Eingeweide des Wals explodieren, Blut und Organe verteilten sich über Autos, Schaufenster und Passanten. Der Verkehr stand stundenlang still, Anwohner und Ladenbesitzer trugen Masken, als sie anfingen, den Schauplatz zu reinigen.


Die Ursache, die Forschende später rekonstruierten, ist unangenehm plausibel. Der Wal war vermutlich von einem großen Schiff erfasst worden, die Wirbelsäule beschädigt, die Umgebung der Wunde besonders anfällig für bakterielle Zersetzung. Das ständige Rütteln auf dem Lastwagen wirkte wie eine lange Zündverzögerung.


Kurz danach vergab das Guinness-Buch der Rekorde einen eher ungewöhnlichen Titel. Der größte Säuger, der auf natürliche Weise explodiert ist, lief durch Tainan.


Lernpunkt 3: Man kann noch so vorsichtig planen, ein mehrtägig vergammelter Wal bleibt eine bewegte Gasflasche. Und er bleibt es auch dann, wenn er auf einem Lastwagen liegt.


November 2013, Färöer-Inseln: die Sache mit dem Messer


Video Nummer zwei, das um die Welt ging, entstand auf einer Insel, auf der Walfang traditionell verankert ist. Vier Pottwale gerieten zwischen den Inseln Streymoy und Eysturoy in die Strandung. Zwei davon starben.


Für die Färöer war das zugleich Tragödie und museale Chance. Ein Kadaver wurde zu einer verlassenen Walfangstation geschleppt, um das Skelett für eine geplante Ausstellung zu bergen. Die Arbeit übernahm Bjarni Mikkelsen, Meeresbiologe am Nationalmuseum. Er hatte nie zuvor einen Wal geöffnet und näherte sich dem 14 Meter langen, stinkenden Körper vorsichtig. Sobald er anfing zu schneiden, explodierte das eingeschlossene Gas und schleuderte Organe und Eingeweide in die Luft. Der Hauptteil der Detonation verfehlte ihn knapp.


Mikkelsens eigener Kommentar ist ein Kleinod nüchterner Understatement. Das Tier sei mehr als zwei Tage alt gewesen, als er es übernahm, man habe mit Druck im Inneren gerechnet, aber nicht mit so etwas. Weil sie entlang der Rückenpartie geschnitten hätten, sei die Explosion vergleichsweise kontrolliert abgelaufen. Die Wucht war trotzdem so groß, dass sein großes, lanzenartiges Flensmesser ihm aus den Händen gerissen wurde und in einer Hauswand steckte.


Das Video erreichte innerhalb weniger Tage Millionen Aufrufe. Und es zeigte das, was im Oregon-Fall für Zuschauer unsichtbar geblieben war: den Moment, in dem der Druck sich eine Bahn sucht.


Lernpunkt 4: Auch wer weiß, dass Gas im Kadaver steckt, unterschätzt regelmäßig, wie viel davon wirklich im Tier ist.


April und Mai 2014, Neufundland: der Wal, der gerade nicht explodierte


Manchmal ist die spannendste Geschichte die, in der nichts passiert.

2014 strandeten an der Westküste Neufundlands gleich mehrere Blauwale. Zwei davon landeten in Küstenorten. In Trout River blähte sich ein rund 25 Meter langer, 60 Tonnen schwerer Kadaver am Waterfront auf, während das Methan im Inneren expandierte. Der Umfang hatte sich mehr als verdoppelt, die Stadtverwaltung fürchtete eine Explosion nahe dem historischen Holzpromenade.


Medien weltweit stürzten sich auf die Geschichte, von CNN bis BBC. Interessant ist, wer dabei bremste. Jack Lawson, Wissenschaftler bei Kanadas Fischereibehörde, erklärte, die Wahrscheinlichkeit einer spontanen Explosion in dieser Größenordnung sei sehr gering. Das Gas werde letztlich entweichen, und der Kadaver werde wie ein alter Ballon einfach in sich zusammensinken. Das Risiko entstehe eher durch jemanden mit scharfer Klinge, der ein Loch hineinschneiden wolle, oder wenn jemand unvorsichtig auf den Körper klettere.


Der Wal explodierte nicht. Ein Team des Royal Ontario Museum übernahm die Sezierung und transportierte das Skelett schließlich ab. Es wurde 2017 in Toronto zum Ausstellungsstück.


Lernpunkt 5: Die mediale Erwartung einer Explosion ist größer als die biologische Wahrscheinlichkeit. Ein gestrandeter Wal ist fast immer ein Verwesungsproblem, selten ein Explosionsproblem.


Was daraus geworden ist: von der Panne zur Pietät


Wenn man die Fälle nebeneinander legt, zeigt sich ein Muster, das über Biologie hinausgeht.


  • 1970 galt ein Kadaver als technisches Hindernis, vergleichbar mit einem großen Felsen.

  • 1979 galt er bereits als zu vergrabendes Objekt.

  • 2004 galt er als wissenschaftlich wertvoll, aber logistisch kaum zu bändigen.

  • 2013 galt er als Kulturgut, dessen Skelett ins Museum gehört.

  • 2014 galt er als global beachtetes Naturdenkmal, um dessen Verwendung Städte, Museen und Künstler konkurrierten.


Der Umgang mit dem toten Wal hat sich also nicht nur verändert, weil Behörden klüger wurden. Er hat sich verändert, weil sich die Bedeutung des Wals verschoben hat, vom Strandmüll zum Symbol für eine bedrohte Art, zum Mahnmal, zum Ausstellungsstück. Der Klimawandel und häufigere Strandungen werden diesen Umgang weiter unter Druck setzen. Wer entscheidet, wessen Küste das Problem schultern muss, ist längst keine technische Frage mehr, sondern eine politische.


Ein Stück weit spiegelt die kurze Geschichte explodierender Wale unsere eigene Lernkurve im Umgang mit der Natur. Wir haben aufgehört, sie wegzusprengen. Aber wir wissen immer noch nicht so recht, wo wir sie hinlegen sollen.


Wer die Arbeit dieses Magazins mag, kann sie mit einem Klick unterstützen. Like da lassen, einen Kommentar mit deinem Lieblings-Kuriositätenfall der Wissenschaftsgeschichte schreiben, und, falls Tierbiologie und skurrile Wissenschaftsmomente dein Ding sind, folge uns hier:


Offene Fragen, fehlende Daten, konkurrierende Deutungen


Nicht alles an dieser Geschichte ist gut belegt. Drei Unsicherheiten, die es wert sind, festgehalten zu werden.


  • Wie oft explodieren Wale wirklich? 

    Es gibt keine systematische Zählung. Die bekannten Fälle sind jene, die gefilmt wurden. Wie viele Kadaver weltweit still auf Stränden entgasen oder abgesehen vom Gestank ereignislos verrotten, weiß niemand.

  • Welche Rolle spielen Schiffskollisionen? 

    Der Tainan-Fall legt nahe, dass Vorverletzungen die Explosionsneigung erhöhen können. Ob das verallgemeinerbar ist, ist nicht gut untersucht.

  • Was bringt der Klimawandel? 

    Häufigere Strandungen werden in mehreren Studien diskutiert, aber Ursachen wie Schallverschmutzung, Temperaturverschiebung und Nahrungsmangel sind schwer voneinander zu trennen.


Fünf Dinge, die du aus dieser Timeline mitnehmen kannst


  1. Ein toter Wal ist kein Felsen. Er ist ein biologisches System mit Innendruck.

  2. Behörden lernen, aber oft erst, nachdem das Video viral gegangen ist.

  3. Spontane Explosionen sind selten, provozierte Explosionen deutlich häufiger, Menschen mit Messern sind das größte Risiko.

  4. Die Medialisierung verändert den Umgang. Ein Wal, dessen Kadaver Schlagzeilen macht, wird anders entsorgt als einer, der keine macht.

  5. Die wirklich spannende Frage ist nicht, wie man einen Wal in die Luft jagt, sondern wer zuständig ist, wenn er kommt.


Falls du über die nächsten Wissenschafts-Kuriositäten dieser Art nicht zufällig stolpern willst, trag dich in den Newsletter der Wissenschaftswelle ein. Dort landen diese Geschichten als erste.



Quellenliste


  1. Oregon Encyclopedia, Florence Whale Explosion - https://www.oregonencyclopedia.org/articles/florence_whale_explosion/

  2. Wikipedia, Exploding whale - https://en.wikipedia.org/wiki/Exploding_whale

  3. Offizielle Website Exploding Whale Florence Oregon - https://www.xplodingwhale.com/

  4. Oregon Public Broadcasting, It was like a blubber snowstorm - https://www.opb.org/artsandlife/series/history/florence-oregon-whale-explosion-history/

  5. All That's Interesting, Florence Oregon's Exploding Whale - https://allthatsinteresting.com/exploding-whale

  6. Dave Barry Substack, The Exploding Whale - https://davebarry.substack.com/p/the-exploding-whale

  7. Oregon Historical Society Blog, Beached Whale Blow-Up 50th Anniversary - https://www.ohs.org/blog/beached-whale-blow-up.cfm

  8. NBC News, Thar she blows, Dead whale explodes - https://www.nbcnews.com/id/wbna4096586

  9. TheExplodingWhale.com, Taiwan 2004 - https://www.theexplodingwhale.com/more-whales/20040126-taiwan

  10. Johns Hopkins News-Letter, Whale explodes on Taiwan street - https://www.jhunewsletter.com/2004/02/05/whale-explodes-on-taiwan-street-69476/

  11. Guinness World Records, Largest mammal to explode naturally - https://www.guinnessworldrecords.com/world-records/87015-largest-mammal-to-explode-natural

  12. TheExplodingWhale.com, Faroe Islands 2013 - https://www.theexplodingwhale.com/more-whales/20131126-faroe-islands

  13. Swimmers Daily, Sperm whale explodes Faroe Islands - http://www.swimmersdaily.com/2013/11/28/sperm-whale-explodes-faroe-islands/

  14. HuffPost, Sperm Whale Explodes Stomach-Churning Clip Faroe Islands - http://www.huffingtonpost.com/2013/11/27/sperm-whale-explodes-video-faroe-island_n_4349948.html

  15. CNN, Could whales explode in Canadian towns - https://www.cnn.com/2014/04/30/world/blue-whale-carcass-problem/index.html

  16. NPR, A Whale Of A Problem - https://www.npr.org/sections/thetwo-way/2014/04/30/308346341/a-whale-of-a-problem-town-faces-threat-of-exploding-carcass

  17. CBC News, Trout River's world-famous blue whale returns - https://www.cbc.ca/news/canada/newfoundland-labrador/trout-river-blue-whale-photograph-marc-losier-1.5735682

  18. Royal Ontario Museum, Blue Whale Update - https://www.rom.on.ca/blogs/blue-whale-update-where-it-now

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