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Wahlanalyse Baden-Württemberg: Stimmensplitting, Hürde, Macht – die neue Logik der Wahl

Quadratisches Thumbnail im knalligen Cartoon-Stil: Eine Wahlurne mit großen runden Augen wirft einen Stimmzettel ein, davor Lupe, Balkendiagramm und eine stilisierte Karte von Baden-Württemberg vor surrealem Neon-Hintergrund. Oben steht „BW-WAHL: Gewinner, Verlierer, Folgen“, darunter „Partei für Partei • Datencheck“, unten als Branding „Wissenschaftswelle.de“.

Wahlanalyse Baden-Württemberg im Überblick


69,6 % Wahlbeteiligung – das ist kein Nebenwert, sondern der erste Befund. Mehr Menschen wollten mitentscheiden, wer Baden-Württemberg steuert. Und sie haben sehr klar umgeschichtet: CDU (29,7 %) und AfD (18,8 %) legen stark zu, die Grünen bleiben vorn, verlieren aber (30,2 %). SPD (5,5 %), FDP (4,4 %) und Linke (4,4 %) geraten an die Kante der politischen Sichtbarkeit – mit ganz unterschiedlichen Gründen und Konsequenzen.


Ein zweiter Befund steckt in der Mechanik: Erst- und Zweitstimme laufen diesmal auseinander. CDU ist bei den Erststimmen deutlich stärker (34,3 %) als bei den Zweitstimmen (29,7 %) – klassischer Kandidatenbonus. Bei den Grünen ist es umgekehrt: 25,5 % Erststimme, aber 30,2 % Zweitstimme. Das riecht nach Stimmensplitting: „Person hier, Partei dort“ – und das verändert, wie man Gewinner und Verlierer liest.


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Sitzlogik: Warum Prozentzahlen nicht automatisch Mandate bedeuten


Für die Sitzverteilung ist die Zweitstimme der entscheidende Taktgeber. Gleichzeitig gilt die 5-Prozent-Hürde: Wer darunter bleibt, kann trotz relevanter Debattenpräsenz aus dem Parlament fallen. Genau dort liegt die Spannung dieser Wahl: FDP und Linke stehen mit je 4,4 % knapp darunter; bei kleinen Parteien wie Freie Wähler (1,9 %), BSW (1,4 %), Volt (0,9 %) und Tierschutzpartei (0,9 %) sind Mandate unter normalen Bedingungen noch unwahrscheinlicher.


Was dabei oft übersehen wird: Eine Hürde ist nicht nur ein Rechenparameter. Sie ist ein Filter, der politische Vielfalt gegen Regierungsfähigkeit abwägt – und damit immer auch eine normative Entscheidung über „Relevanz“.


Partei für Partei: Zahlen, Milieus, Themen – und die strategische Lage


GRÜNE (30,2 % Zweitstimme; –2,4 Pp.)


Die Grünen bleiben stärkste Kraft, aber mit einem klaren Warnsignal: Der Abstand zwischen Erststimme (25,5 %) und Zweitstimme (30,2 %) deutet auf ein verbreitetes Muster hin – Zustimmung zur Partei, aber weniger Bindung an einzelne Wahlkreis-Kandidaturen oder lokale Mobilisierung. In den Milieus sind sie besonders stark bei Frauen und Menschen mit Hochschulabschluss; zugleich bleibt Klimaschutz ihr klarster Kompetenzanker. Strategisch heißt das: Die Grünen sind weiter regierungsfähig, aber nicht mehr automatisch hegemonial. Die Herausforderung bleibt, Klima, Infrastruktur und Industriepolitik als zusammengehörige Modernisierungserzählung zu verkaufen – nicht als gegeneinander ausgespielte Projekte.


Hinzu kommt der Kandidatenfaktor. Diese Wahl war die erste Landtagswahl seit Jahren ohne Winfried Kretschmann als Spitzenfigur. Das allein verändert die Grünen strukturell: Ein Teil ihres früheren Vorteils bestand in Kretschmanns persönlicher Sonderstellung als pragmatischer, bürgerlicher Amtsinhaber. Dass die Partei trotz dieses Wegfalls stärkste Kraft bleibt, spricht für eine noch immer robuste Stammverankerung. Dass sie zugleich verliert, spricht dafür, wie wertvoll Kretschmanns Bonus tatsächlich war. Cem Özdemir kompensierte davon offenbar einen Teil: Im ZDF-Politbarometer lag er bei der Frage nach dem gewünschten Ministerpräsidenten deutlich vor seinen Konkurrenten. Das ist politisch hoch relevant, weil es erklärt, warum die Grünen in einem schwierigen Umfeld nicht stärker abstürzten.


Ein zweiter Faktor ist die inhaltliche Verschiebung des Wahlkampfs. In Baden-Württemberg stand die wirtschaftliche Transformation des Industriestandorts stark im Vordergrund, insbesondere mit Blick auf Automobilindustrie, Zulieferer, Energiepreise und Standortkonkurrenz. Genau hier mussten die Grünen beweisen, dass Klimapolitik nicht als Zusatzbelastung, sondern als industrielle Zukunftspolitik gelesen werden kann. Özdemirs Kampagne setzte deshalb sichtbar auf Pragmatismus, Mittelstand und Standorttreue. Das war strategisch folgerichtig: In einem Land, in dem Abstiegsangst rund um die Industrie real ist, reicht moralische Klimakompetenz allein nicht mehr. Die Grünen bleiben stark, aber ihre Mehrheitsfähigkeit hängt künftig noch stärker davon ab, ob sie ökologischen Umbau als Wohlstandsversprechen glaubhaft machen.


CDU (29,7 % Zweitstimme; +5,6 Pp.)


Die CDU ist der zweite große Gewinner – und zwar nicht nur in Prozent, sondern im politischen Narrativ: Sie wird besonders stark bei den Erststimmen (34,3 %), was auf solide Wahlkreis-Netzwerke und personelle Zugkraft hindeutet. In den Milieus dominiert sie bei Älteren und erreicht hohe Werte in eher klassisch-konservativen und berufsnahen Gruppen. Ihr stärkster Themenbesitz liegt bei Wirtschaft und Bildung/Schule. Strategisch ist das eine klassische „Regierungspartei-Rückkehr“: Wer Wirtschaft zur wichtigsten Sorge macht, spielt der CDU den Ball in den Lauf.


Der zentrale Zusatzfaktor ist hier ebenfalls die Personalisierung. Manuel Hagel stand für Generationswechsel, Aufstieg, Landesbodenständigkeit und das Versprechen, die CDU nach Jahren als Juniorpartner wieder an die Spitze zu führen. Dass die CDU in Umfragen lange knapp oder teils klar vorne lag, deutet darauf hin, dass dieses Angebot verfing. Gleichzeitig zeigt das Endergebnis auch die Grenze dieser Strategie: Hagel profitierte von starker CDU-Infrastruktur und hoher Wirtschaftskompetenz, konnte aber den persönlichen Beliebtheitsvorsprung Özdemirs offenbar nicht neutralisieren. Das ist wichtig für die Deutung: Die CDU gewann systemisch an Vertrauen, aber nicht in gleichem Maß an emotionaler Zustimmung zur Spitzenfigur.


Außerdem spielte der wirtschaftliche Problemhintergrund der CDU stark in die Hände. Baden-Württemberg ist besonders sensibel für Debatten über Deindustrialisierung, Arbeitsplätze, Autozulieferer, Energie und Wettbewerbsfähigkeit. Die CDU konnte sich in dieser Lage als Anbieterin von Sicherheit, Ordnung und wirtschaftlicher Vernunft inszenieren. Das erklärt auch, warum sie nicht bloß Stimmen gewann, sondern ihr Narrativ verbreitern konnte: nicht nur „gegen Grün“, sondern „für Stabilität im Umbau“. Offene Frage bleibt, ob daraus mehr wird als ein Vertrauensvorschuss. Ein Wahlsieg im Stimmungsraum ist noch kein Beweis für tragfähige landespolitische Lösungsarchitektur.


AfD (18,8 % Zweitstimme; +9,1 Pp.)


Die AfD verdoppelt sich nahezu im Vergleich zur letzten Wahl – das ist der größte strukturelle Shift dieses Abends. Sie ist deutlich stärker bei Männern und in bestimmten mittleren Altersgruppen; bei Arbeitern erzielt sie besonders hohe Werte. Das spricht für eine Partei, die sich als Ventil in Teilen der Arbeits- und Mittelschicht verankert – weniger als Randphänomen, mehr als dauerhafte Protest- und Identitätsoption. Besonders aufschlussreich bleibt der hohe Anteil ehemaliger Nichtwähler unter ihren Wählern: Das senkt die Eintrittsschwelle in den parteipolitischen Raum und macht Protest parlamentarisch sichtbar.


Der Wahlerfolg der AfD ist aber nicht nur arithmetisch, sondern auch kontextuell zu lesen. In einem Wahlkampf, der stark von Unsicherheit über Migration, Ordnung, ökonomische Zukunft und politisches Vertrauen geprägt war, profitiert eine Partei, die Konflikte maximal zuspitzt. Hinzu kommt: Je stärker andere Parteien das Land als Krisenraum beschreiben, desto leichter fällt es der AfD, sich als radikale Übersetzung dieses Krisengefühls anzubieten. Dass ihr Spitzenkandidat Markus Frohnmaier zugleich mit problematischen Schlagzeilen konfrontiert war, hat den Aufstieg offenkundig nicht gestoppt. Das spricht dafür, dass die Wahlentscheidung hier stärker lager- und stimmungsgetrieben war als personalisiert.


Strategisch verschiebt das die gesamte Koalitionsdebatte. Selbst wenn niemand mit der AfD koaliert, verändert ihre Größe, worüber gesprochen wird – und was als „Mehrheit“ überhaupt noch selbstverständlich ist. Politisch noch wichtiger: Die Partei gewinnt nicht nur aus den Rändern, sondern auch aus Entfremdung. Das ist demokratietheoretisch brisanter als bloße Milieuverhärtung, weil es auf eine Öffnung des Parteiensystems für vormals passive Gruppen hindeutet.


SPD (5,5 % Zweitstimme; –5,5 Pp.)


Die SPD landet knapp über der Hürde – und wirkt dennoch wie eine Partei im freien Fall. Dass sie bei den Erststimmen höher liegt (8,4 %), zeigt: Es gibt lokale Kandidatenstärke, aber zu wenig landesweite Parteibindung. In der Kompetenzzuschreibung bei sozialer Gerechtigkeit liegt sie zwar sichtbar im Feld, aber ohne klare Alleinstellung – und genau das ist das Problem. Wenn das Kernversprechen nicht exklusiv wirkt, wird es austauschbar.


Bei der SPD kommt ein zweiter, schwerer Faktor hinzu: bundespolitischer Ballast. Nach den Krisenjahren der Ampel und der veränderten Rolle der SPD auf Bundesebene ist die Partei in vielen Ländern nicht mehr automatisch Trägerin sozialer Hoffnung, sondern oft Mitverantwortliche für ungelöste Konflikte. Landespolitisch ist das nicht fair, aber real. Andreas Stoch konnte als Landesfigur zwar Präsenz zeigen, doch die SPD profitierte offenkundig kaum von Personalisierung. Das deutet darauf hin, dass ihre Schwäche tiefer liegt als in Kampagnenfehlern: Sie hat derzeit kein scharfes, landespolitisch eigenständiges Angebot, das zwischen Grünen, CDU, Linken und AfD eindeutig unterscheidbar wäre.


Strategisch steht die SPD damit vor einer Identitätsfrage, die über Baden-Württemberg hinausweist: Will sie soziale Gerechtigkeit als regierungsfähige Pragmatik verkaufen oder als konfliktfähige Opposition? In dieser Wahl wirkte sie in beidem nicht dominant genug. Das Ergebnis knapp über fünf Prozent ist darum nicht nur ein schlechtes Resultat, sondern ein Warnsignal für ihre strukturelle Verankerung im Land.


FDP (4,4 % Zweitstimme; –6,1 Pp.)


Für die FDP ist das Ergebnis ein Schock: Unter fünf Prozent bedeutet politisch schnell „draußen“, selbst wenn es regionale Hochburgen gibt. Ihr Profil zeigt weiterhin eine Nische, etwa bei Selbstständigen – aber die Breite fehlt. In einer Wahl, in der Wirtschaft zwar zentrales Thema war, aber häufig als Sicherheits-, Industrie- und Standortfrage gelesen wurde, trat die FDP nicht als primärer Sicherheitsanbieter auf, sondern eher als Spezialinstrument für marktwirtschaftliche Feinkorrekturen.


Der wohl wichtigste Zusatzfaktor ist der bundespolitische Schatten. Die FDP war bereits bei der Bundestagswahl 2025 an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert; das beschädigt Sichtbarkeit, Selbstvertrauen und strategische Glaubwürdigkeit auch auf Landesebene. Parteien, die bundespolitisch als abstiegsgefährdet gelesen werden, geraten in Landtagswahlen schnell in eine self-fulfilling spiral: Weniger mediale Präsenz erzeugt weniger Zutrauen, und weniger Zutrauen senkt wiederum die Bereitschaft zu taktischem Wählen zugunsten des Parlamentseinzuges.


Hinzu kommt ein inhaltliches Problem: Ausgerechnet in einem wirtschaftlich nervösen Bundesland hätte die FDP eigentlich eine Bühne haben müssen. Dass sie sie nicht nutzen konnte, zeigt, dass „Wirtschaft“ hier nicht als liberales Effizienzthema codiert war, sondern als Schutz- und Transformationsfrage. Davon profitieren im Zweifel CDU oder – in Protestform – AfD stärker als eine Partei, die auf Rationalität, Entlastung und marktwirtschaftliche Eleganz setzt.


Die Linke (4,4 % Zweitstimme; +0,8 Pp.)


Die Linke verbessert sich leicht – und scheitert trotzdem knapp an der Hürde. Ihr Milieuprofil bleibt deutlich jünger: Unter Jüngeren ist sie wesentlich stärker als im Rest des Elektorats. Das kann man als Signal lesen, dass soziale Fragen, Wohnen und Verteilung bei Jüngeren politische Resonanzräume haben – aber noch keine massenfähige landesweite Koalition tragen. In der Kompetenz bei sozialer Gerechtigkeit ist sie sichtbar, aber nicht dominant genug, um die SPD klar zu überholen oder ein eigenes breiteres Lager zu formen.


Auch hier spielt der Wahlkampfraum eine Rolle: In einem Klima, das von Wirtschaftssorge, Migration und Regierungsfragen dominiert wurde, haben redistributive und sozialpolitische Angebote es schwerer, die Hauptachse der Auseinandersetzung zu besetzen. Die Linke gewann etwas hinzu, aber das Feld war zu stark polarisiert zwischen Regierungsfrage, Protestkanal und Stabilitätsversprechen. Strategisch bleibt daher das bekannte Dilemma: unterscheidbar genug, um nicht in der SPD aufzugehen – und zugleich anschlussfähig genug, um über urbane und junge Milieus hinauszukommen.


FREIE WÄHLER (1,9 %)


Die Freien Wähler verlieren und bleiben klein. In Baden-Württemberg bestätigt sich damit ein bekanntes Muster: Kommunal verankerte Kümmerer-Politik lässt sich nicht automatisch in Landtagslogik übersetzen, wenn die Wahl von Richtungsfragen wie Wirtschaft, Migration und Klima geprägt ist. Ihr Problem ist weniger die fehlende lokale Verankerung als die mangelnde Zuspitzungsfähigkeit im großen politischen Konfliktraum. Strategisch bleibt ihnen vor allem die Rolle regionaler Themenbündler – ohne großen Hebel, solange der Landtag nicht erreicht wird.


BSW (1,4 %)


Das BSW tritt als neue Adresse für Unzufriedenheit auf, bleibt aber deutlich unter der Schwelle. Kleine Stichproben mahnen bei Milieudeutungen zur Vorsicht, aber strategisch ist die Lesart naheliegend: Das BSW konkurriert um Protestenergie, soziale Skepsis und Elitenkritik – also genau um Felder, die in dieser Wahl stärker von der AfD besetzt wurden. In einem Klima, in dem „Denkzettel“ zählt, gewinnt oft die Kraft, die am eindeutigsten als Systemopposition lesbar ist. Das war hier offenkundig nicht das BSW.


Volt (0,9 %)


Volt bleibt im unteren Prozentbereich: urban, proeuropäisch, modern – aber ohne breite Andockfläche in einer Wahl, die stark von Standortsorgen, Integrationskonflikten und Regierungsoptionen geprägt war. Strategisch ist Volt in Baden-Württemberg eher ein Langfristprojekt: Markenaufbau, kommunale Präsenz, Themenführerschaft in urbanen Milieus. In einer polarisierten Landtagswahl reicht das bislang nicht für den Durchbruch.


Tierschutzpartei (0,9 %)


Die Tierschutzpartei zeigt, dass Ein-Thema- oder Schwerpunktmobilisierung sichtbar sein kann, aber meist nicht in einen mandatsfähigen Bereich führt. Strategisch ist das eher Agenda-Druck als Machtperspektive: Solche Parteien können Debatten verschieben, ohne parlamentarisch einzuziehen. Der Preis bleibt hoch: Ohne Sitze fehlt institutioneller Hebel, Personalaufbau und dauerhafte Medienaufmerksamkeit.


Zusätzliche Faktoren, die über die Prozentzahlen hinaus wichtig sind


1. Die Wahl war stärker personalisiert als viele frühere Baden-Württemberg-Wahlen.


ZDF und weitere Wahlberichterstattung beschrieben den Wahlkampf als stark auf die Spitzenkandidaten zugespitzt. Besonders relevant war dabei, dass Cem Özdemir in der Ministerpräsidentenfrage deutlich besser abschnitt als Manuel Hagel, obwohl CDU und Grüne im Parteienwettbewerb eng beieinanderlagen. Das ist ein klassischer Hinweis darauf, dass Partei- und Personenwahl hier auseinanderliefen. Für die Grünen war das ein Schutzfaktor, für die CDU ein begrenzender Faktor.


2. Der Abgang Kretschmanns war ein Einschnitt.


Nach 15 Jahren grüner Regierungsführung ohne den langjährigen Amtsbonus eines populären Ministerpräsidenten war diese Wahl kein Routinevorgang. Dass die Grünen unter diesen Bedingungen knapp vorne bleiben, ist eher Ausdruck verbliebener Verankerung als Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig macht der Stimmenverlust sichtbar, wie sehr Kretschmann zuvor als Brücke in bürgerliche Milieus fungiert hatte.


3. Die wirtschaftliche Lage des Landes war wahrscheinlich der wichtigste Sachkontext.


Baden-Württemberg ist in besonderem Maß vom Zustand der Industrie, vor allem der Automobil- und Zulieferbranche, abhängig. Debatten über Transformation, Energie, Bürokratie, Standorttreue und Beschäftigung waren deshalb keine Nebenthemen, sondern berührten das Selbstverständnis des Landes. Das erklärt, warum CDU und Grüne beide so stark wirtschaftspolitisch argumentierten – wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten.


4. Migration und Ordnung blieben konfliktstarke Mobilisierungsthemen.


Schon in den Vorwahlberichten wurden innere Sicherheit, Einwanderungssteuerung und staatliche Handlungsfähigkeit als zentrale Felder beschrieben. Solche Themen wirken selten linear, aber sie verschieben die Wahrnehmung dessen, wer als „entschlossen“ gilt. Davon profitieren in der Regel CDU und AfD stärker als SPD, FDP oder kleinere progressive Parteien. Özdemir versuchte sichtbar, dieses Feld nicht komplett den Gegnern zu überlassen, was für die Grünen strategisch bemerkenswert war.


5. Das neue Wahlrecht und die erste Wahl mit 16/17-Jährigen veränderten den Rahmen.


2026 war die erste Landtagswahl in Baden-Württemberg mit zwei Stimmen und zugleich die erste mit Wahlrecht ab 16. Das erklärt nicht automatisch das Ergebnis, verändert aber die Kampagnenlogik: stärkere Personalisierung, neue Ansprachen, mehr Aufmerksamkeit für Splitting und für jugendliche Erstwähler. Dass trotzdem vor allem die großen Konfliktachsen dominierten, zeigt, wie stark Sach- und Stimmungslage diese Wahl überformten.


Koalitionsarithmetik: Mehrheitsbildung unter zusätzlichem Druck


Mit Grünen und CDU als fast gleich starken Polen wirkt vieles auf den ersten Blick wie eine klassische Zweier-Logik. Gleichzeitig verändert die Größe der AfD den gesamten Raum: Je stärker sie ist, desto enger wird der Korridor für Mehrheiten ohne sie – und desto mehr steigt der Druck auf größere, breitere oder politisch unerquicklich wirkende Koalitionsmodelle. Das ist nicht nur Rechenlogik, sondern Wahrnehmungspolitik: Große oder unromantische Bündnisse werden dann oft nicht geliebt, aber als stabil akzeptiert.


Und dann ist da die Hürde. Wenn FDP und Linke draußen bleiben, wird der Landtag weniger fragmentiert, aber auch weniger plural. Das kann Regieren erleichtern – oder Protest außerhalb parlamentarischer Bahnen verstärken. Genau diese Spannung macht die Wahl gesellschaftlich relevant: Demokratie lebt nicht nur von Mehrheiten, sondern auch davon, dass sich Minderheiten repräsentiert fühlen, bevor sie resignieren oder radikalisieren.


Was offen bleibt: die drei zentralen Fragen nach dem Wahlabend


Erstens: Personalisierung als Ausnahme – oder neues Normal?


Die Differenz zwischen Parteiwerten und Kandidatenbeliebtheit war diesmal auffällig. Die Frage ist, ob Baden-Württemberg nach Kretschmann nun in eine Phase stärker personalisierter Politik eintritt – oder ob das vor allem ein Sondereffekt des Übergangs war.


Zweitens: Kann Wirtschaft den politischen Grundkonflikt neu ordnen?


Wenn Industrie, Energie und Standortfragen dauerhaft die politische Hierarchie bestimmen, profitieren Parteien, die Sicherheit und Umsetzungsfähigkeit ausstrahlen. Dann reicht es nicht mehr, einzelne Kompetenzfelder zu besitzen; man muss ein Gesamtangebot für Transformation formulieren.


Drittens: Wer integriert die Entfremdeten politisch?


Die AfD gewinnt auch aus Nichtwahl und Entkopplung. SPD und FDP verlieren auf sehr unterschiedliche Weise Anschluss. Das macht die Frage zentral, welche demokratischen Parteien verlorenes Vertrauen zurückholen können – nicht nur programmatisch, sondern emotional und organisatorisch.


Wenn du bis hierher gelesen hast: Hinterlass ein Like und schreib in die Kommentare, welche Koalition du für realistisch hältst – und welche du dir wünschst.


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Quellenliste:


  1. Amtliches Ergebnisportal Landtagswahl BW 2026 (Land/Regionen/Erst- & Zweitstimmen) – https://wahlen.statistik-bw.de/ltw26/

  2. Downloadseite (CSV/Ergebnisdaten) – https://wahlen.statistik-bw.de/ltw26/downloads.html

  3. Datensatzbeschreibung/Hinweise (PDF) – https://wahlen.statistik-bw.de/ltw26/Hinweise-Datensatzbeschreibung.pdf

  4. Wahlrecht & Infos zur Landtagswahl 2026 (Innenministerium BW) – https://im.baden-wuerttemberg.de/de/land-kommunen/lebendige-demokratie/wahlen/landtagswahl-2026

  5. Statistischer Bericht „Vergleichs- und Strukturdaten zur Landtagswahl 2026“ (PDF) – https://www.statistik-bw.de/fileadmin/user_upload/Service/Veroeff/Statistische_Berichte/423525001.pdf

  6. Statistisches Monatsheft: Beitrag zur Wahlrechtsreform/Einordnung (PDF) – https://www.statistik-bw.de/fileadmin/user_upload/Service/Veroeff/Statistisches_Monatsheft/Beitrag25_12_06.pdf

  7. ZDF Wahltool: Wichtigste Probleme (Grafik) – https://wahltool.zdf.de/2026-03-08-LT-DE-BW/_slideshow/html/2400x1350-U1135-20260308231924.jpg

  8. ZDF Wahltool: Kompetenz Wirtschaft (Grafik) – https://wahltool.zdf.de/2026-03-08-LT-DE-BW/_slideshow/html/2400x1350-U1094-20260308231950.jpg

  9. ZDF Wahltool: Kompetenz Klimaschutz (Grafik) – https://wahltool.zdf.de/2026-03-08-LT-DE-BW/_slideshow/html/2400x1350-U107-20260308232010.jpg

  10. ZDF Wahltool: Kompetenz Soziale Gerechtigkeit (Grafik) – https://wahltool.zdf.de/2026-03-08-LT-DE-BW/_slideshow/html/2400x1350-U1097-20260308232032.jpg

  11. ZDF Wahltool: Kompetenz Asyl/Flucht (Grafik) – https://wahltool.zdf.de/2026-03-08-LT-DE-BW/_slideshow/html/2400x1350-U1095-20260308232249.jpg

  12. ZDF Wahltool: Frauen/Männer nach Partei (Grafiken) – https://wahltool.zdf.de/2026-03-08-LT-DE-BW/

  13. ZDF Wahltool: Alter nach Partei (Grafiken) – https://wahltool.zdf.de/2026-03-08-LT-DE-BW/

  14. ZDF Wahltool: Bildung/Beruf nach Partei (Grafiken) – https://wahltool.zdf.de/2026-03-08-LT-DE-BW/

  15. ZDF Wahltool: AfD-Herkunft (Wählerwanderung, Grafik) – https://wahltool.zdf.de/2026-03-08-LT-DE-BW/_slideshow/html/2400x1350-U1144-20260308232049.jpg

  16. ZDF Wahltool: AfD-Motiv „Forderungen vs. Denkzettel“ (Grafik) – https://wahltool.zdf.de/2026-03-08-LT-DE-BW/_slideshow/html/2400x1350-U92-20260308233002.jpg

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