Wenn Lust und Ekel dasselbe Gehirn teilen
- Benjamin Metzig
- vor 4 Minuten
- 7 Min. Lesezeit

Das vielleicht ungemütlichste Paradox der menschlichen Sexualität
Folgende Szene: Du küsst jemanden leidenschaftlich. Denselben Menschen, dessen Zahnbürste du niemals anfassen würdest. Derselbe Speichel, den du in einem anderen Kontext als abstoßend empfinden würdest, wird plötzlich zum Medium von Intimität. Dieses kleine Beispiel, das Sigmund Freud vor über hundert Jahren notierte, ist vielleicht das präziseste Bild für ein Phänomen, das die Wissenschaft bis heute fasziniert und verwirrt: die Grenze des Ekels im Kontext der Sexualität ist häufig rein konventionell – und die Libido kann sie überwinden.
Lust und Ekel gelten gemeinhin als Antipoden. Das eine zieht uns an, das andere stößt ab. Doch diese saubere Trennung ist eine Illusion. Die Realität ist erheblich unordentlicher – und wissenschaftlich erheblich interessanter.
Ekel als Überlebenssystem
Um das Paradox zu verstehen, muss man zuerst verstehen, wozu Ekel überhaupt da ist. Er ist kein ästhetisches Empfinden, kein Luxus der Zivilisation. Er ist ein biologisches Alarmsystem, das sich über Jahrmillionen verfeinert hat.
Die Hygieneforscherin Valerie Curtis von der London School of Hygiene and Tropical Medicine vertritt die These, dass Ekel entstanden ist, um mit Parasiten fertig zu werden. Im Laufe der Evolution haben sich Barrieren wie die Haut und die Schleimhäute ausgebildet, die Parasiten aus dem Körper heraushalten sollen – und ergänzend dazu ein ausgeklügeltes Immunsystem. Der Ekel ist gewissermaßen die erste Verteidigungslinie, noch vor dem Immunsystem selbst: Nicht anfassen, nicht einatmen, nicht essen.
Einige Wissenschaftler wie Paul Rozin halten eine starke Abwehrreaktion auf ungenießbare Substanzen für den Ursprung dieser Emotion. Auch die Psychologin Anne Schienle vermutet, dass der Ekel im Zusammenhang mit dem Würgereflex entstanden ist – und später als Schutzmechanismus auf Körperprodukte und Gerüche ausgeweitet worden sei.
Was Ekel auslöst, ist dabei keineswegs willkürlich. Überall in der Welt ekeln sich Menschen vor Maden, Fäulnis, Kot – ein interkulturelles Signal, das auf eine biologische Grundlage hindeutet. Und der Gesichtsausdruck ist universell: Nasenlöcher verengen, Augen schließen sich, die Oberlippe zieht sich hoch. Weniger anekdotisch, als es klingt – es ist eine messbare, physiologische Reaktion, die die Aufnahme potenziell schädlicher Reize reduzieren soll.
Jetzt kommt das Problem: Sex ist, biologisch betrachtet, eine einzige große Ekelsituation.
Die ekligste aller Lusthandlungen
Speichel, Schweiß, Samenflüssigkeit und Körpergeruch gehören zu den stärksten Auslösern von Ekel überhaupt. Das führt zu der faszinierenden Frage, wie es Menschen überhaupt gelingt, Spaß am Sex zu haben. So formulierten es die niederländischen Psychologen Charmaine Borg und Peter J. de Jong von der Universität Groningen – und gingen der Frage dann empirisch nach.
In ihrer Studie mit 90 Probandinnen, 2012 im Fachblatt PLoS ONE erschienen, zeigten sie drei Gruppen von Frauen unterschiedliche Filmsequenzen: eine sexuell erregende, eine positiv stimulierende (Extremsport) und eine neutrale (Zugfahrt durch Landschaften). Danach konfrontierten die Forscher alle Teilnehmerinnen mit einer Reihe potenziell ekelerregender Aufgaben – aus einem Glas mit schwimmendem Plastikinsekt trinken, sich an einem (gefärbten, nicht wirklich benutzten) Taschentuch die Hände abwischen. Die Frauen wussten das nicht.
Tatsächlich stuften sexuell erregte Teilnehmerinnen die abstoßenden Aufgaben als weniger ekelerregend ein als die Frauen aus den anderen beiden Gruppen. Das galt sowohl für Aufgaben mit sexuellem Bezug als auch für nicht-sexuelle Ekelreize. Außerdem zeigten Probandinnen unter sexueller Erregung weniger Vermeidungsverhalten – sie führten die Aufgaben deutlich häufiger aus.
Das ist bemerkenswert. Sexuelle Erregung unterdrückt also nicht nur den Ekel vor körperlicher Intimität. Sie dämpft den Ekelreflex insgesamt – als würde ein Schalter umgelegt, der temporär das gesamte Abwehrsystem herunterregelt.
Lust und Ekel als evolutionäre Konkurrenten
Warum das so ist, lässt sich evolutionsbiologisch plausibel erklären – auch wenn Plausibilität nicht dasselbe ist wie Beweis.
Sexuelle Erregung motiviert uns zur Nähe mit anderen Menschen und ihren Körpern, während Ekel uns genau davon wegbewegt. Jeder unserer Vorfahren musste Ekel überwinden, um Sexualkontakt zu haben und sich fortzupflanzen. Eine Spezies, deren Ekelreflex stärker war als der Fortpflanzungstrieb, hätte sich buchstäblich selbst ausgerottet. Die Evolution hat einen Kompromiss entwickelt: Ekel als Standard, Lustzustand als temporärer Override.
Was dabei interessant ist: Dieser Override ist keine vollständige Abschaltung des Abwehrsystems, sondern eine dosierte Absenkung. Sexuelle Erregung ist ein Motivationszustand, der Menschen in Richtung Situationen bewegt, die prinzipiell ein Risiko der Krankheitsübertragung beinhalten. Ekel ist eine Emotion, die adaptiv genau davon wegbewegt. Die beiden Systeme stehen in einem dauerhaften Spannungsverhältnis – und das Ergebnis dieses Spannungsverhältnisses ist, was wir als sexuelles Erleben kennen.
Dass dieses Verhältnis zwischen den Geschlechtern unterschiedlich kalibriert ist, hat die Forschung mehrfach gezeigt. Frühere Studien zeigten, dass sexuell erregte Männer deutlich weniger dazu neigen, Dinge als ekelhaft einzustufen. Für Frauen ergibt sich ein weniger eindeutiges Bild, was sich durch ihre größere biologische Vulnerabilität beim Sex erklären lässt – Frauen sind anfälliger für sexuell übertragbare Erkrankungen und haben häufiger schlechtere Verläufe.
Das klingt nach einer sauberen evolutionären Geschichte. Ist es aber nur bedingt.
Wenn die Biologie zur Norm wird
An dieser Stelle wird es heikel – und das ist gut so. Denn die Frage, was Wissenschaft erklärt und was sie normiert, ist in der Sexualforschung besonders drängend.
Die evolutionspsychologische Erklärung für Geschlechterunterschiede im Ekelempfinden ist plausibel. Aber sie hat eine problematische Seite: Sie macht aus statistischen Unterschieden leicht biologische Notwendigkeiten. Wenn Frauen „evolutionär bedingt" ekelsensitiver sind, klingt das schnell nach einer Naturalisierung von Verhaltenserwartungen, die in Wirklichkeit auch kulturell geformt sind.
Die Evolutionspsychologie ist umstritten. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht kritisiert Stephen Jay Gould, dass Annahmen über die evolutionäre Bildung kognitiver Mechanismen häufig nicht mehr als plausibel klingende Geschichten seien, die sich nicht im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung bestätigen oder widerlegen ließen.
Es ist ein Unterschied, ob man sagt: „Frauen zeigen in Studien im Durchschnitt eine höhere Ekelsensibilität" – oder ob man sagt: „Frauen sind biologisch dazu bestimmt, sensibler zu reagieren." Das erste ist ein Befund. Das zweite ist eine Interpretation mit normativer Sprengkraft.
Hinzu kommt: Ekelempfinden ist nicht rein biologisch. Zusätzliche Ekelgefühle werden auch während der Sozialisation erworben. Nahrungstabus werden auch deshalb eingehalten, weil tabuisierte potenzielle Nahrungsmittel anerzogene Ekelgefühle auslösen. Was uns ekelt, ist immer auch eine kulturelle Leistung. Und was uns sexuell ekelt oder erregt, erst recht.
Freud hatte recht – und lag trotzdem daneben
Sigmund Freud hat das Paradox von Lust und Ekel bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts präzise beschrieben. In seinen Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie entwickelte er die Idee, dass Ekel und Scham als Schranken gegen den Sexualtrieb fungieren – und dass deren Überwindung selbst lustvoll sein kann. Die Überwindung des Ekels kann wiederum lustvoll sein. Der Ekel steht der libidinösen Überschätzung des Sexualobjekts im Weg, kann aber seinerseits durch die Libido überwunden werden.
Freud ging dabei noch weiter: Bei Neurotikern befinden sich der Sexualtrieb sowie zur Sexualablehnung übersteigerte Sexualhemmnisse wie Ekel und Scham im Konflikt. Die neurotischen Symptome sind der Ausweg aus diesem Konflikt. Er sah das Wechselspiel von Lust und Ekel also nicht als biologische Randnotiz, sondern als Herzstück der menschlichen Psychosexualität.
Das ist ein brillanter Gedanke. Und gleichzeitig muss man sagen: Freuds Theorie ist keine empirische Wissenschaft im heutigen Sinne. Sie ist ein interpretatives System, das Menschen geholfen hat, über sich nachzudenken – aber keine Sammlung überprüfbarer Hypothesen. Entgegen Freuds Hoffnung hat sich aus der Psychoanalyse keine Schlüsseldisziplin der Humanwissenschaften entwickelt. Sie ist im Großen und Ganzen geblieben, was sie zur Zeit ihrer Entstehung war: ein gewagtes, gewaltiges, mehr literarisches als medizinisches System zur Deutung unseres Seelenlebens.
Das schmälert seinen Scharfsinn nicht. Aber es relativiert den Anspruch auf Wahrheit.
Das Paradox als Strukturmerkmal
Was bleibt, wenn man Freud und die Evolutionspsychologie nebeneinanderstellt und nach dem Kern fragt? Ein Befund, der bemerkenswert stabil ist: Lust und Ekel sind keine Gegensätze. Sie sind Gegenspieler in einem System, das ohne die Spannung zwischen ihnen nicht funktionieren würde.
Vor und nach dem Sex säubert sich der Mensch. Dazwischen sucht er das Abgründige, Grenzüberschreitende. Pasteurisierter Sex führt schnurstracks in die Langeweile. Das ist keine philosophische Spekulation, sondern ein Befund, den Psychologen in verschiedenen Kontexten immer wieder machen: Verbote, Grenzen, das Ungezähmte – sie sind konstitutiv für Begehren. Die vollständige Elimination des Ekels aus der Sexualität wäre nicht ihre Verbesserung, sondern ihre Auflösung.
Die lustvollen Dimensionen des Ekels sind auch und gerade im Bereich des Sexuellen nachzuweisen, wobei der Grat zwischen Erregungsmaximierung und Unlustgenerierung oft sehr schmal ist. Wo dieser Grat verläuft, ist hochindividuell. Und genau das macht das Thema so schwer zu verallgemeinern – und so relevant für jeden einzelnen Menschen.
Was Wissenschaft leisten kann: Sie zeigt, dass das Paradox kein persönliches Versagen ist, keine Abnormität, kein Zeichen von Unreife. Es ist ein strukturelles Merkmal des menschlichen Geistes. Wer beim Sex nie irgendeine Form von Grenze – körperlicher, sozialer, emotionaler – überschreitet, erlebt vielleicht etwas anderes. Aber wahrscheinlich nicht mehr Lust.
Das bedeutet nicht, dass jede Grenzüberschreitung automatisch legitim ist. Einwilligung, Bewusstsein, gegenseitiges Verstehen – das sind keine bürokratischen Hürden, sondern die Voraussetzungen dafür, dass das Spiel von Lust und Ekel überhaupt ein Spiel bleibt und kein Übergriff wird. Das ist eine moralische Frage, keine biologische.
Was die Forschung noch schuldet
An einem Punkt sollte man ehrlich sein: Die Forschungslage zu diesem Thema ist dünn. Viele Studien arbeiten mit kleinen Stichproben, mit westlichen, studentischen, heterosexuellen Probandengruppen. Ob die Befunde kulturübergreifend gelten, ob sie sich bei queeren Identitäten anders darstellen, ob das Alter eine Rolle spielt – dazu fehlen belastbare Daten. Die Wissenschaft reduziert das Phänomen auf das, was sie einfach messen kann. Sexuelle Lust im fMRT-Scanner zu untersuchen bedeutet, einen winzigen Ausschnitt eines riesigen Erfahrungsraums zu beleuchten.
Das Paradox von Lust und Ekel ist also wissenschaftlich beschreibbar, neuropsychologisch plausibel und evolutionär nachvollziehbar. Aber verstanden? Noch lange nicht vollständig.
Was man immerhin sagen kann: Es ist eines der ehrlichsten Beispiele dafür, dass der Mensch kein rationales Tier ist, das zufällig auch Sex hat – sondern ein triebhaftes Wesen, das gelernt hat, sich selbst dabei zu beobachten. Und manchmal sogar zu verstehen.
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Quellenliste
Borg, C. & de Jong, P.J. (2012): Feelings of Disgust and Disgust-Induced Avoidance Weaken following Induced Sexual Arousal in Women – PLoS ONE – https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0044111
Wissenschaft aktuell: Sexuelle Erregung unterdrückt Ekel – https://www.wissenschaft-aktuell.de/artikel/Sexuelle_Erregung_unterdrueckt_Ekel1771015588689.html
Freud, S.: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905) – Projekt Gutenberg – https://www.gutenberg.org/files/39938/39938-h/39938-h.htm
NZZ Feuilleton: Lust und Ekel sind verwandt – https://www.nzz.ch/feuilleton/tintenfisch-bier-erster-sex-wieso-wir-trotz-ekel-weitermachen-lust-ld.1799139
In-Mind: Geschlechterunterschiede in der Wahrnehmung sexueller Erregung – https://de.in-mind.org/article/geschlechterunterschiede-in-der-wahrnehmung-sexueller-erregung
Tagesspiegel: Das schützende Gefühl – https://www.tagesspiegel.de/wissen/das-schutzende-gefuhl-2059165.html
Alles Evolution: Die Auswirkungen von Ekel auf sexuelle Lust bei Frauen – https://allesevolution.wordpress.com/2015/07/03/die-auswirkungen-von-ekel-auf-sexuelle-lust-bei-frauen/
Wikipedia: Evolutionäre Psychologie – https://de.wikipedia.org/wiki/Evolution%C3%A4re_Psychologie
Literaturkritik.de: Der Ekel in der Kultur – Winfried Mennighaus – https://literaturkritik.de/id/302
Psychologie und Gesellschaftskritik: Ekel – Schutzmechanismus und devianter Lustgewinn – https://www.psychologie-aktuell.com/news/aktuelle-news-psychologie/news-lesen/psychologie-und-gesellschaftskritik-ekel-schutzmechanismus-und-devianter-lustgewinn.html
Spektrum SciLogs: Sexuelle Lust – Wie Wissenschaft das Phänomen verschiebt – https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/sexuelle-lust-wie-wissenschaft-phaenomen/
Das Gehirn: Wo ist nur die Libido geblieben? – https://www.dasgehirn.info/handeln/liebe-und-triebe/wo-ist-nur-die-libido-geblieben
Getabstract: Zusammenfassung – Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie – https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/drei-abhandlungen-zur-sexualtheorie/13955
Fleischman, D.S. et al.: Disgust versus Lust (Originalarbeit) – https://allesevolution.wordpress.com/tag/ekel/
Gfaller, B. et al. (2024): Sexuelle und emotionale Selbstregulation – ResearchGate – https://www.researchgate.net/publication/381297076_Sexuelle_und_emotionale_Selbstregulation








































































































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