Karma im Buddhismus: Warum Absicht wichtiger ist als „Vergeltung“
- Benjamin Metzig
- vor 23 Stunden
- 4 Min. Lesezeit

Eine Szene, die fast jeder kennt
Jemand drängelt sich in die Bahn, rempelt andere an, schaut nicht einmal hoch. Zwei Stationen später stolpert dieselbe Person über eine Tasche und der Kaffee landet auf dem Mantel.
„Tja“, denkt man, „Karma.“
Das Wort ist im Deutschen zu einer Art moralischem Bumerang geworden: Du warst gemein, also passiert dir etwas Gemeines. Du warst großzügig, also wirst du belohnt. Schön einfach. Und genau deshalb so beliebt.
Nur: Diese Version ist eher Popkultur als Philosophie. Und sie verwechselt zwei sehr unterschiedliche Denktraditionen – Hinduismus und Buddhismus – die zwar beide über Karma sprechen, aber nicht dieselbe „Mechanik“ meinen.
Karma heißt zuerst einmal: Handlung
Das Sanskritwort karma bedeutet wörtlich „Handlung“ – und damit beginnt der Perspektivwechsel. Karma ist nicht primär eine kosmische Strafe, sondern ein Zusammenhang zwischen dem, was wir tun (körperlich, sprachlich, mental), und den Folgen, die sich daraus ergeben. In vielen indischen Traditionen wird dieser Zusammenhang in einen größeren Rahmen gestellt: Wiedergeburt (samsara) und Befreiung (moksha).
Im Westen wird daraus oft ein Kurzsatz: „Alles kommt zurück.“ Klingt fair – ist aber eine radikale Vereinfachung.
Hinduismus: Karma, Samsara, Moksha – und die Frage nach dem Selbst
Im Hinduismus ist Karma typischerweise eng verbunden mit dem Kreislauf der Wiedergeburten (samsara) und dem Ziel, daraus frei zu werden (moksha). Handlungen – besonders solche, die an Wünsche, Angst, Besitz und Status gekoppelt sind – binden. Befreiung bedeutet dann nicht „endlich wird alles gerecht“, sondern: raus aus dem Kreislauf, in dem Anhaftung immer neues Leiden erzeugt.
Wichtig ist dabei: Viele hinduistische Schulen arbeiten mit einer starken Vorstellung von einem bleibenden Kern (Atman, Jiva – je nach Tradition). Karma betrifft dann gewissermaßen „dich“ über Lebensgrenzen hinweg. (Wie genau das gedacht wird, variiert stark – Hinduismus ist kein monolithisches System.)
Karma im Buddhismus: Absicht ist der Dreh- und Angelpunkt
Jetzt kommt der Bruch, der im Alltag fast immer verschluckt wird: In vielen buddhistischen Deutungen ist nicht nur die Handlung entscheidend, sondern die Absicht dahinter. Eine äußerlich gleiche Tat kann moralisch und karmisch völlig verschieden sein, je nachdem, ob sie aus Gier, Hass, Verblendung – oder aus Mitgefühl, Klarheit und Großzügigkeit entsteht.
Das hat Konsequenzen:
Karma ist nicht „Schicksal per Punktestand“, sondern ein Lern- und Veränderungszusammenhang.
Der Fokus liegt weniger auf Vergeltung, mehr auf der Frage: Welche Geisteszustände trainiere ich gerade?
Und diese trainierten Muster haben Folgen – für mich, für andere, für die Welt, die ich mit erschaffe.
Damit wirkt Karma im Buddhismus fast wie eine Ethik der inneren Dynamik: Wer ständig Kränkungen sammelt, wird leichter kränkbar. Wer regelmäßig Mitgefühl einübt, sieht mehr Menschen als Menschen – nicht als Hindernisse. (Das ist keine Magie. Das ist Psychologie plus Praxis.)
„Aber der Buddhismus glaubt doch auch an Wiedergeburt?“ – Ja, aber anders gedacht
Auch Buddhismus denkt in vielen Traditionen mit samsara. Doch er tut das ohne die Annahme eines unveränderlichen Selbst. Statt „die gleiche Seele wandert“ steht eher ein Kontinuitätsgedanke im Raum: Muster, Ursachen, Wirkungen – wie eine Flamme, die eine andere Kerze entzündet: verbunden, aber nicht identisch.
Das ist der Grund, warum „Karma“ im Buddhismus nicht einfach ein kosmischer Kontoauszug ist, sondern an der Idee hängt, dass wir aus Prozessen bestehen – und Prozesse können sich verändern.
Warum die Pop-Version so verführerisch ist
„Gute Menschen bekommen Gutes“ ist nicht nur tröstlich. Es ist auch eine Art innerer Airbag: Wenn die Welt grundsätzlich gerecht ist, dann ist sie berechenbarer. Genau hier berührt sich Karma-Pop mit einem bekannten psychologischen Muster: dem Glauben an eine gerechte Welt. Menschen neigen dazu, Ungerechtigkeit zu „glätten“, weil reine Zufälligkeit schwer auszuhalten ist.
Das Problem: Aus „die Welt ist gerecht“ wird schnell „die Person wird es verdient haben“.
Und dann kippt das Ganze.
Die gesellschaftliche Sollbruchstelle: Wenn Karma zu Victim Blaming wird
Sobald Karma als moralische Erklärung für Leid benutzt wird, wird es gefährlich. Krankheit? „Karma.“ Armut? „Karma.“ Gewalt? „Karma.“ Das klingt nach Ordnung, ist aber oft nur eine elegante Form, sich nicht mit Ursachen zu beschäftigen:
strukturelle Ungleichheit
Zufall und Risiko
politische Rahmenbedingungen
psychische und körperliche Gesundheit
Verantwortung von Täter*innen und Institutionen
Eine nützliche Faustregel: Karma ist kein Argument gegen Mitgefühl. In buddhistischen Ethiken sind Mitgefühl und die Vermeidung von Schaden zentral – gerade weil Leiden real ist, nicht weil es „irgendwie verdient“ wäre.
Ein Kompass für den Alltag: Karma ohne Kosmos-Polizei
Wenn du „Karma“ im Gespräch benutzen willst, ohne die Idee zu verflachen oder andere zu verletzen, helfen drei Umstellungen:
Von „Vergeltung“ zu „Folgenketten“Was löst mein Handeln aus – sozial, psychologisch, praktisch?
Von „Was passiert mir?“ zu „Was trainiere ich?“Welche Haltung wächst in mir, wenn ich so handle?
Von „Erklären“ zu „antworten“Nicht: „Warum hat das jemand verdient?“Sondern: „Was braucht es jetzt, damit es besser wird?“
Und wenn du nur einen Satz mitnehmen willst, dann diesen: Karma im Buddhismus ist weniger ein kosmisches Urteil als eine Einladung, die eigene Absicht ernst zu nehmen.
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Quellen:
Britannica: „Karma“ – https://www.britannica.com/topic/karma
Britannica: Hinduism – „Karma, samsara and moksha“ – https://www.britannica.com/topic/Hinduism/Karma-samsara-and-moksha
Britannica: „Samsara“ – https://www.britannica.com/topic/samsara
Britannica: „Moksha“ – https://www.britannica.com/topic/moksha-Indian-religion
Stanford Encyclopedia of Philosophy: „Buddha“ (Abschnitt zu Karma/Handlung und Frucht) – https://plato.stanford.edu/entries/buddha/
Stanford Encyclopedia of Philosophy: „Ethics in Indian Buddhism“ – https://plato.stanford.edu/entries/ethics-indian-buddhism/
Stanford Encyclopedia of Philosophy: „Mind in Indian Buddhist Philosophy“ (anatta/not-self) – https://plato.stanford.edu/entries/mind-indian-buddhism/
Springer (Melvin J. Lerner): „The Belief in a Just World“ – https://link.springer.com/book/10.1007/978-1-4899-0448-5
ScienceDirect (Furnham, 2003): „Belief in a just world: research progress over the past decade“ – https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0191886902000727








































































































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