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Aktuelle Geschlechterrollen: Wie frei sind wir wirklich?

Das Titelbild zeigt eine stilisierte Person, deren Körper in der Mitte geteilt ist: Die linke Hälfte trägt eine eher „männliche“ Kleidung, die rechte Hälfte ein „weibliches“ Kleid. Im Hintergrund leuchten Stadt-Silhouetten und Symbolbilder für verschiedene Geschlechter, während am unteren Rand eine schwere Kette eine Uhr auf der einen und eine Euromünze auf der anderen Seite verbindet – als Bild für Zeit- und Geldzwänge. Über der Szene steht in großen gelben und weißen Buchstaben der Titel „Geschlecht 2025: Wie frei sind wir wirklich? Von Pay Gap bis Selbstbestimmungsgesetz – die neuen Machtlinien“.


Wenn wir heute über „aktuelle Geschlechterrollen“ sprechen, klingt das nach 2025, nach Regenbogenflagge, Elterngeld, Pay-Gap-Grafiken und hitzigen Debatten um das Selbstbestimmungsgesetz. Gleichzeitig sitzen viele von uns immer noch in Strukturen, die eher nach 1955 aussehen: Er Vollzeit, sie Teilzeit; er Chef, sie Projektleitung; er „stark“, sie „emotional“.


Wie passt das zusammen? Wie kann eine Gesellschaft gleichzeitig gesetzlich so frei und faktisch so ungleich sein?


Genau um diese Spannungen geht es in diesem Beitrag. Wir schauen uns an, wie sich Geschlecht aus Biologie, Sozialisation und Machtverhältnissen zusammensetzt, welche historischen Linien bis heute nachwirken und warum es eben nicht reicht, nur ein Gesetz zu ändern, wenn die unsichtbaren Routinen gleich bleiben.


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Geschlecht als System: Zwischen Biologie, Sozialisation und „Doing Gender“


Die klassische Frage „Nature oder Nurture?“ – also Biologie oder Umwelt – ist bei Geschlecht im Grunde längst beantwortet: Es ist beides, aber nicht im Sinne von 50:50, sondern in Form einer extrem komplexen Wechselwirkung. Gene schaffen Möglichkeiten, die Umwelt entscheidet mit, welche davon Realität werden.


Molekulargenetische und epigenetische Forschung zeigt: Bestimmte Genvarianten können unser Verhalten beeinflussen, aber oft nur unter bestimmten Umweltbedingungen. Ein bekanntes Beispiel ist das MAOA-Gen, das in Kombination mit schweren Kindheitsbelastungen das Risiko für aggressives Verhalten erhöhen kann. Ohne dieses Umfeld passiert häufig: nichts. Die Umwelt „schaltet“ biologische Potenziale an oder aus – unter anderem über epigenetische Mechanismen, also chemische Markierungen auf der DNA, die Gene stumm stellen oder aktivieren, ohne die Erbinformation selbst zu verändern.


Auf der anderen Seite stehen Lerntheorien: Behaviorist:innen wie B. F. Skinner haben gezeigt, wie stark unser Verhalten durch Belohnung und Bestrafung geformt wird. Kinder bekommen sehr früh Rückmeldung, welches Verhalten als „mädchenhaft“ oder „jungenhaft“ gilt – von der Farbe des Stramplers bis zum Spielzeug im Kinderzimmer. Albert Banduras Social-Learning-Theory setzt noch einen drauf: Kinder lernen nicht nur durch direkte Rückmeldung, sondern vor allem durch Beobachtung. Wer immer wieder sieht, dass Männer Autos reparieren und Frauen Care-Arbeit machen, speichert das als scheinbar „natürliche Ordnung“ ab.


Das Ergebnis: Vieles, was später wie „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ wirkt, ist gar nicht so tief in der Biologie verankert, wie wir denken. Mädchen zeigen zum Beispiel oft früh bessere sprachliche Fähigkeiten, was stark damit zusammenhängt, dass sie von Erwachsenen häufiger angesprochen werden. Wenn Jungen und Mädchen dieselben Lernbedingungen bekommen, schrumpfen viele dieser Unterschiede merklich.


Spannend wird es, wenn wir den Blick von der individuellen Ebene auf die soziale Bühne richten. Die Soziolog:innen Candace West und Don Zimmerman haben mit ihrem Konzept des „Doing Gender“ eine kleine Revolution ausgelöst. Ihr Argument: Geschlecht ist nicht etwas, das wir haben, sondern etwas, das wir tun.


Sie unterscheiden drei Ebenen:


  • Sex – das körperliche Geburtsgeschlecht

  • Sex Category – die soziale Zuordnung im Alltag („wird als Frau/Mann gelesen“)

  • Gender – die Art und Weise, wie wir uns im Alltag verhalten, kleiden, sprechen, um als „richtige Frau“ oder „richtiger Mann“ zu gelten


Entscheidend ist dabei die Idee der Accountability: In jeder Interaktion stehen wir unter Beobachtung – ob bewusst oder unbewusst. Wir wissen, dass andere beurteilen, ob unser Verhalten zum erwarteten Geschlecht passt. Wer die Norm bricht, muss mit Sanktionen rechnen: irritierte Blicke, Witze, Ausschluss. Deshalb „performen“ wir Geschlecht ständig – auch, wenn wir glauben, einfach nur „uns selbst“ zu sein.


Gleichzeitig haben Forscher wie Stefan Hirschauer darauf hingewiesen, dass es Situationen gibt, in denen Geschlecht völlig in den Hintergrund tritt – etwa wenn Expertise oder Freundschaft wichtiger sind als Geschlechterkategorien. Dieses „Undoing Gender“ zeigt: Die Bedeutung von Geschlecht ist nicht überall gleich groß. Genau in diesen Zonen der Entspannung könnten neue, flexiblere Rollen wachsen.


Von der Hausfrauenehe zum Selbstbestimmungsgesetz: Wie Geschichte aktuelle Geschlechterrollen prägt


Um zu verstehen, warum heutige Muster so hartnäckig sind, müssen wir zurückschauen. Die deutsche Geschlechterordnung ist kein Naturgesetz, sondern Ergebnis einer langen politischen Geschichte – inklusive brutaler Rückschritte.


Im Kaiserreich war das Patriarchat nicht nur kulturelle Norm, sondern knallhartes Recht. Das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 schrieb die Vormacht des Ehemannes fest: Er entschied über Wohnort, Finanzen, Berufstätigkeit der Frau. Die bürgerliche Frauenbewegung kämpfte damals um Dinge, die uns heute selbstverständlich erscheinen: Abitur, Studium, Wahlrecht.


Mit der Weimarer Republik kam ein erster großer Sprung: Frauen erhielten das Wahlrecht, die Verfassung versprach gleiche staatsbürgerliche Rechte. In den 1920er Jahren tauchte das Bild der „Neuen Frau“ auf – berufstätig, kurzhaarig, selbstbewusst. Aber für viele blieb das eher Großstadtmythos als Realität: In den meisten Haushalten blieb die ökonomische Abhängigkeit der Frauen bestehen.


Der Nationalsozialismus drehte die Uhr aggressiv zurück. Frauen wurden zum „Gebärmaterial“ der Nation erklärt, mit Mutterkreuz und Ehedarlehen gekoppelt an Kinderzahl. Gleichzeitig zwang der Krieg viele Frauen in die Fabriken – ideologischer Widerspruch inklusive. Nach 1945 teilte sich das Land – und mit ihm die Geschlechterpolitik.


In der frühen BRD wurde das konservative Hausfrauenmodell massiv gefördert:


  • Bis 1958 hatte der Ehemann das Entscheidungsrecht über Vermögen und Berufstätigkeit seiner Frau.

  • Bis 1977 war im Gesetz festgeschrieben, dass die Frau den Haushalt zu führen habe, Erwerbsarbeit nur „nebenher“ erlaubt.

  • Steuerregeln wie das Ehegattensplitting machten das Einverdienermodell wirtschaftlich attraktiv.


In der DDR lief es anders: Frauen sollten und mussten arbeiten. Über 90 % der Frauen waren erwerbstätig, die Kinderbetreuung wurde ausgebaut. Das brachte reale ökonomische Unabhängigkeit – aber oft zum Preis der „doppelten Belastung“ aus Vollzeitjob und Hausarbeit. Führungspositionen blieben auch dort überwiegend männlich.


Ein echter Wendepunkt in Westdeutschland war 1977: Die Reform des Ehe- und Familienrechts strich die gesetzliche Hausfrauenehe, machte aus der Ehe eine Partnerschaft auf Augenhöhe und führte den Versorgungsausgleich bei Scheidungen ein. Trotzdem dauerte es weitere Jahrzehnte, bis Vergewaltigung in der Ehe strafbar wurde (erst 1997!) und der Staat sich im Grundgesetz ausdrücklich zur aktiven Beseitigung von Benachteiligung verpflichtete.


Und heute? Mit dem Selbstbestimmungsgesetz von 2024 garantiert Deutschland die Möglichkeit, den eigenen Geschlechtseintrag per Erklärung zu ändern. Rein juristisch hat sich die Geschlechterordnung also vom Vormundschaftsmodell hin zur Selbstbestimmung entwickelt. Aber wie wir gleich sehen werden: Die ökonomischen und kulturellen Strukturen laufen diesem Fortschritt hinterher.


Ökonomische Machtlinien: Pay Gap, Care Gap, Pension Gap


Wer über aktuelle Geschlechterrollen spricht, kommt an harten Zahlen nicht vorbei. Und die erzählen eine ziemlich eindeutige Geschichte:


  • 2024 verdienten Frauen in Deutschland pro Stunde im Schnitt 16 % weniger als Männer (unbereinigter Gender Pay Gap).

  • Selbst wenn man für Beruf, Qualifikation und Erwerbsbiografie kontrolliert, bleibt eine Lücke von etwa 6 % – die sich nur schwer anders als durch Diskriminierung, schlechtere Verhandlungspositionen und Bias erklären lässt.

  • In Westdeutschland ist die Lohnlücke deutlich größer als im Osten – ein Nachhall unterschiedlicher Erwerbskulturen in BRD und DDR.


Doch der Pay Gap ist nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Darunter liegt der Gender Care Gap: Frauen leisten im Schnitt knapp 30 Stunden unbezahlte Sorgearbeit pro Woche, Männer etwa 21 Stunden. Das sind fast ein zusätzlicher Arbeitstag pro Woche – ohne Bezahlung, ohne Rentenpunkte.


Diese unsichtbare Arbeit hat Folgen: Wer sich um Kinder, Angehörige, Haushalt kümmert, reduziert oft die eigene Erwerbstätigkeit. In Deutschland wird das durch steuerliche Anreize wie das Ehegattensplitting noch verstärkt. Viele Paare fallen nach der Geburt des ersten Kindes in ein altbekanntes Muster zurück: Er Vollzeit, sie Teilzeit.


Langfristig kumuliert sich das im Gender Pension Gap. Frauen erhalten in Deutschland im Durchschnitt rund 27 % weniger eigene Rente als Männer, ohne Hinterbliebenenrenten beträgt die Lücke sogar fast 40 %. Altersarmut ist damit – statistisch gesehen – vor allem weiblich.


Kurz gesagt: Solange wir Sorgearbeit als „Privatsache“ behandeln und finanziell abwerten, bleiben aktuelle Geschlechterrollen in ökonomisch ungleichen Bahnen. Wenn dir dieser Einblick wichtig erscheint, lass gern ein Like da und teil den Beitrag – je mehr Menschen über die Kaskade aus Care-, Pay- und Pension Gap sprechen, desto schwerer wird es, sie politisch zu ignorieren.


Bildung, Beruf und die unsichtbaren Bremsen im Kopf


Ein häufiges Gegenargument lautet: „Aber Frauen sind doch heute besser gebildet als Männer – wo ist also das Problem?“ Stimmt: Frauen machen häufiger Abitur, schließen häufiger ein Studium ab. Trotzdem landen sie seltener in Führungspositionen und verdienen weniger.


Ein Teil der Antwort liegt in der geschlechtsspezifischen Berufswahl. In MINT-Fächern – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik – sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert. Nur etwa ein Drittel der Studienanfänger:innen dort ist weiblich, bei Professuren sieht es noch düsterer aus.


Interessanterweise ist die Segregation in besonders wohlhabenden, gleichgestellten Ländern oft größer. Das sogenannte „Gender-Equality-Paradox“: Wo Menschen sich ihren Beruf eher nach Interesse als nach finanzieller Not aussuchen können, schlagen stärkere sozial geprägte Interessensmuster durch. Mädchen werden früh dazu ermutigt, „sozial“ zu sein, Jungen, „technisch interessiert“ zu sein.


Dazu kommt ein psychologischer Mechanismus, der in Testsituationen messbar wirkt: Stereotype Threat. Wenn Mädchen in Matheprüfungen subtil daran erinnert werden, dass „Frauen in Mathe schlechter sind“, sinkt im Schnitt ihre Leistung – nicht, weil sie weniger können, sondern weil die Angst, das Stereotyp zu bestätigen, kognitive Ressourcen frisst. Wenn man dieselben Tests so ankündigt, dass Geschlecht „keine Rolle spielt“, verschwindet der Leistungsunterschied.


Fehlende weibliche Vorbilder in Technik und Wissenschaft verstärken das Problem. Wer in Schule, Uni, Medien fast nur Männer in Laborkitteln, an Maschinen oder in Führungspositionen sieht, bekommt unbewusst vermittelt: „Das ist nicht für dich gemacht.“ Genau hier setzen Programme an, die gezielt Frauen fördern, Netzwerke schaffen oder weibliche Role Models sichtbar machen.


Männlichkeit im Stresstest: Gesundheit, Arbeit, Vaterschaft


Geschlechterforschung heißt nicht „Frauenforschung plus männliches Normal“, sondern umfasst auch die spezifischen Belastungen, die mit traditionellen Männlichkeitsbildern einhergehen. Und die sind beträchtlich.


Das klassische Ideal von „richtiger Männlichkeit“ – stark, unverwundbar, emotional kontrolliert, selbstversorgend – wirkt auf die Gesundheit oft wie ein stilles Gift. Männer suchen bei psychischen Krisen seltener Hilfe, reden weniger über Sorgen, greifen eher zu Alkohol, Drogen oder riskantem Verhalten. Das spiegelt sich in Statistiken: Die Suizidrate von Männern ist in Deutschland etwa dreimal so hoch wie die von Frauen.


Gleichzeitig profitieren Männer gesundheitlich überdurchschnittlich von stabilen Partnerschaften – die sogenannte Protektionshypothese. Viele heterosexuelle Männer haben de facto eine „Gesundheitsmanagerin“ zu Hause, die Arzttermine anstößt und auf Ernährung achtet. Frauen dagegen leiden eher unter der Zusatzbelastung aus Care-Arbeit und mental load.


Ein Feld, in dem sich Normen sichtbar verschieben, ist die Väterrolle. Laut Väterreport wünschen sich über die Hälfte der Väter eine echte 50/50-Aufteilung der Kinderbetreuung. Viele empfinden den klassischen Ernährer-Entfernt-von-der-Familie-Vater als überholt.


In der Praxis aber bleiben die meisten Väter beim Vollzeitmodell, während Mütter in Teilzeit gehen. Elterngeld nutzen zwar immer mehr Väter, aber meist nur zwei Monate. Hier wirken ökonomische Zwänge (er verdient mehr) und Unternehmenskulturen, die Teilzeitväter noch oft als „nicht karriereorientiert“ einstufen.


Wenn wir über aktuelle Geschlechterrollen sprechen, müssen wir also auch ausdrücklich Raum dafür schaffen, dass Männer Care-Arbeit übernehmen, Gefühle zeigen und Hilfe suchen dürfen – ohne Statusverlust.


Jenseits von Mann und Frau: Geschlechtliche Vielfalt und das Selbstbestimmungsgesetz


Parallel zur Diskussion um Rollen innerhalb der binären Kategorien läuft eine zweite, emotional hoch aufgeladene Debatte: die um Trans*, Inter* und nicht-binäre Menschen und um die Frage, wie flexibel Geschlecht grundsätzlich gedacht werden kann.


Begriffe wie trans, nicht-binär, genderfluid oder intergeschlechtlich beschreiben sehr unterschiedliche Erfahrungen. Gemeinsamer Kern: Die eigene Identität oder der eigene Körper passen nicht zu der Geschlechtszuweisung, die bei der Geburt vorgenommen wurde – oder in keine der klassischen Schubladen.


Mit dem Selbstbestimmungsgesetz (SBGG), das 2024 in Kraft trat, können volljährige Menschen ihren Geschlechtseintrag und Vornamen per Erklärung beim Standesamt ändern. Die frühere Pflicht zu teuren, tief in die Intimsphäre reichenden Gutachten entfällt. Das Gesetz entpathologisiert Transgeschlechtlichkeit und betont das Recht auf Selbstdefinition.


Kritik kommt aus unterschiedlichen Lagern: konservative Parteien sehen die „biologische Realität“ bedroht, radikalfeministische Stimmen befürchten die Auflösung der Kategorie „Frau“ und die Gefährdung spezifischer Schutzräume. Queere Verbände hingegen werten das Gesetz als längst überfälligen Schritt in Richtung Menschenwürde.


Was hier aufeinanderprallt, sind weniger Fakten als Sicherheitsbedürfnisse: Für viele Menschen war Geschlecht bislang eine stabile, naturhafte Kategorie. Wenn diese scheinbare Natur bröckelt, fühlt sich das bedrohlich an – so, als würde jemand heimlich die Legende einer Landkarte ändern, auf der man sich sein Leben lang orientiert hat.


Gerade deshalb lohnt es sich, mehr zuzuhören als zu senden: Was brauchen Betroffene, um sicher zu leben? Wo sind reale Konflikte um Räume und Rechte – und wo werden Ängste politisch aufgeblasen? Die Art, wie wir diese Debatte führen, sagt viel darüber, wie reif unsere Gesellschaft im Umgang mit Differenz ist.


Globale Perspektiven und Religion: Es gibt mehr als zwei Modelle


Ein Blick über Europas Tellerrand zeigt: Die binäre Ordnung „Mann/Frau“ ist historisch jung und kulturell keineswegs alternativlos.


Indigene Kulturen in Nordamerika kennen seit Langem Menschen, die als Two-Spirit bezeichnet werden – Personen, denen man eine Verbindung zu männlichen und weiblichen Aspekten zuschreibt und die oft besondere soziale oder spirituelle Rollen übernehmen. In Mexiko wiederum sind in der zapotekischen Kultur die Muxes als dritte Geschlechtskategorie anerkannt, traditionell mit eigenen Aufgaben in Familie und Gemeinschaft.


In Südasien bilden die Hijras eine eigene soziale Gruppe aus trans*, inter* oder kastrierten Personen. Sie treten bei Hochzeiten und Geburten auf, gelten als mit besonderen Kräften ausgestattet – und erleben gleichzeitig massive Diskriminierung und Armut. Gerichte haben sie inzwischen als „drittes Geschlecht“ anerkannt, die soziale Realität hinkt aber weit hinterher.


Auch Religionen ringen mit geschlechtlicher Vielfalt. Innerhalb des Islams argumentieren feministische Theologinnen, dass der Koran ursprünglich viele Rechte für Frauen stärkte, die später durch patriarchale Auslegung untergraben wurden. Sie kämpfen um eine Lesart, die Geschlechtergerechtigkeit mit religiöser Praxis verbindet.


Die katholische Kirche wiederum hält bislang offiziell an einer klaren Zweigeschlechterordnung fest und kritisiert moderne Genderkonzepte scharf – während Basisbewegungen wie „Maria 2.0“ oder Teile des Synodalen Weges mehr Mitbestimmung und Öffnung fordern. Viele Gläubige stimmen mit den Füßen ab und treten aus.


Diese Vielfalt zeigt: Es gibt nicht das eine richtige Modell von Geschlecht, sondern viele kulturelle Antworten. Die Frage ist weniger, wer „recht“ hat, sondern wie wir in einer pluralen Gesellschaft mit diesen Unterschieden umgehen.


Aktuelle Geschlechterrollen zwischen Freiheit und Verantwortung: Was jetzt zählt


Fassen wir zusammen:


  • Biologie und Sozialisation greifen ineinander, aber kaum etwas an Geschlechterrollen ist naturgesetzlich festgeschrieben.

  • Historische Pfade – Hausfrauenehe, DDR-Erwerbskultur, steuerliche Anreize – wirken bis heute nach.

  • Care-, Pay- und Pension Gap zeigen, wie stark ökonomische Ungleichheit an der ungleichen Verteilung von Sorgearbeit hängt.

  • Psychologische Mechanismen wie Stereotype Threat und starre Männlichkeitsnormen begrenzen die Entfaltungschancen aller Geschlechter.

  • Das Selbstbestimmungsgesetz erweitert die Freiheit, die eigene Identität rechtlich anzuerkennen, stößt aber auf tief sitzende Ängste.

  • Globale und religiöse Perspektiven machen klar: Geschlecht war nie überall gleich – und muss es auch in Zukunft nicht sein.


Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie frei sind wir? Sondern auch: Was machen wir mit dieser Freiheit?


  • Politik kann Rahmen neu setzen – etwa indem sie Sorgearbeit besser absichert, das Ehegattensplitting überdenkt oder Care-Berufe aufwertet.

  • Institutionen können Prüfungen so gestalten, dass Stereotype Threat minimiert wird, und Führungsetagen diverser besetzen.

  • Arbeitgeber können Teilzeit für Männer genauso selbstverständlich machen wie für Frauen – und Führung in geteilten Modellen denken.

  • Jede einzelne Person kann reflektieren: Wo spiele ich unbewusst alte Skripte nach? Wo kann ich im Kleinen „Undoing Gender“ betreiben – im Job, in der Familie, im Freundeskreis?


Wenn dich diese Fragen beschäftigen, folg mir gern auch auf Social Media – dort diskutieren wir regelmäßig genau diese Themen weiter und teilen neue Studien, Grafiken und Alltagsbeispiele:



Und jetzt bist du dran: Wie erlebst du aktuelle Geschlechterrollen in deinem Alltag – als Befreiung, als Zwang, als irgendwas dazwischen? Schreib deine Erfahrungen und Gedanken gern in die Kommentare und lass ein Like da, wenn dir dieser tiefere Blick auf die Dynamiken der Geschlechterordnung geholfen hat, manches klarer (oder auch komplizierter) zu sehen.



Quellen:


  1. Nature vs. Nurture Debate In Psychology – https://www.simplypsychology.org/naturevsnurture.html

  2. Exploring Theories Behind Gender Differences: Nature vs. Nurture – https://gender.study/psychology-of-gender/gender-differences-nature-vs-nurture/

  3. Doing Gender – https://www.gender-glossar.de/post/doing-gender

  4. Doing gender | Research Starters – https://www.ebsco.com/research-starters/sociology/doing-gender

  5. Doing Gender: eine mikrotheoretische Annäherung an die Kategorie Geschlecht – https://www.aau.at/wp-content/uploads/2021/05/DoingGender_Handbuch.pdf

  6. LeMO Zeitstrahl – Kaiserreich – Frauenbewegung – https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/frauen

  7. Blick zurück – Frauen und Politik – https://www.lpb-bw.de/publikationen/stadtfra/frauen3.htm

  8. Nachholende Modernisierung im Westen – Wandel der Geschlechterrolle – https://www.bpb.de/themen/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/316321/nachholende-modernisierung-im-westen-der-wandel-der-geschlechterrolle-und-des-familienbildes/

  9. Frauendiskriminierung in Ost und West – https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/41002/ssoar-1993-ochs-Frauendiskriminierung_in_Ost_und_West.pdf

  10. 1977 Reform des Ehe- und Familienrechts – https://hundertjahrefrauenwahlrecht.de/1977-reform-des-ehe-und-familienrechts/

  11. Zeittafel Geschichte der Gleichstellung – https://www.uni-bielefeld.de/uni/profil/gleichstellung/nachgelesen/geschichte-gleichstellung/zeittafel/

  12. Gender Pay Gap – Statistisches Bundesamt – https://www.destatis.de/EN/Themes/Labour/Labour-Market/Quality-Employment/Dimension1/1_5_GenderPayGap.html

  13. Gender Gaps in Deutschland – UN Women Deutschland – https://unwomen.de/gender-gaps-in-deutschland/

  14. Studien und Fakten – Equal Pay Day – https://www.equalpayday.de/informieren/studien-und-fakten/

  15. Kompetenzen erklären kaum den Gender Pay Gap – DIW Berlin – https://www.diw.de/de/diw_01.c.939387.de/publikationen/wochenberichte/2025_10_3/kompetenzunterschiede_zwischen_maennern_und_frauen_erklaeren_kaum_den_gender_pay_gap.html

  16. Geschlechterunterschiede in MINT-Studiengängen – ETH Zürich – https://www.research-collection.ethz.ch/bitstreams/b281ed20-ee39-4816-806d-83fa403ffa7e/download

  17. Stereotype Threat and Women’s Math Performance – https://www.hendrix.edu/uploadedFiles/Academics/Faculty_Resources/2016_FFC/Spencer,%20Steele,%20and%20Quinn%20(1999).pdf

  18. Stereotype Threat and the Intellectual Test Performance of African Americans – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/7473032/

  19. FRAUEN IN MINT-BERUFEN: GEWINNEN UND HALTEN – https://www.nationalesmintforum.de/fileadmin/medienablage/content/themen/arbeitsgruppen/03_mint-frauen_4-0/Empfehlungen_MINT-Frauen_LF__05-12-2022__Web.pdf

  20. Forschung: Psychische Leiden bei Männern – https://www.forschung-und-lehre.de/forschung/wie-maenner-mit-psychischen-erkrankungen-umgehen-6037

  21. Männlichkeit und Suizidrisiko – https://www.gesundheitstrends.com/maennlichkeit-und-suizidrisiko-wie-toxische-ideale-die-psyche-belasten/142942/

  22. Väterreport 2023 – BMFSFJ – https://www.bmbfsfj.de/resource/blob/230374/1167ddb2a80375a9ae2a2c9c4bba92c9/vaeterreport-2023-data.pdf

  23. Zahl der Woche: Väter und Elterngeld – https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2025/PD25_28_p002.html

  24. Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag (SBGG) – https://www.gesetze-im-internet.de/sbgg/BJNR0CE0B0024.html

  25. FAQ zum SBGG 2024 – dgti e.V. – https://dgti.org/2024/07/23/faq-zum-sbgg/

  26. Two Spirit: Gender Diversity Within Indigenous Communities – https://www.aclu-wi.org/news/two-spirit-gender-diversity-within-indigenous-communities/

  27. Muxe – Wikipedia – https://en.wikipedia.org/wiki/Muxe

  28. Hijras – Analyse des dritten Geschlechts in Indien – Universität Trier – https://www.uni-trier.de/fileadmin/fb4/ETH/Vorbildliche_Arbeiten/Hausarbeiten/Seiler__Dorothea_Seminararbeit_Genderethnologie_privatisiert.pdf

  29. Diskurse des islamischen Feminismus – https://budrich-journals.de/index.php/gender/article/download/18026/15701/18907

  30. Kontroverse um Vatikan-Dokument zum Thema Gender – https://www.domradio.de/artikel/text-der-bildungskongregation-erzeugt-kritik-kontroverse-um-vatikan-dokument-zum-thema

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