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WTF-Fragen
 

Warum gibt es Wälder, in denen die Bäume tanzen?

 

Kategorie:

Biologie

Der kurze TEASER:

Weil die Natur manchmal betrunkener zu sein scheint als wir nach einer durchzechten Nacht! In Wahrheit ist es ein bizarrer Cocktail aus Wind, gefräßigen Schädlingen und vielleicht sogar gezielten menschlichen Experimenten, der die Bäume zu verdrehten Skulpturen formt.

Die ausführliche Antwort:

Es gibt Orte auf dieser Welt, die sich anfühlen, als hätte M.C. Escher die Landschaftsarchitektur übernommen oder als wäre man in einem Traum von Salvador Dalí gelandet. Einer dieser Orte ist der „Krzywy Las“, der Krumme Wald, in der Nähe von Gryfino in Polen. Ein anderer ist der „Tanzende Wald“ auf der Kurischen Nehrung, einer langen, schmalen Halbinsel, die sich Litauen und Russland teilen. An diesen Orten passiert etwas, das dem fundamentalsten Instinkt eines Baumes widerspricht: kerzengerade zum Licht zu wachsen. Stattdessen biegen sich die Stämme der Kiefern in einer bizarren, J-förmigen Kurve nur wenige Zentimeter über dem Boden, um dann doch noch, als hätten sie es sich anders überlegt, senkrecht in den Himmel zu schießen. Alle in dieselbe Richtung, wie eine stillstehende Choreografie. Das ist nicht nur ein schräger Anblick, es ist ein echtes wissenschaftliches Rätsel mit mehreren verdammt guten Theorien, die sich wie die Akten eines ungelösten Kriminalfalls lesen. Die naheliegendste Erklärung, die man oft hört, ist die Wind-Hypothese. Gerade in Küstenregionen wie der Kurischen Nehrung peitschen oft starke, konstante Winde vom Meer landeinwärts. Man kann sich das vorstellen wie einen unsichtbaren Bildhauer, der unermüdlich an den jungen, biegsamen Setzlingen zerrt. Ein junger Baum, der ständig aus einer Richtung angestoßen wird, gibt zunächst nach und wächst mit dem Wind. Doch sein innerer Kompass, die Gravitropie (die Fähigkeit, die Schwerkraft wahrzunehmen und entgegenzuwachsen), zwingt ihn zur Korrektur. Das Ergebnis ist diese charakteristische Kurve: erst mit dem Wind, dann gegen die Schwerkraft. Das Problem bei dieser Theorie? Sie erklärt nicht, warum im Krummen Wald in Polen nur ein ganz bestimmtes Areal von etwa 400 Kiefern betroffen ist, während die Bäume direkt daneben völlig normal wachsen. Ein so lokaler, präziser Wind ist physikalisch kaum vorstellbar. Jetzt wird's biologisch und wir holen die Lupe raus. Hier kommt Theorie Nummer zwei ins Spiel: die Schädlings-Hypothese. Der Hauptverdächtige ist ein kleiner Falter namens Rhyacionia buoliana, der Kiefernknospentriebwickler. Seine Larven haben eine zerstörerische Vorliebe: Sie fressen den Haupttrieb junger Kiefern, also die oberste Knospe, die für das senkrechte Wachstum verantwortlich ist. Der Baum ist quasi seines Anführers beraubt. Was tut er? Er improvisiert. Einer der seitlichen Triebe übernimmt die Führung und streckt sich nach oben, um die neue Spitze zu werden. Dieser Wechsel von der ursprünglichen Wuchsrichtung zur neuen erzeugt eine Krümmung am Stamm. Diese Theorie ist extrem elegant, denn sie würde erklären, warum nur bestimmte Gruppen von Bäumen betroffen sind – nämlich jene, die in einem bestimmten Jahr von einem Schwarm dieser Motte befallen wurden. Aber halt, es gibt noch eine Theorie, die klingt wie aus einem alten Handwerker-Roman, und sie ist besonders für den polnischen Krummen Wald populär: die Mensch-Hypothese. Man geht davon aus, dass diese Bäume, die um 1930 gepflanzt wurden, absichtlich so geformt wurden. Förster oder Tischler könnten die jungen Bäume gezielt heruntergebogen und fixiert haben, um natürlich gekrümmtes Holz zu „züchten“. Wofür? Die Möglichkeiten sind vielfältig: für den Bau von Möbeln wie geschwungenen Stuhllehnen, für die Rippen von Holzbooten oder sogar für die Kufen von Schlitten. Es war quasi ein forstwirtschaftliches Experiment. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 hätte dieses Projekt abrupt beendet. Die Handwerker zogen in den Krieg oder flohen, und der Wald wurde sich selbst überlassen – ein unfertiges, lebendiges Denkmal eines vergessenen Handwerks. Leider gibt es dafür keine schriftlichen Belege, und die Menschen, die es wissen könnten, sind längst verstorben. Die Theorie bleibt eine faszinierende, aber unbewiesene Anekdote. Zuletzt gibt es noch die geologische Komponente: rutschender Untergrund. Auf sandigen Dünen, wie sie auf der Kurischen Nehrung vorkommen, ist der Boden instabil. Wenn eine Düne langsam wandert oder der Boden an einem Hang kriecht, muss sich der Baum ständig neu ausrichten, um nicht umzufallen. Diese kontinuierliche Korrektur seiner eigenen Balance könnte über Jahre hinweg zu einer Krümmung im unteren Stammbereich führen. Welche Theorie stimmt also? Die wahrscheinlichste Antwort ist: Es kommt darauf an. Es gibt nicht die eine Erklärung für alle tanzenden Wälder der Welt. Im Fall der Kurischen Nehrung ist es höchstwahrscheinlich eine Kombination aus dem unerbittlichen Wind und dem instabilen Sandboden. Im Fall des hochpräzise angeordneten Krummen Waldes in Polen deutet vieles auf den gezielten Schädlingsbefall oder das noch faszinierendere menschliche Experiment hin. Die Wahrheit ist, dass diese Bäume uns eine Lektion in Sachen Resilienz und Anpassung erteilen. Sie zeigen, wie das Leben unter Druck – sei es durch Wind, einen Fressfeind oder gar die menschliche Hand – bizarre, aber wunderschöne neue Wege findet. Sie tanzen nicht aus Freude, sondern als Ergebnis eines Überlebenskampfes, der in Holz gemeißelt ist.
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