Opferrollen, Erinnerungspolitik und das Ungleichgewicht globaler Empathie
- Benjamin Metzig
- 11. Okt. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Mai

Wer leidet, verdient Mitgefühl. Als moralischer Grundsatz klingt das selbstverständlich. Als gesellschaftliche Praxis ist es fast nie wahr. Manche Opfer werden binnen Stunden zu globalen Symbolen. Ihre Namen, Gesichter und Geschichten reisen durch Nachrichtensendungen, Feeds, Gedenkreden und Spendenkampagnen. Andere verschwinden in Sammelbegriffen, Karten, Opferzahlen oder diplomatischen Formeln. Das Leid ist real, aber es wird nicht gleich stark gefühlt, nicht gleich intensiv erinnert und schon gar nicht gleich politisch verarbeitet.
Das ist keine bloße Frage individueller Heuchelei. Die Forschung zeigt seit Jahren, dass Empathie kein neutraler Weltsensor ist. Sie reagiert auf Nähe, Erzählbarkeit, Gruppenidentität und moralische Rahmung. Was wie universelles Mitgefühl aussieht, ist in Wirklichkeit oft ein selektiver Mechanismus. Genau dort beginnt die Erinnerungspolitik: nicht erst bei Denkmälern und Jahrestagen, sondern schon bei der Frage, wessen Schmerz als exemplarisch gilt und wessen Leid abstrakt bleibt.
Empathie folgt Geschichten, nicht Proportionen
Ein zentraler Befund aus der Psychologie ist der sogenannte Identifiable Victim Effect. Menschen reagieren stärker auf ein einzelnes, konkret beschriebenes Opfer als auf viele anonyme Betroffene. In der Forschung von Deborah Small, George Loewenstein und anderen wurde wiederholt gezeigt, dass Identifizierbarkeit emotionale Beteiligung erhöht und Hilfsbereitschaft verstärkt. Es ist leichter, sich an eine Person zu binden als an eine Zahl.
Das klingt zunächst harmlos, hat aber enorme Folgen. Denn große Katastrophen, Kriege oder Hungersnöte erscheinen fast immer zuerst statistisch. Sobald Leiden skaliert, kippt die Wahrnehmung oft nicht in mehr Dringlichkeit, sondern in Distanz. Genau das beschreiben Arbeiten zu compassion fade und psychophysical numbing: Mehr Betroffene erzeugen nicht automatisch mehr Mitgefühl. Mitunter passiert das Gegenteil. Der moralische Impuls sinkt, obwohl das objektive Ausmaß steigt.
Faktencheck: Warum Zahlen oft verlieren
Menschen unterschätzen Massenleid nicht unbedingt kognitiv. Das Problem liegt eher darin, dass Affekte schlecht mit großen Mengen skalieren. Eine einzelne Biografie aktiviert Nähe, ein Kollektiv oft nur Größenordnung.
Deshalb ist öffentliche Empathie so anfällig für Symbolfiguren. Ein Foto, ein Name, ein kurzer Lebenslauf, ein gerettetes Kind, eine trauernde Mutter oder ein zerstörtes Kinderzimmer erzeugen moralische Präsenz. Eine Tabelle mit Tausenden Toten tut das weit seltener. Medien, Aktivismus und Politik wissen das. Sie personalisieren, weil Personalisierung Aufmerksamkeit erzeugt. Aber damit beginnt auch eine Hierarchie: Wer erzählbar gemacht wird, wird eher betrauert. Wer nur als Masse erscheint, bleibt moralisch fern.
Opfer sind nie nur Opfer, sondern auch Gruppensignale
Empathie ist nicht bloß individuell, sondern sozial sortiert. Die Forschung zu intergroup empathy bias oder parochial empathy zeigt, dass Menschen stärker mit Mitgliedern der eigenen oder als nah wahrgenommenen Gruppe mitfühlen als mit Mitgliedern einer Fremdgruppe. In einer Arbeit von Bruneau, Cikara und Saxe hing geringere Empathie für die Fremdgruppe mit weniger Altruismus und größerer Akzeptanz passiver Schädigung zusammen.
Das ist unangenehm, aber aufschlussreich. Öffentliche Solidarität hängt nicht nur davon ab, wie schlimm ein Ereignis ist, sondern auch davon, wer betroffen ist und wie leicht sich Beobachter mit den Betroffenen identifizieren. Sprache, Religion, politische Nähe, Hautfarbe, geographische Vertrautheit, historische Bündnisse oder mediale Gewohnheiten können all das beeinflussen. Opfer werden also nie nur als leidende Individuen wahrgenommen, sondern auch als Repräsentanten eines "Wir" oder "Sie".
Diese Logik prägt nicht nur private Gefühle, sondern auch kollektive Reaktionen. Eine neue Studie zu zivilen Opfern in aktuellen Kriegen fand, dass Medienexposition Empathie und solidaritätsbezogene Handlungsbereitschaft zwar steigern kann, aber nicht symmetrisch für alle Gruppen. Öffentliche Anteilnahme ist also formbar, aber sie bleibt kontextabhängig. Sie hängt davon ab, ob ein Konflikt als gerecht, nah, vertraut oder identitätsrelevant wahrgenommen wird.
Moralische Wahrnehmung sortiert schnell in Täter und Leidende
Hinzu kommt ein weiterer Mechanismus: Menschen lesen Konflikte gern als moralische Dyade. Jemand leidet, jemand richtet Schaden an. In ihrer Theorie des moral typecasting zeigen Kurt Gray und Daniel Wegner, dass wir Akteure dazu neigen, entweder als moral agents oder als moral patients zu sehen, also eher als Handelnde oder eher als Leidende. Diese Rollen schließen sich in der Wahrnehmung oft teilweise aus.
Das erklärt, warum Opferstatus politisch so wirksam ist. Wer als Opfer erscheint, bekommt leichter Schutzwürdigkeit, Glaubwürdigkeit und moralische Aufmerksamkeit. Wer als Täter erscheint, verliert schnell Anspruch auf Empathie, selbst wenn auch dort reale Verwundbarkeit existiert. In öffentlichen Debatten entstehen dadurch starre Raster: die unschuldigen Opfer hier, die delegitimierten Aggressoren dort, die "komplizierten Fälle" irgendwo dazwischen.
Das Problem ist nicht, dass Täter plötzlich bemitleidet werden müssten, um moralisch ernst zu sein. Das Problem ist, dass diese Raster oft zu grob werden. Kollektive Identitäten werden dann pauschal moralisiert. Das eine Lager erscheint als Träger legitimen Schmerzes, das andere nur noch als Verursacher von Schmerz. Damit schrumpft die Fähigkeit, mehr als eine Form von Leid gleichzeitig ernst zu nehmen.
Erinnerungspolitik macht aus Leid moralisches Kapital
An diesem Punkt verlässt man die Psychologie und landet mitten in der Politik. Erinnerung ist nie nur Bewahrung der Vergangenheit. Sie ist Auswahl, Institutionalisierung und Hierarchisierung. Staaten, Bewegungen, Parteien, Schulen, Medien und Gedenkinstitutionen entscheiden fortlaufend mit darüber, welches Leid kanonisch wird und welches randständig bleibt.
Genau deshalb sprechen Forschende von politics of victimhood oder competitive victimhood. In dem Überblick von Čehajić-Clancy und Kolleginnen wird beschrieben, wie Gruppen um Opferstatus konkurrieren, weil dieser moralische Legitimität, Anerkennung, Unterstützung und symbolische Unschuld verspricht. Wer glaubhaft als primäres Opfer gilt, kann Forderungen leichter begründen, Kritik leichter abwehren und eigene Härte leichter als Verteidigung rahmen.
Erinnerungspolitik produziert so Hierarchien des Gedenkens. Nicht jedes Opfer erhält dieselbe historische Würde. Nicht jede Gewalt wird mit derselben sprachlichen Präzision benannt. Nicht jede Gruppe findet gleich leicht Eingang in Schulbücher, Gedenktage oder nationale Selbstbilder. Der Kampf um Erinnerung ist deshalb oft auch ein Kampf darum, wer überhaupt als trauerwürdig, geschichtswirksam und politisch anspruchsberechtigt gilt.
Kontext: Was "Opferkonkurrenz" bedeutet
Competitive victimhood heißt nicht einfach, dass Menschen sich über Schmerz "streiten". Gemeint ist die Tendenz von Gruppen, das eigene Leid als einzigartiger, größer oder moralisch relevanter darzustellen als das Leid anderer Gruppen. Das stabilisiert Identität, erschwert aber Anerkennung in mehrere Richtungen.
Die Forschung zeigt auch, wie folgenreich das ist. Opferkonkurrenz geht häufig mit weniger Vertrauen, geringerer Vergebungsbereitschaft und größerer Bereitschaft einher, eigene Härte als gerechtfertigt zu sehen. Wer sich als das eigentliche Opfer versteht, kann sich leichter von Verantwortung entlasten. Erinnerung wird dann nicht zur Öffnung, sondern zur Frontstellung.
Warum globale Empathie oft wie ein Scheinwerfer funktioniert
Wenn man diese Mechanismen zusammendenkt, wird das Ungleichgewicht globaler Empathie verständlicher. Es ist keine einzelne Verzerrung, sondern ein Verbund aus mindestens vier Kräften:
Einzelschicksale schlagen abstrakte Größenordnungen.
Nah wahrgenommene Gruppen erzeugen mehr Mitgefühl als fremd markierte Gruppen.
Moralische Rahmungen sortieren schnell in legitime Opfer und delegitimierte Andere.
Institutionen des Erinnerns verstärken bestimmte Narrative und schwächen andere.
Das Ergebnis ist eine Scheinwerferlogik. Öffentliche Empathie ist nicht überall gleich hell, sondern stark gebündelt. Dort, wo Geschichten personalisiert, Gruppenidentitäten anschlussfähig und politische Narrative vorbereitet sind, entsteht maximale Sichtbarkeit. Anderswo bleibt Leid diffus, obwohl es nicht geringer ist.
Das erklärt auch, warum Debatten über "doppelte Standards" so explosiv sind. Oft steckt darin nicht nur Zynismus oder Propaganda, sondern eine reale Erfahrung moralischer Ungleichbehandlung. Menschen bemerken, wenn manche Opfer sofort als universelle Menschheitsfrage erscheinen, andere aber nur als regionale Randnotiz. Genau an dieser Differenz entzünden sich Ressentiments, Gegenmobilisierung und neue Opferkonkurrenz.
Mehr Gerechtigkeit braucht nicht weniger Gefühl, sondern bessere Formen davon
Die naheliegende Reaktion wäre, Empathie insgesamt zu misstrauen. Doch das wäre zu einfach. Das Problem ist nicht Mitgefühl selbst, sondern seine ungleiche Verteilung und politische Instrumentalisierbarkeit. Gute Öffentlichkeit muss deshalb lernen, Empathie zu ergänzen, nicht abzuschaffen.
Dazu gehören drei Dinge. Erstens müssen Medien und Institutionen Personalisierung mit Proportion verbinden. Ein einzelnes Gesicht kann moralische Aufmerksamkeit öffnen, aber es darf die Größenordnung des Geschehens nicht verdecken. Zweitens braucht Erinnerungspolitik mehrschichtige Narrative, die eigenes Leid anerkennen, ohne fremdes Leid zu relativieren. Forschung zu inclusive victimhood zeigt, dass die Anerkennung ähnlichen Leidens auf mehreren Seiten Versöhnung und Friedensengagement fördern kann. Drittens sollte öffentliche Moral stärker an Prinzipien gebunden werden als an Identifikation: ziviles Leid bleibt ziviles Leid, auch wenn Sprache, Flagge oder geopolitische Nähe wechseln.
Die eigentliche Zumutung
Die eigentliche Zumutung dieses Themas lautet: Empathie ist kein sicherer Kompass für Gerechtigkeit. Sie ist wertvoll, aber voreingenommen. Sie kann mobilisieren, aber auch blenden. Sie kann Menschen verbinden, aber ebenso Hierarchien stabilisieren, wenn nur bestimmte Opfer als voll sichtbar gelten.
Wer das Ungleichgewicht globaler Empathie ernst nimmt, muss deshalb aufhören, Opferstatus als reine Tatsachenbeschreibung zu behandeln. Opferrollen sind sozial gerahmt, medial verteilt und politisch umkämpft. Genau deshalb entscheidet sich an Erinnerungspolitik nicht nur, wie wir auf Vergangenes blicken, sondern auch, wem wir in der Gegenwart überhaupt erlauben, als verletzlich, betrauerbar und moralisch dringlich zu erscheinen.
Wenn wir gerechter erinnern und gerechter fühlen wollen, reicht es also nicht, mehr Anteilnahme zu fordern. Wir müssen lernen, Leid weniger tribal, weniger selektiv und weniger narrativ bequem wahrzunehmen. Erst dann wird aus Empathie mehr als ein Scheinwerfer.

















































































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