Krieg im Sudan – Anatomie einer zerrissenen Nation (2023–2025)
- Benjamin Metzig
- 3. Nov. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen

Wer über den Krieg im Sudan spricht, landet schnell bei Formeln wie "vergessene Krise" oder "unübersichtlicher Bürgerkrieg". Beides stimmt ein Stück weit. Beides verschleiert aber auch, was hier tatsächlich passiert ist. Der Krieg, der am 15. April 2023 offen ausbrach, war kein plötzlicher Zusammenbruch aus dem Nichts. Er war die Explosion eines Staates, der seine Gewaltapparate nie unter politische Kontrolle gebracht hat, einer gescheiterten Transition nach dem Sturz Omar al-Bashirs und einer Machtordnung, in der Armee, Milizen, Schmuggelnetzwerke und ausländische Förderer längst enger miteinander verflochten waren, als es nach außen wirkte.
Der Titel dieses Beitrags bleibt bewusst unverändert und markiert den Analysebogen von 2023 bis 2025. Weil der Krieg am 13. Mai 2026 aber weiterhin andauert, gehört eine knappe Einordnung des aktuellen Stands zwingend dazu. Wer nur bis Ende 2025 schaut, versteht die Anatomie des Krieges. Wer den Frühling 2026 ausblendet, verpasst, wie stabil diese zerstörerische Logik geblieben ist.
Der Krieg begann als Bruch zwischen zwei Männern – und war doch viel größer als sie
An der Oberfläche ist die Ausgangslage klar. Auf der einen Seite steht die sudanesische Armee, die SAF, unter Abdel Fattah al-Burhan. Auf der anderen Seite die paramilitärische RSF unter Mohamed Hamdan Dagalo, besser bekannt als Hemedti. Beide Männer hatten 2019 noch gemeinsam am Sturz von Omar al-Bashir mitgewirkt. Beide sabotierten später die ohnehin fragile zivile Transition. Und beide zerstritten sich schließlich über die zentrale Machtfrage: Wer kontrolliert den Staat, und wer wird in wen integriert?
Die entscheidende Formel lautet deshalb nicht einfach "Armee gegen Miliz", sondern: zwei bewaffnete Machtzentren, die beide Anspruch auf den Staat erheben. Die RSF war längst keine bloße Hilfstruppe mehr, sondern ein eigener militärischer, wirtschaftlicher und politischer Apparat. Genau deshalb wurde die Frage ihrer Eingliederung in eine reguläre Armee zum Auslöser der Eskalation. Was als Konkurrenz zweier Generäle begann, wurde innerhalb weniger Tage zu einem landesweiten Krieg.
Definition: Was die RSF politisch so brisant macht
Die RSF war nicht nur eine bewaffnete Formation, sondern ein parallel gewachsener Sicherheits- und Geschäftsapparat. Wer sie "einfach" in die Armee integrieren wollte, griff damit direkt in Besitzstände, Befehlsketten und Einnahmequellen ein.
Warum der Sudan nicht nur ein Schlachtfeld, sondern ein zerlegter Staat wurde
Viele Kriege lassen sich noch als Kampf um Hauptstadt, Regierungssitz und Kommandozentren erzählen. Im Sudan reicht das nicht. Natürlich war Khartum symbolisch zentral. Dort begann der Krieg, dort saßen Ministerien, Militärführung, Flughafen und Präsidentenpalast. Aber der Konflikt entfaltete seine zerstörerische Kraft gerade deshalb, weil er sich früh von der Hauptstadt löste und in eine Vielzahl regionaler Machtarenen übersprang.
Nach Einschätzung von ACLED verlagerte sich die Gewalt 2024 zunehmend nach al-Jazirah und Darfur. Das ist analytisch wichtig. Es zeigt, dass der Krieg nicht nur um staatliche Symbole geführt wurde, sondern um Straßenachsen, Versorgungskorridore, Agrargebiete, Grenzräume und lokale Bündnisse. Wer Sudan kontrollieren will, muss nicht nur Institutionen besetzen. Er muss Transportwege, Lebensmittelströme, Goldrouten, Rekrutierungsgebiete und urbane Knotenpunkte dominieren.
Genau hier liegt ein Grund, warum der Krieg so zäh wurde. Er lebt von einer Kriegsökonomie, die mehr ist als bloße Plünderung. Bewaffnete Akteure sichern Einnahmen, Einfluss und Verhandlungsmacht gerade dadurch, dass der Krieg weitergeht. Lokale Gruppen schließen sich nicht immer aus ideologischer Loyalität an, sondern weil Krieg Schutz, Zugang oder Überleben verspricht. Je länger dieser Zustand anhält, desto mehr zerfällt der Staat in Sicherheitsmärkte.
ACLED warnte schon für 2025 vor einem immer stärker fragmentierten Konfliktumfeld. Das ist keine abstrakte Prognose. Es bedeutet konkret: Selbst wenn eine Seite militärische Erfolge erzielt, entstehen daneben neue lokale Gewaltzentren, die keinen starken Anreiz haben, sich einer nationalen Friedensordnung zu unterwerfen.
Darfur zeigt die eigentliche Tiefenschicht des Krieges
Wer den Sudan-Krieg nur als Machtkampf in Khartum deutet, versteht Darfur nicht. Und wer Darfur nicht versteht, versteht den ganzen Krieg nicht.
Human Rights Watch dokumentierte für El Geneina in West-Darfur Angriffe der RSF und verbündeter Milizen von April bis November 2023, bei denen mindestens Tausende Menschen getötet und Hunderttausende zur Flucht gezwungen wurden. Besonders betroffen waren die Massalit und andere nichtarabische Gemeinschaften. HRW spricht explizit von einer ethnischen Säuberung.
Das ist der Punkt, an dem die bequeme Sprache vom "Bürgerkrieg" versagt. Ein Bürgerkrieg kann militärisch geführt werden. In Darfur wurde er zugleich ethnisiert. Gewalt richtete sich nicht nur gegen bewaffnete Gegner, sondern gegen Gemeinschaften, die als demografisches, politisches oder territoriales Hindernis betrachtet wurden. Spätere Berichte und UN-Warnungen deuten darauf hin, dass diese Logik keineswegs auf 2023 begrenzt blieb.
Darfur ist deshalb keine Randnotiz. Darfur ist die Stelle, an der sichtbar wird, dass der Krieg nicht nur um den Staat, sondern auch um die Neuzuschreibung von Raum, Zugehörigkeit und Herrschaft geführt wird.
Hunger ist hier keine bloße Folge, sondern Teil der Kriegsdynamik
Kriege zerstören Ernten, Märkte und Krankenhäuser. Im Sudan kommt hinzu, dass die Kriegsparteien Hilfe blockieren, Bewegungen verhindern und Versorgungsräume in militärische Hebel verwandeln. Dadurch wird Hunger nicht nur produziert, sondern politisch vertieft.
Die Vereinten Nationen warnten am 17. Februar 2025, dass der Krieg bereits rund 12 Millionen Menschen in Sudan und über die Grenzen hinweg vertrieben habe. Fast zwei Drittel der Bevölkerung seien auf Nothilfe angewiesen, in mehreren Orten seien Hungerkrisen bis hin zu Hungersnotbedingungen gemeldet worden. Besonders drastisch wurde das im Lager Zamzam in Nord-Darfur. Ende Februar 2025 meldete Reuters, das Welternährungsprogramm habe die Verteilung von Nahrungsmitteln dort wegen eskalierender Kämpfe zeitweise stoppen müssen. UN-Menschenrechtschef Volker Türk warnte kurz darauf vor einem Risiko von Massensterben durch Hunger.
Das Entscheidende daran ist nicht nur die Zahl, sondern die Struktur. Hunger entsteht hier nicht allein, weil Regen ausbleibt oder Ackerflächen verwüstet werden. Er entsteht, weil Transportkorridore unsicher werden, Hilfslieferungen scheitern, Verwaltungsbarrieren aufgebaut werden und Frontlinien durch genau jene Gebiete verlaufen, in denen ohnehin die größten Versorgungsdefizite herrschen.
Kernidee: Warum der Sudan-Krieg so schwer zu erfassen ist
Er zerstört gleichzeitig Stadt, Land, Versorgung, Zugehörigkeit und politische Ordnung. Deshalb wirken Zahlen zu Flucht, Hunger oder Gewalt oft wie getrennte Krisen. In Wahrheit sind sie Ausdruck desselben Systems.
Ausländische Einmischung macht aus einem inneren Krieg einen regionalen Knoten
Kein moderner Krieg dieser Größenordnung bleibt innenpolitisch rein. Im Sudan zeigt sich das besonders deutlich. Reuters verweist auf Vorwürfe von UN-Forschern, US-Abgeordneten und der sudanesischen Armee, die Vereinigten Arabischen Emirate hätten die RSF über Nachbarstaaten maßgeblich unterstützt; die Emirate bestreiten das. ACLED beschreibt darüber hinaus militärische Unterstützung für die SAF unter anderem aus Ägypten, Eritrea, Russland und Iran.
Man muss dabei vorsichtig bleiben: Externe Akteure erklären den Krieg nicht vollständig. Aber sie verlängern ihn, weil sie die Hoffnung beider Seiten nähren, nicht verhandeln zu müssen. Wer Waffen, Drohnen, Geld, Logistik oder diplomatischen Rückhalt erhält, kann militärische Sackgassen länger aushalten. Genau deshalb blieb auch die Diplomatie so schwach. Es gab Gespräche, Erklärungen, Foren, Vermittlungsversuche. Es gab aber zu wenig Durchsetzung gegen jene, die den Krieg materiell immer wieder neu speisten.
Der Sudan wurde damit zu einem Paradefall für einen Konflikt, in dem regionale Konkurrenz und lokale Kriegsökonomie ineinandergreifen. Von außen betrachtet wirkt das wie Stagnation. In Wahrheit ist es eine hochdynamische Stabilisierung des Desasters.
2025 brachte eine Wende in Khartum – aber keinen Frieden
Im März 2025 meldete Reuters, die sudanesische Armee habe die RSF aus weiten Teilen Khartums verdrängt. Der Rückgewinn von Präsidentenpalast, Flughafen und zentralen Stadtteilen war militärisch und symbolisch enorm bedeutsam. Für viele Beobachter wirkte das wie der Beginn einer Entscheidung.
Doch genau an dieser Stelle beginnt die eigentliche Lektion des Sudan-Kriegs: Die Rückeroberung der Hauptstadt ist nicht dasselbe wie die Wiederherstellung des Staates.
Reuters warnte damals bereits, dass die RSF ihre Kontrolle im Westen verfestigt habe und sich die Fronten in Richtung einer faktischen Teilung des Landes verhärten könnten. Genau das ist der Unterschied zwischen taktischem Erfolg und strategischer Lösung. Die SAF konnte Khartum zurückdrängen. Sie konnte damit aber weder die humanitäre Katastrophe beenden noch Darfur befrieden noch die Logik konkurrierender Gewaltzentren auflösen.
Das Jahr 2025 markiert deshalb weniger ein Kriegsende als eine Frontverschiebung. Die politische Frage blieb offen: Wer regiert ein Land, dessen Gewaltmonopol längst zerbrochen ist?
Stand 13. Mai 2026: Der Krieg lebt weiter, nur an anderen Orten und mit anderen Mitteln
Weil der Beitrag live aktualisiert wird, darf diese Gegenwartsnote nicht fehlen: Der Krieg endete nicht 2025. Reuters schrieb am 15. April 2026, dass er in sein viertes Jahr eingetreten sei. Die Kämpfe konzentrierten sich nun vor allem auf Kordofan, während die RSF im Westen ihre Stellung behauptete und an anderen Fronten neue Räume öffnete.
Noch alarmierender ist die technologische Verschiebung. Die UN in Genf meldeten am 11. Mai 2026, bewaffnete Drohnen hätten in den ersten vier Monaten des Jahres mehr als 80 Prozent der zivilen Todesfälle verursacht; mindestens 880 Menschen seien dabei getötet worden. Das ist mehr als eine neue Waffe. Es ist eine neue Kriegsphase. Drohnen erlauben Angriffe trotz Regenzeit, trotz dünner Frontverläufe und weitab klassischer Gefechtszonen. Sie verlagern die Unsicherheit in Märkte, Kliniken, Tanklager und Versorgungsrouten.
Zugleich warnte UN-Humanitärkoordinatorin Denise Brown am 13. April 2026 vor einer "abandoned crisis". Sie sprach von weitverbreiteter sexualisierter Gewalt, von Massenmorden rund um El Fasher und von erneut abgeschnittenen Hilfskorridoren etwa nach Dilling in Süd-Kordofan. Das ist die härteste Form von Kontinuität: Der Krieg verändert seine Geografie, aber nicht seine zerstörerische Grammatik.
Was man aus der Anatomie dieses Krieges lernen muss
Der Sudan-Krieg ist nicht deshalb so verheerend, weil er unverständlich wäre. Er ist so verheerend, weil seine Mechanismen erschreckend klar sind: ein militarisierter Staat ohne stabile zivile Ordnung, rivalisierende Gewaltapparate, eine Kriegsökonomie mit regionalen Profiteuren, ethnisierte Gewalt in Darfur, Hunger als politisch verschärfte Folge und eine internationale Diplomatie, die moralisch alarmiert, aber materiell zu oft zögerlich bleibt.
Das macht den Sudan nicht zu einem exotischen Sonderfall. Im Gegenteil. Der Krieg zeigt in verdichteter Form, was passiert, wenn bewaffnete Apparate stärker werden als Institutionen, wenn Übergänge zur Zivilpolitik scheitern und wenn äußere Mächte Konflikte lieber managen als tatsächlich austrocknen.
Die eigentliche Tragödie liegt deshalb nicht nur in der Zahl der Toten, Vertriebenen und Hungernden. Sie liegt darin, dass der Krieg längst genug erklärt ist, um politisch ernster genommen zu werden. Was fehlt, ist nicht Analyse. Es fehlt Konsequenz.
Weiterlesen bei den Originalquellen: UN Sudan zur humanitären Lage, Reuters zur Kriegslogik 2026, ACLED zur Fragmentierung und Einmischung, Human Rights Watch zu West-Darfur und UN Geneva zum Drohnenkrieg im Mai 2026.

















































































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