Wissenschaftliche Meldungen
Frauen im Krieg: Neues Forschungsprojekt dokumentiert Überleben und Resilienz in Sudan und Südsudan
15.1.26, 05:08
Gesellschaft, Politik, Psychologie

Forschung mitten in der Krise – nicht erst danach
Wenn über Kriege geforscht wird, passiert das oft mit Abstand: Jahre später, anhand von Interviews, Statistiken oder Berichten internationaler Organisationen. Das hat Gründe. In aktiven Konflikten sind Wege unsicher, Institutionen zerfallen, Daten sind schwer zu erheben, und jede Forschung muss zuerst die Sicherheit der Beteiligten garantieren. Umso bemerkenswerter ist ein neues Projekt, das genau diesen Abstand verkleinern will. An der University of Portsmouth ist ein vierjähriges Forschungsvorhaben gestartet, das die Überlebens- und Resilienzstrategien von Frauen und Mädchen in den Konflikten in Sudan und Südsudan „in Echtzeit“ dokumentieren soll.
Im Zentrum steht die Frage, die in vielen Debatten zu schnell untergeht: Was bedeutet Krieg im Alltag – nicht abstrakt, sondern konkret? Wie organisieren Frauen Versorgung, Schutz, Mobilität und soziale Bindungen, wenn Gewalt und Instabilität zur Normalität werden? Und welche politischen und ökonomischen Bedingungen formen überhaupt erst, welche Handlungsspielräume es gibt?
Wer das Projekt leitet – und was daran neu ist
Geleitet wird das Vorhaben von Professorin Nafisa Bedri, Global Professor für Gender und Reproduktive Gesundheit, die an der Ahfad University for Women im Sudan verankert ist und mit der University of Portsmouth zusammenarbeitet. Das Projekt trägt den Titel „Gendering War in Sudan and South Sudan“ und wird über ein internationales Förderprogramm finanziert. Laut Universität ist es das erste Mal, dass eine sudanesische Wissenschaftlerin diese Auszeichnung erhält – ein Detail, das nicht nur symbolisch ist, sondern auch für die Wissensproduktion relevant: Wer forscht, prägt, welche Fragen gestellt werden, welche Perspektiven als zentral gelten und was am Rand bleibt.
Der Ansatz betont ausdrücklich gelebte Erfahrungen. Gemeint ist damit nicht nur das Sammeln von Erzählungen, sondern der Versuch, den Alltag unter Gewaltbedingungen systematisch zu verstehen: wie Entscheidungen getroffen werden, Risiken abgewogen, soziale Netzwerke genutzt oder improvisierte Lösungen gefunden werden, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben.
Resilienz ist kein Superheldinnen-Feature
Resilienz wird in der Krisenberichterstattung häufig bewundernd verwendet. In der Forschung ist der Begriff heikler. Resilienz bedeutet nicht, dass Gewalt weniger schwer wiegt oder dass Betroffene „damit klarkommen“. Oft ist sie eine Anpassungsleistung an extreme Belastungen – eine Mischung aus Pragmatismus, Zwang, sozialer Einbettung und dem Versuch, den nächsten Tag zu überstehen.
Genau hier setzt das Projekt an. Es fragt danach, welche politischen und ökonomischen Kontexte bestimmte Überlebensstrategien ermöglichen oder verhindern. Damit verschiebt sich der Fokus weg von individuellen Eigenschaften hin zu strukturellen Bedingungen. Resilienz erscheint so nicht als persönliche Stärke, sondern als Ergebnis – oder Scheitern – gesellschaftlicher Rahmenbedingungen.
Dokumentation in Echtzeit – Chance und Risiko
Dass die Forschung möglichst zeitnah zum Geschehen stattfinden soll, ist wissenschaftlich bedeutsam. Rückblickende Interviews sind unverzichtbar, aber sie sind immer von Erinnerung, Einordnung und Distanz geprägt. Eine zeitnahe Dokumentation kann besser erfassen, wie sich Belastungen entwickeln, wie sich Risiken verschieben und wie Menschen unter akutem Druck handeln.
Gleichzeitig ist das der ethisch anspruchsvollste Teil. Forschung in aktiven Kriegs- und Krisengebieten erfordert strenge Schutzmaßnahmen: für die Teilnehmenden ebenso wie für die Forschenden. Die öffentliche Projektbeschreibung skizziert Ziele und Ansatz, lässt aber offen, wie Datensicherheit, Anonymisierung und traumainformierte Begleitung konkret umgesetzt werden. Diese Details werden entscheidend sein, um die Arbeit später wissenschaftlich einordnen zu können.
Forschung und Praxis zusammendenken
Neben der Analyse plant das Projekt den Aufbau einer Beratungseinheit, die sich an den Bedürfnissen von Frauen und jungen Menschen orientiert, die vom Sudan-Konflikt betroffen sind. Damit verbindet es Grundlagenforschung mit einem anwendungsnahen Anspruch. Ziel ist es, Wissen nicht nur zu sammeln, sondern in konkrete Unterstützung zu übersetzen.
Eine solche Verzahnung kann Forschung relevanter machen, birgt aber auch Verantwortung. Beratung in Konfliktkontexten ist nie neutral: Sie berührt politische, humanitäre und gesellschaftliche Fragen. Umso wichtiger ist Transparenz darüber, welche Rolle Forschung hier einnimmt und wo ihre Grenzen liegen.
Einordnung
Die Konflikte in Sudan und Südsudan sind mehr als geopolitische Ereignisse. Sie prägen den Alltag von Millionen Menschen, insbesondere von Frauen und Mädchen, die häufig mehrfach betroffen sind: durch direkte Gewalt, durch geschlechtsspezifische Übergriffe, durch eingeschränkten Zugang zu Gesundheitsversorgung und durch die zusätzliche Last, soziale Netzwerke unter extremem Druck aufrechtzuerhalten.
Ein Forschungsprojekt, das Resilienz nicht romantisiert, sondern als Ergebnis politischer und ökonomischer Bedingungen untersucht, kann helfen, Hilfsmaßnahmen realistischer zu gestalten. Ob die Ergebnisse vor allem von erfolgreichen Strategien oder von deren Grenzen erzählen werden, ist offen. Klar ist aber schon jetzt: Der Anspruch, betroffene Frauen nicht nur als Objekte von Hilfe, sondern als handelnde Akteurinnen sichtbar zu machen, füllt eine wichtige Lücke in der bisherigen Konfliktforschung.
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