Wissenschaftliche Meldungen
Erde am Kipppunkt: Warum Korallenbleichen zum globalen Warnsignal werden
29.12.25, 14:37
Klima & Umwelt, Ökologie, Ozeanografie

Die Erde steuert auf einen Kipppunkt zu – und Korallen zeigen, wie nah er schon ist
In einem Ende Dezember 2025 veröffentlichten Beitrag warnt der Klimaforscher Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), dass sich die Erde einem gefährlichen Bereich nähert, in dem Umweltsysteme nicht mehr nur schrittweise reagieren, sondern abrupt und dauerhaft kippen können. Sein zentrales Argument: Die aktuell weltweit beobachteten Korallenbleichen seien kein isoliertes Phänomen mehr, sondern ein deutliches Warnsignal dafür, dass belastbare Grenzen des Erdsystems erreicht oder überschritten werden.
Rekordemissionen als Treiber der Entwicklung
Rockström verweist darauf, dass die globalen Treibhausgasemissionen auch im Jahr 2024 weiter gestiegen sind. Zwar habe sich das Wachstum im Vergleich zu früheren Jahren etwas verlangsamt, entscheidend sei jedoch die Richtung: Solange die Emissionen weiter zunehmen, heizen sich Atmosphäre und Ozeane weiter auf. Die Folgen seien eine Zunahme von Hitzewellen, Waldbränden, Starkniederschlägen, Dürren und Stürmen. Besonders problematisch ist aus Sicht der Forschung, dass viele Ökosysteme kaum noch Zeit zur Erholung haben, bevor die nächste Belastung einsetzt.
Was Kipppunkte bedeuten – und warum Dominoeffekte drohen
In der Klimaforschung bezeichnen Kipppunkte Schwellenwerte, ab denen sich Veränderungen selbst verstärken oder nicht mehr rückgängig zu machen sind. Rockström ordnet diese Kipppunkte in den Kontext des internationalen 1,5-Grad-Ziels ein. Für große Systeme wie den Amazonas-Regenwald, den Grönland-Eisschild oder die atlantische Umwälzzirkulation ist weiterhin unklar, bei welcher Erwärmung genau solche Schwellen erreicht werden. Zusätzlich warnt er vor sogenannten Kaskaden: Kippt ein System, kann dies den Druck auf andere Erdsysteme erhöhen und eine Kettenreaktion auslösen.
Korallenriffe als Frühwarnsystem des Klimawandels
Besonders deutlich zeigen sich diese Risiken laut Rockström bei tropischen Korallenriffen. Sie zählen zu den artenreichsten Ökosystemen der Erde und sind für Millionen Menschen eine wichtige Lebensgrundlage. Gleichzeitig reagieren sie extrem empfindlich auf marine Hitzewellen. Steigt die Wassertemperatur über längere Zeit zu stark an, stoßen Korallen die symbiotischen Algen ab, von denen sie einen Großteil ihrer Energie beziehen. Das Resultat ist die sogenannte Korallenbleiche.
Entscheidend ist dabei nicht nur die Intensität einzelner Hitzewellen, sondern deren Häufigkeit. Treten Bleichen in immer kürzeren Abständen auf, bleibt den Riffen kaum Zeit zur Regeneration. Am Great Barrier Reef wurden seit 2016 mehrere Massenbleichen dokumentiert, zuletzt erneut in den Jahren 2024 und 2025. Diese zeitliche Verdichtung gilt in der Forschung als besonders alarmierend.
Globale Korallenbleiche als Zeichen eines systemischen Problems
Zusätzliche Brisanz erhält die Lage dadurch, dass Bleichen inzwischen nicht mehr nur regional auftreten. Wenn mehrere Ozeanbecken gleichzeitig kritische Temperaturwerte erreichen, sprechen Fachbehörden von einer globalen Korallenbleiche. Das bedeutet, dass es kaum noch Rückzugsräume für Riffe gibt und sich der Zustand der Ozeane insgesamt verschiebt. Für Rockström ist dies ein Hinweis darauf, dass die Belastung des Erdsystems eine neue Qualität erreicht hat.
Planetare Grenzen: Risiko statt unmittelbarer Kollaps
Der Autor verknüpft diese Beobachtungen mit dem Konzept der planetaren Grenzen. Dieses beschreibt biophysikalische Prozesse, die die Stabilität der Erde sichern. In aktuellen Bewertungen gelten mehrere dieser Grenzen bereits als überschritten. Das bedeutet nicht zwangsläufig einen sofortigen Zusammenbruch, wohl aber ein deutlich erhöhtes Risiko für abrupte und schwer umkehrbare Veränderungen.
Forderungen und offene Fragen
Als Konsequenz fordert Rockström eine deutlich schnellere Reduktion der globalen Emissionen. Um bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, müssten die fossilen Emissionen jährlich um mehr als fünf Prozent sinken. Zusätzlich seien tiefgreifende Veränderungen in Landwirtschaft und Ernährung nötig, damit diese Bereiche von einer Emissionsquelle zu einer Netto-Senke werden. Auch der Ausbau von Technologien zur CO₂-Entnahme wird als notwendig beschrieben, allerdings mit dem Hinweis, dass deren langfristige Skalierbarkeit wissenschaftlich und politisch noch offen ist.
Gleichzeitig bleibt die Unsicherheit groß: Selbst bei konsequenter Klimapolitik ist nicht garantiert, dass stark geschädigte Ökosysteme wie Korallenriffe langfristig erhalten werden können. Der Beitrag macht deutlich, dass es sich um eine wissenschaftlich fundierte, aber bewusst zugespitzte Einordnung handelt, die bestehende Forschung bündelt, ohne alle offenen Fragen endgültig zu beantworten.
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