Wissenschaftliche Meldungen
Unsichtbare Chemiewolken aus Plastik: Wie Mikroplastik Gewässer still verändert
1.1.26, 11:56
Klima & Umwelt, Ökologie, Chemie

Mehr als nur sichtbarer Müll
Mikroplastik gilt vor allem als sichtbarer Abfall in Flüssen, Seen und Meeren – winzige Partikel, die sich aus größeren Kunststoffteilen lösen. Neue Forschung zeigt jedoch, dass diese Teilchen weit mehr bewirken als nur optische Verschmutzung. Unter dem Einfluss von Sonnenlicht setzen sie kontinuierlich komplexe chemische Stoffe frei, die sich im Wasser ausbreiten und dort als unsichtbare „chemische Wolken“ wirken. Diese gelösten organischen Substanzen könnten bislang unterschätzte Auswirkungen auf die chemischen und biologischen Prozesse in Gewässern haben.
Sonnenlicht als Motor der chemischen Freisetzung
Laboruntersuchungen verschiedener Kunststoffarten zeigen, dass die Abgabe chemischer Verbindungen stark von der Sonneneinstrahlung abhängt. Je länger Mikroplastik dem Licht ausgesetzt ist, desto mehr gelöste organische Stoffe werden freigesetzt. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt bei Kunststoffen, die als biologisch abbaubar gelten, da ihre chemischen Strukturen leichter aufbrechen. Entscheidend ist dabei weniger die bereits freigesetzte Stoffmenge als vielmehr die chemische Beschaffenheit der Oberfläche der Partikel.
Komplexe Stoffgemische statt einzelner Schadstoffe
Die freigesetzten chemischen Wolken bestehen nicht aus wenigen klar identifizierbaren Substanzen, sondern aus komplexen Mischungen organischer Moleküle. Dazu gehören Monomere, Fragmente der Polymerketten, zugesetzte Chemikalien sowie durch Licht veränderte Abbauprodukte. Mit zunehmender Alterung der Plastikpartikel nimmt der Anteil sauerstoffhaltiger Molekülgruppen zu – ein Hinweis auf fortschreitende oxidative Prozesse. Auffällig ist, dass diese chemischen Profile eher jenen ähneln, die von Mikroorganismen produziert werden, als der natürlichen organischen Materie aus Böden oder Pflanzenresten.
Mögliche Folgen für aquatische Ökosysteme
Viele der freigesetzten Moleküle sind klein genug, um von Mikroorganismen aufgenommen zu werden. Dadurch könnten sie das Wachstum von Bakterien und Algen beeinflussen, Nährstoffkreisläufe verändern oder Wechselwirkungen mit anderen Schadstoffen wie Schwermetallen eingehen. Auch die Bildung reaktiver Sauerstoffverbindungen ist denkbar, was wiederum die Wasserchemie und die Zusammensetzung biologischer Gemeinschaften beeinflussen könnte. Wie stark diese Effekte in natürlichen Gewässern ausfallen, ist bislang offen, doch die Ergebnisse deuten auf einen bislang unterschätzten Einfluss von Mikroplastik hin.
Neue Ansätze für Risikobewertung nötig
Angesichts der chemischen Vielfalt und Dynamik der freigesetzten Stoffe plädieren die Forschenden dafür, Mikroplastik nicht nur als festen Abfall, sondern als dauerhafte chemische Quelle zu betrachten. Um die ökologischen Folgen besser abschätzen zu können, schlagen sie den Einsatz moderner Analyseverfahren und datenbasierter Modelle vor, etwa mithilfe maschinellen Lernens. Diese könnten helfen vorherzusagen, wie sich Mikroplastik-bedingte Chemikalien in realen Gewässern verhalten und welche Risiken sie für Ökosysteme darstellen.
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