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Warum das Immunsystem im Alter kippt: Studie findet CCR5-positive Stammzell-Untergruppe, die mit den Jahren zunimmt
16.1.26, 08:49
Biologie, Medizin

Was im Alter mit Blutstammzellen passiert – und warum das so wichtig ist
Blutstammzellen im Knochenmark sind so etwas wie die daueraktive Nachschubfabrik des Immunsystems. Aus ihnen entstehen über viele Zwischenschritte alle wichtigen Blutzelltypen: rote Blutkörperchen, Blutplättchen und die vielen Varianten von Immunzellen. Schon lange ist bekannt, dass dieses System im Alter nicht einfach nur „weniger“ wird, sondern sich verschiebt. Typisch ist ein sogenannter Myeloid-Bias: Der Output kippt stärker Richtung myeloider Zellen, also etwa Vorläufer von Monozyten, Makrophagen und Granulozyten, während bestimmte lymphoide Linien, die für adaptive Immunantworten zentral sind, relativ an Boden verlieren. Das passt zu dem, was viele Menschen im Alter erleben: weniger robuste Abwehr gegen neue Erreger, schlechtere Impfantworten, gleichzeitig mehr chronische, niedriggradige Entzündung.
Die neue Arbeit in den Proceedings of the National Academy of Sciences setzt genau an dieser Stelle an und fragt: Ist dieser Myeloid-Bias einfach ein schleichender Funktionswandel „der einen“ Stammzellpopulation – oder steckt darin eine Verschiebung zwischen unterschiedlichen Stammzell-Untergruppen?
Der Kernbefund: CCR5 markiert eine myeloid-vorprogrammierte Stammzell-Untergruppe
Die Autorinnen und Autoren identifizieren den Chemokinrezeptor CCR5 als Marker für eine Teilmenge von Maus-Blutstammzellen. CCR5 ist vielen eher aus der Immunologie bekannt, weil er Immunzellen dabei hilft, chemischen „Duftspuren“ im Gewebe zu folgen, und weil er als Korezeptor bei bestimmten HIV-Varianten eine Rolle spielt. In diesem Kontext geht es aber um etwas anderes: CCR5 sitzt auf einer Untergruppe hämatopoetischer Stammzellen, die offenbar stärker in Richtung myeloider Zellschicksale „geprimt“ ist.
Entscheidend ist, was mit dem Alter passiert: Der Anteil dieser CCR5-positiven Stammzellen nimmt zu. Das liefert einen mechanistischen Anker für den myeloiden Drift im alternden Blutbildungssystem – nicht nur als abstraktes Phänomen, sondern als messbare Verschiebung in der Zusammensetzung der Stammzell-Landschaft.
Was die Transplantationsdaten nahelegen – und was nicht
Ein zentrales Element in solchen Studien sind Transplantationsversuche: Man überträgt definierte Stammzellpopulationen in Empfängertiere und schaut, welche Blutzelllinien daraus entstehen. Hier berichten die Forschenden, dass CCR5-negative, gealterte Stammzellen nach Transplantation relativ weniger myeloide und dafür eher mehr lymphoide Zellen hervorbringen als ihre CCR5-positiven Gegenstücke. Das passt zur Interpretation: CCR5 ist nicht nur ein Etikett, sondern hängt funktionell mit einer myeloid-lastigen Differenzierungsneigung zusammen.
Wichtig ist aber die Einordnung: Transplantationsassays sind extrem aufschlussreich, aber sie sind auch eine Stressprobe. Das Knochenmark wird zuvor „leergeräumt“, Nischen werden frei, Zellen müssen neu einwandern und sich durchsetzen. Das ist nicht eins zu eins der Normalzustand im intakten, alternden Organismus. Die Richtung des Effekts ist damit plausibel, aber wie groß er im Alltag eines lebenden Tieres ausfällt, muss man immer mitdenken.
Eine Stellschraube im Entzündungsnetz: die CCL5–CCR5-Achse
CCR5 ist ein Rezeptor, der auf bestimmte Botenstoffe reagiert, unter anderem auf CCL5. Die Studie testet deshalb auch, was passiert, wenn man diese Signalkette stört. Berichtet wird, dass eine Unterbrechung der CCL5–CCR5-Achse bei alten Mäusen die Häufigkeit bestimmter lymphoider Populationen im peripheren Blut verändert. Das ist konzeptionell spannend, weil es einen möglichen Hebel andeutet: Wenn der myeloide Drift im Alter teilweise durch Wettbewerb und Nischen-Signale zwischen Stammzell-Untergruppen mitbestimmt wird, könnte eine gezielte Modulation der Umgebung oder der „Homing“-Signale die Balance verschieben.
Hier ist allerdings besondere Vorsicht angebracht. CCR5 ist kein Spezialknopf nur für Stammzellen, sondern ein breit genutzter Rezeptor im Immunsystem. Eingriffe in diese Achse können also vielfältige Nebenwirkungen haben, je nachdem, welche Zelltypen man unbeabsichtigt mitverändert. Außerdem sagt eine Verschiebung von Zellhäufigkeiten im Blut noch nicht automatisch etwas darüber aus, ob das Immunsystem funktionell „jünger“ wird, also zum Beispiel besser auf neue Antigene reagiert oder Infektionen schneller kontrolliert.
Warum das Ergebnis trotzdem ein großer Schritt ist
Der Wert der Arbeit liegt vor allem darin, ein diffuses Altersphänomen in eine prüfbare Struktur zu übersetzen. „Im Alter werden Blutstammzellen myeloid-lastiger“ ist als Satz korrekt, aber mechanistisch unscharf. Ein Marker wie CCR5 erlaubt es, das System in Teilpopulationen zu zerlegen, ihre Dynamik über die Lebenszeit zu vermessen und gezielter zu untersuchen, welche Nischenfaktoren, Entzündungsmediatoren oder epigenetischen Programme dahinterstehen.
Gleichzeitig bleibt offen, wie gut sich diese Befunde von Maus auf Mensch übertragen lassen. Der Alterungsprozess der Blutbildung ist in beiden Spezies ähnlich in der Richtung, aber nicht zwingend identisch in Details. Ob CCR5 beim Menschen eine vergleichbare Stammzell-Untergruppe markiert und ob deren Expansion tatsächlich ein Treiber der Immunalterung ist, sind genau die Fragen, die als Nächstes beantwortet werden müssen.
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