Kloakenatmung bei Schildkröten: Das geheime Survival-Feature
- Benjamin Metzig
- 9. Aug. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 10. Mai

Kaum eine Tiergeschichte verbreitet sich schneller als diese: Schildkröten, die "durch den Po atmen". Das klingt nach clickbait, nach zoologischer Karnevalsnummer, nach einem Detail, das man einmal staunend weitererzählt und dann wieder vergisst. Der Haken ist nur: Ganz erfunden ist es nicht. Einige Schildkröten können tatsächlich Sauerstoff aus dem Wasser aufnehmen, ohne dafür an die Oberfläche zu müssen. Nur läuft das biologisch viel eleganter, viel spezieller und viel weniger universell ab, als der Popmythos vermuten lässt.
Das Spannende an dieser Anpassung ist deshalb nicht bloß ihre Skurrilität. Kloakenatmung zeigt, wie präzise Evolution an Lebensräume angepasst sein kann. Und sie zeigt, wie schnell ein spektakulärer biologischer Vorteil in eine ökologische Verletzlichkeit kippt, sobald Flüsse verbaut, verschlammt oder sauerstoffärmer werden.
Die Kloake ist nicht der Trick, sondern die Bursen dahinter
Wenn von Kloakenatmung die Rede ist, entsteht leicht ein schiefes Bild. Die Kloake ist bei Reptilien zunächst einmal die gemeinsame Endkammer für Ausscheidung und Fortpflanzung. Der eigentliche Gasaustausch findet bei spezialisierten Arten aber in paarigen Ausstülpungen statt, den sogenannten Kloakenbursen. Diese Taschen sind innen mit stark durchbluteten, teils gillartig verzweigten Papillen ausgekleidet. Genau dort diffundiert Sauerstoff aus dem Wasser ins Blut.
Die Tiere pumpen Wasser aktiv in diese Strukturen hinein und wieder hinaus. Es geht also nicht um ein passives Kuriosum, sondern um eine zusätzliche, funktionale Atmungsoberfläche. Biologen sprechen deshalb von bimodaler Atmung: Die Schildkröten atmen mit der Lunge, können aber zusätzlich unter Wasser Sauerstoff direkt aus ihrer Umgebung ziehen.
Definition: Was Kloakenatmung wirklich meint
Nicht die Kloake selbst ersetzt die Lunge. Entscheidend sind hoch spezialisierte Kloakenbursen, die bei einigen Arten als zusätzliche Gasaustauschorgane dienen.
Nicht alle Schildkröten können das, und genau das ist der entscheidende Punkt
Der populäre Kurzschluss lautet oft: Schildkröten überwintern unter Eis, also atmen Schildkröten eben durch die Kloake. So einfach ist es nicht. Die Forschung zeigt vielmehr eine starke Spannweite zwischen Arten. Manche nutzen unter Wasser vor allem die Haut oder die Schleimhäute im Maul-Rachen-Raum. Andere haben deutlich spezialisiertere Kloakenbursen. Und nur wenige Arten treiben diese Anpassung wirklich auf die Spitze.
Besonders eindrucksvoll ist das bei australischen Flussschildkröten. Die Fitzroy-River-Schildkröte Rheodytes leukops gilt in Regierungs- und Fachquellen als einer der am stärksten spezialisierten Fälle. Der Queensland-Bericht Freshwater Turtles in the Mary River beschreibt sie als Höhepunkt der Entwicklung von Kloakenventilation unter den australischen Cheliden und nennt Werte von bis zu 70 Prozent des gesamten Sauerstoffbedarfs aus dem Wasser. In Feldstudien wurden für die Art routinemäßig sehr lange Tauchgänge gemessen.
Auch für Elseya albagula ist die Evidenz belastbar. In Partitionierungsexperimenten von Sean FitzGibbon und Craig Franklin deckte aquatische Atmung etwa 70 Prozent des gesamten Sauerstoffbedarfs, und die Kloakenbursen stellten den größten Einzelanteil der aquatischen Sauerstoffaufnahme. Das ist kein zoologischer Randwitz mehr, sondern eine tiefgreifende physiologische Spezialisierung.
Warum diese Anpassung überhaupt so wertvoll ist
Für eine Flussschildkröte ist jeder Gang an die Oberfläche ein Kompromiss. Auftauchen kostet Zeit und Energie. Es kann Beutetiere verschrecken, den eigenen Standort verraten und in strömungsreichen Abschnitten zusätzlichen Aufwand erzeugen. Wer länger unten bleiben kann, gewinnt deshalb ökologisch Spielraum.
Genau das zeigt ein Paper im Journal of Experimental Biology für Rheodytes leukops. Mit steigender Strömung sank die Auftauchfrequenz stark, in den Versuchen sogar um den Faktor zwanzig. Das spricht dafür, dass die Tiere in sauerstoffreichen Fließzonen stärker auf aquatische Atmung setzen, statt immer wieder Luft zu holen. Der Vorteil ist offensichtlich: Wer den Fluss selbst als Sauerstoffquelle nutzen kann, muss seinen Tauchgang seltener unterbrechen.
Diese Fähigkeit ist aber kein Freifahrtschein für ewiges Untertauchen. Selbst hoch spezialisierte Arten bleiben Lungenatmer. Kloakenatmung verlängert Tauchzeiten, verschiebt physiologische Grenzen und spart unter günstigen Bedingungen Energie. Sie macht aus einer Schildkröte keinen Fisch.
Der Mythos vom "Po-Atmen" im Winter ist oft zu grob
Besonders hartnäckig ist die Vorstellung, nordamerikanische Schildkröten würden den Winter unter Eis vor allem dank Kloakenatmung überstehen. Gerade hier lohnt sich die Korrektur. Donald C. Jackson und Kollegen untersuchten die aquatische Sauerstoffaufnahme der westlichen Zierschildkröte Chrysemys picta bellii experimentell. Das Ergebnis der Studie in Comparative Biochemistry and Physiology A war ernüchternd für den Popmythos: Das Blockieren von Kloake und Rachen veränderte die Sauerstoffaufnahme nicht signifikant. Die Haut war der wichtigste Weg.
Anders gesagt: Es gibt Schildkröten, die unter Wasser Sauerstoff aufnehmen. Aber daraus folgt nicht, dass alle oder auch nur die meisten Schildkröten denselben anatomischen Trick nutzen. Wer jede Winterstarre einer Teichschildkröte mit "Sie atmet durch den Hintern" erklärt, wirft unterschiedliche Evolutionslösungen in einen Topf.
Faktencheck: Popkultur gegen Physiologie
"Kloakenatmung" ist real, aber kein universeller Schildkrötenmodus. Bei manchen Arten dominiert die Haut, bei anderen der Maul-Rachen-Raum, bei wenigen hoch spezialisierten Arten die Kloakenbursen.
Das eigentliche Thema ist Flussökologie
Sobald man die Pointe nicht mehr als Kuriosität, sondern als Anpassung liest, verschiebt sich die Geschichte. Dann geht es plötzlich um Wasserqualität, Strömung, Sediment und Sauerstoffgehalt. Die Mary-River-Schildkröte Elusor macrurus ist dafür ein gutes Beispiel. Laut australischer Bundesberatung kann sie mindestens 23 Prozent ihres Sauerstoffbedarfs aquatisch decken. In kühlem Wasser steigt diese Bedeutung stark an; bei 17 Grad Celsius sind Tauchzeiten von mehr als 2,5 Tagen beschrieben.
Gleichzeitig zeigt dieselbe Quelle, wie fragil dieser Vorteil ist. Unter hypoxischen Bedingungen halbiert sich die Tauchdauer ungefähr. Höhere Sedimentlast kann den Nutzen der aquatischen Atmung ebenfalls schmälern. Das ist biologisch logisch: Wer auf gelösten Sauerstoff in sauberem, gut durchströmtem Wasser angewiesen ist, verliert sofort an Spielraum, wenn genau diese Bedingungen kippen.
Damit wird Kloakenatmung fast zum Lehrstück über Spezialisierung. Evolution baut kein allgemeines Superwerkzeug, sondern eine präzise Antwort auf ein konkretes Milieu. Solange dieses Milieu stabil bleibt, wirkt die Lösung brillant. Sobald der Lebensraum umgebaut wird, wird dieselbe Brillanz zum Risiko.
Warum diese Schildkröten heute besonders verletzlich sind
Viele der bekanntesten Arten mit starker Kloakenatmung leben in australientypischen Flusssystemen mit riffle-pool-Struktur, also mit Wechseln aus strömungsreichen, sauerstoffreichen Flachzonen und tieferen Pools. Genau solche Systeme reagieren empfindlich auf Staudämme, Wehre, Verschlammung, Uferumbau und sinkende Wasserqualität.
Die offiziellen australischen Artenschutzdokumente sind hier auffallend klar. Für die Mary-River-Schildkröte werden Wehre, Habitatumbau und sinkende Wasserqualität ausdrücklich als Problem benannt, weil sie die für aquatische Atmung günstigen Bedingungen verschlechtern. Ähnlich wird die Fitzroy-River-Schildkröte als Art beschrieben, deren Biologie eng an gut durchströmte Süßwasserhabitate gebunden ist.
Das ist die eigentliche Tragik hinter der viralen Anekdote. Dieselben Tiere, die im Netz als "bum-breathing turtles" herumgereicht werden, gehören zu den Arten, bei denen Habitatveränderung besonders teuer werden kann. Ihr spektakulärstes Merkmal ist nicht nur ein Gag, sondern ein Hinweis darauf, wie eng Organismus und Umwelt miteinander verschaltet sind.
Was man aus diesem seltsamen Detail wirklich lernen kann
Kloakenatmung ist kein Beweis dafür, dass Natur "verrückt" ist. Sie ist ein Beispiel dafür, wie ungern Biologie in einfachen Kategorien bleibt. Eine Schildkröte ist hier eben nicht nur ein Lungenatmer, sondern ein Tier mit mehreren möglichen Austauschflächen, deren Bedeutung je nach Art, Temperatur, Sauerstoffgehalt und Fließbedingungen stark variiert.
Gerade deshalb lohnt es sich, die grobe Erzählung zu verlassen. Die interessante Frage lautet nicht: "Ist das eklig oder cool?" Die interessante Frage lautet: Welche anatomischen, physiologischen und ökologischen Bedingungen müssen zusammenkommen, damit so etwas überhaupt funktioniert?
Die Antwort ist erstaunlich präzise:
Es braucht geeignete Kloakenbursen mit großer Austauschfläche.
Es braucht Wasser, das genügend Sauerstoff mitbringt.
Es braucht eine Lebensweise, in der längere Tauchzeiten einen realen Vorteil bieten.
Und es braucht Lebensräume, die diese Speziallösung nicht zerstören.
Dann wird aus einem kuriosen Internetfakt ein ziemlich elegantes Stück Evolutionsbiologie. Einige Schildkröten "atmen durch den Po" also nicht deshalb, weil die Natur Sinn für Absurdität hätte, sondern weil Flüsse, Körperbau und Stoffwechsel an genau dieser Stelle überraschend gut zusammenpassen.
Wenn man das einmal verstanden hat, klingt Kloakenatmung nicht mehr wie ein billiger Tierfunfact. Sie klingt wie das, was sie tatsächlich ist: eine hochspezialisierte Überlebensstrategie, die nur so lange genial bleibt, wie der Fluss mitspielt.

















































































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