Mythos Leistungsgesellschaft: Warum Aufstieg oft kein Sprint, sondern ein Staffelrennen ist
- Benjamin Metzig
- vor 13 Stunden
- 7 Min. Lesezeit

Kapital, Chancen, Zufall: Der Mythos Leistungsgesellschaft unter der Lupe
Stell dir ein Rennen vor. Alle stehen an der Startlinie, der Moderator ruft: „Gleiche Chancen für alle!“ – und dann merkst du: Manche starten auf Asphalt, andere im Morast, einige haben Spikes, andere barfuß. Und ein paar sitzen schon im Ziel und verkaufen dir Tickets, wie man „es“ auch schaffen kann.
Genau so funktioniert das berühmte Versprechen: Reichtum sei vor allem eine Frage von Wille, Fleiß und Talent. Klingt fair. Klingt motivierend. Ist aber – wenn man genauer hinsieht – ein Versprechen mit eingebautem Haken. Denn selbst wenn einzelne aufsteigen können, heißt das noch lange nicht, dass alle es können. Und diese Unterscheidung ist nicht Haarspalterei, sondern der Kern der Sache.
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Das Versprechen, das immer gewinnt – auch wenn du verlierst
Kapitalismus verkauft sich gern als Maschine, die Leistung in Wohlstand übersetzt. Wer sich anstrengt, wird belohnt. Wer clever ist, steigt auf. Wer scheitert, hat sich vielleicht nicht genug bemüht. Das ist die Erzählung.
Aber schau dir an, wie „reich werden“ in der Realität meist passiert: nicht über Lohnarbeit, sondern über Vermögen. Also über Immobilien, Aktien, Betriebsanteile – kurz: über Dinge, die Geld für dich arbeiten lassen. Und genau hier wird’s systemisch: Wer schon Vermögen hat, profitiert von Renditen, Wertsteigerungen und dem berühmten Zinseszinsspiel. Wer keins hat, zahlt Miete, Lebenshaltung, Versicherungen – und kämpft darum, überhaupt etwas zurückzulegen.
Das Ergebnis ist keine kleine Schieflage, sondern eine steile Pyramide: Vermögen konzentriert sich extrem stark. Einkommen sind in Deutschland vergleichsweise weniger ungleich als Vermögen – aber Vermögen ist das, was langfristig Sicherheit und Macht erzeugt. Und damit auch: politische und soziale Gestaltungsmacht.
Was dabei gern übersehen wird: Ungleichheit ist nicht nur ein Nebeneffekt. Sie ist in vielen Bereichen der Motor. Konkurrenz lebt davon, dass nicht alle gleichzeitig Gewinner sein können. Märkte funktionieren über relative Vorteile. Und Reichtum ist häufig genau das: ein relativer Vorsprung, abgesichert durch Eigentum und Zugänge, die andere nicht haben.
Visuelle Wahrheit: Warum wir Ungleichheit sofort „sehen“, obwohl sie abstrakt ist
Ungleichheit ist eigentlich eine abstrakte Sache: Prozente, Quoten, Koeffizienten, Verteilungskurven. Trotzdem verstehen wir sie oft erst, wenn sie ein Bild bekommt.
Das ist kein Zufall. Bilder übersetzen Systemlogik in Bauchgefühl. Der protzige Reiche mit Zigarre steht nicht nur für Geld, sondern für Distanz: „Ich kann mir leisten, nicht zu müssen.“ Der Zaun steht nicht nur für Eigentum, sondern für Ausschluss: „Du darfst das sehen, aber nicht erreichen.“ Die greifenden Hände zeigen nicht nur Bedürftigkeit, sondern blockierte Teilhabe: „Es ist nah genug, um Hoffnung zu machen – und weit genug, um zu frustrieren.“
Und genau da liegt Sprengstoff: Wenn Menschen spüren, dass sie trotz Anstrengung gegen eine Wand laufen, entsteht ein psychologischer Druck, der nach Erklärung schreit. Man will wissen: Warum klappt es bei mir nicht? Was hält mich zurück?
Die gesunde Antwort wäre oft: Strukturen, Startvorteile, Vererbung von Vermögen und Chancen, institutionelle Filter. Die ungesunde Abkürzung ist: ein personalisiertes Feindbild, das Komplexität in „Die da oben“ übersetzt – bis hin zu verschwörungsideologischen Erzählungen, die aus strukturellen Mechanismen angebliche Masterpläne machen. Das wirkt emotional entlastend („Dann bin ich nicht schuld!“), ist aber gesellschaftlich hochgefährlich, weil es den Blick von realen Stellschrauben wegzieht.
Zahlen, die weh tun: Wenn Aufstieg ein Jahrhundertprojekt wird
Es gibt Befunde, die klingen wie aus einem historischen Roman – sind aber Gegenwart: In Deutschland kann der Weg vom unteren Einkommensbereich bis zum Durchschnitt im Schnitt mehrere Generationen dauern. Nicht „ein hartes Jahr“, nicht „ein mutiges Gründerprojekt“, sondern eine Zeitspanne, in der Familiengeschichten passieren, Namen sich ändern, Städte sich umbauen.
Das ist die bittere Pointe am Aufstiegsversprechen: Selbst wenn es theoretisch möglich ist, ist es praktisch oft so langsam und so unwahrscheinlich, dass es für das einzelne Leben zur Fata Morgana wird.
Und dann kommt noch ein Brandbeschleuniger dazu: Inflation. Denn steigende Preise treffen nicht alle gleich. Wer einen großen Teil seines Einkommens für Energie, Lebensmittel und Miete ausgibt, spürt jeden Prozentpunkt sofort. Wer Vermögen in Sachwerten hat, erlebt häufig, dass Werte nominal steigen oder sich zumindest besser gegen Kaufkraftverlust abschirmen. So kann eine Krise gleichzeitig zwei Geschichten erzählen: „Es wird für alle schwer“ – und „für manche wird es dabei trotzdem besser“.
Drei Mechanismen, die Ungleichheit stabil halten
Vermögenseffekt: Wer Vermögen besitzt, profitiert von Renditen und Wertsteigerungen – oft stärker als Löhne wachsen.
Kostenfalle: Wer wenig hat, gibt mehr Anteil fürs Nötigste aus – und kann kaum Rücklagen bilden.
Krisenverstärkung: Inflation und Unsicherheit treffen unten härter, während oben oft Puffer und Anlageoptionen existieren.
Mythos Leistungsgesellschaft: Warum wir trotzdem dran glauben
Wenn die Daten so eindeutig sind – warum hält sich die Erzählung so hartnäckig?
Weil sie zwei mächtige Funktionen erfüllt:
Legitimation. Wenn Reichtum als Ergebnis von Leistung gilt, wirkt Ungleichheit moralisch verdient. Dann muss niemand sich fragen, ob das System unfair ist – man fragt nur, ob Menschen „genug“ getan haben.
Hoffnung. Menschen brauchen ein Zukunftsgefühl. Und das Aufstiegsversprechen ist wie ein Lotterielos, das man nicht wegen der Wahrscheinlichkeit kauft, sondern wegen der Möglichkeit. Einzelne Aufsteiger werden zu Symbolen. Tausende, die trotz Arbeit nicht vorankommen, verschwinden aus dem Scheinwerferlicht.
Hier ist die psychologische Falle: Wer scheitert, erlebt nicht nur finanzielle Grenzen, sondern oft auch Scham. Denn wenn „jeder kann“, dann wird „ich kann nicht“ schnell zu „ich bin nicht gut genug“. So hält ein Mythos nicht nur ein System stabil – er hält auch viele Menschen still.
Der unsichtbare Zaun heißt Habitus – und er steht mitten im Raum
Man braucht keine Stacheldrahtmauer, um Türen zu schließen. Oft reicht ein unsichtbarer Code: Sprache, Auftreten, Selbstverständlichkeit. In der Soziologie gibt es dafür ein präzises Wort: Habitus. Gemeint ist dieses „Wie man sich bewegt“, „wie man spricht“, „wie man sich in bestimmten Räumen fühlt“.
In Elitenkreisen entscheidet nicht nur Kompetenz, sondern auch Passung: Wer wirkt „wie einer von uns“? Wer kennt die ungeschriebenen Regeln? Wer hat das kulturelle und soziale Handwerkszeug, um selbstverständlich zu wirken?
Das ist kein böser Plan, kein Geheimzirkel – und gerade das macht es so mächtig. Denn es wirkt wie Natur: „Er passt halt.“ Oder: „Sie ist nicht ganz auf diesem Niveau.“ Eine gläserne Decke, die niemand offiziell montiert hat, an der sich aber viele trotzdem stoßen.
Und dann ist da noch das Bildungssystem: Früh wird sortiert, früh werden Wege vorgezeichnet. Zusätzliche Förderung – Nachhilfe, Musikunterricht, Austauschjahre – kostet Geld, Zeit und Stabilität. Wenn der Startblock unterschiedlich hoch ist, ist das Rennen nicht „fair“, selbst wenn der Schiedsrichter neutral pfeift.
Mythos vs. Fakten: Vier Sätze, die man oft hört – und was dahinter steckt
Mythos: „Wer arbeitet, wird automatisch wohlhabend.“
Fakt: Arbeit bringt Einkommen, Vermögen bringt oft den langfristigen Sprung – und Vermögen ist extrem ungleich verteilt.
Mythos: „In Deutschland sind alle Chancen offen.“
Fakt: Soziale Mobilität ist spürbar gebremst; Herkunft und familiäre Ressourcen prägen Wege stark.
Mythos: „Wenn man es nicht schafft, ist man selbst schuld.“
Fakt: Struktur, Startbedingungen, Netzwerke, Bildungspfade und Vermögenszugang beeinflussen Outcomes massiv.
Mythos: „Krisen treffen alle gleich.“
Fakt: Inflation und steigende Lebenshaltungskosten wirken regressiv: Sie belasten Haushalte mit wenig Puffer besonders.
Wenn der Zaun digital wird
Stell dir vor, du bewirbst dich auf eine Wohnung – und ein System sortiert dich vor. Stell dir vor, du beantragst einen Kredit – und ein Score entscheidet. Stell dir vor, dein Lebenslauf wird gescannt – und ein Algorithmus filtert, bevor ein Mensch dich sieht.
Diese Zukunft ist längst Gegenwart. Und sie bringt ein neues Problem: Algorithmische Verstärkung. Wenn Systeme mit Daten aus einer ungleichen Vergangenheit trainiert werden, reproduzieren sie die Muster. Der Zaun wird nicht mehr gebaut aus Metall, sondern aus Wahrscheinlichkeiten.
Das Perfide: Der digitale Zaun wirkt objektiv. „Der Computer sagt nein.“ Aber Computer sagen nicht „nein“, weil sie Wahrheit gefunden haben – sie sagen „nein“, weil sie Muster fortschreiben. So kann Ungleichheit unsichtbarer werden, während sie gleichzeitig effizienter wird.
Und dann passiert etwas gesellschaftlich Heikles: Menschen spüren die Ohnmacht, sehen aber keinen klaren Gegner. Das ist der Moment, in dem einfache Erzählungen verführerisch werden. Wenn strukturelle Komplexität nicht erklärt wird, füllen andere das Vakuum – mit Personalisierung, Feindbildern, vermeintlichen Drahtziehern. Wer aus Ohnmacht Sinn machen will, greift manchmal nach der falschen Erklärung, weil sie wenigstens „rund“ klingt.
Was tun, ohne sich in Schwarz-Weiß zu verlieren?
Kapitalismus ist nicht nur „gut“ oder „böse“. Er ist ein System mit Stärken (Innovation, Dynamik, Effizienz in bestimmten Bereichen) und massiven Schwächen (Konzentration, Ausschluss, Krisenanfälligkeit, politische Verzerrung durch Vermögen).
Die entscheidende Frage ist weniger: „Kapitalismus – ja oder nein?“Sondern: Welche Regeln setzen wir, damit das Versprechen nicht zur psychologischen Falle wird?
Mini-Checkliste für den Alltag – ohne Illusionen, aber mit Handlungsspielraum
Sprich über Strukturen: Nicht nur „Erfolgsgeschichten“, sondern auch Startbedingungen und Vermögenslogik.
Übe Zahlenkompetenz: Wer Verteilung versteht, fällt weniger auf einfache Erzählungen rein.
Achte auf Medienlogik: Einzelbeispiele sind emotional – Statistiken sind repräsentativ. Beides trennen lernen.
Bleib kritisch bei Feindbildern: Personalisierung ersetzt oft Analyse – und führt selten zu Lösungen.
Und ja: Individuelle Entscheidungen (Sparen, Weiterbildung, Netzwerke) können helfen. Aber sie ersetzen keine Debatte über Regeln, Besteuerung, Bildungschancen, Vermögensaufbau und Schutz vor Armutsrisiken. Sonst wird aus „Eigenverantwortung“ schnell „Eigenverschulden“ – und das ist politisch bequem, aber gesellschaftlich brutal.
Das Paradox in einem Satz – und warum es uns alle betrifft
Das Versprechen „Jeder kann reich werden“ klingt wie Fairness, funktioniert aber nur als Erzählung, solange man übersieht, dass Reichtum in einem Konkurrenz- und Akkumulationssystem relativ ist, stark über Vermögen läuft und durch unsichtbare (und zunehmend digitale) Zäune stabilisiert wird.
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Quellen:
Volker Pispers (biografischer Kontext) – https://de.wikipedia.org/wiki/Volker_Pispers
Wirtschaftsdienst: Einkommens- und Vermögensverteilung – https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2014/heft/10/beitrag/einkommens-und-vermoegensverteilung-zu-ungleich.html
Institut der deutschen Wirtschaft (IW): Verteilungsreport 2024 – https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/Report/PDF/2024/IW-Report_2024-Verteilungsreport-2024.pdf
DNS-Indikatoren: Gini-Koeffizient des Einkommens nach Sozialtransfers – https://dns-indikatoren.de/10-2/
Hans-Böckler-Stiftung: WSI Report Nr. 108 (November 2025) – https://www.boeckler.de/data/p_wsi_report_108_2025.pdf
OECD: A Broken Social Elevator – How to Promote Social Mobility – https://www.oecd.org/en/publications/a-broken-social-elevator-how-to-promote-social-mobility_9789264301085-en.html
Sozialpolitik aktuell: Armut und Reichtum in Deutschland – https://www.sozialpolitik-aktuell.de/kontrovers-reichtum-und-armut-in-deutschland.html
Der Paritätische: Armutsbericht 2024 (Armut in der Inflation) – https://www.der-paritaetische.de/themen/sozialpolitik-europa-klima/armutsbericht/armutsbericht-2024-armut-in-der-inflation/
Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) Library: Sozialer Aufstieg in der „Leistungsgesellschaft“ – https://library.fes.de/pdf-files/afs/bd61/afs61_10_mayer.pdf
SSOAR: Meritokratie als Mythos, Maßstab und Motor gesellschaftlicher Ungleichheit – https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/65845/ssoar-2019-hillmert-Meritokratie_als_Mythos_Mastab_und.pdf?sequence=1&isAllowed=y
OECD: Education at a Glance 2024 – Deutschland (Country Note) – https://www.oecd.org/de/publications/education-at-a-glance-2024-country-notes_fab77ef0-en/deutschland_e83e792c-de.html











































































































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