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E-Scooter Faktencheck: Warum wir die Roller hassen – und trotzdem brauchen

Quadratisches, farbenfrohes Cartoon-Thumbnail im 1:1-Format zum Thema E-Scooter in der Stadt. Oben steht in großen, gelben und weißen Blockbuchstaben: „E-SCOOTER STRESS?“ mit zusätzlichen Frage- und Ausrufezeichen. In der Mitte liegt ein E-Scooter quer über eine gelbe taktile Leitlinie auf einem Gehweg. Links sieht man eine wütende, comicartig überzeichnete Figur mit geballter Faust. Rechts stehen eine ältere Person mit Gehstock und eine Frau mit Kinderwagen, beide wirken überrascht oder besorgt. Im Hintergrund eine stilisierte, neonfarbene Stadtlandschaft bei Sonnenuntergang mit Hochhäusern und futuristischen Elementen. Unten links ein grünes Symbol mit Auto und Häkchen, unten rechts ein rotes Verbotsschild mit durchgestrichenem Scooter. Am unteren Rand steht „Wissenschaftswelle.de“.

7:42 Uhr – Gehweg, Groll und die erste „Warum eigentlich?!“-Frage


Stell dir vor, du bist spät dran. Bahnhofsvorplatz, Menschenstrom, Kaffeebecher in der Hand – und dann: ein E-Scooter quer über die taktile Leitlinie. Ein Kinderwagen muss ausweichen, jemand stolpert beinahe, ein genervtes „Muss das sein?!“ schneidet durch die Luft.


In solchen Momenten wird aus einem Fahrzeug eine Projektionsfläche. Nicht „ein Roller“, sondern: Rücksichtslosigkeit, Kontrollverlust, Stadtchaos. Der E-Scooter ist klein, aber er löst große Gefühle aus. Hass ist schnell. Vor allem, wenn man das Problem buchstäblich vor den Füßen hat.


Und trotzdem: Genau hier beginnt unser Faktencheck. Nicht als moralische Predigt, sondern als Versuch, Ordnung in ein Thema zu bringen, das zwischen Alltagsärger und Verkehrswende-Hoffnung hin- und herpendelt.


Wenn dich solche Alltagsfragen rund um Wissenschaft und Gesellschaft interessieren: Abonniere gern den Newsletter – dann verpasst du die nächsten Faktenchecks nicht.


8:15 Uhr – Der Konflikt ist nicht der Scooter, sondern der Raum


Eine Stadt ist ein knapper Rohstoff. Gehwege, Radwege, Fahrbahn, Haltezonen, Lieferverkehr, Außengastro – alles konkurriert um Quadratmeter. E-Scooter tauchen nicht in einer leeren Simulation auf, sondern in einem bereits überfüllten System.


Das erklärt auch, warum sich Debatten so schnell verhaken. Die einen sehen: „Endlich eine Alternative fürs Auto!“ Die anderen sehen: „Noch ein Ding, das im Weg liegt.“ Beides kann gleichzeitig wahr sein – je nachdem, wo du stehst. Wortwörtlich.


Und dann ist da noch der Unterschied zwischen Privat-Scooter und Sharing-Scooter. Der private Roller steht (meist) im Keller oder im Flur. Der geteilte Roller steht… nun ja… irgendwo. Genau diese „Irgendwo“-Komponente ist der soziale Sprengsatz.


9:30 Uhr – Daten-Stop: Was Unfallzahlen wirklich sagen (und was nicht)


„Gefährlich!“ ist das häufigste Argument – und es ist nicht aus der Luft gegriffen. Die polizeilich erfassten E-Scooter-Unfälle mit Personenschaden sind in Deutschland weiter gestiegen: Für 2024 meldet Destatis 11.944 Unfälle (plus 26,7 % gegenüber 2023) und 27 Todesopfer. Auffällig ist außerdem, dass E-Scooter-Unfälle überproportional oft in Großstädten passieren: 53,7 % der Unfälle mit Personenschaden wurden 2024 in Städten ab 100.000 Einwohnern registriert.


Das klingt nach einer klaren Botschaft – ist aber nur die halbe Geschichte. Denn: Mehr Unfälle können auch bedeuten, dass mehr gefahren wird. Ohne gute „Nutzungs-Kilometer“-Daten ist die reine Zahl kein perfekter Risikomesser.

Trotzdem lassen sich Muster erkennen, die immer wieder auftauchen: junge Fahrer*innen, riskante Situationen im Mischverkehr, Stürze ohne Kollision – und Faktoren wie Alkohol, Ablenkung oder Fahren zu zweit (obwohl verboten). Genau da sitzt der Hebel für Regeln und Gestaltung.


11:10 Uhr – „Ich liebe die Dinger!“: Der E-Scooter als Rettungsring im Alltag


Szenenwechsel. Eine Person rollt vom Büro zur U-Bahn, Helm am Rucksack, Kopfhörer in der Tasche, fünf Minuten gewonnen. Keine Parkplatzsuche, kein „Mist, der Bus ist weg“. Einfach: los.


Hier kommt die „Liebe“-Seite ins Spiel. E-Scooter sind nicht nur Spielzeug, sie sind vor allem Last-Mile-Technik. Für Strecken, die zu lang zum Laufen und zu kurz fürs Auto wirken. Für Menschen, die keine Lust auf verschwitztes Radeln im Sommer haben. Für Wege, bei denen der ÖPNV eine Lücke lässt.


Und ja: Es gibt auch eine soziale Dimension. Wer schlecht zu Fuß ist, aber kein Auto hat – kann profitieren. Wer Schicht arbeitet und nachts schlecht angebunden ist – auch. (Wichtig: Das gilt nicht automatisch, aber es ist ein reales Potenzial.)


Der Punkt ist: Der E-Scooter löst Probleme, die Städte seit Jahrzehnten vor sich herschieben. Er ist nicht die Ursache jeder Mobilitätsfrustration – er macht sie nur sichtbarer.


13:00 Uhr – Umweltbilanz: Grün, aber nicht automatisch „gut“


Mittagspause, und plötzlich wird aus dem Verkehrsmittel eine Gewissensfrage: „Ist das jetzt eigentlich nachhaltig?“


Das Umweltbundesamt formuliert es ziemlich klar: E-Scooter sind in der Ökobilanz deutlich besser als das Auto, aber schlechter als das Fahrrad – und im Sharing-Betrieb hängt extrem viel an Lebensdauer, Wartung und Logistik.


Ein unterschätzter Faktor ist die Lebensdauer. Das UBA weist darauf hin, dass es (je nach Quelle und Modellgeneration) Hinweise auf teils sehr kurze Nutzungsdauern im Verleih gab – während Anbieter bei neueren Modellen auch deutlich längere Lebenszeiten angeben.


Heißt praktisch: Ein Scooter kann klimatisch sinnvoll sein – wenn er lange hält, effizient betrieben wird und vor allem Autokilometer ersetzt, nicht Fußwege oder ÖPNV-Fahrten. Der „grüne“ Effekt ist also keine Eigenschaft des Geräts, sondern des Systems, in dem es genutzt wird.


15:20 Uhr – Der wahre Trigger: Nicht fahren, sondern abstellen


Am Nachmittag zeigt sich, warum das Thema so explosiv ist: Die meisten Menschen hassen den Scooter nicht, weil er fährt – sondern weil er liegt.


Wenn ein Gerät mitten im Durchgang steht, ist das nicht nur nervig. Für manche ist es gefährlich: Menschen mit Sehbehinderung, Rollstuhlnutzende, ältere Personen. Und weil solche Situationen sofort sichtbar sind, fühlen sie sich schnell „repräsentativ“ an – selbst wenn tausend Fahrten unauffällig liefen.


Hier eine kurze Liste, warum E-Scooter im Alltag so oft Ärger erzeugen (und warum das nicht nur „Spießigkeit“ ist):


  • Gehwege sind Schutzräume: Wer zu Fuß unterwegs ist, erwartet dort Sicherheit – keine Fahrzeuge, keine Hindernisse.

  • Unklare Regeln im Kopf: Viele wissen nicht, wo Scooter fahren dürfen/sollen – und handeln nach Gefühl.

  • Sharing verteilt Verantwortung: „Ist ja nicht meiner“ senkt die Hemmschwelle fürs schlampige Abstellen.

  • Kontrolle wirkt unsichtbar: Wenn Regeln selten durchgesetzt werden, wirken sie wie Deko.


Und genau an dieser Stelle kippt die Debatte oft in Kulturkampf. Die eine Seite ruft nach Verbot, die andere nach „stellt euch nicht so an“. Beides greift zu kurz.


17:45 Uhr – Sicherheitsforschung: Was Maßnahmen bringen (statt nur gut zu klingen)


Wenn man Sicherheitsforschung und Empfehlungen aus Unfallanalysen betrachtet, wird schnell klar: Es gibt kein einzelnes „Wundermittel“. Es ist eher ein Baukasten aus Technik, Infrastruktur, Regeln und Durchsetzung.


Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und bündelt typische Problempunkte und Ansätze: klare Regeln (z. B. konsequentes Gehwegverbot), bessere Infrastruktur, Aufklärung, technische Standards – und Maßnahmen, die riskantes Verhalten eindämmen.


Das klingt unspektakulär – ist aber genau der Punkt: Sicherheit entsteht selten durch eine heroische Einzelentscheidung, sondern durch langweilig gute Gestaltung.


20:30 Uhr – Was würde „gute Scooter-Stadt“ bedeuten?


Abends, wenn die Stadt müde wird, wird sie oft chaotischer: weniger Blickkontakt, schlechtere Sicht, mehr Risikobereitschaft. Und genau dann entscheidet sich, ob Mikromobilität funktioniert oder eskaliert.


Wenn man aus „Hass vs. Liebe“ rauswill, braucht es weniger Emotion – und mehr Gestaltung. Drei Stellschrauben wirken besonders plausibel:


  • Abstellflächen statt Gehweg-Lotterie: Markierte Zonen, feste Plätze, digitale Geofences, klare Sanktionen bei Fehlparken.

  • Mischverkehr entschärfen: Wo Scooter zwischen Autos und Fußgängern „eingeklemmt“ werden, steigt das Konfliktpotenzial.

  • Anreize klug setzen: Wer korrekt parkt, sollte es leicht haben. Wer falsch parkt, sollte es merken – schnell und spürbar.


Und dann die unbequemste Frage von allen: Wollen wir wirklich eine Stadt, in der das Auto überall bequem stehen darf – aber ein kleiner Scooter als „zu viel“ gilt? Diese Diskussion geht tiefer als das Gerät. Sie geht direkt in unser Verständnis von öffentlichem Raum.


Wenn du solche Debatten magst: Lass gern ein Like da und schreib in die Kommentare – bist du Team „praktisch“ oder Team „bitte nicht vor meiner Haustür“?


22:10 Uhr – Fazit: Der E-Scooter ist ein Spiegel, kein Monster


Ein Tag mit dem E-Scooter-Hass zeigt vor allem eins: Die Emotionen sind real – aber sie sind oft ein Hinweis auf Systemfehler.


Die Daten sagen: Unfälle und Konflikte sind ernst zu nehmen, besonders in Städten.  Die Umweltbilanz kann gut sein, ist aber an Bedingungen geknüpft – Lebensdauer, Betrieb und die Frage, was ersetzt wird.


Vielleicht ist das der ehrlichste „E-Scooter Faktencheck“: Wir streiten nicht über zwei Räder und einen Akku. Wir streiten über Ordnung, Rücksicht, Infrastruktur – und darüber, wie modern unsere Städte wirklich sein wollen.


Wenn du mehr davon willst: Folge uns gern auf Social Media – dort gibt’s regelmäßig kleine Datenhäppchen und Diskussionen.




Quellen:


  1. Destatis Pressemitteilung: E-Scooter-Unfälle mit Personenschaden 2024 – https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/07/PD25_N040_462.html

  2. Destatis Pressemitteilung: E-Scooter-Unfälle 2023 (Einordnung/Trend) – https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/07/PD24_N037_462.html

  3. Umweltbundesamt: „E-Scooter momentan kein Beitrag zur Verkehrswende“ – https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr/nachhaltige-mobilitaet/e-scooter-momentan-kein-beitrag-zur-verkehrswende

  4. Umweltbundesamt: FAQ zur Lebensdauer von E-Scootern – https://www.umweltbundesamt.de/service/uba-fragen/wie-lang-ist-die-lebensdauer-der-e-scooter

  5. Unfallforschung der Versicherer (UDV): „Verkehrssicherheit von E-Scootern“ (Bericht, PDF) – https://www.udv.de/resource/blob/79288/4297a2e58ce194eb723782de3a48a364/110-verkehrssicherheit-von-e-scootern-data.pdf

  6. International Transport Forum (OECD): „Greener Micromobility“ (Projektseite) – https://www.itf-oecd.org/greener-micromobility

  7. OECD/ITF Report (PDF): „Greener Micromobility“ – https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2024/06/greener-micromobility_5161b98f/9aa6e85a-en.pdf

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