Blogverzeichnis Bloggerei.de
top of page


---
Aktuelle Nachrichten aus der Wissenschaft
findest du in den
Science News
---
 

Warum asymmetrische Kriege fast nie so kontrollierbar sind, wie Generäle glauben

Quadratisches Thumbnail im Stil einer grellen, überzeichneten Adult-Animation: Oben steht in großer gelber 3D-Schrift mit schwarzer Kontur „DER IRRTUM DER ÜBERLEGENHEIT“. Darunter zieht sich ein rotes, gezacktes Banner mit weißer Konturschrift: „KRIEGE, DIE AUSSER KONTROLLE GERATEN“. Links lacht ein karikierter General mit Sonnenbrille vor einem Panzer, rechts steht ein vermummter bewaffneter Kämpfer mit geballter Faust. Im Hintergrund brennen zerstörte Städte, darüber fliegen Drohnen und Flugzeuge. Unten ist eine zerbrochene Weltkugel mit Symbolen für Kosten und Zerstörung zu sehen; daneben kauert eine verängstigte Zivilistenfamilie. Am unteren Rand steht auf einem schwarzen Balken in weißer Schrift „Wissenschaftswelle.de“.

Der Irrtum der Überlegenheit


Ein asymmetrischer Krieg beginnt auf dem Papier oft wie eine einfache Rechenaufgabe. Die eine Seite verfügt über mehr Soldaten, mehr Technik, bessere Aufklärung, größere Reichweite. Die andere hat weniger von allem. Wer so auf Konflikte blickt, sieht Macht als eine Art Lautstärkeregler: Wer stärker dreht, gewinnt schneller.


Genau hier liegt der Denkfehler.


Denn asymmetrische Kriege sind per Definition nicht bloß Kriege zwischen Ungleichen, sondern Konflikte, in denen ungleiche Mittel auf ungleiche Logiken treffen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz beschreibt asymmetrische Konflikte als durch ein Ungleichgewicht militärischer Fähigkeiten geprägt — etwa bei Waffentechnologie, Ausrüstung, Aufklärung oder Truppenstärke. Aber dieses Gefälle sagt noch nicht, wer den Konflikt politisch prägt.


Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht: Wer hat die größere Macht? Sondern: Wer kann unter Gewaltbedingungen Ordnung, Legitimität und Ausdauer organisieren?


Das klingt trocken. Ist es aber nicht. Es ist der Unterschied zwischen dem Erobern eines Raums und dem Beherrschen einer Lage. Ein Panzer kann eine Straße sichern. Er kann aber nicht erzwingen, dass eine Bevölkerung Vertrauen fasst. Eine Bombe kann ein Ziel zerstören. Sie kann aber zugleich den politischen Preis jeder weiteren Operation erhöhen. Gerade darin liegt die bittere Pointe vieler asymmetrischer Kriege: Militärische Überlegenheit kann taktische Kontrolle schaffen und gleichzeitig strategische Kontrolle untergraben.


Warum asymmetrische Kriege politisch entgleiten


In klassischen Lehrbuchvorstellungen bedeutet Kontrolle, Gelände zu halten, Kommunikationslinien zu sichern, gegnerische Fähigkeiten zu schwächen. In asymmetrischen Kriegen ist das nur ein Teil des Bildes. Der andere Teil ist unsichtbarer: Loyalitäten, Angst, Alltagsroutinen, Informationsräume, Geduld.


RAND fasst in mehreren Studien zu Aufständen und Gegenaufständen einen zentralen Befund zusammen: Entscheidend ist nicht allein die direkte Bekämpfung bewaffneter Gegner, sondern die Frage, ob Unterstützung, Legitimität und tragfähige Regierungsfähigkeit entstehen. In einer Untersuchung von 41 Aufständen seit dem Zweiten Weltkrieg analysierte RAND systematisch, welche Faktoren mit Erfolgen oder Misserfolgen zusammenhingen.


Das ist mehr als ein technischer Punkt. Es bedeutet: Wer einen asymmetrischen Krieg führen will, führt immer auch einen Kampf um Wahrnehmung, Geduld und politische Glaubwürdigkeit. Der Stärkere kann Dutzende Gefechte gewinnen und dennoch den größeren Zusammenhang verlieren, wenn aus militärischem Druck kein politisch tragfähiger Zustand entsteht. RAND formuliert das in ungewöhnlicher Klarheit: Das zentrale Ziel in Gegenaufstandslagen sei die Etablierung von Legitimität in den Augen jener Bevölkerung, deren Loyalität umkämpft ist.


Anders gesagt: Wer nur den Gegner sieht, hat den Krieg bereits missverstanden.


Die Zivilbevölkerung ist nicht „Umfeld“, sondern Zentrum


Asymmetrische Kriege spielen selten auf leeren Flächen. Sie sickern in Viertel, Straßen, Wohnungen, Märkte, Krankenhäuser, Stromnetze und Wassersysteme. Das macht sie so schwer kontrollierbar. Denn sobald Gewalt in dicht bewohnte Räume wandert, wird die Trennlinie zwischen militärischem Ziel und zivilem Leben nicht unsichtbar, aber sie wird praktisch schwerer zu schützen.


Die Vereinten Nationen warnten 2022 im Sicherheitsrat, dass urbane Kriegsführung weltweit mehr als 50 Millionen Menschen betrifft und Kriege in Städten Zivilpersonen ungleich stärker treffen als Kämpfe in ländlichen Gebieten. 2024 erklärte der Sicherheitsrat zudem, die UN habe allein für das Jahr 2023 weltweit mehr als 33.000 zivile Todesopfer in bewaffneten Konflikten erfasst — ein Anstieg um 72 Prozent gegenüber 2022.


Das IKRK weist seit Jahren darauf hin, dass urbane Kämpfe nicht nur Menschen direkt töten oder verletzen. Sie beschädigen auch die unscheinbaren Systeme, von denen das tägliche Leben abhängt: Elektrizität, Wasser, Abwasser, Gesundheitsversorgung, Nahrungsketten, Transport. Fällt ein Teil aus, geraten oft viele andere mit ins Rutschen. Ein Krieg in der Stadt ist deshalb nicht einfach ein Krieg in Gebäuden. Er ist ein Krieg gegen Verflechtungen.


Gerade hier zerbricht die Fantasie totaler Kontrolle. Wer in einem solchen Umfeld Gewalt anwendet, beeinflusst nicht nur Gegner, sondern auch Versorgungsnetze, Fluchtbewegungen, öffentliche Wahrnehmung und politische Legitimation. Asymmetrische Kriege eskalieren deshalb häufig nicht trotz ihrer Nähe zum zivilen Leben, sondern wegen ihr.


Feuerkraft erzeugt Sichtbarkeit – und Sichtbarkeit erzeugt Kosten


Es gibt einen zweiten Grund, warum asymmetrische Kriege so schwer kontrollierbar bleiben: Übermacht ist heute selten unsichtbar. Jede militärische Handlung steht unter Beobachtung — lokal, medial, international. Das ist keine bloße PR-Frage. Es verändert die Struktur des Konflikts.


Wenn die stärkere Seite schwere explosive Waffen in bewohnten Gebieten einsetzt, steigen die Risiken für Zivilpersonen drastisch. Das IKRK beschreibt explosive Waffen mit großflächiger Wirkung in bewohnten Gebieten als eine der Hauptursachen zivilen Leids in heutigen Konflikten. Solche Einsätze zerstören nicht nur Gebäude, sondern unterbrechen oft auch Dienstleistungen, die Menschen zum Überleben brauchen.


Damit wächst ein politisches Paradox. Was militärisch als Durchsetzungsfähigkeit gedacht ist, kann öffentlich als Kontrollverlust erscheinen. Wer mit maximaler Kraft zuschlägt, zeigt unter Umständen nicht Souveränität, sondern Ratlosigkeit. Der Schlag ist dann nicht nur ein Mittel, sondern auch ein Signal: Wir können viel zerstören, aber wenig stabilisieren.

Das ist der Moment, in dem asymmetrische Kriege kippen. Nicht immer sofort. Nicht linear. Aber oft irreversibel.


Zeit arbeitet in asymmetrischen Kriegen anders


Konventionelle Macht misst sich gern in Reichweite, Stückzahlen, Präzision, Tempo. Asymmetrische Kriege folgen häufig einer anderen Uhr. Die schwächere Seite muss nicht überall siegen. Es reicht oft, nicht zu verschwinden, sich anzupassen, auf Fehler des Gegners zu warten und politische Erschöpfung auszunutzen.


RAND betont in seinen Arbeiten, dass Unterstützung für Aufstände nicht nur aus Waffen oder Geld besteht, sondern auch aus Identität, Nationalismus, sozialer Einbettung und dem Eindruck von Legitimität. Besonders in Konstellationen, in denen eine stärkere Macht als fremd, besetzend oder demütigend wahrgenommen wird, kann Widerstand trotz militärischer Unterlegenheit Zulauf gewinnen.


Das ist unangenehm, weil es die bequeme Erzählung zerstört, Konflikte ließen sich allein durch Effizienz verkürzen. In asymmetrischen Kriegen ist Zeit kein neutraler Hintergrund. Sie ist eine Ressource. Und oft gehört sie nicht automatisch dem Stärkeren.


Vielleicht ist das die härteste Lektion überhaupt: Kontrolle ist nicht die Fähigkeit, jederzeit mehr Gewalt anwenden zu können. Kontrolle ist die Fähigkeit, unter Gewaltbedingungen einen Zustand herzustellen, der nicht von immer neuer Gewalt lebt.


Recht, Moral und Strategie lassen sich nicht sauber trennen


Es ist verführerisch, militärische Zweckfragen und moralische Fragen getrennt zu behandeln. Erst gewinnen, dann bewerten. In asymmetrischen Kriegen funktioniert diese Trennung schlecht.


Das humanitäre Völkerrecht gilt auch dann, wenn Gegner Regeln brechen. Das IKRK betont ausdrücklich, dass Verstöße der einen Seite die andere nicht von ihren Verpflichtungen entbinden. Zugleich macht das Prinzip der Unterscheidung deutlich, wie stark asymmetrische Konflikte die Trennung zwischen Kombattanten und Zivilpersonen unter Druck setzen. Gerade deshalb wird rechtliche Zurückhaltung nicht zu einem Luxus, sondern zu einem Teil strategischer Vernunft.


Denn jeder zivile Schaden ist in solchen Konflikten mehr als ein humanitäres Problem. Er ist auch politischer Treibstoff. Für Empörung. Für Rekrutierung. Für internationale Isolation. Für die Erzählung, der Stärkere könne zwar zerstören, aber nicht schützen.


Wer asymmetrische Kriege verstehen will, muss deshalb aufhören, Recht und Strategie als Gegensätze zu behandeln. In diesen Konflikten greifen sie ineinander wie Zahnräder — und manchmal frisst das beschädigte Zahnrad der Moral die ganze Maschine.


Warum Generäle trotzdem an Kontrollierbarkeit glauben


Warum hält sich der Glaube an Beherrschbarkeit so hartnäckig?

Weil moderne Streitkräfte auf Messbarkeit trainiert sind. Ziele, Treffer, Bewegungen, Kapazitäten, Reichweiten — all das lässt sich planen, bilanzieren, visualisieren. Politische Legitimität, soziale Resilienz, Angst, Demütigung, Wut, lokale Loyalität hingegen sind sperrige Größen. Sie passen schlecht in Lagekarten.


Dazu kommt ein institutioneller Reflex: Wer über überlegene Mittel verfügt, unterschätzt leicht die Eigenlogik des Umfelds. Dann wird Krieg als technisches Problem behandelt, obwohl er längst ein soziales geworden ist. Der Hammer bleibt beeindruckend, aber der Nebel verschwindet nicht.


Gerade deshalb lohnt es sich, bei asymmetrische Kriege nicht zuerst auf Waffen, sondern auf Beziehungen zu schauen:


  1. Beziehung zwischen bewaffneten Akteuren und Zivilbevölkerung

  2. Beziehung zwischen Gewalt und politischer Legitimität

  3. Beziehung zwischen kurzfristiger Dominanz und langfristiger Stabilität


Wer diese drei Ebenen ignoriert, verwechselt Durchschlagskraft mit Steuerungsfähigkeit.


Was aus asymmetrischen Kriegen folgt


Die vielleicht unbequemste Erkenntnis lautet: Der Stärkere verliert asymmetrische Kriege nicht unbedingt, weil er zu schwach ist. Er verliert sie oft, weil seine Stärke eine falsche Art von Vertrauen erzeugt.


Vertrauen in Planbarkeit. Vertrauen in Abschreckung. Vertrauen in die Idee, dass komplexe Gesellschaften sich unter Druck ordnen lassen wie ein Kartenstapel.


Aber Gesellschaften sind keine Kartenstapel. Sie sind eher wie Stromnetze in einer überlasteten Stadt. Ein Eingriff an einer Stelle kann weit entfernte Ausfälle erzeugen. Genau deshalb sind asymmetrische Kriege fast nie so kontrollierbar, wie Generäle glauben: Nicht weil Kontrolle bedeutungslos wäre, sondern weil sie in solchen Konflikten viel mehr ist als militärische Dominanz.


Sie ist politisch. Sozial. moralisch. Zeitlich. Und vor allem: zerbrechlich.


Wer solche Analysen regelmäßig lesen will, kann den Newsletter abonnieren. Und wer widerspricht, ergänzen oder zuspitzen möchte, darf den Beitrag liken und einen Kommentar hinterlassen. Mehr Einordnungen gibt es hier:




Quellenliste:


  1. Asymmetric warfare – Definition im IKRK-Falllexikon – https://casebook.icrc.org/a_to_z/glossary/asymmetric-warfare

  2. IHL and the Challenges of Contemporary Armed Conflicts – IKRK-Fallstudie zu asymmetrischer und urbaner Kriegführung – https://casebook.icrc.org/case-study/icrc-ihl-and-challenges-contemporary-armed-conflicts

  3. Principle of distinction – IKRK zu Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten – https://casebook.icrc.org/law/principle-distinction

  4. Urban Warfare Devastates 50 Million People Worldwide – UN-Sicherheitsratsmeldung vom 25. Januar 2022 – https://press.un.org/en/2022/sc14775.doc.htm

  5. We Must Go Above, Beyond Compliance, Fully Protect Civilians in Armed Conflict – UN-Sicherheitsratsmeldung vom 21. Mai 2024 – https://press.un.org/en/2024/sc15702.doc.htm

  6. Urban warfare and violence – IKRK zu indirekten Folgen urbaner Kämpfe – https://www.icrc.org/en/law-and-policy/urban-warfare-and-violence

  7. Urban services during protracted armed conflict – IKRK-Bericht zu kritischer Infrastruktur – https://www.icrc.org/en/document/urban-services-protracted-conflict-report

  8. The urbanization of armed conflicts – IKRK-Bericht zu Krieg in Städten – https://www.icrc.org/sites/default/files/document/file_list/challenges-report_urbanization-of-armed-conflicts.pdf

  9. Explosive weapons in populated areas – IKRK-Grundlagenseite – https://www.icrc.org/en/law-and-policy/explosive-weapons-populated-areas

  10. Explosive Weapons with Wide Area Effects: A Deadly Choice in Populated Areas – IKRK-Berichtshinweis – https://www.icrc.org/en/document/civilians-protected-against-explosive-weapons

  11. Paths to Victory: Detailed Insurgency Case Studies – RAND-Studie zu 41 Aufständen – https://www.rand.org/pubs/research_reports/RR291z2.html

  12. Paths to Victory: Lessons from Modern Insurgencies – RAND-Synthesebericht – https://www.rand.org/content/dam/rand/pubs/research_reports/RR200/RR291z1/RAND_RR291z1.pdf

  13. Byting Back: Regaining Information Superiority Against 21st-Century Insurgents – RAND zu Legitimität und Gegenaufstand – https://www.rand.org/content/dam/rand/pubs/monographs/2007/RAND_MG595.1.pdf

  14. From Insurgency to Stability – RAND zu Regierungsfähigkeit, Polizei und Bevölkerung – https://www.rand.org/content/dam/rand/pubs/monographs/2011/RAND_MG1111.1.sum.pdf

  15. Understanding and Influencing Public Support for Insurgency and Terrorism – RAND zu sozialer Unterstützung und Legitimität – https://www.rand.org/content/dam/rand/pubs/monographs/2012/RAND_MG1122.pdf

  16. UCDP Dataset Download Center – Uppsala Conflict Data Program, Datensätze zu organisierter Gewalt bis 2024 – https://ucdp.uu.se/downloads/

  17. UCDP/PRIO Armed Conflict Dataset Codebook v25.1 – Methodische Definitionen zu bewaffneten Konflikten – https://ucdp.uu.se/downloads/ucdpprio/ucdp-prio-acd-251.pdf

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page