Wissenschaftliche Meldungen
Weiblicher Vogelgesang auf Galápagos: Studie stellt klassische Annahmen infrage
19.3.26, 09:07
Biologie, Zoologie

Weibliche Galápagos-Goldwaldsänger singen anders als erwartet
Der Gesang von Vögeln wurde über Jahrzehnte vor allem als Domäne der Männchen untersucht. Eine neue Studie zu Galápagos-Goldwaldsängern zeigt nun jedoch, dass auch Weibchen regelmäßig singen – und zwar offenbar nicht aus denselben Gründen wie ihre männlichen Partner. Das Forschungsteam der Universität Wien und der Anglia Ruskin University kommt zu dem Schluss, dass weiblicher Gesang in dieser Art weder klar mit innergeschlechtlicher Konkurrenz noch mit aggressiver Revierverteidigung zusammenhängt. Veröffentlicht wurde die Arbeit am 18. März 2026 im Fachjournal Animal Behaviour.
Was genau untersucht wurde
Untersucht wurde die Unterart Setophaga petechia aureola auf der Galápagos-Insel Floreana. Der Ausgangspunkt war eine Feldexpedition im Jahr 2023, bei der das Team einen Gesang hörte, der in früheren Beschreibungen und Feldführern offenbar nicht erfasst worden war und sich dann als Lautäußerung eines Weibchens herausstellte. Um die Funktion dieses Gesangs zu testen, setzten die Forschenden sogenannte Playback-Experimente ein: Sie spielten territorialen Brutpaaren Gesänge von Männchen, Weibchen und duettierenden Paaren vor – sowohl in der Brutzeit als auch außerhalb der Brutzeit. Zusätzlich beobachteten sie aggressive Reaktionen, zeichneten Gesangsantworten auf und verfolgten Reviere über mehrere Jahre, um zu prüfen, ob Gesang oder Aggression mit Reviererhalt zusammenhängen.
Zwei verbreitete Hypothesen – aber keine passt richtig
Die Studie prüfte zwei naheliegende Erklärungen, die aus der Forschung zum männlichen Vogelgesang bekannt sind. Erstens: Weibchen könnten singen, um gegenüber anderen Weibchen Konkurrenz oder Aggression zu signalisieren. Zweitens: Der Gesang könnte allgemein der Verteidigung des Reviers dienen, also Eindringlinge beider Geschlechter abschrecken. Genau dafür fanden die Autorinnen und Autoren jedoch keine überzeugende Unterstützung. Laut den berichteten Ergebnissen trat weiblicher Gesang vor allem außerhalb der Brutzeit auf. Zwar reagierten Weibchen in dieser Phase deutlich aggressiv auf simulierte Eindringlinge, doch ihr Singen war nicht mit dieser Aggression gekoppelt. Bei den Männchen zeigte sich ein solcher Zusammenhang hingegen deutlich.
Duette statt Solokampf
Besonders auffällig ist, dass Weibchen nur selten allein sangen. Der Großteil ihrer vokalen Äußerungen bestand aus Duetten mit dem jeweiligen Partner, meist vom Männchen angestoßen. Das spricht dafür, dass weiblicher Gesang hier eher eine Funktion innerhalb der Paar-Kommunikation haben könnte als eine Rolle als aggressives Warnsignal nach außen. Die Studie verschiebt damit den Blick: Nicht jeder Vogelgesang muss automatisch als Werkzeug der Konkurrenz oder Territorialität interpretiert werden.
Warum die Arbeit wichtig ist
Die Studie ist auch deshalb relevant, weil die Verhaltensbiologie weiblichen Vogelgesang lange systematisch unterschätzt hat. In der Fachliteratur wurde Gesang häufig primär mit sexueller Selektion bei Männchen verbunden, während Weibchen oft als eher passive Akteure betrachtet wurden. Hinzu kommt ein geografischer Bias: Ein großer Teil der klassischen Forschung stammt aus der Nordhalbkugel, wo Männchen bei vielen Arten tatsächlich häufiger singen. Neuere Arbeiten deuten aber darauf hin, dass weiblicher Gesang unter Singvögeln deutlich weiter verbreitet ist als lange angenommen, besonders in tropischen Regionen. Die neue Untersuchung liefert dafür nun einen konkreten, gut dokumentierten Fall – und zeigt zugleich, dass weiblicher Gesang nicht einfach als Spiegelbild männlichen Gesangs verstanden werden sollte.
Methodische Einordnung
Methodisch handelt es sich um eine experimentelle Feldstudie mit Playback-Tests, ergänzt durch Beobachtungen über mehrere Saisons und eine Analyse des Reviererhalts. Das ist ein starker Ansatz, weil sich damit Verhaltensreaktionen unter relativ kontrollierten Bedingungen prüfen lassen, ohne sie nur aus zufälligen Naturbeobachtungen abzuleiten. Dennoch bleiben Grenzen: Die Untersuchung bezieht sich auf eine konkrete Unterart und auf Populationen einer Insel, sodass sich die Ergebnisse nicht automatisch auf andere Singvogelarten übertragen lassen. Auch gilt wie in vielen Verhaltensstudien, dass einzelne Funktionen von Lautäußerungen schwer eindeutig zu isolieren sind, wenn Kommunikation mehrere soziale Rollen gleichzeitig erfüllen kann. Konkrete Angaben zu Stichprobengröße, statistischen Kennwerten und möglichen Interessenkonflikten gehen aus den frei zugänglichen Pressematerialien nicht hervor. Dazu liegen in den hier einsehbaren Quellen keine näheren Angaben vor.
Ein Befund gegen alte Denkmuster
Der zentrale Erkenntnisgewinn der Arbeit liegt darin, dass weiblicher Gesang hier zwar häufig vorkommt, aber nicht die erwarteten klassischen Funktionen erfüllt. Das macht die Studie wissenschaftlich interessant: Negative Ergebnisse sind in der Verhaltensforschung besonders wertvoll, wenn sie gängige Annahmen infrage stellen. Im Fall der Galápagos-Goldwaldsänger deutet alles darauf hin, dass vokale Kommunikation zwischen den Geschlechtern stärker funktional ausdifferenziert sein kann, als viele Standardmodelle des Vogelgesangs nahelegen.
Weitere aktuelle Meldungen findest du hier:
- 3Seite 1




































































































