Wissenschaftliche Meldungen
Menstruation am Arbeitsplatz: Studie schätzt 14 Milliarden Dollar Verlust pro Jahr in Australien
26.1.26, 15:33
Medizin, Gesellschaft

Problematische Perioden sind kein Privatproblem – sie sind ein Wirtschaftsproblem
Periodenschmerzen und starke Blutungen gelten oft als „lästig, aber normal“ – und werden im Berufsalltag entsprechend stillschweigend irgendwie mitgeschleppt. Eine neue australische Studie macht jetzt sichtbar, was dieses Wegdrücken gesamtgesellschaftlich kostet: nicht nur Lebensqualität, sondern messbar Produktivität – und zwar in Größenordnungen, die wirtschaftspolitisch eigentlich nicht zu ignorieren sind.
Was die Studie untersucht hat – und warum „Produktivität“ mehr ist als Krankmeldungen
Das Forschungsteam stützte sich auf eine Online-Befragung von 1.796 in Australien lebenden, erwerbstätigen Frauen (18+), die in den letzten drei Monaten mindestens eine Menstruation hatten. Abgefragt wurden unter anderem Menstruationsbeschwerden und deren Auswirkungen auf Arbeit. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Abwesenheit und „Anwesenheit mit angezogener Handbremse“: Neben Fehlzeiten (Absenteeism) berücksichtigte die Studie auch Presenteeism – also Situationen, in denen Menschen zwar arbeiten, aber wegen Schmerzen, Müdigkeit oder anderer Symptome deutlich weniger leisten. Genau dieser zweite Anteil bleibt in Debatten über Arbeitsfähigkeit oft unsichtbar, weil er nicht automatisch in Statistiken zu Krankschreibungen auftaucht.
Die zentralen Zahlen: Milliardenbetrag pro Jahr – trotz konservativer Rechnung
In der Stichprobe berichteten 97 Prozent in den letzten drei Monaten Periodenschmerzen; 75 Prozent gaben an, diese beim Menstruieren „immer“ zu haben. Weil solche Selbstangaben in Umfragen je nach Rekrutierung verzerrt sein können – wer stark betroffen ist, nimmt eher teil –, rechnete das Team für die Hochrechnung bewusst konservativer und nahm für die Bevölkerung eine Spanne von 70 bis 90 Prozent Betroffene an. Auf dieser Basis schätzen die Autorinnen und Autoren die jährlichen Produktivitätsverluste im Schnitt auf rund 7.176 Australische Dollar pro betroffener Person. Hochgerechnet auf Australien ergibt sich eine jährliche Gesamtbelastung von etwa 14,0 Milliarden Australischen Dollar durch verlorene Produktivität.
Auffällig ist, dass besonders hohe Einbußen von Frauen im Alter zwischen 35 und 44 Jahren gemeldet wurden. Das passt zu einem plausiblen Lebenslagen-Argument – in dieser Phase bündeln sich bei vielen Karriereverantwortung, Care-Arbeit und gesundheitliche Belastungen. Die Studie kann hier allerdings keine Ursachen belegen, sondern beschreibt zunächst ein statistisches Muster.
Warum Menstruation so häufig so wehtut – und warum starke Blutungen mehr sind als „viel“
Medizinisch sind Periodenschmerzen, auch Dysmenorrhö genannt, sehr häufig, besonders bei jüngeren Menschen. Ein verbreiteter Mechanismus sind Prostaglandine – Botenstoffe, die die Kontraktionen der Gebärmutter verstärken und krampfartige Schmerzen auslösen können. Hinzu kommen oft Begleitsymptome wie Erschöpfung, Schwindel, Rücken- oder Kopfschmerzen. Starke Menstruationsblutungen wiederum können so ausgeprägt sein, dass sie Gesundheit und Alltag deutlich beeinträchtigen, unter anderem durch Eisenverlust und daraus resultierende Müdigkeit. Beides zusammen ist eine ungünstige Kombination für Tätigkeiten, die Konzentration, Kommunikationsfähigkeit oder körperliche Belastbarkeit erfordern.
Was die Rechnung nicht enthält – und warum das Ergebnis trotzdem ernst zu nehmen ist
So eindrucksvoll die Milliardensumme klingt, sie stellt eher eine Untergrenze dar. Erfasst wurde ausschließlich bezahlte Arbeit; unbezahlte Tätigkeiten wie Hausarbeit, Pflege oder Kinderbetreuung blieben ebenso außen vor wie weitere volkswirtschaftliche Folgekosten, etwa für medizinische Versorgung. Gleichzeitig bleibt eine grundsätzliche Unsicherheit: Umfragen zu Gesundheit und Arbeit hängen von Erinnerung, Selbsteinschätzung und Teilnahmebereitschaft ab. Die Forschenden begegnen diesem Problem mit vorsichtigen Annahmen für ihre Hochrechnungen, doch belastbarer wird das Bild erst durch weitere Studien mit unabhängigen Stichproben oder ergänzenden Datenquellen.
Was daraus folgt: Produktivität ist auch eine Frage von Gesundheitspolitik
Die Studie macht deutlich, dass Menstruationsbeschwerden nicht als individuelles Organisationsproblem behandelt werden sollten. Wenn der volkswirtschaftliche Schaden tatsächlich in dieser Größenordnung liegt, wird das Thema zu einer Frage von Arbeits- und Gesundheitspolitik. Diskutiert werden Maßnahmen wie klar geregelte Freistellungsoptionen, flexible Arbeitszeiten, Homeoffice-Möglichkeiten oder Rückzugsräume am Arbeitsplatz – begleitet von einer Unternehmenskultur, in der Betroffene Symptome nicht verstecken müssen. Denn auch das Verbergen kostet Energie: nicht nur körperlich, sondern auch sozial. Wer permanent normal funktionieren soll, arbeitet gewissermaßen mit einer unsichtbaren Zusatzbelastung.
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