Wissenschaftliche Meldungen
Uni Münster: Rektor mahnt zum Schutz unabhängiger Wissenschaft in Krisenzeiten
11.1.26, 17:47
Bildung, Politik

Wissenschaft unter Druck: Der Münsteraner Rektor warnt vor schleichenden Gefahren
Beim Neujahrsempfang der Universität Münster hat Rektor Johannes Wessels vor rund 400 Gästen in der Schloss-Aula eine Warnung ausgesprochen, die weit über den Campus hinausweist. Wissenschaft, so seine Botschaft, gerät zunehmend zwischen die Fronten internationaler Krisen und politischer Machtkämpfe. Was lange wie ein Problem „da draußen“ wirkte, komme immer häufiger im Alltag von Hochschulen an – in Form erschwerter Kooperationen, wachsender Vorbehalte gegenüber internationalem Austausch und eines subtilen Drucks, Forschung in politische Raster zu pressen.
Wessels’ Rede ist weniger als Alarmismus zu verstehen denn als Lagebeschreibung: Wissenschaft lebt von Offenheit, von Vertrauen in Verfahren und von der Möglichkeit, Wissen ohne Scheuklappen auszutauschen. Genau diese Grundlagen, so die Einschätzung des Rektors, sind nicht mehr selbstverständlich.
Wenn globale Spannungen in den Seminarraum reichen
Krisen und Konflikte verändern derzeit nicht nur diplomatische Beziehungen, sondern auch die Bedingungen, unter denen Forschung organisiert wird. Internationale Forschungsverbünde, Mobilitätsprogramme und der freie Fluss von Daten und Ideen können ins Stocken geraten, wenn Staaten Kooperationen stärker strategisch bewerten oder wenn Sicherheits- und Machtinteressen die Agenda bestimmen. Hochschulen spüren das besonders schnell, weil Wissenschaft heute in vielen Disziplinen auf grenzüberschreitende Teams, gemeinsame Infrastruktur und offene Debatten angewiesen ist.
Dabei geht es nicht nur um Logistik oder Bürokratie, sondern um ein Prinzip: Erkenntnis entsteht selten in abgeschlossenen Räumen. Sie entsteht im Streit der Argumente, im Abgleich von Perspektiven und im Test gegen die Wirklichkeit. Wird dieser Prozess durch politische Einflussnahme gelenkt, droht ein Verlust an Qualität – nicht unbedingt spektakulär, aber schrittweise und dauerhaft.
Freiheit von Forschung und Lehre ist kein Luxus
Ein zentraler Punkt der Rede war die Verteidigung der Freiheit von Forschung und Lehre. Das klingt wie ein Verfassungsartikel – und genau das ist es im Kern: eine Schutzvorschrift dafür, dass Wissenschaft nicht nach Erwünschtheit, sondern nach fachlicher Tragfähigkeit bewertet wird. Wessels betonte, Hochschulen seien keine parteipolitischen Akteure. Doch gerade weil sie nicht Partei sind, müssen sie ihre Grundwerte klar benennen: kritische Auseinandersetzung, Offenheit für Komplexität und die Bereitschaft, auch unbequeme Ergebnisse auszuhalten.
Das ist eine wichtige Unterscheidung. Wissenschaftliche Freiheit bedeutet nicht, dass jede Behauptung gleich viel zählt. Im Gegenteil: Freiheit ist hier an Regeln gebunden – an Methodik, Transparenz und überprüfbare Argumente. Wer Wissenschaft politisch „vereinfachen“ will, macht sie oft nicht verständlicher, sondern ärmer.
Münster setzt auf Räume für Kontroverse – und auf internationale Offenheit
Die Universität Münster will nach dieser Positionierung Räume sichern, in denen kontrovers diskutiert werden kann, ohne dass Debatten vorsortiert oder Ergebnisse vorab politisch eingehegt werden. Internationalität ist dabei, so der Tenor, kein schmückendes Beiwerk, sondern ein Motor für Erkenntnis und Innovation. Wenn Austausch blockiert wird, verliert Forschung nicht nur Tempo, sondern auch Perspektivenvielfalt – und damit eine ihrer stärksten Korrekturmechanismen.
Gleichzeitig richtet sich der Appell auch an Politik und Gesellschaft: Unabhängige Wissenschaft ist nicht nur ein Standortfaktor, sondern ein öffentliches Gut. Sie ermöglicht, komplexe Probleme zu verstehen, Risiken nüchtern zu bewerten und Entscheidungen auf Wissen statt Bauchgefühl zu gründen. Wer diese Unabhängigkeit schwächt, spart vielleicht kurzfristig Konflikte – zahlt aber langfristig mit weniger Orientierung.
Bilanz eines erfolgreichen Jahres und ein geordneter Wechsel an der Spitze
Neben der Warnung zog Wessels auch eine positive Jahresbilanz. Die Universität Münster habe ihre Stellung unter forschungsstarken Hochschulen in Deutschland weiter gefestigt. Genannt wurden unter anderem die erneute Förderung eines Exzellenzclusters in der Mathematik, Fortschritte in der Batterieforschung sowie Erfolge in den Geisteswissenschaften durch Projekte im Akademienprogramm. Zusätzlich wurde eine bedeutende wissenschaftliche Auszeichnung in der Chemie hervorgehoben, die die internationale Sichtbarkeit des Standorts stärke.
Diese Kombination aus Mahnung und Zuversicht ist mehr als Rhetorik: Sie beschreibt eine Grundspannung moderner Hochschulen. Gerade wenn der Druck wächst, müssen Institutionen zeigen, dass Leistungsfähigkeit und Werteorientierung zusammengehören – dass exzellente Forschung nicht trotz Offenheit entsteht, sondern wegen ihr.
Wessels kündigte zudem einen Einschnitt an: Nach rund zehn Jahren an der Spitze will er sein Amt im Herbst abgeben. Nachfolgerin wird Susanne Menzel-Riedl, derzeit Präsidentin der Universität Osnabrück. In unsicheren Zeiten, so Wessels’ Blick nach vorn, liege die Stärke von Universitäten vor allem in den Menschen, die mit Verantwortung und Engagement durch Krisen führen. Das ist ein Satz, der auf den ersten Blick selbstverständlich wirkt – und gerade deshalb an die eigentliche Aufgabe erinnert: Wissenschaft ist ein System aus Verfahren, aber sie bleibt immer auch eine Kultur, die verteidigt und gelebt werden muss.
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