Wissenschaftliche Meldungen
Massenaussterben neu bewertet: Warum Ammoniten nicht sofort verschwanden
10.1.26, 18:57
Paläontologie, Archäologie

Ein Aussterben, das nicht überall gleichzeitig stattfand
Das Massenaussterben am Ende der Kreidezeit gilt als eine der einschneidendsten Zäsuren der Erdgeschichte. Vor rund 66 Millionen Jahren verschwanden die Dinosaurier, ebenso wie viele marine Tiergruppen. Zu ihnen zählten nach gängiger Lehrmeinung auch die Ammoniten – spiralig gewundene Kopffüßer, die über mehr als 300 Millionen Jahre nahezu alle Ozeane besiedelt hatten. Neue geologische und paläontologische Analysen deuten nun jedoch darauf hin, dass ihr Verschwinden komplexer verlief als bislang angenommen.
Ein internationales Forschungsteam hat Sedimentabfolgen aus dem nördlichen Atlantik und angrenzenden Meeresbecken neu ausgewertet. Dabei fanden sich Hinweise darauf, dass bestimmte Ammonitenarten noch zehntausende Jahre nach dem Einschlag des Asteroiden existierten, der den globalen Umbruch auslöste. Das würde bedeuten: Zumindest regional überlebten sie den eigentlichen Katastrophenmoment.
Fossilien aus einer Übergangszeit
Der Asteroideneinschlag – dessen Krater heute als Chicxulub-Krater bekannt ist – löste gewaltige Schockwellen, Tsunamis und eine globale Verdunkelung der Atmosphäre aus. Lange Zeit ging man davon aus, dass diese Ereignisse innerhalb kürzester Zeit zum vollständigen Kollaps mariner Nahrungsnetze führten.
Die nun untersuchten Sedimente erzählen jedoch eine differenziertere Geschichte. In Schichten, die eindeutig jünger als der Einschlag datiert sind, fanden sich charakteristische Bruchstücke von Ammonitenschalen. Ihre chemische Zusammensetzung und stratigrafische Lage sprechen dafür, dass sie nicht durch Umlagerung älterer Fossilien dorthin gelangten, sondern tatsächlich aus einer Zeit nach der globalen Katastrophe stammen.
Überleben im Norden – aber nicht für lange
Besonders auffällig ist, dass diese späten Ammonitenfunde fast ausschließlich aus höheren nördlichen Breiten stammen. Die Forschenden vermuten, dass kühlere Meeresregionen zeitweise stabilere Umweltbedingungen boten. Während tropische Ökosysteme möglicherweise rasch kollabierten, könnten nördliche Schelfmeere eine Art ökologisches Refugium gebildet haben.
Doch dieses Überleben war offenbar nur von kurzer Dauer. Spätestens einige zehntausend Jahre nach dem Einschlag verschwinden die Ammoniten endgültig aus dem Fossilbericht. Als mögliche Ursache nennen die Autorinnen und Autoren langfristige Folgen des Einschlags: gestörte Nahrungsketten, anhaltende Klimaschwankungen und Veränderungen der Ozeanchemie, etwa durch Versauerung.
Kein plötzlicher Schnitt, sondern ein schleichendes Ende
Die Ergebnisse widersprechen nicht grundsätzlich der Rolle des Asteroiden als Auslöser des Massenaussterbens. Sie zeigen jedoch, dass Aussterbeprozesse nicht zwangsläufig überall gleichzeitig und abrupt ablaufen. Statt eines einzigen globalen „Moments des Todes“ zeichne sich ein Mosaik regional unterschiedlicher Reaktionen ab.
Für die Paläontologie ist das ein wichtiger Befund. Er mahnt zur Vorsicht bei allzu vereinfachten Erzählungen über Massenaussterben und unterstreicht, wie stark lokale Umweltbedingungen über Überleben oder Aussterben entscheiden können – selbst bei globalen Katastrophen.
Bedeutung für das Verständnis heutiger Krisen
Auch für die Gegenwart sind solche Erkenntnisse relevant. Sie verdeutlichen, dass biologische Vielfalt selbst unter extremem Stress regional unterschiedlich reagieren kann. Gleichzeitig zeigen sie, dass kurzfristiges Überleben keine Garantie für langfristige Stabilität ist, wenn grundlegende ökologische Strukturen beschädigt bleiben.
Die Ammoniten überstanden den Dino-Killer womöglich länger als gedacht – entkommen konnten sie ihm letztlich dennoch nicht.
Weitere aktuelle Meldungen findest du hier:
- 2Seite 1







































































































