Wissenschaftliche Meldungen
Arktis im Wandel: Studie findet neuen Mechanismus hinter dem wachsenden Atlantik-Einfluss in der Barentssee
5.1.26, 10:25
Klima & Umwelt, Ozeanografie

Warum die Barentssee ein Klima-Scharnier ist
Die Barentssee gilt als eines der wichtigsten Eingangstore, über das warmes und salzreiches Atlantikwasser in Richtung Arktis vordringen kann. In den vergangenen Jahrzehnten hat dieser Einfluss zugenommen – ein Prozess, der in der Forschung als „Atlantifizierung“ beschrieben wird. Er steht im Verdacht, das Meereis zurückzudrängen und Ökosysteme in einer Region zu verändern, die sich ohnehin schneller erwärmt als der globale Durchschnitt.
Trotz zahlreicher Hypothesen blieb bislang jedoch weitgehend offen, warum der Netto-Transport von Wasser aus den Nordischen Meeren durch die Barentssee in Richtung Arktis langfristig ansteigt. Genau diese Lücke will die neue Studie schließen.
Ein Trend durch die Barents-See-Öffnung – und ein überraschender Auslöser
Im Zentrum der Arbeit steht die Barents Sea Opening, eine Meerespassage zwischen dem norwegischen Festland und der Bäreninsel. Dort zeigen Modellrechnungen für den Zeitraum 1980 bis 2021 einen klaren positiven Trend: Strömungen transportieren im Mittel zunehmend Wasser nordwärts, also weiter in Richtung Arktis.
Die Forschenden argumentieren, dass dabei nicht nur „wie stark“ der Wind weht entscheidend ist, sondern auch „in welchem Rhythmus“ sich Wetterlagen abwechseln. Konkret führen sie den Strömungstrend auf eine Verschiebung der synoptischen Zeitskalen zurück – synoptisch bedeutet hier Wettervariabilität im Bereich von wenigen Tagen, also typische Abfolgen von Tief- und Hochdrucksystemen. Nach Darstellung der Studie hat sich die Häufigkeitsverteilung dieser Wetterschwankungen über den Nordischen Meeren so verändert, dass sie bestimmte Ozeanprozesse effizienter anstößt.
Topografische Rossby-Wellen als Verstärker – und „gleichgerichtete“ Restströmungen
Der entscheidende physikalische Baustein sind topografische Rossby-Wellen. Das sind großräumige Wellenbewegungen im Ozean, die entlang von Meeresbodenformen wie Kontinentalhängen laufen und durch die Erdrotation geprägt werden. Laut Studie reagiert dieses Wellensystem sehr empfindlich darauf, mit welchen Frequenzen die Atmosphäre die Meeresoberfläche antreibt.
Die Autoren beschreiben einen nichtlinearen Effekt: Bestimmte atmosphärische Antriebsfrequenzen erzeugen Wellen- und Strömungsantworten, die sich nicht einfach „wegmitteln“, sondern einen messbaren Rest hinterlassen. In der Ozeanografie spricht man dabei von „Rektifikation“ – aus einem wechselnden Antrieb entsteht eine über die Zeit gleichgerichtete Komponente, die Strömungen verstärken oder umlenken kann. In diesem Fall soll das Zusammenspiel von Wellen und rektifizierten Strömungen dazu beitragen, dass der nordwärts gerichtete Transport durch die Barentssee langfristig zunimmt.
Was sich im Strömungsmuster verändert hat
Ein weiterer Befund der Studie betrifft die Struktur der Strömungen selbst: In einem nördlichen Querschnitt der Barents Sea Opening existieren mehrere Teilströme, die teils in die Barentssee hinein- und teils aus ihr herausführen. Der Nettofluss ist zwar in Richtung Arktis gerichtet, enthält aber auch einen Ausstrom aus der Barentssee zurück in die Nordischen Meere. Genau dieser Ausstrom habe sich in den jüngeren zwei Jahrzehnten deutlich abgeschwächt und sei in Simulationen ab etwa 2001 bis 2021 nahezu verschwunden. Diese Veränderung allein könne den langfristigen Anstieg des Netto-Transports erklären, so die Autoren.
Die Studie weist zugleich darauf hin, dass diese Betrachtung auf der barotropen Komponente basiert, also auf dem Anteil der Strömung, der über die Tiefe relativ einheitlich ist. Teile der Zirkulation sind jedoch baroklin, hängen also von Schichtung und Dichteunterschieden ab. Damit bleibt Raum für weitere Forschung, wie stark vertikale Struktur und Wärmetransport im Detail beteiligt sind.
Bedeutung für Meereis und Ökosysteme – und für das Verständnis des Klimawandels
Wenn warmes Atlantikwasser häufiger und/oder stärker in Richtung Arktis vordringt, kann das die Bildung und Stabilität von Meereis beeinflussen. Weniger Meereis wiederum verändert, wie viel Sonnenenergie das System aufnimmt, und verschiebt Lebensräume – mit Folgen vom Plankton bis zu Fischen und Meeressäugern. Die Autoren betonen, dass ihre Ergebnisse zeigen, wie menschengemachte Veränderungen der Atmosphäre Ozeanprozesse nicht nur über Mittelwerte, sondern auch über veränderte „Zeitmuster“ der Wettervariabilität beeinflussen können.
Für die Klimaforschung ist das vor allem eine methodische Botschaft: Es könnte nicht genügen, nur langfristige Trends in Windstärke oder Druckmustern zu betrachten. Auch die Frage, wie sich die zeitliche Taktung der Wetterdynamik verändert, kann Ozeanzirkulation und damit regionale Klimaentwicklung in der Arktis mitbestimmen.
Weitere aktuelle Meldungen findest du hier:
- 2Seite 1







































































































