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Ein fast vollständiger Fund aus der Eisenzeit wirft neues Licht auf keltische Kriegskultur
10.1.26, 08:55
Archäologie, Geschichte

Archäologen entdecken seltene Kriegstrompete in Ostengland
In der ostenglischen Grafschaft Norfolk ist Archäologen ein außergewöhnlicher Fund gelungen: Eine nahezu vollständig erhaltene keltische Kriegstrompete aus der Eisenzeit, ein sogenannter Carnyx, wurde bei Ausgrabungen entdeckt. Das Instrument zählt zu den seltensten archäologischen Objekten Europas und eröffnet neue Einblicke in die militärische und symbolische Welt der vorrömischen Gesellschaften Britanniens.
Der Fund stammt aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, einer Epoche, die von tiefgreifenden Umbrüchen geprägt war. In dieser Zeit gerieten die einheimischen keltischen Stämme zunehmend unter den Einfluss der römischen Expansion. Besonders bekannt ist diese Phase durch den Aufstand der Iceni unter ihrer Anführerin Boudicca, der sich um die Jahre 60 und 61 nach Christus gegen die römische Besatzung richtete.
Ein Instrument der Einschüchterung und Identität
Der Carnyx unterscheidet sich deutlich von modernen Blechblasinstrumenten. Er wurde senkrecht gespielt und endete in einem kunstvoll gestalteten Tierkopf, häufig in Form eines Keilers oder eines anderen wilden Tieres. Beim nun entdeckten Exemplar sind große Teile der bronzenen Konstruktion erhalten geblieben, einschließlich des charakteristischen Schalltrichters. Fachleute gehen davon aus, dass der erzeugte Klang schrill und durchdringend war – geeignet, um Gegner einzuschüchtern und die eigenen Krieger im Gefecht zu koordinieren.
Begleitend zur Trompete wurden weitere Objekte geborgen, darunter mehrere Schildbuckel sowie eine kleine Bronzefigur in Tiergestalt, die möglicherweise zu einem militärischen Standzeichen gehörte. Die Zusammenstellung der Funde deutet darauf hin, dass es sich nicht um einen zufälligen Verlust handelt, sondern um eine gezielte Niederlegung, möglicherweise mit rituellem Hintergrund.
Historischer Kontext: Nähe zu den Iceni
Der Fundort liegt in einer Region, die traditionell dem Siedlungsgebiet des Stammes der Iceni zugeschrieben wird. Diese Gemeinschaft spielte eine zentrale Rolle in der britischen Eisenzeit und ist eng mit dem berühmten Aufstand gegen die römische Herrschaft verbunden. Eine direkte Verbindung zwischen der Trompete und historischen Ereignissen oder konkreten Personen lässt sich bislang jedoch nicht belegen.
Archäologen betonen, dass es sich hierbei um eine Hypothese handelt, die weiterer Forschung bedarf. Datierung, Materialanalysen und der genaue Fundkontext sollen in den kommenden Monaten detailliert ausgewertet werden. Erst dann wird sich zeigen, ob der Carnyx tatsächlich in einem militärischen Zusammenhang genutzt wurde oder ob er primär eine zeremonielle Funktion erfüllte.
Warum solche Funde extrem selten sind
Carnyces wurden in der Regel aus Bronze gefertigt, einem wertvollen Rohstoff, der in der Antike häufig wiederverwertet wurde. Viele Instrumente dürften eingeschmolzen worden sein, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatten. Umso außergewöhnlicher ist es, dass dieses Exemplar in einem Zustand erhalten blieb, der Rückschlüsse auf Konstruktion, Klang und symbolische Bedeutung zulässt.
Bisher sind nur sehr wenige vergleichbare Instrumente bekannt, darunter Fragmente aus Schottland und einzelne Funde vom europäischen Festland. Der neue Fund aus Norfolk gehört zu den vollständigsten Exemplaren, die jemals entdeckt wurden, und könnte die bisherige Forschung zur keltischen Kriegskultur deutlich erweitern.
Konservierung und weitere Forschung
Der Carnyx und die zugehörigen Objekte befinden sich derzeit in konservatorischer Behandlung. Aufgrund ihrer Fragilität müssen sie stabilisiert werden, bevor detaillierte Untersuchungen möglich sind. Parallel läuft eine rechtliche Prüfung nach britischem Kulturgutschutzrecht, die klärt, wie und wo die Funde künftig aufbewahrt und möglicherweise ausgestellt werden.
Für die Archäologie bietet der Fund eine seltene Gelegenheit, schriftliche Überlieferungen antiker Autoren mit materiellem Befund zu vergleichen. Während antike Texte die klangliche Wirkung solcher Instrumente eindrucksvoll schildern, liefern archäologische Funde nun erstmals die Möglichkeit, diese Beschreibungen kritisch zu überprüfen.
Ein Fenster in die Welt der Eisenzeit
Die Entdeckung macht deutlich, wie komplex und symbolisch aufgeladen die Gesellschaften der britischen Eisenzeit waren. Krieg war nicht nur ein militärischer Akt, sondern auch ein kulturelles Ereignis, begleitet von Ritualen, Musik und Zeichen kollektiver Identität. Der Carnyx aus Norfolk ist damit weit mehr als ein Musikinstrument – er ist ein akustisches und kulturelles Zeugnis einer Welt, die kurz vor ihrem grundlegenden Wandel stand.
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