Wissenschaftliche Meldungen
Rhein-Müll unterschätzt: Warum bei Köln täglich rund 53.000 Teile Richtung Nordsee treiben
9.1.26, 12:25
Klima & Umwelt

Ein Fluss als Förderband – nur viel voller als gedacht
Wie viel Müll ein großer Strom wirklich ins Meer trägt, ist erstaunlich schwer zu beziffern. Oft beruhen Schätzungen auf kurzen Sichtzählungen von Brücken oder Ufern aus: Man zählt, was man sieht, und rechnet hoch. Genau darin liegt das Problem, denn vieles treibt tiefer, vieles ist unauffällig, und der Fluss verändert sein Müllprofil mit Wetter, Pegelstand und Jahreszeit.
Eine Langzeitstudie am Rhein bei Köln zeigt nun, wie stark diese schnellen Momentaufnahmen danebenliegen können. Demnach passieren Köln im Mittel rund 53.000 Müllteile pro Tag. Hochgerechnet entspricht das pro Jahr mehreren tausend Tonnen Abfall, die der Rhein Richtung Nordsee transportiert.
Die „RheinKrake“: Messen statt nur schauen
Im Zentrum der Untersuchung stand eine schwimmende Müllfalle mit dem Namen „RheinKrake“. Sie ist nahe der Kölner Zoobrücke installiert und fängt Makromüll ab einer Größe von einem Zentimeter ein – nicht nur an der Oberfläche, sondern auch bis zu 80 Zentimeter unter Wasser.
Entscheidend ist der Langzeitansatz: Über zwölf Monate wurde kontinuierlich gesammelt, gewogen und klassifiziert. Die Falle filterte dabei nur einen kleinen Teil des täglichen Abflusses. Auf dieser Basis konnten die Forschenden statistisch belastbare Hochrechnungen für den gesamten Flussquerschnitt vornehmen.
Die Zahlen: Tausende Tonnen pro Jahr
Im Messzeitraum von November 2022 bis November 2023 wurden 17.523 Abfallstücke mit einer Gesamtmasse von rund zwei Tonnen erfasst. Daraus leiteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine jährliche Fracht von etwa 3.000 bis 4.700 Tonnen Makromüll ab, die der Rhein Richtung Nordsee transportiert.
Allein der Plastikanteil wird auf mehrere hundert Tonnen pro Jahr geschätzt. Diese Werte liegen deutlich über früheren Abschätzungen, die meist auf kurzen Beobachtungszeiträumen beruhten. Die Studie zeigt damit, wie stark bisherige Zahlen die tatsächliche Belastung unterschätzt haben könnten.
Plastik dominiert die Menge – nicht das Gewicht
Ein auf den ersten Blick überraschendes Ergebnis: Rund 70 Prozent der gezählten Teile bestanden aus Kunststoff, machten aber nur etwa 15 Prozent der Gesamtmasse aus. Das bedeutet, dass schwere Materialien wie Glas oder andere dichte Stoffe zwar seltener vorkommen, aber einen großen Anteil am Gesamtgewicht haben.
Mehr als die Hälfte der Abfälle ließ sich privaten Verbraucherinnen und Verbrauchern zuordnen. Ein erheblicher Anteil hing mit Lebensmitteln und Getränken zusammen. Auffällig hoch war zudem der Anteil von Feuerwerksresten sowie von Zigarettenabfällen, die über das Jahr hinweg regelmäßig im Fangsystem landeten.
Citizen Science als wissenschaftlicher Faktor
Ein zentraler Bestandteil des Projekts war die Beteiligung von Freiwilligen. Bürgerwissenschaftlerinnen und Bürgerwissenschaftler halfen beim Bergen, Sortieren, Vermessen und Dokumentieren der Abfälle. Ohne diesen Einsatz wäre eine derart dichte und lange Messreihe kaum realisierbar gewesen.
Gleichzeitig verdeutlicht die Studie, wie aufwendig verlässliches Umweltmonitoring ist. Flüsse verändern sich ständig, und punktuelle Beobachtungen reichen nicht aus, um robuste Aussagen über Müllfrachten zu treffen. Langzeitmessungen liefern hier eine deutlich solidere Grundlage für politische und gesellschaftliche Entscheidungen.
Aussagekraft und Grenzen der Ergebnisse
So eindrucksvoll die Zahlen sind, sie bleiben an eine Messstelle gebunden. Die „RheinKrake“ erfasst vor allem Makromüll ab einem Zentimeter Größe; Mikroplastik war nicht Gegenstand der Untersuchung. Auch lässt sich nicht automatisch jeder Rheinabschnitt oder gar jeder Fluss auf dieselbe Weise bewerten.
Dennoch ist der zentrale Befund klar: Kurzzeitmessungen unterschätzen die Müllfracht erheblich. Wer den Abfall im Fluss ernsthaft reduzieren will, braucht belastbare Daten – und die entstehen nur durch kontinuierliche, physische Erfassung. Die Studie liefert damit weniger eine Momentaufnahme als vielmehr ein realistisches Fundament für zukünftige Umweltpolitik.
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