Wissenschaftliche Meldungen
Influencer statt Journalisten: Wie der Wandel der Science-News in der MENA-Region das Wissenschaftsverständnis gefährdet
7.1.26, 15:18
Medien, Gesellschaft

Ein Medienwandel mit politischer Schlagseite
In vielen Ländern der Nahost- und Nordafrika-Region (MENA) verlagern staatliche Stellen und Institutionen seit einigen Jahren Aufmerksamkeit, Zugänge und finanzielle Ressourcen von klassischen Medien hin zu Social-Media-Influencern. Eine neue Studie in Humanities and Social Sciences Communications (Nature Portfolio), veröffentlicht am 6. Januar 2026, zeichnet nach, was diese Verschiebung für Wissenschaftsberichterstattung bedeutet – und warum sie mehr ist als nur eine Frage von Reichweite.
Die Forschenden beschreiben Influencer als „Interlopers“: Akteure, die in ein professionelles Feld eindringen, ohne dessen Regeln, Routinen und Normen vollständig zu teilen. In der Wissenschaftskommunikation ist das besonders heikel, weil es hier nicht nur um Verständlichkeit geht, sondern auch um Einordnung, Kontrolle von Interessenkonflikten und die Frage, wie zuverlässig Informationen geprüft werden.
Wie die Studie vorgeht
Das Team kombiniert mehrere Zugänge. Erstens analysiert es Inhalte vergleichend: Zwölf Wissenschafts-„Stories“ aus unterschiedlichen MINT-Themen (darunter COVID-19, Umwelt, Kernenergie und Astronomie), die zwischen April 2022 und Ende April 2023 in Ägypten, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowohl von Journalistinnen und Journalisten als auch von Influencern verbreitet wurden. Wichtig ist dabei eine zentrale Einschränkung: Influencer haben diese Beiträge in der Regel nicht originär recherchiert, sondern meist weiterverbreitet und kommentiert.
Zweitens kommt ein kleines Expertengremium hinzu: Fünf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen bewerten die sechs journalistischen und sechs Influencer-Beiträge zu denselben Themen hinsichtlich Genauigkeit und Verlässlichkeit.
Drittens führen die Autorinnen und Autoren semi-strukturierte Interviews, um die Logik hinter den Veröffentlichungen zu verstehen: Aus 35 Anfragen resultieren 14 Interviews, geführt zwischen Januar und März 2024, mit Journalistinnen und Journalisten, Influencern sowie Kommunikationsverantwortlichen bzw. Regierungsstellen. Die Studie betont, dass die Stichprobe klein ist und keine repräsentativen Aussagen für die gesamte Region erlaubt – sie soll eher typische Muster sichtbar machen.
Was sich in den Inhalten ähnelt – und warum
Ein zunächst ernüchterndes Ergebnis: In der MENA-Region, so die Studie, speisen sich viele Wissenschaftsmeldungen sowohl bei Influencern als auch in klassischen Medien aus offiziellen Quellen und PR-Strukturen. Wo Medien stark von staatlichen Rahmenbedingungen, rechtlichen Grenzen und politischen Prioritäten geprägt sind, ähneln sich Ton, Rahmung und Sprache oft stärker, als man es aus pluraleren Mediensystemen kennt. Die Analyse findet deshalb vielfach ähnliche Frames – und eine Schwerpunktsetzung, die eher Politik und Institutionen hervorhebt als wissenschaftliche Mechanismen zu erklären.
Auch das Expertengremium sieht Probleme nicht nur bei Influencern, sondern teils ebenso bei journalistischen Beiträgen: In mehreren Fällen fehle Tiefe, Fachbegriffe würden vorausgesetzt, und statt der wissenschaftlichen Substanz dominiere der „Policy“-Aspekt, etwa bei Kernenergie, wenn Abkommen und Entscheidungen stärker betont werden als die naturwissenschaftlichen Grundlagen oder Unsicherheiten.
Wo die Unterschiede liegen: Quellen, Prüfprozesse und Verantwortung
Trotz dieser Überschneidungen erkennt die Studie Unterschiede, die aus Sicht der Autorinnen und Autoren entscheidend sind. Klassische Wissenschaftsjournalisten arbeiten – selbst unter Einschränkungen – in redaktionellen Strukturen. Diese Strukturen erzeugen Routinen: Quellenarbeit, redaktionelle Priorisierung, formale Standards, interne Korrekturschleifen und zumindest ein Mindestmaß an „Gatekeeping“. Gatekeeping meint hier nicht Zensur, sondern die professionelle Filter- und Prüfleistung: Was ist relevant, was ist belegt, welche Einordnung braucht es, welche Gegenstimmen oder unabhängigen Expertisen fehlen?
Influencer dagegen seien häufig freier in Stil und Tempo, könnten Inhalte informeller, persönlicher und flexibler erzählen und damit Zielgruppen erreichen, die klassischen Medien entgleiten. Genau diese Stärken nennen auch Regierungs- und Kommunikationsvertreter in den Interviews: Influencer böten Vielfalt im Format, hohe Interaktion, eine „Planbarkeit“ für Reichweite – und die Möglichkeit, Botschaften mit Meinung zu verknüpfen, was in klassischen Medienformaten zumindest offiziell stärker reglementiert ist.
Doch diese Vorteile haben laut Studie eine Schattenseite. Mehr Freiheit bedeutet oft weniger systematische Kontrolle: Influencer unterliegen in der Regel keinen vergleichbaren redaktionellen Prüfprozessen, Interessenkonflikte sind leichter zu verdecken, und die Orientierung am Aufbau einer Followerschaft kann zu Zuspitzung oder Vereinfachung verleiten. In den Interviews formulieren Journalistinnen und Journalisten das als Sorge vor Verzerrung, fehlender Einordnung und fehlenden „Checks“.
Warum Reichweite allein nicht reicht – gerade bei Wissenschaft
Ein zentrales Argument der Studie lautet: Wissenschaftskommunikation ist nicht identisch mit Wissenschaftsjournalismus. Kommunikation kann informieren, motivieren, erklären – Journalismus soll zusätzlich prüfen, einordnen und auch gegenüber Institutionen distanziert bleiben. In der MENA-Region ist dieser kritische Anspruch zwar strukturell begrenzt; dennoch sehen die Autorinnen und Autoren gerade im Wissenschaftsbereich eine eigenständige journalistische Rolle: als kulturelle Vermittlung zwischen Fachwelt und Öffentlichkeit, als Instanz für Glaubwürdigkeit und als Korrektiv gegen reine Verlautbarungslogik.
Die Schlussfolgerung fällt deshalb deutlich aus: Influencer können Journalistinnen und Journalisten nicht ersetzen, weil sie andere Funktionen erfüllen. Trotzdem verdrängen sie diese zunehmend – nicht unbedingt, weil sie wissenschaftlich kompetenter wären, sondern weil sie Reichweite und Aufmerksamkeit bündeln und damit aus Sicht von Behörden eine effizientere Kosten-Nutzen-Rechnung versprechen.
Besonders problematisch sei, dass Unterstützung oft nicht den fachlich stärksten Influencern zugutekomme, sondern denen mit den größten Zahlen – selbst wenn ihnen wissenschaftliches Verständnis fehle. Die Studie warnt: In einem Umfeld, in dem Medien ohnehin stark von offiziellen Ressourcen abhängig sind, könne die Umleitung von Zugängen und Geld „echten“ Wissenschaftsjournalismus austrocknen. Langfristig, so die Sorge, schade das der „Public Understanding of Science“ – also dem öffentlichen Verständnis von Wissenschaft – gerade weil Reichweite ohne Einordnung leicht zu mehr Verwirrung statt mehr Wissen führt.
Ein Ergebnis mit Einschränkungen – und trotzdem ein Warnsignal
Die Arbeit ist ausdrücklich als frühe, nicht endgültig redigierte Manuskriptfassung veröffentlicht, und die Autorinnen und Autoren betonen die Grenzen ihrer Daten: eine kleine, bewusst eng gefasste Auswahl von Beiträgen, drei Länder, eine überschaubare Zahl an Interviews. Gerade deshalb ist die Studie weniger ein endgültiges Urteil als ein Diagnoseversuch: Sie zeigt, welche Mechanismen greifen, wenn Staaten Kommunikationskanäle strategisch steuern und Aufmerksamkeit zur Währung wird.
Unterm Strich ist das Bild ambivalent: Influencer können Wissenschaft zugänglicher machen und neue Zielgruppen erreichen. Aber sobald sie in die Rolle von Wissenschaftsberichterstattern rutschen, entstehen Lücken dort, wo Journalismus mehr sein muss als das Weiterreichen von Botschaften. Die Studie plädiert deshalb nicht für ein Entweder-oder, sondern für eine klare Rollenunterscheidung – und für die Erkenntnis, dass ein mediales Ökosystem ohne professionelle Gatekeeper bei komplexen Wissenschaftsthemen schnell an Qualität verliert.
Weitere aktuelle Meldungen findest du hier:
- 2Seite 1


































































