Wissenschaftliche Meldungen
Wenn Moral weh tut: Wie sexuelle Schuldgefühle mit Sexualproblemen zusammenhängen können
7.1.26, 15:33
Sexualwissenschaft, Psychologie

Ein sensibles Thema in einem kulturell engen Rahmen
Sexualität ist nicht nur Biologie, sondern auch Kultur, Beziehung und Selbstbild. Was als „richtig“ oder „anstößig“ gilt, wird in vielen Gesellschaften stark normiert – und genau dort können Scham, Angst und Schuldgefühle entstehen, die bis in das Erleben von Lust und Intimität hineinreichen. Eine neue Studie aus Indonesien legt nahe: Frauen, die mehr sexuelle Schuldgefühle und sexuelle Angst berichten, geben im Schnitt auch eine schlechtere sexuelle Funktionsfähigkeit an. Grundlage ist eine Online-Befragung von 169 sexuell aktiven Frauen im Alter von 19 bis 40 Jahren aus dem Großraum Jakarta. Die Ergebnisse wurden in den Proceedings der International Association for Cross-Cultural Psychology (IACCP) veröffentlicht, darüber berichtete PsyPost am 6. Januar 2026.
Was bedeutet „sexuelle Funktionsfähigkeit“ – und wie wird sie gemessen?
In der Sexualmedizin und Sexualpsychologie wird sexuelle Funktionsfähigkeit meist als Zusammenspiel mehrerer Bereiche verstanden: Verlangen, Erregung, körperliche Reaktionen wie Lubrikation, Orgasmusfähigkeit, Zufriedenheit und das Ausbleiben von Schmerzen. In der Studie nutzten die Forschenden dafür den verbreiteten Female Sexual Function Index (FSFI), einen standardisierten Fragebogen, der diese Dimensionen erfasst.
Parallel wurden zwei psychologische Faktoren erhoben, die oft im Schatten gesellschaftlicher Normen wachsen. „Sex guilt“, also sexuelles Schuldgefühl, beschreibt dabei eher eine innere moralische Bewertung: die Befürchtung, für sexuelles Verhalten oder sogar sexuelle Gedanken „bestraft“ zu werden, weil es den eigenen Normen widerspricht. „Sex anxiety“, sexuelle Angst, ist dem Konzept verwandt, richtet sich aber stärker nach außen: der Sorge, von anderen verurteilt zu werden oder soziale Regeln zu verletzen.
Die zentralen Befunde: Mehr Schuld und Angst, schlechtere Werte im FSFI
Statistisch zeigt sich ein klarer Zusammenhang: Höhere Werte bei sexueller Schuld und sexueller Angst gehen mit niedrigeren Werten bei der sexuellen Funktionsfähigkeit einher. Anders gesagt: Wer stärker von Schuld- oder Angstgefühlen rund um Sexualität geprägt ist, berichtet häufiger Schwierigkeiten in Bereichen wie Lust, Erregung oder Zufriedenheit.
Interessant ist zudem ein sozialer Befund: In dieser Stichprobe berichteten unverheiratete Frauen im Mittel eine schlechtere sexuelle Funktionsfähigkeit als andere Gruppen. Das wird in der Studie als Hinweis gedeutet, dass Sexualität in diesem kulturellen Kontext eng an normative Beziehungsmuster – besonders an Ehe – gekoppelt sein kann. Unterschiede zwischen Frauen mit und ohne Kinder fanden die Forschenden dagegen nicht: Schuldgefühle, sexuelle Angst und Funktionswerte lagen in beiden Gruppen ähnlich.
Warum diese Ergebnisse wichtig sind – und was sie nicht beweisen
Die Studie passt zu einem breiten internationalen Forschungsbild: Negative Emotionen rund um Sexualität können das sexuelle Erleben belasten. Psychologisch ist das plausibel. Schuld und Angst binden Aufmerksamkeit, erhöhen Anspannung und verhindern oft genau jene Offenheit, die für Erregung, Lust und positive Erfahrungen wichtig ist. In Beziehungen können solche Gefühle außerdem Kommunikation erschweren – etwa, wenn Bedürfnisse nicht ausgesprochen werden oder Nähe vermieden wird.
Gleichzeitig ist die wichtigste Einschränkung klar: Es handelt sich um eine Querschnittsbefragung. Das bedeutet, es wurde zu einem Zeitpunkt gemessen – und daraus lässt sich keine Kausalität ableiten. Es ist also nicht sicher, ob Schuldgefühle die Sexualfunktion verschlechtern, ob umgekehrt sexuelle Schwierigkeiten Schuldgefühle verstärken oder ob beide durch weitere Faktoren geprägt werden, etwa durch Stress, Beziehungsqualität, religiöse Normen, psychische Belastungen oder Körperbild.
Hinzu kommt: Die Teilnehmenden wurden online rekrutiert und stammen aus einer urbanen Region. Das ist wertvoll, aber nicht automatisch repräsentativ für alle Frauen in Indonesien – geschweige denn für andere Länder oder Kulturen. Die Studie bietet daher vor allem ein Signal, welche Rolle Moralnormen und das Erleben von sozialer Bewertung in der sexuellen Gesundheit spielen können.
Was folgt daraus für Beratung, Medizin und Aufklärung?
Wenn Schuld und Angst messbar mit sexueller Funktionsfähigkeit zusammenhängen, ist das ein Hinweis, dass Prävention und Hilfe nicht nur medizinisch gedacht werden sollten. Sexuelle Gesundheit ist auch psychische Gesundheit – und sie ist stark vom gesellschaftlichen Umfeld geprägt. Für Beratung und Therapie kann das bedeuten, stärker auf das Zusammenspiel aus kulturellen Normen, inneren Wertvorstellungen, Beziehungskontext und individueller Stressbelastung zu achten. Für Aufklärung kann es heißen, Räume zu schaffen, in denen Sexualität sachlich besprochen werden kann, ohne sofort moralisch abgewertet zu werden.
Gerade in Gesellschaften, in denen Sexualität als Tabu gilt, können niedrigschwellige, respektvolle Bildungsangebote und vertrauliche Beratungsstrukturen helfen, Schuld- und Angstspiralen zu unterbrechen – und damit auch die Grundlage für ein selbstbestimmteres, weniger belastetes Sexualleben zu stärken.
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