Wissenschaftliche Meldungen
Wie künstliche Intelligenz historische Texte, Kultur und Sprache neu erschließt
8.1.26, 06:58
Künstliche Intelligenz, Bildung, Kultur, Geschichte

KI als neuer Katalysator für historische, sprachliche und kulturelle Forschung
Die gemeinnützige Forschungsförderorganisation Schmidt Sciences investiert im Rahmen ihres neuen Programms „Humanities and AI Virtual Institute“ insgesamt 11 Millionen US-Dollar in mehr als 20 interdisziplinäre Forschungsteams weltweit. Ziel der Förderung ist es, künstliche Intelligenz systematisch mit geisteswissenschaftlichen Fragestellungen zu verbinden – und damit neue Wege zu eröffnen, menschliche Geschichte, Sprache, Recht und Kultur zu erforschen.
Im Mittelpunkt steht dabei ein doppelter Anspruch: Einerseits sollen moderne KI-Methoden helfen, große, bislang schwer zugängliche Quellenbestände zu analysieren. Andererseits sollen geisteswissenschaftliche Perspektiven selbst Einfluss auf die Weiterentwicklung von KI-Modellen nehmen – etwa dort, wo historische Kontexte, Mehrdeutigkeiten und kulturelle Nuancen eine zentrale Rolle spielen.
Von mittelalterlichem Recht bis beschädigten Manuskripten
Unter den geförderten Projekten finden sich zahlreiche Beispiele für diese neue Form der Zusammenarbeit. Auch mehrere Forschende der University of Kentucky sind an den ausgewählten Vorhaben beteiligt. Ein Projekt widmet sich der Analyse frühmittelalterlicher Rechtsauffassungen. Entwickelt wird ein mehrsprachiges KI-System, das historische Rechtsgutachten aus dem vierten und fünften Jahrhundert erschließt. Die zugrunde liegenden Texte liegen in lateinischen Handschriften vor, die oft fragmentarisch überliefert und sprachlich komplex sind.
Die KI soll es ermöglichen, gezielte Fragen an diese Quellen zu stellen – etwa danach, wie in der Spätantike über Moral, Autorität oder Gerechtigkeit argumentiert wurde. Klassische Sprachmodelle sind für solche Aufgaben nur bedingt geeignet, da sie in der Regel auf moderne Texte trainiert werden. Das Projekt will deshalb Modelle entwickeln, die historische Sprachvarianten und Denkweisen besser berücksichtigen.
Ein weiteres gefördertes Vorhaben nutzt Methoden des maschinellen Lernens, um beschädigte oder schwer lesbare Manuskripte zu rekonstruieren. Ziel ist es, verblasste Schriftzüge sichtbar zu machen und fehlende Textpassagen probabilistisch zu ergänzen. Solche Verfahren könnten langfristig die Arbeit von Philologinnen, Historikern und Restauratorinnen deutlich unterstützen, ohne deren interpretative Rolle zu ersetzen.
Geisteswissenschaften als aktiver Partner der KI-Entwicklung
Das Förderprogramm versteht die Geisteswissenschaften nicht als bloße Anwender neuer Technologien, sondern als gleichberechtigte Partner. Historische Forschung, Sprachwissenschaft oder Philosophie bringen Fragestellungen ein, an denen sich zeigt, wo heutige KI-Modelle an ihre Grenzen stoßen. Begriffe verändern ihre Bedeutung über Jahrhunderte hinweg, Texte sind oft mehrdeutig, und kulturelle Kontexte lassen sich nicht ohne Weiteres formalisieren.
Genau hier sehen die Initiatoren einen Erkenntnisgewinn für beide Seiten: KI-Forschung kann durch geisteswissenschaftliche Expertise robuster, transparenter und sensibler für Kontext werden. Umgekehrt können algorithmische Methoden helfen, große Textmengen zu strukturieren, Muster sichtbar zu machen und neue Forschungsfragen zu entwickeln.
Chancen, aber auch offene Fragen
Befürworterinnen und Befürworter der Initiative betonen das Potenzial, bislang kaum erschlossene Quellenbestände systematisch zugänglich zu machen. Besonders in Disziplinen wie Geschichte, Literaturwissenschaft oder Rechtsgeschichte könnten KI-Werkzeuge helfen, Verbindungen und Entwicklungen zu erkennen, die sich in jahrzehntelanger Einzelarbeit nur schwer erfassen lassen.
Gleichzeitig bleibt die Anwendung von KI in den Geisteswissenschaften umstritten. Kritische Stimmen warnen davor, algorithmische Ergebnisse mit historischen Interpretationen zu verwechseln. KI kann Texte analysieren, aber keine historischen Urteile fällen. Fragen nach Sinn, Bedeutung und gesellschaftlicher Einordnung bleiben Aufgabe menschlicher Forschung. Entsprechend betonen die geförderten Projekte die Notwendigkeit transparenter Methoden und einer klaren Trennung zwischen automatischer Analyse und wissenschaftlicher Interpretation.
Ein langfristiger Impuls für die Humanities
Mit dem Humanities and AI Virtual Institute will Schmidt Sciences einen dauerhaften Impuls setzen. Die aktuelle Förderrunde ist als Startpunkt angelegt, weitere Ausschreibungen sind geplant. Langfristig soll ein internationales Netzwerk entstehen, das Standards für den verantwortungsvollen Einsatz von KI in den Geisteswissenschaften entwickelt.
Die Initiative zeigt damit, dass digitale Technologien nicht nur naturwissenschaftliche Forschung verändern, sondern zunehmend auch jene Disziplinen, die sich mit Sprache, Geschichte und Kultur befassen – und dass gerade dort neue Fragen entstehen, die für die Zukunft künstlicher Intelligenz von zentraler Bedeutung sein könnten.
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