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Sterile Neutrinos: KATRIN-Daten widersprechen Neutrino-4 und drücken die Parametergrenzen nach unten
29.12.25, 11:47
Physik, Astronomie, Kosmologie

Ein Teilchen, das Physik neu schreiben könnte
Seit Jahren wird in der Teilchenphysik über die Existenz eines zusätzlichen Neutrinos diskutiert: eines sogenannten sterilen Neutrinos. Im Gegensatz zu den drei bekannten Neutrinoarten würde ein solches Teilchen nicht über die schwache Wechselwirkung reagieren, sondern sich nur durch Gravitation bemerkbar machen. Seine Existenz hätte weitreichende Folgen, da sie eine Erweiterung des Standardmodells erfordern und mögliche Erklärungen für mehrere experimentelle Anomalien liefern könnte, die in den vergangenen Jahren gemeldet wurden.
Was KATRIN anders macht als andere Neutrino-Experimente
Viele Experimente suchen nach sterilen Neutrinos, indem sie untersuchen, ob sich Neutrinos auf ihrem Weg unerwartet umwandeln oder verschwinden. Das KATRIN-Experiment verfolgt einen anderen Ansatz. Es misst mit extrem hoher Präzision die Energie der Elektronen, die beim Beta-Zerfall von Tritium entstehen. Da bei diesem Zerfall ein Neutrino einen Teil der Energie trägt, spiegelt sich seine Masse und mögliche zusätzliche Neutrinotypen indirekt im Energiespektrum der Elektronen wider. Ein steriles Neutrino würde dabei eine charakteristische Verzerrung, einen zusätzlichen Knick im Spektrum, erzeugen.
Die neue Auswertung: Millionen Messungen, kein Hinweis
In der aktuellen Analyse wertete die KATRIN-Kollaboration Daten aus mehreren hundert Messtagen zwischen 2019 und 2021 aus. Insgesamt flossen rund 36 Millionen registrierte Elektronen in die Auswertung ein. Das Ergebnis ist eindeutig: Im untersuchten Massen- und Mischungsbereich zeigt das Spektrum keine Abweichungen, die auf ein leichtes steriles Neutrino hindeuten würden.
Damit schränkt KATRIN einen großen Teil des Parameterraums ein, der zuvor zur Erklärung sogenannter Reaktor- und Gallium-Anomalien diskutiert worden war. Auch frühere Behauptungen experimenteller Hinweise auf ein steriles Neutrino stehen mit den neuen Präzisionsdaten nicht in Einklang.
Warum ein „Nullresultat“ wissenschaftlich wertvoll ist
In der Teilchenphysik ist das Ausbleiben eines Signals kein Misserfolg, sondern ein wichtiges Ergebnis – vorausgesetzt, die Messung ist ausreichend genau. Genau das trifft auf KATRIN zu. Die hohe statistische Genauigkeit und der geringe experimentelle Untergrund machen das Experiment zu einem der derzeit stärksten Instrumente, um leichte sterile Neutrinos direkt zu testen. Besonders bedeutsam ist dabei, dass dieser Ansatz unabhängig von Oszillationsmessungen ist und andere systematische Unsicherheiten aufweist.
Wie es weitergeht
Die Suche ist damit nicht abgeschlossen. KATRIN wird bis zum Ende seiner Messkampagne weiter Daten sammeln, um die Empfindlichkeit weiter zu steigern. Zusätzlich ist ein Ausbau des Experiments geplant, der es erlauben soll, auch nach schwereren sterilen Neutrinos im keV-Massenbereich zu suchen. Solche Teilchen werden in manchen theoretischen Modellen sogar als Kandidaten für die Dunkle Materie diskutiert.
Einordnung der Ergebnisse
Die neuen Resultate bedeuten nicht, dass alle früheren experimentellen Auffälligkeiten vollständig erklärt sind. Sie zeigen jedoch klar, dass ein leichtes steriles Neutrino mit relevanter Mischung zu den bekannten Neutrinos im von KATRIN getesteten Bereich sehr unwahrscheinlich geworden ist. Damit liefert das Experiment einen wichtigen Referenzpunkt für die weitere theoretische und experimentelle Arbeit – und zwingt die Physikgemeinschaft, alternative Erklärungen für verbliebene Anomalien kritisch zu prüfen.
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