Ursachen der Hexenverfolgung: Die Anatomie eines Wahns – wie Europa seine Frauen verbrannte
- Benjamin Metzig
- 9. Sept. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Mai

Wer die europäischen Hexenverfolgungen nur als Ausbruch blinden Aberglaubens erzählt, verfehlt ihren Kern. Die Scheiterhaufen waren nicht einfach das Resultat „finsterer Zeiten“, in denen irgendjemand irgendeinen Unsinn glaubte. Sie entstanden dort, wo Angst, Theologie, Recht, soziale Spannungen und Herrschaft ineinandergriffen. Gerade deshalb waren sie so tödlich. Nicht obwohl Europa Institutionen hatte, sondern weil diese Institutionen Verdacht in ein verfolgbares Verbrechen übersetzen konnten.
Die erste wichtige Korrektur lautet deshalb: Die große Welle war kein typisches Mittelalterphänomen. Sie war vor allem ein Problem der Frühen Neuzeit. Wie Britannica zusammenfasst, wurden in Europa und den Amerikas zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert knapp 100.000 Menschen wegen Hexerei angeklagt; etwa 40.000 bis 60.000 wurden hingerichtet. Mehr als drei Viertel der Angeklagten waren Frauen. Das ist erschütternd genug. Und zugleich zu einfach, wenn man daraus nur eine Geschichte männlicher Grausamkeit gegen weibliche Opfer macht. Denn auch diese Gewalt hatte eine soziale Technik.
Der entscheidende Wandel: Aus Zauberei wurde Verschwörung
Menschen beschuldigten einander schon lange vor der Frühen Neuzeit magischer Schädigung. Wenn Kühe verendeten, Kinder starben oder Milch sauer wurde, lag der Verdacht auf verborgene Mächte nahe. Neu war im 15. Jahrhundert aber eine andere Konstruktion: Die angebliche Hexe galt nicht mehr bloß als Einzelperson mit schädlichen Fähigkeiten, sondern als Teil einer diabolischen Gegenwelt. Sie schloss, so die Vorstellung, einen Pakt mit dem Teufel, verkehrte mit Dämonen, traf sich auf nächtlichen Sabbaten und arbeitete gezielt an der Zerstörung der christlichen Ordnung.
Dieser gedankliche Sprung machte den Unterschied. Aus lokaler Feindschaft wurde ein Angriff auf Gott, Staat und Gesellschaft zugleich. Wer nur Schadenszauber betreibt, ist eine Störerin. Wer Teil einer satanischen Verschwörung ist, wird zum Feind im Inneren.
Kernidee: Die Hexe war nicht einfach eine „abergläubische“ Figur
Sie wurde zur juristisch verwertbaren Projektionsfläche für die Vorstellung, dass das Böse organisiert, unsichtbar und mitten unter den Nachbarn wirksam sei.
Warum gerade die Frühe Neuzeit so gefährlich wurde
Die zweite Korrektur ist noch unbequemer. Viele Menschen stellen sich Hexenjagden als Beweis für einen Mangel an Staatlichkeit vor. Historisch war oft das Gegenteil entscheidend: Verfolgung eskalierte dort, wo Obrigkeiten Verdacht aktiv verarbeiteten.
Wie Britannica zur Geschichte der Witch Hunts hervorhebt, spielte das Recht mindestens so stark mit wie die Religion. Inquisitorische Verfahren erlaubten es Gerichten, Verdacht selbständig aufzugreifen, Zeugenaussagen zu bündeln und unter Folter Geständnisse zu erzwingen. Genau diese Logik machte Massenverfolgungen möglich. Wer unter Tortur Namen nannte, schob den Verdacht weiter. Aus einer Beschuldigung wurden zehn, aus zehn ein regionaler Wahn.
Das erklärt auch, warum die Verfolgungen regional so ungleich ausfielen. Am heftigsten traf es West- und Mitteleuropa, vor allem Teile des Heiligen Römischen Reichs, der Schweiz und einiger französischer Territorien. Andere Regionen blieben auffällig zurückhaltend. Nicht, weil dort niemand an Hexerei glaubte, sondern weil juristische Filter anders arbeiteten.
Paradox der Macht: Starke Obergerichte bremsten oft, lokale Eiferer töteten
Eine der spannendsten Einsichten der Forschung lautet: Zentralisierte Instanzen waren keineswegs immer die Motoren der Hexenjagd. Mancherorts wirkten sie sogar als Bremsen.
Die Britannica-Darstellung zum rechtlichen Rahmen betont, dass starke Obergerichte, die römische Inquisition oder der Parlement von Paris häufig restriktiver agierten als lokale Gerichte. Sie verlangten mehr Belege, prüften Berufungen und begrenzten die Kettenwirkung von Denunziationen. Wo dagegen kleine Territorien, lokale Magistrate oder verfolgungseifrige Fürstbischöfe nahezu frei schalten konnten, wurden Anklagen leichter zu Paniken.
Das zerstört das bequeme Klischee, die Inquisition sei automatisch der Hauptmotor jeder Hexenjagd gewesen. Das katholische Europa war in dieser Hinsicht widersprüchlicher. Es gab brutale Verfolgungen, aber es gab auch institutionelle Dämpfer. Gerade deshalb lässt sich die Geschichte nicht als eindimensionale Erzählung von „Kirche gleich Scheiterhaufen“ abhandeln.
Warum vor allem Frauen auf dem Scheiterhaufen landeten
Der Titel dieses Beitrags ist zugespitzt, und die Geschichte braucht eine präzise Einordnung. Europa verbrannte nicht nur Frauen. Männer wurden ebenfalls verfolgt, und in einzelnen Regionen sogar in großer Zahl. Aber europaweit waren Frauen die Hauptopfer. Historische Schätzungen gehen von rund 75 bis 80 Prozent aus.
Dafür gibt es keinen einzigen Grund, sondern ein Bündel aus kulturellen und sozialen Mechanismen.
Erstens war die gelehrte Dämonologie tief misogyn. Frauen galten in vielen Texten als leichter verführbar, körpernäher, triebhafter, moralisch instabiler und damit angeblich empfänglicher für den Teufel. Zweitens lagen viele Verdachtszonen in Tätigkeiten, die eng mit Frauen verbunden waren: Geburt, Pflege, Heilwissen, Essenszubereitung, Nachbarschaftshilfe, Kinderfürsorge. Wo Leben fragil war, konnte jede Fehlgeburt, jede Krankheit, jeder plötzliche Tod in Verdacht umschlagen.
Drittens waren soziale Randlagen entscheidend. Alte, arme, unverheiratete, konfliktreiche oder als „schwierig“ geltende Frauen hatten ein deutlich höheres Risiko. Nicht weil sie außerhalb der Gesellschaft standen, sondern weil sie tief in ihr verstrickt waren: als Bittstellerinnen, Nachbarinnen, Heilerinnen, Streitpartnerinnen, Witwen, Konkurrentinnen.
Gerade hier liegt die Brutalität der Verfolgung. Sie traf nicht das Fremde, sondern das Vertraute.
Faktencheck: Nicht jede Region funktionierte gleich
In manchen Gegenden wurden viele Männer verfolgt. Das ändert nichts daran, dass die Hexe europaweit vor allem als weibliche Figur konstruiert wurde. Es zeigt nur, dass auch hier keine Ein-Ursachen-Erklärung trägt.
Der Nachbar als Ankläger: Hexenjagd begann selten oben
Die Hexe war kein abstraktes Lehrbuchmonster. Meist war sie zunächst eine konkrete Person aus dem Dorf, der Straße oder dem Marktumfeld. Eine Frau, mit der man gestritten hatte. Eine Bittstellerin, der man Hilfe verweigert hatte. Eine Heilerin, deren Kräuter nicht halfen. Eine alte Witwe, die „böse schaute“. Eine Außenseiterin, deren Armut, Wut oder Schroffheit ohnehin schon Unbehagen auslöste.
Das macht die Verfolgungen so modern. Sie zeigen, wie leicht Gesellschaften diffuse Krisenerfahrungen personalisieren. Anstatt Missernten, Krieg, Krankheit oder Kindersterblichkeit als komplexe Risiken zu begreifen, verschiebt man Kausalität auf eine identifizierbare Person. Erst dadurch entsteht emotionale Entlastung. Das Unglück hat dann wieder eine Form, ein Gesicht, einen Namen.
Gerichte und Prediger machten aus diesem lokalen Verdacht kein Zufallsgerücht, sondern eine bestätigte Weltdeutung. Genau dort wurde Nachbarschaftsneid zur Staatsgewalt.
Klima, Hunger, Krieg: Warum Krisenzeiten Schuldige brauchen
Es wäre jedoch falsch, Hexenverfolgung nur als Geschlechter- oder Rechtsgeschichte zu schreiben. Sie war auch eine Krisengeschichte.
Wolfgang Behringer verband die Verfolgungswellen schon früh mit den Spannungen der Kleinen Eiszeit. Emily Oster griff die Frage später ökonomisch auf und untersuchte in Witchcraft, Weather and Economic Growth in Renaissance Europe den Zusammenhang zwischen Wetterverschlechterung, wirtschaftlichem Druck und Hexenprozessen. Die Grundidee ist plausibel: Wenn Ernten scheitern, Preise steigen und Unsicherheit zunimmt, wächst die Bereitschaft, Schuld nicht nur zu empfinden, sondern aktiv zuzuweisen.
Das heißt nicht, kalte Sommer hätten automatisch Hexenjagden ausgelöst. Aber Krisen schufen ein Klima, in dem die Erzählung von der böswilligen Schadensstifterin greifbarer wurde. Wer die Welt nicht erklären kann, will sie oft wenigstens bestrafen.
Konfessionskampf machte Verdacht zu Politik
Noch schärfer wird das Bild, wenn man die Hexenverfolgungen in die Religionskonflikte der Frühen Neuzeit einordnet. Die Reformation zerriss Europa nicht nur theologisch. Sie verschärfte den Druck, religiöse Reinheit öffentlich zu demonstrieren.
Eine vielzitierte Studie von Peter T. Leeson und Jacob W. Russ argumentiert in Witch Trials, dass besonders konfessionell umkämpfte Regionen zu intensiverer Verfolgung neigten. Kurz gesagt: Katholiken und Protestanten konkurrierten nicht nur mit Predigten, sondern auch mit Härtesignalen. Wer entschlossen gegen das Böse vorging, demonstrierte zugleich geistliche und politische Ordnungskraft.
Hexenjagden wurden so zu einer Form konfessioneller Staatsperformance. Nicht überall, nicht immer, aber oft genug, um einen strukturellen Zusammenhang sichtbar zu machen.
Warum die große Welle endete
So total die Verfolgungen rückblickend wirken, sie brachen nicht deshalb zusammen, weil Europa plötzlich „vernünftig“ wurde. Auch hier war der Prozess institutionell.
Höhere Gerichte verlangten mehr Beweise. Berufungen wurden wichtiger. Die Legitimität der Folter begann zu erodieren. Skeptische Juristen und Theologen griffen die Beweislage an. Und irgendwann traf der Verdacht nicht mehr nur Arme, Alte und sozial Schwache, sondern auch Menschen mit Einfluss. Spätestens dann verlor die Jagd ihre politische Bequemlichkeit.
Die Survey of Scottish Witchcraft der University of Edinburgh zeigt für Schottland beispielhaft, wie gut sich regionale Dynamiken, juristische Beteiligte und zeitliche Verdichtungen inzwischen rekonstruieren lassen. Gerade solche Datensammlungen haben die Forschung vom Mythos weggeführt: keine Millionenopfer, keine geheime heidnische Untergrundreligion, keine simple Geschichte eines einzigen patriarchalen Plans. Stattdessen: ein kontinentales Zusammenspiel aus Glaube, Verfahren, Lokalpolitik und Krisenbewältigung.
Die eigentliche Lehre ist unbequemer als jede Netflix-Version
Die Anatomie des Hexenwahns ist deshalb nicht bloß die Geschichte falscher Ideen. Sie ist die Geschichte einer Gesellschaft, die Unsicherheit in Schuld verwandelte und für diese Schuld rechtliche Apparate bereithielt.
Frauen standen im Zentrum, weil die Kultur ihnen Nähe zu Körper, Geburt, Nahrung, Pflege, Sexualität und moralischer Schwäche zuschrieb. Aber die Verfolgung wurde erst dann groß, als Gerichte, Obrigkeiten und Konfessionskämpfe dieses Bild aufluden, vervielfachten und vollstreckten.
Europa verbrannte seine Frauen also nicht einfach aus „Dummheit“. Es tat es, weil eine ganze Ordnung gelernt hatte, Angst zu organisieren.

















































































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