Der Wandel des Henkers – vom öffentlichen Paria zum anonymen Rädchen der Staatsgewalt
- Benjamin Metzig
- 22. Sept. 2025
- 7 Min. Lesezeit

Wandel des Henkers: Wie aus dem Schwert ein Schalter wurde
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Das Paradox im Herzen der Justiz
Wer tötet im Namen des Gesetzes? Kaum ein Beruf bündelt das moralische Paradox moderner Staaten so radikal wie der des Henkers, auch Scharfrichter oder Nachrichter genannt. Ein System, das Tötung verbietet, beauftragt einzelne Menschen, genau das zu tun – nicht aus Wut, nicht aus Rache, sondern als Ritual staatlicher Ordnung. Dieses Spannungsfeld zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte: Der Henker ist zugleich unverzichtbares Werkzeug der Justiz und sozialer Außenseiter, gebraucht und verachtet, notwendig und „unehrlich“.
Zentral für das Verständnis ist der Wandel des Henkers: Von der sichtbaren Figur im „Theater des Schreckens“ der mittelalterlichen Stadt bis zum anonymen Funktionär hinter Anstaltsmauern. Dieser Weg erzählt nicht nur etwas über Strafrecht, sondern über uns – über die Art, wie Gesellschaften Schuld, Gewalt und Verantwortung organisieren. Werden psychologische und ethische Lasten dadurch kleiner? Spoiler: Nein. Sie werden nur unsichtbar.
Wie der Staat das Schwert ergriff: Geburt eines Berufs
Bis ins Hochmittelalter lag Bestrafung oft in der Hand der Gemeinschaft. Sippe, Dorf oder Kläger „teilten“ die Schuld am Töten, um Fehden zu dämpfen. Erst als Territorien und Städte ihr Gewaltmonopol ausbauten, veränderte sich der Prozess: Der Akkusationsprozess wich dem Inquisitionsverfahren, in dem die Obrigkeit von Amts wegen ermittelte – und nun jemanden brauchte, der Urteile vollstreckte. So entsteht ein offizielles Amt, das mehr ist als ein Job: ein leibhaftiges Symbol der Souveränität über Leben und Tod.
1276 taucht der professionelle Scharfrichter erstmals eindeutig im Augsburger Stadtrecht auf – ein Wendepunkt. „Nachrichter“ nennt man ihn, den Vollstrecker „nach dem Urteil“. Anfangs wechseln die Amtsinhaber häufig. Doch bald bilden sich Familienlinien, die die Arbeit generationenlang tragen und prägen.
Unehrlich – und doch unentbehrlich: Stigma als Systemkitt
Warum wurden Henker – trotz Amtseid – zu Parias? Weil sie „für Geld töten“. In einer religiös geprägten Gesellschaft galt das als schwere Sünde. Zusammen mit Abdeckern, Totengräbern und Bütteln landen sie in der Kategorie der „unehrlichen Berufe“. Aus dem flexiblen Makel des Spätmittelalters wird im 16. Jahrhundert starres Zunftrecht: Söhne unehrlicher Berufe sind vom ehrbaren Handwerk ausgeschlossen, Töchter heiraten meist innerhalb des kleinen Kreises der „Unreinen“.
Dieses Stigma erfüllt eine psychologische Funktion. Damit die Gemeinschaft sich nicht selbst im Spiegel der Todesstrafe sieht, lagert sie die „Sünde“ auf den Ausführenden aus. Der Henker wird zum Sündenbock – zur Personifizierung der „schmutzigen Arbeit“ der Justiz. Sichtbar wird das in der Praxis: Henkerhäuser liegen an oder außerhalb der Stadtmauern, in Kirche und Wirtshaus sitzen Scharfrichter abgesondert, das bloße Berühren gilt manchen als „befleckend“. Wo es erbliche Ausgrenzung gibt, entstehen Dynastien – vom süddeutschen Raum bis nach Wien und Bayern reichen die genealogischen Netze.
Handwerk, Präzision, Ritual: Was ein Scharfrichter wirklich tat
Das Klischee vom dumpfen Hieb verfehlt die Komplexität des Berufs. Scharfrichter beherrschen ein Repertoire an Verfahren und Symbolen – und sie müssen funktionieren, millimetergenau, unter öffentlichem Druck.
Zur „Kernverwaltung“ der Justiz gehörten Enthaupten mit dem Schwert (die „ehrenvollste“ Todesart), Hängen, Rädern, Verbrennen oder – in seltenen Fällen – Vierteilen. Hinzu kam die peinliche Befragung, also Folter zur Geständniserzwingung, sowie nicht-tödliche Körper- und Ehrenstrafen: Rutenhiebe, Brandmarken, das Abschneiden von Ohren oder Schwurfingern, Prangerstehen. Das alles folgte ritualisierten Regeln und Hierarchien der Schande. Die Kunst bestand darin, maximale Abschreckung zu erzeugen – und gleichzeitig den Delinquenten bis zum Urteil am Leben zu erhalten.
Weil „ehrbare“ Zünfte unreine Arbeiten mieden, bündelte man sie beim Scharfrichter. Besonders im süddeutschen Raum verschmilzt sein Amt mit der Abdeckerei (Wasenmeisterei): Tierkadaver beseitigen, verwerten, Kloaken säubern, streunende Hunde töten, Prostituierte beaufsichtigen, Selbstmörder bestatten, verbotene Bücher verbrennen. Unrein – aber ökonomisch lebenswichtig.
Der paradoxe Heiler: Anatomie, Wundkunst und „Armesünderfett“
Ausgerechnet der Mann des Todes wurde vielerorts zum gefragten Heiler. Durch Folter, Hinrichtungen und gelegentliche Sektionen entwickelten Scharfrichter ein handfestes anatomisches Wissen. Sie schienten Brüche, reponierten Gelenke, versorgten Wunden – effizient und billiger als viele akademische Ärzte. Und der Kontakt zum Henker galt – kurios, aber pragmatisch – nicht als entehrend, wenn er medizinisch motiviert war.
Dazu kam ein Markt für makabre Heilmittel: Menschenfett als Salbe gegen Gicht, Blut Enthaupteter gegen Epilepsie, Daumen oder Haare Hingerichteter als Glücksamulette. Heute wirkt das abstoßend; historisch war es Teil einer medizinisch-magischen Welt, in der „Kraft“ auf den Körper übergehen sollte.
Erlerntes Töten: Ausbildung, Meisterstück und Ökonomie
Der Wandel des Henkers war auch ein Wandel im Selbstverständnis: vom Zufallsjob zum regulierten Handwerk. Meist bildete der Vater den Sohn aus – der „Henkersknecht“ erledigte erst Hängen, Körperstrafen, Assistenz bei Folter, ehe er zur Königsdisziplin vordrang. Am Ende stand die Meisterprobe: eine makellose Enthauptung mit dem Richtschwert, öffentlich, unter den Augen des Meisters.
Geld floss nach klaren Gebührenordnungen: ein fixes Grundgehalt plus Tarife für jedes „Geschäft“ – Hinrichtung, Folter, Pranger, Brandmarke. Dazu Einnamen aus Abdeckerei, Heilkunst, dem Verkauf von Amuletten und oft der Besitz des Hingerichteten. Wo pro Strafe bezahlt wird, entstehen problematische Anreize: Es gab Regionen, in denen der Scharfrichter an härteren Urteilen finanziell besser fuhr – ein blinder Fleck frühneuzeitlicher Justizökonomie.
Risiko Beruf: Fehlhiebe, Lynchgefahr und der Druck des Moments
Öffentliche Hinrichtungen waren Inszenierungen mit ungeschriebenem Vertrag: Das Publikum erwartete Gerechtigkeit – schnell, „anständig“, ohne Quälerei. Ein Fehlhieb zerstörte dieses Narrativ. Manche Scharfrichter wurden nach missglückten Exekutionen gesteinigt, verprügelt oder gar gelyncht. Die Angst vor der Menge und die Nähe des „armen Sünders“, der einen um Vergebung und „gutes Handwerk“ bittet, fraßen an den Nerven.
Langfristig hinterließ die Tätigkeit tiefe Spuren: Berichte sprechen von Alkoholismus, Depressionen und erhöhter Suizidalität unter Henkern. Die soziale Isolation, die ständige Verfügbarkeit für Gewalt und der „böse Blick“ der Verurteilten wurden zur psychischen Dauerbelastung.
Technik statt Meisterhieb: 19. und 20. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert rückt die Justiz zusammen: Länder zentralisieren Gerichte, schaffen Folter ab und verbannen Hinrichtungen hinter Gefängnismauern. Öffentlichkeit wird Verwaltung; Spektakel wird Prozedur. Die Guillotine – als Fallbeil in deutschen Staaten eingeführt – markiert den Übergang vom Handwerk zur Maschine. Sie braucht weniger Geschick, liefert reproduzierbare Ergebnisse und entpersonalisiert den Akt. Der Henker verliert sein Gesicht – und wird zum reisenden Spezialisten im Staatsdienst.
In der NS-Zeit kippt das System in eine Tötungsbürokratie. Todesurteile explodieren, zentrale Hinrichtungsstätten werden eingerichtet, wenige Hauptscharfrichter reisen im Akkord. Johann Reichhart perfektioniert Abläufe an der Guillotine, führt an manchen Tagen Dutzende Exekutionen durch. Nach außen firmieren die Vollstrecker als „Justizangestellte“, arbeiten unter Decknamen – der Staat zieht den Mantel der Anonymität enger.
Heute: Execution Team, Geheimhaltung und globale Zäsuren
Weltweit haben die meisten Staaten die Todesstrafe de iure oder de facto abgeschafft. Aber in einigen Ländern – darunter Iran, Saudi-Arabien, Somalia, China (mit Geheimstatistik) und den USA – wird weiterhin hingerichtet. Die Methoden reichen von Erhängen und Erschießen bis zur Enthauptung mit dem Schwert; in den USA dominiert die letale Injektion, daneben existieren Elektrischer Stuhl, Gaskammer oder neuere Varianten wie Stickstoffhypoxie.
In westlichen Systemen ist der einzelne Henker verschwunden. Seine Rolle übernimmt ein Execution Team: Aufgaben werden verteilt – festschnallen, Zugänge legen, Ventile bedienen. Mehrere Personen drücken gleichzeitig auf Knöpfe; eines der Gewehre im Erschießungskommando enthält eine Platzpatrone. Verantwortung wird verdünnt, Identitäten sind gesetzlich geschützt, Lieferketten der Chemikalien geheim. Offizielle Begründung: Schutz vor Übergriffen. Kritiker sehen darin vor allem die Verhinderung öffentlicher Kontrolle.
Der Effekt: Der Wandel des Henkers kulminiert in radikaler Unsichtbarkeit. Wo früher das „Theater des Schreckens“ abschrecken sollte, verschwinden heute Ort, Personen und Prozeduren hinter Aktenzeichen und Sichtschutzwänden. Das mag politisch opportun sein – psychologisch löst es wenig.
Die andauernde seelische Last: Von der Meisterprobe zur moral injury
Aktuelle Forschung zu Gefängnispersonal und Hinrichtungsteams zeigt PTBS-Symptome, Suchtprobleme und das, was Psycholog:innen moral injury nennen: eine Verletzung des Gewissens, wenn man wiederholt gegen zentrale Werte handeln muss. „Wir haben nur unseren Job gemacht“ – diese kognitive Schutzmauer hält oft nicht. Wer den Schlauch verbindet oder den Knopf drückt, beschreibt Albträume, Flashbacks, Schuld, religiöse Qual, soziale Isolation. Geheimhaltung verstärkt das: Wer über nichts sprechen darf, kann wenig verarbeiten.
Genau darin liegt die bittere Pointe des Modernisierungsnarrativs: Die Aufteilung auf Teams, die Entpersonalisierung durch Technik und die Bürokratisierung mindern nicht die seelische Wucht des Tötens. Sie verlagern sie – von der Stadtbühne in die Innenwelten weniger Menschen, die wir kaum sehen.
Was bleibt? Ein unbequemer Spiegel
Die Geschichte des Henkers ist eine Geschichte über Macht, Moral und Verdrängung. Der Weg führt vom handwerklichen Schwertstreich über die mechanische Guillotine zur medizinisch wirkenden Injektion. Doch unter der Oberfläche bleibt der gleiche Kern: Eine Gesellschaft, die an der Todesstrafe festhält, braucht jemanden, der für sie tötet – sichtbar oder verborgen. Der Wandel des Henkers sagt uns, wie weit wir gehen, um diese Tatsache zu verschleiern.
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Quellen:
Duldung, Diskriminierung und Verfolgung gesellschaftlicher Randgruppen im Mittelalter – https://www.regionalgeschichte.net/bibliothek/aufsaetze/schubert-duldung-diskriminierung-verfolgung-randgruppe-mittelalter.html
Das Leben des Henkers in der frühen Neuzeit (GRIN) – https://www.grin.com/document/28195
Ausgestorbene Berufe: Vom Scharfrichter zum Henker (DER SPIEGEL) – https://www.spiegel.de/wirtschaft/ausgestorbene-berufe-vom-scharfrichter-zum-henker-a-842701.html
Das „Handwerk“ des Henkers und die Inszenierung des Strafrituals – https://historia.scribere.at/historia_scribere/article/download/2227/1779/2775
Henker-Tour durch Köln – https://koev.koeln/tour/henker-tour-durch-koeln/
Todesstrafe weltweit 2023: Länder, Zahlen und Fakten (Amnesty Österreich) – https://www.amnesty.at/themen/todesstrafe/todesstrafe-weltweit-2023-laender-zahlen-und-fakten/
Scharfrichter – Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Scharfrichter
Unehrlicher Beruf – Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Unehrlicher_Beruf
Die Scharfrichter und Abdecker – unehrliche Berufe (BLF) – https://www.blf-online.de/sites/default/files/blf_termine_dateien/2008-07-11_die_scharfrichter_und_abdecker.pdf
Johann Reichhart – Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Reichhart
Justiz (19./20. Jahrhundert) – Historisches Lexikon Bayerns – https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Justiz_(19./20._Jahrhundert)
Guillotine – Wikipedia – https://de.wikipedia.org/wiki/Guillotine
Executions Around the World (Death Penalty Information Center) – https://deathpenaltyinfo.org/policy-issues/policy/international/executions-around-the-world
Amnesty International Global Report 2023 (USA) – https://www.amnestyusa.org/reports/amnesty-international-global-report-death-sentences-and-executions-2023/
New Resource: States Restrict Media Access to Executions (DPIC) – https://deathpenaltyinfo.org/new-resource-in-era-of-secrecy-states-increasingly-restrict-media-access-to-executions
Hidden Casualties: Executions Harm Mental Health of Prison Staff (DPIC) – https://deathpenaltyinfo.org/news/hidden-casualties-executions-harm-mental-health-of-prison-staff
Vicarious trauma among the nation’s prison staff (APA) – https://www.apa.org/monitor/2020/09/jn
The Executioner’s Conscience (UC Davis Law) – https://law.ucdavis.edu/faculty-blog/executioners-conscience
Florida DOC: Execution by Lethal Injection Procedures (PDF) – https://fdc-media.ccplatform.net/content/download/1561/file/FDC-Execution-by-Lethal-Injection-Procedures.pdf
Oklahoma DOC: Execution of Inmates Sentenced to Death (Policy) – https://oklahoma.gov/content/dam/ok/en/doc/documents/policy/section-04/op040301.pdf
Why Tennessee is keeping its new execution manual a secret (The Independent) – https://www.independent.co.uk/news/world/americas/tennessee-death-penalty-execution-manual-b2672976.html
70 Jahre Grundgesetz – Abschaffung der Todesstrafe (Deutschlandfunk) – https://www.deutschlandfunk.de/70-jahre-grundgesetz-als-die-todesstrafe-abgeschafft-wurde-100.html
Die Henker und die Denker (DER SPIEGEL) – https://www.spiegel.de/kultur/die-henker-und-die-denker-a-71fb3be6-0002-0001-0000-000019594735
Eindrucksvolles Vollstreckungsinstrument: das Richtschwert – https://www.deutschlandmuseum.de/sammlung/mittelalterliches-richtschwert/
Prison guards and the death penalty (Penal Reform International) – https://cdn.penalreform.org/wp-content/uploads/2015/04/PRI-Prison-guards-briefing-paper.pdf











































































































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