Wissenschaftliche Meldungen
Deutschland und die News: Internet überholt TV – Vertrauen bleibt niedrig, Müdigkeit steigt
31.1.26, 17:06
Medien, Gesellschaft, Technologie, Psychologie

Wenn das Internet das Fernsehen überholt
Zum ersten Mal in der Geschichte des Reuters Institute Digital News Reports ist in Deutschland das Internet die wichtigste Nachrichtenquelle – knapp vor dem linearen Fernsehen. Das klingt zunächst wie eine Fußnote der Medienentwicklung, ist aber gesellschaftlich ziemlich relevant: Denn wo Menschen Nachrichten finden, bestimmt mit, welche Themen sie überhaupt erreichen, wie vielfältig ihre Perspektiven sind – und wie gut oder schlecht Desinformation greift.
Der aktuelle Länderbericht für Deutschland basiert auf einer Online-Befragung erwachsener Internetnutzerinnen und -nutzer. Solche Umfragen bilden nicht “die ganze Bevölkerung” ab, sondern die Online-Bevölkerung – also jene, die überhaupt im Netz unterwegs sind. Das ist heute zwar die große Mehrheit, aber es bleibt wichtig, diesen Rahmen im Hinterkopf zu behalten, gerade wenn es um ältere oder stärker offline geprägte Gruppen geht.
Interesse stabilisiert sich – aber nicht für alle gleich
Über Jahre ließ sich ein langsamer Abwärtstrend beim Nachrichteninteresse beobachten. 2024 ist dieser Trend zumindest gebremst: 55 Prozent der erwachsenen Internetnutzerinnen und -nutzer in Deutschland geben an, extrem oder sehr an Nachrichten interessiert zu sein. Gleichzeitig bleibt die Reichweite stabil: 89 Prozent konsumieren mehr als einmal pro Woche Nachrichten. Das wirkt auf den ersten Blick beruhigend – allerdings heißt “Reichweite” nicht automatisch “tiefe Beschäftigung”. Wer einmal die Woche kurz Schlagzeilen checkt, zählt genauso wie jemand, der täglich mehrere Quellen nutzt.
Politikinteresse zeigt ein deutliches Altersgefälle. Insgesamt sagen 42 Prozent, sie seien äußerst oder sehr an Politik interessiert. Bei Menschen ab 55 sind es 52 Prozent, bei den 18- bis 24-Jährigen nur 35 Prozent. Das ist nicht zwingend ein Zeichen von “Politikverdrossenheit” – es kann auch spiegeln, dass Politik in jüngeren Lebensphasen anders wahrgenommen wird oder dass klassische Politikberichterstattung ihre Anschlussfähigkeit an junge Zielgruppen teilweise verliert. Auffällig ist außerdem: Am meisten interessieren sich die Befragten für Lokalnachrichten (59 Prozent). Das passt zu einem alten Befund aus der Kommunikationsforschung: Nähe – geografisch oder sozial – erhöht Relevanz.
Der große Wechsel: Hauptquelle Internet, Kontaktpunkt Social Media
Dass das Netz eine regelmäßig genutzte Quelle ist, überrascht niemanden. Der eigentliche Dreh ist: 42 Prozent bezeichnen das Internet als ihre Hauptnachrichtenquelle, das lineare Fernsehen liegt mit 41 Prozent knapp dahinter. Social Media ist für 15 Prozent die Hauptquelle – aber bei den 18- bis 24-Jährigen steigt dieser Anteil auf 35 Prozent. Und für 16 Prozent in dieser Altersgruppe sind soziale Medien sogar die einzige Nachrichtenquelle.
Hier steckt eine zentrale sozialwissenschaftliche Frage: Wenn Nachrichten primär über Plattformen kommen, entscheidet nicht mehr nur die Redaktion, was sichtbar wird, sondern auch die Logik von Feeds, Empfehlungen, Creator-Ökonomie und Aufmerksamkeitswettbewerb. Das kann Vielfalt erhöhen – weil viele Stimmen plötzlich Reichweite bekommen. Es kann aber auch dazu führen, dass Menschen häufiger zufällig, fragmentiert und stärker emotionalisiert mit Nachrichten in Kontakt kommen.
Interessant ist zudem, wie Menschen gezielt nach Nachrichten suchen: Insgesamt greifen viele direkt auf Websites oder Apps von Nachrichtenanbietern zu (32 Prozent) oder tippen den Namen einer Seite in die Suchmaschine (29 Prozent). Bei den 18- bis 24-Jährigen ist Social Media der häufigste Weg, um auf konkrete Inhalte zu stoßen (37 Prozent), und für 27 Prozent ist Social Media sogar der wichtigste Zugangsweg zu Online-Nachrichten. Das ist ein Perspektivwechsel: Nachrichten werden nicht mehr “abgeholt”, sondern tauchen “zwischenbei” auf – neben Entertainment, Freundesposts und Werbung.
Kurzvideo-Logik und Plattformmix: Nachrichten werden bewegter
Die Studie zeigt auch, wie stark Bewegtbild den Nachrichtenkonsum prägt. Knapp die Hälfte (49 Prozent) schaut mindestens einmal pro Woche kurze Online-Nachrichtenvideos, längere Formate nutzt rund ein Drittel (34 Prozent). Für gut ein Viertel der Videonutzerinnen und -nutzer ist die Plattform eines Nachrichtenanbieters der meistgenutzte Kanal, YouTube folgt dicht dahinter. Bei 18- bis 24-Jährigen dominieren dagegen Drittplattformen wie YouTube, Instagram und TikTok.
Das ist nicht nur ein Formattrend, sondern beeinflusst die Art, wie Inhalte gebaut sind: Kurzvideos belohnen Verdichtung, starke Einstiege, klare Frames – und sie funktionieren besonders gut, wenn ein Thema emotional oder konfliktgeladen ist. Gleichzeitig lassen sich komplexe Zusammenhänge durchaus gut in Video erklären – aber dafür braucht es andere Dramaturgien als im klassischen Artikel, und oft mehr Kontextarbeit, als ein Feed “eigentlich” hergibt.
Vertrauen bleibt niedrig – und Desinformation bleibt ein Dauerproblem
Beim Vertrauen in Nachrichten bleibt Deutschland auf einem stabilen, aber historisch niedrigen Niveau. 43 Prozent finden, man könne dem Großteil der Nachrichten in der Regel vertrauen – so wenig wie nie seit Einführung dieser Frage im Survey. Das Vertrauen in die Nachrichten, die man selbst nutzt, liegt höher (53 Prozent). Dieses Muster ist typisch: Menschen misstrauen “den Medien” oft stärker als den konkreten Quellen, die sie persönlich auswählen.
Die Studie unterstreicht außerdem eine wachsende Unsicherheit beim Erkennen von Falschinformationen: 42 Prozent äußern Bedenken, Fake News von Fakten unterscheiden zu können – mehr als im Vorjahr. Besonders heikel wird es dort, wo Nachrichten ohnehin skeptisch betrachtet werden: Auf TikTok geben 41 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer an, dass es ihnen schwerfällt, vertrauenswürdige von nicht vertrauenswürdigen Nachrichten zu unterscheiden. Gleichzeitig berichten rund ein Viertel der Befragten, sie seien falschen oder irreführenden Informationen zu Migration und Politik begegnet. Das sagt noch nichts darüber, wie stark solche Inhalte Meinungen verändern – aber es zeigt: Das Problem ist im Alltag sichtbar.
Bemerkenswert ist, was Menschen selbst als Schlüssel für Vertrauen nennen. Ganz oben steht Transparenz darüber, wie Nachrichten entstehen. Das ist sozialwissenschaftlich plausibel: Vertrauen ist weniger ein “Gefühl” als eine Erwartung, dass Prozesse nachvollziehbar, fair und überprüfbar sind. Wenn diese Erwartung enttäuscht wird, kippt Vertrauen – und zwar oft unabhängig davon, ob ein einzelner Artikel korrekt war.
Nachrichtenmüdigkeit: Viele vermeiden aktiv – und fühlen sich erschöpft
Ein weiteres Signal betrifft die emotionale Belastung durch Nachrichten. 69 Prozent sagen, sie versuchen zumindest gelegentlich, Nachrichten aktiv zu vermeiden; 14 Prozent tun das häufig. Gleichzeitig geben 41 Prozent an, sie seien von der Menge an Nachrichten erschöpft. Zum Vergleich: Als diese Erschöpfung zuletzt abgefragt wurde, lag der Wert deutlich niedriger. Besonders auffällig ist das bei Jüngeren: In der jüngsten Altersgruppe fühlt sich etwa jede zweite Person zumindest teilweise von der Nachrichtenmenge ausgelaugt.
Das ist ein klassisches Dilemma moderner Öffentlichkeiten: Demokratische Gesellschaften brauchen informierte Bürgerinnen und Bürger – aber ein Dauerstrom aus Krisen, Konflikten und Alarmmeldungen kann genau die Abwehrreaktion auslösen, die Information verhindert. “Nachrichtenvermeidung” ist dabei nicht automatisch Gleichgültigkeit. Sie kann auch Selbstschutz sein – oder eine Reaktion auf das Gefühl, ohnehin nichts beeinflussen zu können.
KI im Journalismus: Bekannt, aber nicht wirklich willkommen
Künstliche Intelligenz ist 2024 ein Schwerpunkt im Bericht – und die Daten zeichnen ein ambivalentes Bild. Mehr als die Hälfte (52 Prozent) hat schon sehr oder mäßig viel über KI gehört oder gelesen, weitere 38 Prozent immerhin ein wenig. Gleichzeitig ist die Akzeptanz von KI-gestützten Nachrichten begrenzt. Viele fühlen sich unwohl bei der Vorstellung, Nachrichten würden hauptsächlich von KI produziert, auch wenn Menschen noch beaufsichtigen. Etwas offener sind die Befragten, wenn KI nur unterstützend eingesetzt wird und Menschen den Hauptteil leisten.
Das ist wichtig, weil es zeigt: Die Debatte ist nicht nur technologisch, sondern sozial. Es geht um Zuständigkeit, Verantwortung, Fehlerfolgen – und um das Gefühl, ob “jemand” für Inhalte einsteht. Interessant ist, dass die Offenheit je nach Themenfeld variiert: Bei Wissenschaft und Technologie sowie Sport ist die Bereitschaft höher als bei politisch oder gesellschaftlich sensiblen Themen. Das wirkt logisch: Wo Fakten klarer überprüfbar sind oder die emotionale Fallhöhe geringer ist, tolerieren Menschen eher Automatisierung.
Was diese Zahlen gesellschaftlich bedeuten könnten
Der Bericht liefert keine “Antwort” darauf, wie Demokratie sich verändert – aber er beschreibt sehr konkret, wie sich die Infrastruktur öffentlicher Kommunikation verschiebt. Wenn das Internet zur Hauptquelle wird, Social Media bei Jüngeren zur zentralen Zugangstür und Kurzvideo-Formate wachsen, dann ändern sich Anreize: für Medienhäuser, für Plattformen, für politische Akteure – und für jede Person, die versucht, sich ein Bild von der Welt zu machen.
Gleichzeitig zeigen die Daten eine Art Dreifachstress: niedriges Vertrauen, steigende Verwechslungsgefahr bei Desinformation und wachsende Erschöpfung. Das ist keine Apokalypse, aber ein ernstes Warnsignal. Die gute Nachricht ist: Menschen sagen ziemlich klar, was sie brauchen, um zu vertrauen – Transparenz, Standards, Fairness und Perspektivenvielfalt. Das ist keine Zauberformel, aber es ist ein konkreter Auftrag an Journalismus, Plattformregulierung, Medienbildung und nicht zuletzt auch an die Forschung selbst, die solche Trends sichtbar macht.
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