Wissenschaftliche Meldungen
Warum Musik manchen Menschen nichts gibt: Wenn das Belohnungssystem „nicht mit dem Ohr spricht“
12.1.26, 17:40
Musik, Neurowissenschaft, Psychologie

Ein merkwürdiges Paradox im Alltag
Für die meisten von uns ist Musik mehr als Hintergrundrauschen. Sie kann trösten, anfeuern, Gänsehaut auslösen, Erinnerungen wachrufen und Menschen in Konzertmomenten zusammenschweißen. Umso irritierender wirkt ein Phänomen, das die Forschung seit rund einem Jahrzehnt systematisch beschreibt: Eine kleine Gruppe von Menschen empfindet beim Musikhören keinerlei Freude – obwohl das Gehör normal funktioniert, Emotionen grundsätzlich vorhanden sind und andere angenehme Erfahrungen, etwa gutes Essen oder soziale Nähe, durchaus als belohnend erlebt werden. Die Fachliteratur spricht hier von spezifischer musikalischer Anhedonie, also einer sehr gezielten „Freudlosigkeit“, die sich ausgerechnet auf Musik beschränkt.
Ein aktueller Übersichtsartikel im Fachjournal Trends in Cognitive Sciences ordnet die Erkenntnisse dazu ein und macht deutlich: Das Spannende daran ist nicht nur das seltene Profil selbst, sondern die grundsätzliche Frage, wie unser Gehirn „Belohnung“ überhaupt an unterschiedliche Reize koppelt. Denn die Arbeit legt nahe, dass Lustempfinden nicht einfach ein globaler Lautstärkeregler ist, der bei manchen Menschen generell hoch oder niedrig eingestellt ist. Stattdessen scheint es auch sehr spezifische Schaltstellen zu geben, die bei einem Reiztyp funktionieren und bei einem anderen nicht.
Was genau ist „musikalische Anhedonie“?
Bei musikalischer Anhedonie geht es nicht um fehlende Musikalität, fehlende Aufmerksamkeit oder Abneigung gegen bestimmte Genres. Betroffene können Melodien erkennen, Tonhöhen unterscheiden und Musik kognitiv verarbeiten – sie beschreiben das Hören aber als emotional „flach“. Das ist ein wichtiger Punkt: Die Wahrnehmung der Klänge ist intakt, nur der Schritt vom Ver tfaktor „Ich höre Musik“ zu „Ich empfinde sie als belohnend“ scheint gestört.
Die Forschenden betonen dabei, dass Genuss nicht alles-oder-nichts ist. Auch bei Menschen ohne musikalische Anhedonie variiert stark, wie belohnend Musik erlebt wird: Manche suchen ständig neue Songs, andere hören selten bewusst Musik. Genau diese Spannbreite kann helfen zu verstehen, an welcher Stelle im Gehirn die Verknüpfung aus Sinnesverarbeitung und Belohnungsgefühl entsteht.
Ein Fragebogen, der Musik-Belohnung messbar macht
Um diese Unterschiede greifbar zu machen, wurde ein standardisierter Fragebogen entwickelt, der nicht nur nach „Magst du Musik?“ fragt, sondern verschiedene Quellen musikalischer Belohnung trennt. Das Instrument erfasst unter anderem, ob Musik Emotionen auslöst, Stimmung reguliert, zu Bewegung wie Wippen oder Tanzen anstiftet, soziale Verbundenheit stärkt oder den Drang fördert, aktiv nach neuer Musik zu suchen und sie zu sammeln.
Menschen mit spezifischer musikalischer Anhedonie schneiden in solchen Dimensionen typischerweise durchgehend niedrig ab. Das ist methodisch bedeutsam, weil es nicht bloß eine Geschmacksfrage abbildet, sondern ein konsistentes Muster über mehrere Facetten hinweg. Gleichzeitig bleibt Vorsicht angebracht: Fragebögen sind Selbstberichte. Sie zeigen zuverlässig, wie Menschen ihr Erleben beschreiben, aber sie erklären nicht automatisch, warum es so ist.
Gehirnnetzwerke: Wenn die Leitungen zwischen Hören und Belohnung schwach sind
Der Kern der Erklärung liegt in der Kommunikation zwischen zwei Systemen: dem auditiven Netzwerk, das Klänge analysiert, und dem Belohnungssystem, das bei angenehmen Erfahrungen typischerweise aktiviert wird. Bildgebende Studien mit funktioneller Magnetresonanztomografie deuten darauf hin, dass bei musikalischer Anhedonie nicht das Belohnungssystem „kaputt“ ist. Es reagiert auf andere Belohnungen weiterhin, etwa auf Gewinne in Geldspielen. Der Unterschied zeigt sich vielmehr bei Musik: Dann bleibt die Aktivität in klassischen Belohnungsregionen geringer, und vor allem scheint die funktionelle Kopplung zwischen Hörverarbeitung und Belohnungsnetzwerk schwächer zu sein.
Das ist eine subtile, aber wichtige Verschiebung: Nicht die Fähigkeit, überhaupt Freude zu empfinden, steht im Zentrum, sondern die Verbindung, die ein bestimmtes Sinnesereignis überhaupt erst in ein belohnendes Erlebnis übersetzt. Bildlich gesprochen: Das Orchester spielt, das Ohr hört, aber der Applausraum im Kopf bekommt die Nachricht nicht richtig weitergeleitet.
Gene, Erfahrung – und offene Baustellen
Warum diese Kopplung bei manchen Menschen geringer ausfällt, ist noch nicht endgültig geklärt. Der Überblick verweist auf Hinweise, dass sowohl genetische Faktoren als auch Lebensgeschichte beitragen könnten. Beispielsweise deuten Zwillingsdaten darauf hin, dass ein beträchtlicher Anteil der Unterschiede in der Musikwahrnehmung und -belohnung genetisch mitgeprägt sein könnte. Gleichzeitig liegt es nahe, dass Lernprozesse, frühe musikalische Erfahrungen, kulturelles Umfeld und Gewohnheiten ebenfalls eine Rolle spielen – schon weil das Gehirn Belohnung stark über Erfahrung kalibriert.
Allerdings bleibt hier die wichtigste wissenschaftliche Tugend: Nicht überinterpretieren. Viele Befunde stammen aus relativ kleinen Gruppen, die zudem gezielt gesucht werden müssen, weil das Phänomen selten ist. Bildgebung liefert meist Korrelationen, keine einfachen Kausalbeweise. Und selbst wenn Gene beteiligt sind, bedeutet das nicht Determinismus – eher eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für bestimmte Netzwerk-Eigenschaften, die durch Umwelt und Training beeinflusst werden können oder auch nicht.
Warum das Thema über Musik hinaus relevant ist
Die Forschenden argumentieren, dass musikalische Anhedonie ein Fenster in eine breitere Idee öffnet: Es könnte weitere „spezifische Anhedonien“ geben, bei denen einzelne Reizklassen – etwa bestimmte Nahrungsreize oder soziale Belohnungen – weniger gut an das Belohnungssystem angeschlossen sind. Das wäre nicht nur theoretisch interessant, sondern könnte langfristig auch klinische und gesellschaftliche Relevanz haben. Denn klassische Begriffe wie Anhedonie spielen etwa bei Depressionen, Suchterkrankungen oder Essstörungen eine Rolle. Wenn Belohnung aber nicht nur global, sondern auch reizspezifisch gestört sein kann, muss man genauer hinschauen, welche „Belohnungswege“ bei einer Person tatsächlich beeinträchtigt sind.
Gleichzeitig schützt der Befund vor vorschnellen Urteilen im Alltag: Wenn jemand Musik „nicht fühlt“, ist das nicht automatisch Kälte, Unkultiviertheit oder Trotz. Es kann – selten, aber real – ein neurobiologisch plausibles Muster sein: Musik erreicht die Ohren, aber nicht die Belohnungsleitung.
Der nächste Schritt: Stabilität und Veränderbarkeit
Offen bleibt, ob musikalische Anhedonie über das Leben stabil ist oder sich verändern kann. Das ist entscheidend, wenn man an mögliche Interventionen denkt – etwa daran, ob Training, neue Hörkontexte oder soziale Musiksituationen die Kopplung zwischen Hör- und Belohnungsnetzwerken stärken könnten. Die Forschung kündigt an, sich künftig auch stärker der Genetik zu widmen und die zeitliche Stabilität zu prüfen. Bis dahin ist der Stand: Das Phänomen ist gut beschrieben, plausibel modelliert und neurobiologisch begründet – aber noch nicht vollständig erklärt.
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