Wissenschaftliche Meldungen
Digitale Repression in Iran: Warum Internet-Blackouts zum Machtinstrument werden
16.1.26, 20:26
Politik, Gesellschaft, Digitalisierung

Internet aus, Proteste leiser: Wie Irans Staat digitale Blackouts als Repressionswerkzeug einsetzt
Wenn Proteste in Iran von lokalen Unmutsbekundungen zu einer landesweiten Bewegung anwachsen, greift die Führung laut einer aktuellen Analyse häufig zu einem drastischen Mittel: Sie kappt die Internetverbindung – nicht als technischer Unfall, sondern als politisches Instrument. Ziel ist es, kollektives Handeln zu erschweren. Wer nicht zuverlässig kommunizieren kann, organisiert sich schlechter, teilt Informationen langsamer und erreicht internationale Öffentlichkeit nur noch eingeschränkt.
Vom Mitlesen zum Abschalten: Zwei Modi der Kontrolle
Die Autoren beschreiben zwei grundsätzlich unterschiedliche Modi staatlicher Kontrolle digitaler Kommunikation. Im Normalbetrieb dominiert Überwachung: Plattformen werden gefiltert, Kommunikation beobachtet, Metadaten ausgewertet. Die Nutzung von Umgehungstechniken wie VPNs wird dabei teils stillschweigend geduldet, weil sie nur einen Teil der Bevölkerung erreicht und gleichzeitig Hinweise darauf liefert, wer versucht, Zensur zu umgehen.
Wenn Proteste jedoch schnell wachsen, sichtbarer werden und sich der Kontrolle entziehen, folgt die Eskalation: Shutdown statt Surveillance. Dann geht es nicht mehr darum, Gespräche mitzulesen, sondern die technische Grundlage der Kommunikation selbst zu unterbrechen. Die Analyse verweist auf wiederkehrende Internetabschaltungen in Iran, unter anderem in den Jahren 2019 und 2022 sowie erneut im Januar 2026.
Wie man ein Land „vom Netz nimmt“ – oft schrittweise und gezielt
Internetabschaltungen erfolgen demnach selten abrupt und landesweit. Häufig beginnen sie mit Bandbreitendrosselungen, instabilen Verbindungen oder dem Blockieren einzelner Dienste. Nimmt der Protestdruck zu, werden mobile Daten abgeschaltet, Festnetzanschlüsse eingeschränkt und schließlich zentrale Routing-Informationen zurückgezogen, die iranische Netze mit dem globalen Internet verbinden. Für die Bevölkerung wirkt es, als sei das Internet plötzlich verschwunden, obwohl innerhalb des Landes einzelne Teilnetze technisch weiter existieren können.
Die Maßnahmen sind dabei nicht überall gleich. Beschrieben werden geografisch gezielte Abschaltungen, die besonders protestanfällige Viertel treffen, sowie eine flexible Steuerung, die an die Dynamik auf der Straße angepasst wird. Teilweise betrifft die Störung nicht nur das Internet, sondern auch Telefonie und grundlegende digitale Dienste. Damit werden nicht nur Aktivistinnen und Aktivisten getroffen, sondern weite Teile des gesellschaftlichen Alltags lahmgelegt.
Warum Regierungen den wirtschaftlichen Schaden in Kauf nehmen
Internet-Blackouts gelten als grobes Instrument mit hohen Kosten. Sie beeinträchtigen Zahlungsverkehr, Logistik und wirtschaftliche Aktivitäten und können auch humanitäre Folgen haben, etwa wenn Kommunikation zu medizinischer Versorgung oder finanzieller Unterstützung unterbrochen wird. Gerade deshalb sind sie politisch aussagekräftig: Wenn Regierungen wiederholt zu diesem Mittel greifen, zeigt das, dass sie Kontrolle über gesellschaftliche Kommunikation höher gewichten als wirtschaftliche Stabilität.
Die Analyse betont zudem, dass großflächige Abschaltungen als Maßnahme der „Cybersicherheit“ nur begrenzt sinnvoll sind. Ihre Wirksamkeit entfalten sie vor allem dort, wo es darum geht, Proteste zu fragmentieren, Koordination zu verhindern und öffentliche Sichtbarkeit zu reduzieren.
Umgehung ist möglich – aber unter Shutdown-Bedingungen stark begrenzt
Viele Menschen in Iran nutzen VPNs oder andere Werkzeuge, um Zensur zu umgehen. Doch diese Strategien setzen eine funktionierende Grundverbindung voraus. Wird an der Infrastruktur selbst gedreht, lassen sich solche „Tunnel“ schlicht nicht mehr aufbauen. Ähnliches gilt für anonyme Netzwerke, die ebenfalls auf Basiskonnektivität angewiesen sind.
Als möglicher Ausweg wird Satelliteninternet genannt. Es kann nationale Infrastruktur umgehen, bleibt aber ungleich verteilt: Geräte sind teuer, schwer zugänglich und ihr Besitz kann riskant sein. Zudem ist Satellitenkommunikation störanfällig. In Shutdown-Phasen steigt laut Analyse außerdem die Gefahr von Betrug, etwa durch gefälschte Anwendungen, die vorgeben, Zugang zu alternativen Netzen zu ermöglichen, tatsächlich aber Daten abgreifen oder Nutzer identifizierbar machen.
Was der iranische Fall über digitale Macht zeigt
Der Beitrag beschreibt einen wiederkehrenden Zyklus: Protestierende passen sich an, Behörden eskalieren. Kurzfristig können Abschaltungen Mobilisierung bremsen, langfristig aber Frustration und politische Spannungen verschärfen, weil die Maßnahmen als kollektive Bestrafung wahrgenommen werden. Über Iran hinaus formulieren die Autoren eine grundsätzliche Warnung: Digitale Überwachungsinfrastrukturen, die im Alltag etabliert werden, können in Krisen in einen Modus umschalten, der nicht nur Privatsphäre einschränkt, sondern Kommunikation selbst als gesellschaftliche Lebensader kappt.
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