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Droht dem Universum ein Big Crunch? Neue Studie stellt Dunkle Energie infrage
29.12.25, 17:50
Astronomie, Kosmologie

Universum vor dem Kollaps? Neue Studie stellt beschleunigte Expansion infrage
Seit mehr als zwei Jahrzehnten gilt die beschleunigte Expansion des Universums als eine der zentralen Säulen der modernen Kosmologie. Sie bildet die Grundlage für das Konzept der Dunklen Energie, einer bislang rätselhaften Komponente, die den Kosmos immer schneller auseinanderdriften lässt. Eine neue astrophysikalische Studie sorgt nun jedoch für erhebliche Diskussionen: Demnach könnten systematische Messfehler dazu geführt haben, dass die Beschleunigung überschätzt wurde. In bestimmten Modellen wäre langfristig sogar ein gegenteiliger Verlauf denkbar – ein gravitativer Kollaps des Universums, der sogenannte „Big Crunch“.
Supernovae als kosmische Maßstäbe – und ihre Schwächen
Die beschleunigte Expansion wurde Ende der 1990er-Jahre mithilfe von Typ-Ia-Supernovae entdeckt. Diese explodierenden Sterne gelten als sogenannte Standardkerzen: Ihre intrinsische Helligkeit ist vergleichsweise gut bekannt, sodass aus der beobachteten Leuchtkraft auf ihre Entfernung geschlossen werden kann. Auf dieser Grundlage ließ sich rekonstruieren, wie schnell sich das Universum zu verschiedenen Zeiten ausgedehnt hat.
Die neue Studie nimmt genau diese Methode erneut unter die Lupe. Die Forschenden zeigen, dass selbst nach gängiger Kalibrierung ein systematischer Effekt bestehen bleibt: Typ-Ia-Supernovae in jüngeren Sternpopulationen erscheinen im Mittel etwas lichtschwächer als jene in älteren Populationen. Da sich die Zusammensetzung von Galaxien und Sternpopulationen im Laufe der kosmischen Geschichte verändert, kann dieser Effekt mit der Entfernung – und damit mit der kosmischen Zeit – korrelieren. Das birgt das Risiko, die Expansionsgeschichte des Universums verzerrt zu rekonstruieren.
Weniger Beschleunigung als gedacht?
Wird dieser sogenannte Alters-Bias berücksichtigt, verändern sich die kosmologischen Schlussfolgerungen deutlich. Die Supernova-Daten lassen sich dann besser mit anderen Messmethoden vereinbaren, etwa mit Beobachtungen großräumiger Galaxienverteilungen oder der kosmischen Mikrowellenhintergrundstrahlung. In der Interpretation der Autorinnen und Autoren spricht dies dafür, dass die Expansion des Universums möglicherweise nicht – oder zumindest nicht dauerhaft – beschleunigt ist.
Wichtig ist dabei die Einordnung: Die Studie behauptet nicht, dass das Universum heute bereits schrumpft. Sie stellt vielmehr infrage, wie belastbar der Nachweis einer anhaltenden Beschleunigung ist, wenn systematische Effekte unterschätzt wurden. Damit rückt auch die Annahme einer konstanten Dunklen Energie ins Wanken.
Dynamische Dunkle Energie und das Szenario eines „Big Crunch“
Wenn Dunkle Energie nicht konstant ist, sondern sich im Laufe der kosmischen Zeit verändert, eröffnet das verschiedene Zukunftsszenarien. In einigen theoretischen Modellen könnte ihre abstoßende Wirkung schwächer werden oder sogar ihr Vorzeichen wechseln. In diesem Fall würde die Gravitation langfristig die Oberhand gewinnen: Die Expansion käme zum Stillstand, das Universum begänne sich zusammenzuziehen und endete schließlich in einem heißen, dichten Zustand – dem Big Crunch.
Solche Modelle sind allerdings stark von Annahmen abhängig und derzeit spekulativ. Die meisten kosmologischen Daten lassen weiterhin auch eine ewige Expansion zu, bei der Galaxien immer weiter auseinanderdriften und der Kosmos langsam auskühlt. Die neue Studie verschiebt daher weniger einen Konsens, als dass sie die Bandbreite plausibler Möglichkeiten vergrößert.
Warum die Debatte jetzt an Fahrt gewinnt
Die Arbeit fügt sich in eine breitere Diskussion ein. In den vergangenen Jahren haben große Beobachtungsprogramme Hinweise darauf geliefert, dass das Standardmodell der Kosmologie nicht alle Messungen widerspruchsfrei erklärt. Spannungen zwischen verschiedenen Datensätzen – etwa bei der Expansionsrate des Universums – haben Zweifel genährt, ob Dunkle Energie tatsächlich eine unveränderliche Größe ist.
Die neue Analyse verstärkt diesen Eindruck, indem sie einen konkreten, physikalisch plausiblen Bias in einer der wichtigsten Messmethoden identifiziert. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie empfindlich kosmologische Schlussfolgerungen auf scheinbar kleine systematische Effekte reagieren.
Ausblick: Präzisere Daten als Schlüssel
Entscheidend wird sein, ob sich die Ergebnisse mit unabhängigen Daten bestätigen lassen. Künftige Himmelsdurchmusterungen sollen hunderttausende Supernovae erfassen und ihre Wirtsgalaxien detailliert charakterisieren. Damit ließe sich gezielt vergleichen, wie Explosionen in ähnlich alten Sternpopulationen über große Entfernungen hinweg aussehen – ein Test, der den diskutierten Bias weitgehend ausschalten könnte.
Bis solche Daten vorliegen, bleibt der „Big Crunch“ eine theoretische Möglichkeit, nicht mehr und nicht weniger. Die Studie zeigt jedoch eindrücklich, dass selbst scheinbar etablierte Erkenntnisse der Kosmologie erneut überprüft werden müssen. Das Schicksal des Universums ist damit offener, als es lange schien.
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