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Forscher aktivieren das Wachstum der Lunge
25.12.25, 18:10
Medizin

Forschende haben einen bislang unbekannten molekularen Mechanismus identifiziert, der das Wachstum von Blutgefäßen in der unreifen Lunge gezielt anregen kann. Der Ansatz könnte langfristig neue Behandlungsstrategien für Frühgeborene mit schweren chronischen Lungenschäden eröffnen. Die Ergebnisse stammen aus präklinischer Forschung und müssen vor einem klinischen Einsatz noch umfassend überprüft werden.
Worum geht es?
Frühgeborene, die deutlich vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, entwickeln häufig unvollständig ausgereifte Lungen. Besonders kritisch ist dabei, dass sich nicht nur die Lungenbläschen (Alveolen), sondern auch das dazugehörige Netz aus Blutgefäßen unzureichend ausbildet. Ohne diese feinen Kapillaren kann der lebenswichtige Gasaustausch – Sauerstoffaufnahme und Kohlendioxidabgabe – nicht effizient stattfinden.
Das Resultat ist oft eine chronische Lungenerkrankung, die betroffene Kinder über Jahre hinweg belastet und das Risiko für spätere Herz- und Atemwegskomplikationen erhöht.
Der neue Befund
Ein Forschungsteam des Cincinnati Children’s Hospital Medical Center hat nun einen Signalweg identifiziert, der eine Schlüsselrolle bei der Bildung von Blutgefäßen in der sich entwickelnden Lunge spielt. In experimentellen Modellen konnten die Wissenschaftler zeigen, dass die gezielte Aktivierung dieses Mechanismus das Wachstum des kapillären Gefäßnetzes deutlich fördert.
Bemerkenswert ist dabei:
Der Effekt trat auch unter Bedingungen auf, die typischerweise die Lungenentwicklung hemmen, etwa Sauerstoffstress.
Die neugebildeten Gefäße waren funktionell integriert und verbesserten messbar die Sauerstoffversorgung des Gewebes.
Damit adressiert der Ansatz ein zentrales Problem der bisherigen Therapie: Während aktuelle Behandlungen vor allem Symptome lindern (z. B. durch Sauerstoffgabe oder Beatmung), greifen sie kaum in die eigentliche Entwicklungsstörung der Lunge ein.
Warum ist das wissenschaftlich relevant?
Die Entwicklung der Lunge ist eng an das Wachstum der Blutgefäße gekoppelt. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass gestörte Gefäßsignale nicht nur eine Begleiterscheinung, sondern eine treibende Ursache chronischer Lungenerkrankungen bei Frühgeborenen sind. Der nun beschriebene Mechanismus liefert erstmals einen konkreten Ansatzpunkt, um diese Gefäßentwicklung aktiv zu fördern.
Fachleute sehen darin einen wichtigen Schritt hin zu kausalen Therapien – also Behandlungen, die direkt an den biologischen Ursachen ansetzen.
Was noch offen ist
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse betonen die Forschenden, dass es sich bislang um präklinische Daten handelt. Offen ist unter anderem:
ob sich der Effekt sicher und kontrolliert auf menschliche Frühgeborene übertragen lässt,
welche Dosierung und welcher Zeitpunkt der Intervention optimal wären,
und ob langfristige Nebenwirkungen auftreten könnten.
Klinische Studien am Menschen sind daher frühestens der nächste, aber noch nicht unmittelbar bevorstehende Schritt.
Einordnung
Der neue Ansatz fügt sich in eine wachsende Zahl von Studien ein, die die Bedeutung der Gefäßentwicklung für die Lungenreifung unterstreichen. Sollte es gelingen, die Ergebnisse in klinische Therapien zu überführen, könnte dies die Behandlung von Frühgeborenen grundlegend verändern – weg von rein unterstützenden Maßnahmen, hin zu gezielten Eingriffen in die Organentwicklung.






