Wissenschaftliche Meldungen
Lungenkrebs bei Frauen: Europas Sterberaten flachen ab – doch ältere Jahrgänge bleiben gefährdet
19.1.26, 15:22
Medizin, Gesellschaft

Lungenkrebs bei Frauen: Europas Sterberaten flachen ab – endlich. Aber nicht überall.
Über Jahrzehnte war das Muster ziemlich eindeutig: Während Männer in Europa seit den 1990er-Jahren immer seltener an Lungenkrebs sterben, stiegen die Sterberaten bei Frauen lange weiter an – schlicht, weil Frauen im Schnitt später mit dem Rauchen angefangen haben und entsprechend später die gesundheitlichen Folgen “nachziehen”. Jetzt deutet sich in der Europäischen Union (EU) ein Wendepunkt an: Für 2026 prognostiziert ein Forschungsteam um den Epidemiologen Carlo La Vecchia (Universität Mailand), dass die altersstandardisierte Lungenkrebs-Sterberate bei Frauen in der EU insgesamt bei rund 12,5 Todesfällen pro 100.000 Frauen stabilisiert. Gegenüber dem Vergleichszeitraum 2020–2022 entspricht das einem Rückgang von etwas über 5 Prozent. In Großbritannien, wo Frauen früher als in vielen EU-Ländern zu rauchen begannen, aber auch früher wieder aufhörten, soll der Rückgang deutlicher ausfallen: –13,4 Prozent auf 14,85 pro 100.000.
Was bedeutet “altersstandardisiert” – und warum ist das wichtig?
Bei Krebssterblichkeit spielt das Alter eine riesige Rolle: Ältere Menschen erkranken häufiger und sterben häufiger daran. Wenn sich die Altersstruktur einer Bevölkerung verändert – etwa weil Europa insgesamt älter wird – können die absoluten Todeszahlen steigen, selbst wenn das individuelle Risiko sinkt. Genau deshalb arbeiten Epidemiologinnen und Epidemiologen mit altersstandardisierten Raten: Sie rechnen die Zahlen so um, als hätten alle Länder (oder Jahre) dieselbe Altersverteilung. So lassen sich Trends fair vergleichen. In der neuen Analyse wurden Daten aus WHO- und UN-Datenbanken genutzt, die je nach Land bis 1970 zurückreichen; die Prognosen beruhen auf Trendmodellen und sind Teil einer inzwischen 16-jährigen jährlichen Vorhersagereihe, die in der Vergangenheit als relativ treffsicher beschrieben wird.
Der Haken: Ältere Frauen profitieren deutlich weniger – und Spanien fällt aus der Reihe
So beruhigend “Plateau erreicht” klingt: Es gilt nicht für alle. Laut Studie sollen die Verbesserungen vor allem bei Frauen bis 64 Jahre sichtbar werden, während die Sterberaten bei älteren Frauen weiter steigen. Das passt zur “Raucherinnen-Historie” vieler Jahrgänge: Wer später in großer Zahl mit dem Rauchen angefangen hat, landet später in den Altersgruppen, in denen Lungenkrebs typischerweise tödlich wird.
Und dann ist da Spanien: Als einziges EU-Land in dieser Auswertung werden die Lungenkrebs-Sterberaten bei Frauen dort weiter steigen, prognostiziert um 2,4 Prozent auf etwa 10 Todesfälle pro 100.000. Das Team ordnet das als verspäteten Effekt eines späteren Rauchbeginns und späterer Entwöhnung in bestimmten Ländern ein – ein Hinweis darauf, wie stark gesellschaftliche Normen, Marketing, Preisgestaltung und Präventionspolitik über Jahrzehnte nachwirken.
Warum das eine sozialwissenschaftliche Nachricht ist – nicht nur eine medizinische
Lungenkrebs ist kein Schicksal, das zufällig über Bevölkerungen “hereinbricht”. Die wichtigste Ursache bleibt Tabakkonsum, und der ist sozial geprägt: Wer raucht, wie früh, wie lange, und wer wieder aufhört, hängt stark von Bildung, Einkommen, Beruf, Stressbelastung, Lebensumfeld, Geschlecht, Werbung, Verfügbarkeit und Preisen ab. Genau deshalb betonen die Autorinnen und Autoren politische Hebel, die seit Jahrzehnten zu den robustesten Präventionsmaßnahmen zählen: höhere Tabaksteuern, Werbeverbote, rauchfreie Räume und Unterstützung beim Aufhören. Solche Maßnahmen wirken nicht nur “im Mittel”, sondern können auch regionale und sozioökonomische Lücken schließen – wenn sie konsequent umgesetzt werden. Die Studie spricht ausdrücklich von ungleichmäßiger Durchsetzung in Europa.
Insgesamt sinkt das Krebssterberisiko – aber die absoluten Zahlen steigen trotzdem
Für alle Krebsarten zusammen sagen die Forschenden für 2026 in der EU rund 1,23 Millionen Krebstodesfälle voraus. Die altersstandardisierten Raten sollen dabei weiter sinken: bei Männern auf 114 pro 100.000 (–7,8 Prozent gegenüber 2020–2022), bei Frauen auf 74,7 pro 100.000 (–5,9 Prozent). Gleichzeitig wird aber erwartet, dass die absoluten Todeszahlen wegen der alternden Bevölkerung steigen. Genau dieser scheinbare Widerspruch – sinkende Raten, steigende Fallzahlen – ist ein klassisches Beispiel dafür, warum man in der Bevölkerungsforschung immer beides betrachten muss: individuelles Risiko und demografische Verschiebungen.
Einordnung: Prognosen sind keine Orakel
Wichtig ist die sprachliche Hygiene: Es handelt sich um Vorhersagen auf Basis historischer Trends, nicht um gemessene Zahlen aus dem Jahr 2026. Modelle können sich irren, etwa wenn Prävention, Diagnostik oder Therapien schneller vorankommen als bisher, oder wenn Krisen (wie Pandemien) Versorgung und Lebensstile verändern. Trotzdem sind solche Prognosen hilfreich, weil sie früh zeigen, wohin sich die Belastung eines Gesundheitssystems bewegt – und ob Präventionspolitik dort ankommt, wo sie ankommen soll.
Was man aus dem Plateau lernen kann
Das Abflachen der Lungenkrebs-Sterberaten bei Frauen ist ein leiser Erfolg: nicht spektakulär, aber bedeutend. Es deutet darauf hin, dass Tabakkontrolle und Rauchstopp-Trends inzwischen auch in jenen Jahrgängen ankommen, bei denen Rauchen gesellschaftlich später “normal” wurde. Gleichzeitig zeigt der Blick auf ältere Frauen und auf Länder wie Spanien: Prävention ist kein Lichtschalter, sondern ein Langzeitprojekt – und soziale Muster von gestern bestimmen noch Jahrzehnte später die Sterbestatistik.
Weitere aktuelle Meldungen findest du hier:
- 2Seite 2









































































