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Parkinson-Medikament: Schlüsselmechanismus im Gehirn entschlüsselt – Wege zu wirksameren Therapien
5.1.26, 18:19
Medizin, Neurowissenschaft

Symptome lindern, Nebenwirkungen reduzieren
Eine neue Studie von Wissenschaftlern der Northwestern Medicine, veröffentlicht am 5. Januar 2026, zeigt, dass ein bislang wenig beachteter Mechanismus im Gehirn – sogenanntes aberrantes Lernen – entscheidend zu den Nebenwirkungen der Standardtherapie bei Parkinson beiträgt und nun gezielt therapeutisch beeinflusst werden könnte. Die Forschungsergebnisse wurden im Fachjournal Science Advances publiziert und liefern einen möglichen Ansatz, um die Wirksamkeit der Behandlung mit Levodopa zu verbessern und gleichzeitig belastende Bewegungsstörungen zu verringern.
Parkinson ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, bei der dopaminproduzierende Nervenzellen im Gehirn zugrunde gehen. Betroffene leiden unter Zittern, Muskelsteifheit und verlangsamten Bewegungen. Levodopa gilt seit Jahrzehnten als wirksamstes Medikament, da es im Gehirn zu Dopamin umgewandelt wird und den Mangel zeitweise ausgleicht. Mit fortschreitender Erkrankung treten jedoch häufig unwillkürliche Überbewegungen auf, sogenannte Dyskinesien, die die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können.
Ein Lernen, das nicht mehr der Erfahrung folgt
Im Zentrum der neuen Studie steht das Konzept des aberranten Lernens. Dabei passen Nervenzellen im Striatum, einer für Bewegungssteuerung zentralen Hirnregion, ihre synaptischen Verbindungen nicht mehr korrekt an. Normalerweise werden diese Anpassungen durch tatsächliche Bewegungserfahrungen und Rückmeldungen aus der Umwelt gesteuert. Unter einer Levodopa-Therapie entstehen jedoch starke chemische Lernsignale, die unabhängig von realer Bewegung wirken.
Diese künstlich ausgelösten Signale führen dazu, dass neuronale Netzwerke Verbindungen festigen oder abschwächen, obwohl kein entsprechender motorischer Bedarf besteht. Auf Dauer können so fehlerhafte Verschaltungen entstehen, die unkontrollierte Bewegungen begünstigen. Der Neurowissenschaftler D. James Surmeier, Seniorautor der Studie, beschreibt diesen Prozess als eine Form fehlgeleiteten Lernens, das nicht durch Erfahrung, sondern durch Pharmakologie getrieben wird.
Gezielte Störung des Fehl-Lerns mindert Dyskinesien
Um diesen Mechanismus genauer zu untersuchen, nutzte das Forschungsteam ein Mausmodell der Parkinson-Erkrankung. Nach Gabe von Levodopa entwickelten die Tiere Bewegungsstörungen, die den Dyskinesien bei Patienten ähneln. Anschließend blockierten die Forscher gezielt bestimmte Acetylcholin-Rezeptoren in den sogenannten spiny projection neurons des Striatums, die eine zentrale Rolle bei Lern- und Anpassungsprozessen im Gehirn spielen.
Durch diese gezielte Störung cholinerger Signale blieben synaptische Verbindungen stabiler. Gleichzeitig verbesserten sich die motorischen Effekte der Levodopa-Behandlung, während die unwillkürlichen Bewegungen deutlich abnahmen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich aberrantes Lernen pharmakologisch begrenzen lässt, ohne die erwünschte Wirkung des Medikaments vollständig aufzuheben.
Perspektiven für neue Therapien
Bislang stehen Parkinson-Patienten mit ausgeprägten Dyskinesien oft vor schwierigen Entscheidungen. Eine Reduktion der Levodopa-Dosis kann zwar Nebenwirkungen lindern, verschlechtert jedoch die Beweglichkeit. Alternativ kommt in schweren Fällen eine Tiefe Hirnstimulation infrage, ein invasiver neurochirurgischer Eingriff.
Die neuen Erkenntnisse eröffnen die Perspektive, diese Lücke künftig mit ergänzenden medikamentösen Strategien zu schließen. Ziel wäre es, die positiven Effekte von Levodopa zu erhalten, während die fehlerhaften Lernprozesse im Gehirn gezielt unterdrückt werden. Langfristig könnten so neue Kombinationsbehandlungen entstehen, die ohne operative Eingriffe auskommen.
Einordnung im Forschungsfeld
Die Parkinson-Erkrankung wird nicht allein durch den Dopaminmangel bestimmt. Zunehmend rücken auch komplexe Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Neurotransmittersystemen sowie Störungen der synaptischen Plastizität in den Fokus der Forschung. Die aktuelle Studie fügt sich in diese Entwicklung ein und zeigt, dass Nebenwirkungen etablierter Therapien nicht nur unvermeidliche Begleiterscheinungen sind, sondern auf spezifische, potenziell beeinflussbare Mechanismen zurückgehen.
Damit liefert die Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Frage, wie bestehende Parkinson-Therapien sicherer und langfristig wirksamer gestaltet werden können – ein zentrales Ziel angesichts der weltweit steigenden Zahl von Betroffenen.
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