Wissenschaftliche Meldungen
Pflanzen im Austausch – wie Kontakt Stress als Warnsignal überträgt
15.1.26, 17:28
Biologie, Ökologie

Pflanzen werden widerstandsfähiger, wenn sie sich berühren
Pflanzen stehen oft dicht an dicht – im Wald, auf der Wiese oder auf dem Acker. Lange galt das vor allem als Konkurrenzsituation um Licht, Wasser und Nährstoffe. Eine neue experimentelle Studie zeigt nun jedoch: Direkter Kontakt zwischen Pflanzen kann ihre Stressresistenz erhöhen. Wenn sich Blätter berühren, bereiten sich Pflanzen offenbar gemeinsam auf Belastungen vor.
Berührung als biologisches Warnsignal
Untersucht wurde dieses Phänomen an der Modellpflanze Arabidopsis thaliana, der Ackerschmalwand. Forschende ließen einige Pflanzen einzeln wachsen, andere in Gruppen, so dass sich ihre Blätter berührten. Anschließend setzten sie die Pflanzen starkem Licht aus – ein klassischer Stressfaktor, der die Photosynthese schädigen kann.
Das Ergebnis war überraschend deutlich: Pflanzen mit Blattkontakt zeigten erheblich weniger Stresssymptome als isoliert wachsende Exemplare. Sie waren besser in der Lage, mit der Belastung umzugehen, obwohl alle Pflanzen dem gleichen Lichtstress ausgesetzt waren. Offenbar hatte der bloße physische Kontakt bereits im Vorfeld Schutzmechanismen aktiviert.
Tausende Gene reagieren auf Kontakt
Molekulare Analysen zeigten, wie tiefgreifend dieser Effekt ist. Bereits rund eine Stunde nach dem ersten Blattkontakt waren tausende Gene verändert aktiv, viele davon bekannt aus klassischen Stressreaktionen. Dazu gehören Gene, die bei Hitze, Kälte, Überflutung, Salzstress oder mechanischen Verletzungen eine Rolle spielen.
Die Pflanzen verhielten sich also so, als hätten sie eine Vorwarnung erhalten. Der Kontakt mit der Nachbarpflanze scheint ein Signal auszulösen, das das gesamte Abwehrsystem hochfährt – noch bevor der eigentliche Stress einsetzt.
Wasserstoffperoxid als chemischer Bote
Ein zentrales Element dieser Kommunikation ist offenbar Wasserstoffperoxid, eine reaktive Sauerstoffverbindung. In Pflanzen dient sie nicht nur als potenziell schädliches Nebenprodukt, sondern auch als wichtiges Signalmolekül. Die Experimente deuten darauf hin, dass Wasserstoffperoxid direkt von Blatt zu Blatt übertragen werden kann, wenn Pflanzen sich berühren.
Damit würde ein sehr unmittelbarer Kommunikationsweg entstehen: keine Duftstoffe in der Luft, keine Signale über den Boden, sondern ein direkter chemischer Austausch über die Blattoberfläche. Die Forschenden sprechen deshalb von einer Form mechanisch ausgelöster Stresskommunikation.
Ein neues Bild von Pflanzengemeinschaften
Die Ergebnisse fügen sich in ein wachsendes Bild aktiver Pflanzenkommunikation ein. Schon länger ist bekannt, dass Pflanzen über flüchtige chemische Stoffe, elektrische Signale oder Pilznetzwerke im Boden miteinander verbunden sind. Die neue Studie ergänzt dieses Wissen um einen weiteren Kanal: den direkten Kontakt oberirdischer Pflanzenteile.
Das verändert auch die ökologische Perspektive. Dichtes Wachstum ist nicht nur Konkurrenz, sondern kann unter bestimmten Bedingungen kooperativ wirken. Pflanzen in Gemeinschaften könnten Stress gemeinsam abfedern, indem sie sich gegenseitig „vorwarnen“.
Bedeutung für Landwirtschaft und Klimaanpassung
Noch ist offen, wie stark dieser Effekt unter natürlichen Feldbedingungen wirkt. Die Studie wurde unter kontrollierten Laborbedingungen durchgeführt, und nicht jede Kulturpflanze reagiert identisch. Dennoch ist das Prinzip spannend: Pflanzdichte und -anordnung könnten gezielt genutzt werden, um Stressresistenz zu erhöhen – etwa gegenüber starkem Sonnenlicht, Hitze oder anderen klimabedingten Belastungen.
Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Extremereignisse durch den Klimawandel liefert die Arbeit einen wichtigen Denkanstoß. Pflanzen sind keine passiven Einzelkämpfer, sondern reagieren sensibel auf ihre Nachbarschaft. Berührung ist dabei nicht nur mechanischer Reiz, sondern Teil eines komplexen biologischen Kommunikationssystems.
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