Wissenschaftliche Meldungen
Singles bis 29: Längsschnittstudie zeigt mehr Einsamkeit und sinkende Zufriedenheit – besonders später im jungen Erwachsenenalter
15.1.26, 04:13
Soziologie, Psychologie, Gesellschaft

Single sein als Lifestyle – und als Risiko
Single sein wird heute oft als Ausdruck von Selbstbestimmung erzählt: Solo-Living, Sologamy, „self-partnership“ – Begriffe, die suggerieren, dass Alleinsein vor allem Freiheit bedeutet. Gleichzeitig zeigen Bevölkerungsdaten in vielen Ländern, dass immer mehr junge Erwachsene länger ohne feste Beziehung bleiben. Ein Forschungsteam der Universität Zürich hat nun untersucht, was dieses längere Singlebleiben für das Wohlbefinden bedeutet. Das Ergebnis ist deutlich, aber nicht reißerisch: Wer über längere Zeit konsequent single bleibt, berichtet im Verlauf der Jahre im Schnitt eine stärkere Abnahme der Lebenszufriedenheit, mehr Einsamkeit und – besonders gegen Ende der Zwanziger – auch zunehmende depressive Symptome.
Was genau untersucht wurde – und warum die Daten ungewöhnlich stark sind
Die Studie basiert auf Längsschnittdaten aus Deutschland und dem Vereinigten Königreich und umfasst 17.390 Personen, die zu Beginn noch keinerlei Beziehungserfahrung hatten. Über die Jahre wurden sie zwischen 16 und 29 jährlich befragt; insgesamt kamen so 110.261 Messzeitpunkte zusammen. Diese Konstruktion ist wichtig, weil sie nicht nur Momentaufnahmen vergleicht, sondern Entwicklungsverläufe sichtbar macht: Wie verändern sich Lebenszufriedenheit, Einsamkeit und Depressivität innerhalb derselben Person über die Zeit – und unterscheiden sich diese Kurven zwischen denen, die dauerhaft single bleiben, und denen, die später eine erste Partnerschaft eingehen?
Methodisch kombiniert das Team mehrere Schritte. Erstens wird mit einer Art „Zeit-bis-Ereignis“-Analyse geschaut, wer eher länger single bleibt. Zweitens werden die Wohlbefindensverläufe von konsequent Singles mit denen von später „Gekoppelten“ verglichen. Drittens wird untersucht, was sich verändert, sobald die erste romantische Beziehung beginnt – kurzfristig und langfristig.
Wer bleibt eher länger single?
Die Analyse zeigt ein Muster, das sowohl soziale als auch psychologische Faktoren umfasst. Im Durchschnitt bleiben Männer länger single als Frauen. Auch ein höheres Bildungsniveau geht mit einem längeren Singleverlauf einher, ebenso bestimmte Wohnsituationen: Wer allein lebt oder noch bei Eltern wohnt, bleibt im Mittel länger ohne feste Partnerschaft. Dazu kommt ein Punkt, der für die Interpretation zentral ist: Niedrigeres aktuelles Wohlbefinden sagt ebenfalls voraus, dass Menschen länger single bleiben. Das ist insofern brisant, weil es die klassische Henne-Ei-Frage verschärft: Geht es Menschen schlechter, weil sie single bleiben – oder bleiben sie eher single, weil es ihnen bereits schlechter geht? Die Studie findet Hinweise darauf, dass beides miteinander verflochten sein kann.
Was passiert mit Zufriedenheit, Einsamkeit und Depressivität über die Jahre?
Über das junge Erwachsenenalter hinweg driften die Kurven auseinander. Konsequent Singles zeigen im Schnitt stärkere Rückgänge in der Lebenszufriedenheit und stärkere Anstiege bei Einsamkeit als Personen, die später eine erste Beziehung eingehen. Besonders ausgeprägt werden die Unterschiede in den späten Zwanzigern. Genau dort, so berichten es die Autorinnen und Autoren, steigt bei den dauerhaft Singles auch die Depressivität stärker an als bei denjenigen, die irgendwann „einsteigen“ in eine Partnerschaft. Dabei ist interessant, was die Daten nicht hergeben: Große, stabile Unterschiede zwischen Männern und Frauen werden nicht konsistent gefunden. Das Muster scheint also nicht einfach ein „Männerproblem“ oder „Frauenproblem“ zu sein, sondern eher mit Lebensphase und Beziehungsstatus-Dynamik zusammenzuhängen.
Wichtig ist die Wortwahl: Die Studie spricht von moderaten Risiken. Das ist ein Hinweis darauf, dass es hier um durchschnittliche Verschiebungen geht, nicht um Schicksalsurteile über einzelne Menschen. Viele Singles sind zufrieden, sozial eingebunden und psychisch stabil. Aber im Mittel steigt die Wahrscheinlichkeit von Einsamkeit und sinkender Zufriedenheit, je länger eine erste Partnerschaft ausbleibt – und dieser Effekt wird später im jungen Erwachsenenalter sichtbarer.
Die erste Beziehung als „Boost“ – aber nicht für alles
Besonders anschaulich ist der Teil der Auswertung, der den Übergang in die erste romantische Beziehung betrachtet. Sobald junge Erwachsene ihre erste Partnerschaft eingehen, steigt ihre Lebenszufriedenheit und die Einsamkeit sinkt – und zwar sowohl kurzfristig als auch langfristig. Bei depressiven Symptomen zeigt sich dieser klare „Beziehungs-Boost“ hingegen nicht. Das passt zu einem gut etablierten Bild in der Psychologie: Eine Partnerschaft kann soziale Bedürfnisse erfüllen und Alltagsstress abfedern, aber sie ist kein universelles Antidepressivum. Depression ist komplex, mit biologischen, psychologischen und sozialen Ursachen – und reagiert nicht automatisch auf einen Statuswechsel im Beziehungskonto.
Einordnung: Was man daraus ableiten kann – und was nicht
Die Studie ist stark, weil sie groß ist und weil sie Entwicklungsverläufe statt bloßer Querschnittsvergleiche betrachtet. Trotzdem bleibt sie im Kern beobachtend. Sie kann sehr gut zeigen, wie sich Gruppen im Zeitverlauf unterscheiden, aber sie kann nicht endgültig beweisen, dass Singlebleiben die Ursache der schlechteren Werte ist. Gerade weil niedrigeres Wohlbefinden auch vorhersagt, wer länger single bleibt, ist es plausibel, dass sich hier ein Kreislauf bildet: Wer sich einsamer oder unzufriedener fühlt, hat es möglicherweise schwerer, Beziehungen anzubahnen; längeres Singlebleiben kann Einsamkeit verstärken; und beides kann sich gegenseitig stabilisieren.
Noch eine zweite Einschränkung ist wichtig: „Single“ ist nicht gleich „Single“. Manche sind allein, weil sie es so wollen; andere, weil sie es so erleben, dass sie keine passenden Möglichkeiten finden. Diese Differenz kann in großen Paneldaten nur begrenzt abgebildet werden. Genau deshalb sollte man das Ergebnis nicht als gesellschaftlichen Imperativ lesen, möglichst schnell eine Beziehung zu führen. Sinnvoller ist die praktische Botschaft: Einsamkeit und sinkendes Wohlbefinden sind Warnsignale, die ernst genommen werden sollten – unabhängig davon, ob jemand in einer Beziehung ist oder nicht.
Was das gesellschaftlich bedeutet
Dass die Effekte besonders in den späten Zwanzigern stärker werden, ist sozialpsychologisch plausibel. In vielen Lebensläufen verschiebt sich dann der soziale Vergleich: Freundeskreise werden partnerschafts- und familienzentrierter, Zeitbudgets enger, spontane Treffen seltener. Wer in dieser Phase allein ist, muss soziale Nähe aktiver organisieren – und kann sich schneller „abgekoppelt“ fühlen, selbst wenn das Singleleben zuvor gut gepasst hat. Die Studie liefert damit weniger eine Moral als ein Frühwarnsystem: Wenn Singlehood länger dauert, wird soziale Einbindung wichtiger, nicht weniger.
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