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Später in Rente, länger leben? OECD-Analyse findet positiven Zusammenhang
17.1.26, 19:00
Medizin, Soziologie, Politik, Gesellschaft

Später in Rente, länger leben? Was eine internationale Länderanalyse nahelegt
Die Anhebung des Rentenalters gehört zu den politisch umstrittensten Reformvorhaben vieler Staaten. Kritiker warnen seit Jahren davor, dass längeres Arbeiten die Gesundheit belaste und die Lebenszeit verkürzen könne. Eine neue internationale Studie im Fachjournal Humanities and Social Sciences Communications aus dem Nature-Portfolio stellt diese Annahme nun zumindest auf makrosozialer Ebene infrage. Auf Basis von Daten aus 48 Ländern finden die Autoren keinen Hinweis darauf, dass ein höheres gesetzliches Rentenalter mit einer geringeren Lebenserwartung einhergeht. Im Gegenteil: In den statistischen Modellen zeigt sich vielmehr ein positiver Zusammenhang.
Die Untersuchung analysiert den Zeitraum von 2005 bis 2021 und stützt sich auf öffentlich zugängliche Makrodaten aus internationalen Datenbanken. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Länder mit einem höheren gesetzlichen Rentenalter im Durchschnitt auch eine höhere Lebenserwartung aufweisen. Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um eine individuelle Langzeitstudie, sondern um einen Ländervergleich, der strukturelle Unterschiede zwischen Staaten und zeitliche Entwicklungen berücksichtigt.
Makrodaten statt Einzelschicksale
Als Zielgröße verwenden die Forschenden die durchschnittliche Lebenserwartung, als zentrale erklärende Variable das gesetzlich festgelegte Rentenalter. Zusätzlich fließen zahlreiche Kontrollvariablen in die Modelle ein, darunter demografische Kennzahlen, wirtschaftliche Indikatoren und Maße der Gesundheitsversorgung wie etwa die Zahl der Krankenhausbetten, Sterberaten, Urbanisierung, Fertilitätsraten und der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung. Insgesamt umfasst der Datensatz 816 Länder-Jahr-Beobachtungen.
Um Unterschiede zwischen Ländern – etwa langfristige institutionelle Strukturen – sowie globale Zeittrends wie medizinischen Fortschritt statistisch zu berücksichtigen, nutzen die Autoren sogenannte Zwei-Wege-Fixed-Effects-Modelle. Ergänzend setzen sie einen Instrumentvariablenansatz ein, um der Möglichkeit zu begegnen, dass Rentenalter und Lebenserwartung sich gegenseitig beeinflussen könnten. Auch unter diesen strengeren Annahmen bleibt der Zusammenhang positiv.
Kein Hinweis auf verkürzte Lebenszeit
Das zentrale Ergebnis der Analyse ist eindeutig formuliert: Ein höheres gesetzliches Rentenalter zeigt keinen klaren negativen Effekt auf die Lebenserwartung. In den Modellen ist der Zusammenhang vielmehr positiv, auch wenn die Autoren vorsichtig bleiben, was eine kausale Interpretation angeht. Die Studie legt nahe, dass Länder mit höherem Rentenalter im Durchschnitt nicht früher sterben – sondern tendenziell länger leben.
Bemerkenswert ist zudem, dass klassische Wohlstandsindikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf oder staatliche Bildungsausgaben in den Modellen keine statistisch signifikante Rolle spielen. Die Autoren diskutieren dies als Hinweis darauf, dass zusätzliche wirtschaftliche Ressourcen in wohlhabenden Ländern nicht automatisch zu weiteren Lebensjahren führen oder dass sich Effekte über komplexe indirekte Mechanismen entfalten, die in einfachen Modellen schwer abzubilden sind.
Unterschiede zwischen Ländern und Systemen
In vertiefenden Analysen zeigen sich Unterschiede je nach Entwicklungsstand. In wirtschaftlich entwickelten Ländern ist der Zusammenhang zwischen Rentenalter und Lebenserwartung statistisch nicht signifikant. In weniger entwickelten Ländern fällt er hingegen positiv aus. Als mögliche Erklärung führen die Autoren an, dass das gesetzliche Rentenalter dort enger mit dem tatsächlichen Ende der Erwerbsarbeit verknüpft ist, während in wohlhabenden Staaten flexible Übergänge in den Ruhestand den formalen Wert weniger aussagekräftig machen.
Auch die Ausgestaltung der Rentensysteme spielt offenbar eine Rolle. In Ländern, in denen Männer und Frauen das gleiche gesetzliche Rentenalter haben, ist der Zusammenhang schwächer und nicht signifikant. In Staaten mit unterschiedlichen Altersgrenzen für die Geschlechter fällt er hingegen signifikant positiv aus. Die Autoren verweisen in diesem Zusammenhang auf mögliche soziale und institutionelle Unterschiede, betonen jedoch, dass diese Deutung eher plausibel als empirisch abgesichert ist.
Einordnung und Grenzen der Aussagekraft
So klar der statistische Befund auf Länderebene ist, so vorsichtig muss seine Interpretation ausfallen. Die Studie zeigt keinen Beweis dafür, dass längeres Arbeiten per se das Leben verlängert. Wahrscheinlicher ist, dass das Rentenalter ein Indikator für andere Faktoren ist: stabile Institutionen, bessere Gesundheitsversorgung, funktionierende Sozialsysteme oder umfassende Reformpakete, die insgesamt lebensverlängernd wirken.
Zudem bleiben individuelle Unterschiede unsichtbar. Menschen mit körperlich belastenden Berufen, niedriger Bildung oder chronischen Erkrankungen können von einer Anhebung des Rentenalters ganz anders betroffen sein als der statistische Durchschnitt eines Landes. Diese Verteilungsfragen lassen sich mit Makrodaten nicht beantworten.
Fazit
Die Studie liefert ein wichtiges Gegengewicht zu der verbreiteten Annahme, ein höheres Rentenalter müsse zwangsläufig gesundheitsschädlich sein. Auf internationaler Ebene findet sich dafür kein Hinweis. Stattdessen deutet der Vergleich darauf hin, dass Länder mit höherem Rentenalter im Durchschnitt nicht kürzer, sondern eher länger leben. Für die politische Debatte bedeutet das jedoch nicht, dass die Frage damit erledigt ist. Entscheidend bleibt, unter welchen Bedingungen Menschen arbeiten, wie gesundheitliche Belastungen ausgeglichen werden und ob soziale Sicherungssysteme diejenigen schützen, die nicht bis ins hohe Alter leistungsfähig bleiben.
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