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Tagebücher als Zeitkapsel: Wie Kinder sexualisierte Gewalt erleben – neue Studie will ihre eigene Sprache verstehen
15.1.26, 04:04
Psychologie, Gesellschaft, Politik

Wenn das Tagebuch der einzige sichere Ort ist
Manche Kinder erzählen niemandem, was sie wirklich beschäftigt. Nicht den Eltern, nicht der besten Freundin, nicht der Lehrkraft. Manchmal landet alles in einem Heft, das unter der Matratze versteckt wird: ein Tagebuch. Genau diesen stillen, privaten Raum nimmt eine neue Forschungsarbeit aus Utrecht in den Blick. Ein Team um die klinische Psychologin Iva Bicanic will Tagebucheinträge von Menschen analysieren, die als Kinder sexualisierte Gewalt erlebt haben und damals darüber geschrieben haben. Die Idee dahinter ist ebenso naheliegend wie erschütternd: Wenn Kinder oft jahrelang schweigen, dann könnten ihre Worte im Tagebuch zeigen, wie sie die Situation überhaupt begreifen, wie sie sie sich erklären – und wie sie versuchen, irgendwie durchzuhalten.
Der Ansatz ist ungewöhnlich, weil die Forschung zu sexualisierter Gewalt bisher stark von Rückblicken geprägt ist. Viele Studien beschäftigen sich mit langfristigen Folgen: psychische Erkrankungen, Vertrauensprobleme, Belastungen in Beziehungen oder körperliche Stressreaktionen. Das ist wichtig, aber es lässt eine Lücke. Was passiert im Inneren eines Kindes in der Zeit, in der die Gewalt stattfindet oder kurz bevor es jemandem davon erzählt? Welche Gedanken kreisen, welche Gefühle dominieren, welche Strategien werden ausprobiert, um den Alltag zu überstehen? Genau diese „Momentaufnahme“ möchte das Projekt greifbarer machen.
Warum Schweigen so häufig ist – und warum Worte so schwer zu finden sind
Ein zentraler Hintergrund der Studie ist ein Muster, das Fachleute seit Langem beobachten: Kinder sprechen sexualisierte Gewalt oft erst sehr spät an, manchmal erst als Erwachsene. Bicanic beschreibt Gründe, die in vielen Betroffenenberichten auftauchen: Selbstbeschuldigung, Scham, Angst vor den Konsequenzen, Unsicherheit darüber, ob ihnen geglaubt wird, oder auch die Sorge, die Familie zu „zerstören“. Dazu kommt etwas, das in öffentlichen Debatten leicht übersehen wird: Kinder verfügen noch nicht über die Begriffe, um das Geschehen einzuordnen. Sie merken, dass „etwas nicht stimmt“, aber sie können es nicht sauber benennen. Gerade diese Sprachlosigkeit ist für Prävention und frühe Hilfe ein Problem. Wer keine Worte hat, kann schwer Hilfe holen. Und wer als Umfeld die richtigen Signale nicht erkennt, greift zu spät ein.
Die Forschenden hoffen deshalb, in den Tagebüchern Formulierungen zu finden, die zeigen, wie Kinder Situationen beschreiben, bevor Erwachsene ihnen Deutungen anbieten. Das ist wissenschaftlich reizvoll, weil Tagebücher als „ungefiltert“ gelten: nicht als Interviewantwort, die durch Nachfragen gelenkt wird, nicht als Therapiebericht, der in einem bestimmten Rahmen entsteht, sondern als selbstgewählte Worte in einem selbstgewählten Moment. Catrin Finkenauer von der Universität Utrecht, die das Projekt mitbetreut, spricht sinngemäß von einem direkten Zugang zur inneren Welt junger Menschen, in der sich zugleich Verletzlichkeit und erstaunliche Resilienz zeigen können.
Was genau untersucht werden soll – und was nicht
Die Studie wird Tagebücher nicht als sensationsheischende „Schocklektüre“ behandeln, sondern als Forschungsdaten: Texte, in denen sich Denk- und Bewältigungsmuster spiegeln. Geplant ist eine Textanalyse der Einträge, ergänzt durch Interviews, in denen die inzwischen erwachsenen Autorinnen und Autoren ihren Lebensverlauf einordnen. Damit entsteht eine seltene Kombination: die damalige Innenperspektive plus die heutige Reflexion, ohne so zu tun, als könne man die Vergangenheit eins zu eins „rekonstruieren“.
Wichtig ist auch, was das Projekt realistischerweise nicht leisten kann. Tagebücher sind nie ein vollständiges Protokoll der Realität. Sie sind subjektiv, bruchstückhaft, manchmal kryptisch, manchmal beschönigend oder widersprüchlich – und genau das macht sie aus psychologischer Sicht interessant. Denn Kinder schreiben nicht nur, was passiert, sondern auch, was sie fühlen, befürchten, hoffen oder verdrängen. Das kann helfen zu verstehen, welche inneren Erzählungen das Schweigen stabilisieren: etwa die Idee, selbst schuld zu sein, oder die Erwartung, dass „es sowieso niemand ändern kann“. Aber es wird keine einfache Checkliste liefern, nach der man Missbrauch sicher erkennt. Eher geht es um Muster und Sprache, die Fachkräfte sensibler machen könnten.
Von der Forschung in die Praxis: schneller erkennen, besser helfen
Das Projekt ist ausdrücklich praxisnah gedacht. Die Ergebnisse sollen in die Ausbildung und Fortbildung von Fachkräften einfließen, die Betroffene begleiten – über die Academy des Centre for Sexual Violence. Das ist eine entscheidende Brücke, weil die beste Erkenntnis wenig bringt, wenn sie nicht im Alltag ankommt: in Beratungsstellen, in medizinischen Einrichtungen, in Schulen, in Jugendhilfe und Polizei. Eine beteiligte Förderinstitution bringt es auf eine einfache Formel: Wer helfen will, muss zuerst lernen zuzuhören. Genau dieses „Zuhören“ kann sehr konkret werden, wenn klarer ist, welche Worte Kinder selbst wählen, welche Andeutungen sie machen, welche Metaphern sie benutzen oder welche Gefühle sie zwischen den Zeilen verstecken.
Dabei steckt eine sensible, aber wichtige Implikation: Früheres Erkennen heißt nicht, Kinder zu drängen, „endlich zu erzählen“. Im Gegenteil. Gute Unterstützung heißt, sichere Räume zu schaffen, Druck zu vermeiden und Signale ernst zu nehmen, ohne vorschnell zu urteilen. Wenn die Studie dazu beiträgt, dass Erwachsene besser verstehen, wie Kinder über so etwas denken, könnte das helfen, angemessener zu reagieren – also weniger mit Unglauben, Bagatellisierung oder moralischer Überforderung, und mehr mit kindgerechter, stabilisierender Begleitung.
Einordnung: Ein neuer Blickwinkel – mit ethischen Hürden
Forschung mit Tagebüchern zu sexualisierter Gewalt ist methodisch und ethisch anspruchsvoll. Schon die Rekrutierung über soziale Medien macht deutlich: Die Tagebücher existieren nicht in einem Archiv, sondern in privaten Schubladen. Wer sie teilt, gibt Intimes preis. Dass ein solches Projekt überhaupt möglich ist, setzt strenge Schutzmechanismen voraus: informierte Einwilligung, sorgfältige Anonymisierung, traumainformierte Gesprächsführung in Interviews und klare Regeln, wie mit belastenden Inhalten umgegangen wird. Die Mitteilung aus Utrecht skizziert vor allem die Ziele und den Ansatz, Details zur konkreten Ethik- und Datenschutzpraxis werden in der späteren wissenschaftlichen Ausarbeitung entscheidend sein.
Trotz dieser offenen Punkte ist die Grundidee stark: Nicht noch ein weiterer Rückblick auf das „Danach“, sondern ein Versuch, das „Währenddessen“ besser zu verstehen – ohne zu behaupten, man könne damit jede Tat verhindern. Wenn es gelingt, die Sprache von Kindern in solchen Situationen besser zu erfassen, könnte das einen Unterschied machen: in der Früherkennung, in Gesprächen, in der Art, wie Hilfe angeboten wird. Und manchmal entscheidet genau das darüber, ob ein Kind sich gesehen fühlt – oder weiter schweigt.
Hinweis: Wenn du oder jemand in deinem Umfeld Hilfe braucht, ist es wichtig, sich an professionelle Beratungsstellen, medizinische Versorgung oder Notrufstrukturen zu wenden. Niemand muss mit solchen Erfahrungen allein bleiben.
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